Mehr Energie!
Glycin und Kollagen verstehen Du liest Mehr Energie! 7 Minuten

Thema Energie ist spannend. Viele von uns wünschen sich mehr Energie, um den Alltag besser zu bewältigen oder beim Sport noch ein paar Leistungsprozente mehr aus sich herauszukitzeln.

Doch: Was ist eigentlich Energie und wieso sind wir häufig so ent-energetisiert? 

Das ist Energie: ATP

Wenn wir im biologischen Sinne von "Energie" sprechen, meinen wir in der Regel den Energieträger ATP (Adenosintriphosphat). Unsere Mitochondrien in den Körperzellen, im Bio-Unterricht früher "Kraftwerke der Zellen" genannt, haben genau diese Aufgabe: Sie sollen aus Nahrungsenergie, also aus dem Energiegehalt von Kohlenhydraten und Fetten, "Körperenergie" machen. 

Abb. 1: Mitochondrien machen aus Kohlenhydraten und Fetten "Körperenergie", chemisch ausgedrückt in Form des Energieträgers ATP. 

Daher werden diese Substrate in komplexen Reaktionskaskaden abgebaut und von Mitochondrien so verwertet, dass die am Ende ATP ausspucken. ATP wiederum enthält energiereiche chemische Bindungen, die – wenn sie "aufgebrochen" werden – Energie abgeben. Zum Beispiel für chemische Reaktionen. Zum Beispiel ... für deine Lebensenergie

So weit, so gut. Thema "Energie" ist aber nicht nur auf diese konkrete biophysikalische Währung ATP runtergebrochen. Denn "Energie" im Gesamtkörper, für dich erlebbar, ist ein bisschen was anderes. Schauen wir uns die verschiedenen Ebenen doch einmal an.

Die verschiedenen Ebenen deiner Lebensenergie

Thema Mitochondrium ist abgehakt. Wenn das defekt ist oder zum Beispiel zu wenig Eisen bekommt, produziert es halt weniger ATP. Das heißt, die Zelle ist von Haus aus weniger energetisiert, sprich der Energiegehalt der Zelle ist niedriger. Wir haben ohnehin nicht die gleichen Mitos und jeder Mito-Typ verhält sich ein bisschen anders (mehr dazu hier).

Dann gäbe es beispielsweise noch das Thema Gehirn. Das Gehirn kann auf vielfältige Weise das regulieren, was wir Energie nennen. Weißt du genau. Wenn du krank bist, zeigt dein Körper ein s. g. sickness behavior. Er wird energiesparend, indem er zentral, sprich übers Gehirn steuert, dass du liegen bleiben sollst. Aha! Die Energie, die dann übrig bleibt, darf das Immunsystem haben. 

"Energie" spielt sich auch auf hormoneller Ebene ab. Wenn dein Körper Stresshormone ausschüttet, steigt der Gehalt an Fetten und Zucker im Blut, die Energiespeicher werden mobilisiert. Das spürst du kurzerhand daran, dass du mehr Energie hast. Damit sollst du eigentlich vorm Löwen wegrennen, wenn du in der Savanne mal wieder Scheiße gebaut hast. 

Doch nicht nur endokrine, also hormonelle Einflüsse spielen eine Rolle, sondern auch para- und autokrine. Denn jede Zelle, jedes Gewebe schüttet bei hohem Energieverbrauch Adenosin aus. Quasi ein Endprodukt vom ATP, das dann vollständig abgebaut, verbraucht ist. Das bindet an gleichnamige Rezeptoren und vermittelt der Zelle: Du solltest jetzt mal einen Gang zurückschalten und ... Energie sparen. In unserer Sprache heißt das dann, erschöpft sein oder müde werden. Koffein blockt genau dieses Signal und macht daher ... Energie – jedenfalls gefühlt. Aha! 

Abb. 2: Wenn Mitochondrien bzw. Zellen hart arbeiten und viel ATP umsetzen, entsteht auch viel Adenosin, ein Endprodukt von ATP. Diese binden Adenosinrezeptoren in der Umgebung der Zelle, was diesen Zellen "Ermüdung" signalisiert. Ein Schutzmechanismus. 

Du siehst also, Energie als für dich erlebbares Gesamtkonstrukt kann vielschichtig sein. Und: Dein Körper scheint sehr bestrebt zu sein, Zellen immer energetisiert zu halten und dir frühzeitig mitzuteilen, dass du bitte unbedingt Energie sparen musst. Drum sind deine Zellen grundsätzlich auch dann ausreichend energetisiert, wenn du dich gerade müde, erschöpft, was auch immer fühlst. Denn dadurch verschafft sich dein Körper Raum, die Akkus wiederaufzuladen. 

 Kaffee sorgt für "Tiefenentladung" deiner Akkus 

Eigentlich keine Raketenwissenschaft, sondern mehr als logisch. Hier knüpft übrigens Koffein, mehr noch Kaffee an. Koffein ist eigentlich eine geniale Substanz. Hemmt Müdigkeit, steigert die Rate an Energieumsatz. Und tatsächlich wirkt Koffein prinzipiell eher relativ mild und nebenwirkungsfrei. Beim Kaffee ist das ein bisschen anders. Kaffee enthält über 1000 Substanzen, die von der Natur eher dazu gedacht waren, dir zu schaden (Fraßfeindschutz!). Der Körper ist nur so gut an Pflanzenstoffe angepasst, dass sie in niedrigen Dosen eigentlich förderlich wirken. 

