Neu5Gc und Östrogene in der Milch

Neu5Gc und Östrogene

Aus gegebenem Anlass, möchte ich heute einen Artikel verfassen:

Ich bin gestern Abend per Zufall auf eine recht interessante Studie gestoßen, deren Ergebnisse ich zusammen mit ein paar Überlegungen gerne schildern möchte.

Einige werden es schon mitbekommen haben, da ich es auf unsere Facebook-Wall gepostet habe:

Der Konsum von 500-1000 ml Milch hat signifikanten (= massiven!) Einfluss auf Hormonwerte von Mann und vorpubertären Kindern.

Milch-Östrogen-Studie: Methoden

Blicken wir doch einfach gemeinsam in die Methoden und Ergebnisse der Arbeit.

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Der Einfachheit halber habe ich mich bei unserer Analyse auf Männer und Kinder konzentriert:

  • Sieben junge Männer im Alter von 19-21 Jahren mussten 1000 ml Milch (mindestens 3,5 % Fettanteil) innerhalb von 10 Minuten