In der Tat: Kaffee macht wach. Und zwar viel, viel stärker als Koffein alleine. Darüber hinaus zwingt Kaffee Mitochondrien, mehr ATP zu produzieren. Plus: Er stresst deine Zellen auf eine Weise, dass die normalerweise mit einer Mitochondrien-Neubildung (Mitochondrienbiogenese) reagieren – unterm Strich eigentlich eine feine Sache. Doch Kaffee macht noch was anderes. Und das ist der gefährliche Aspekt. 

Wie du eben gelernt hast, versucht der Körper die Zellen immer energetisiert zu halten. Kaffee sorgt aber dafür, dass sie unverhältnismäßig stark Energie produzieren. Er hemmt den Reflex des Körpers, die Energetisierung zu schützen und zusätzlich blockiert er die Zellen über Enzymhemmung darin, Energieträger abzubauen und die Zelle mit ATP-Nachschub zu versorgen. 

Abb. 3: Die im Kaffee enthaltenen Polyphenole wirken sehr stark und dienen eigentlich dem Fraßfeindschutz des Kaffeesamens. In niedrigen Dosen wirkt dieser "Stressor" via Hormesis gesund auf Zellen. In höheren Dosen hemmt Kaffee den Abbau von Energiesubstraten, er steigert die mitochondriale Energiegewinnung (= mehr ATP) und hemmt zeitgleich den Mechanismus der Zelle, sich durch Ermüdung selbst schützen. Resultat ist, dass wir glauben, wir hätten mehr Energie. In Wahrheit werden wir auf Dauer tiefe zelluläre und systemische Erschöpfungszustände provozieren.

Resultat ist, dass du den Körper damit in einen tiefen (zellulären) Erschöpfungszustand bringen kannst. Denn der Körper zieht bei niedrigen Ständen, zum Beispiel bei niedrigem Energiepegel, eine rote Linie und schützt so seine Reserven. Mit üppigem, täglichem Kaffeeabusus haust du diese Reserven leer und rennst in einen Zustand der chronischen Ermüdung und Erschöpfung, was folglich dein ganzes System betrifft, kognitive Leistungsfähigkeit, muskuläre Leistungs- und Regenerationsfähigkeit, aber auch Immunokompetenz.

Kaffee gaukelt dir und deinem Gehirn Energie vor, erschöpft aber in Wahrheit massiv deine Energiereserven. Im Übrigen entsteht so Übertraining, aber auch Burnout. Hier dann entweder mit oder ohne Kaffee-Beteiligung. Denn in beiden Fällen zehrst du so massiv an deinen Energiespeichern ("rote Linie"), dass dein Körper als System quasi versagen muss. Du bist ent-energetisiert.

Den Akku neu aufladen – wenn es noch geht

Da helfen dann auch das Multivitamin oder eine Ernährungsumstellung nix mehr. Im Übrigen wird Abnehmen in solchen Fällen unmöglich. Denn obgleich der Körper genug Energiereserven auf der Hüfte hat, hat er paradoxerweise eine tiefe systemische und zelluläre Erschöpfung. Weitere Energierestriktionen über Ernährung werden dann kaum noch toleriert oder mit hartem Rebound bestraft ("Jojo-Effekt"). Genau deshalb werden viele mit Kaffee nicht nachhaltig und langfristig gut abnehmen können.  

Rutschst du einmal in so einen krassen Erschöpfungszustand – und das betrifft sicher die meisten von uns –, hilft nur:

  • Gehaltvoll essen, energiereich essen,
  • auch mal Industriefutter, weil das paradoxerweise wie ein Turbotreibstoff wirkt, den man genau dann gebrauchen kann. 
  • Faul sein, bewusst mal das halbe Wochenende nur im Lazy-Modus und im Schildkröten-Tempo durchziehen. 
  • Viel Schlaf, 
  • keine Stimulantien (Kaffee!), 
  • ggf. Nachrichten weg und Social Media weg. 
  • Kultururlaub? 

Dein Bild im Kopf sollten entspannte Löwen sein, die den halben Tag im Halbschatten liegen, die Sonne und das Leben genießen. 

Um gesund alt zu werden, brauchst du energetisierte Zellen, also Zellen mit viel ATP. Aber: Ein zu hoher Energie-Turnover mit regelmäßigem, tiefem Erschöpfen der Energiespeicher, wird Alterung massiv ankurbeln. Daher werden viele Leistungs- und Extremsportler, obwohl augenscheinlich "fit" und obwohl Sport als lebensverlängernde Maßnahme gilt, nicht sonderlich alt. Die altern schneller! Auch das Immunsystem. Auch das Herzkreislaufsystem. Auch das Gehirn. 

Referenzen 

Mehr zu den Effekten von Kaffee hier, hier und hier

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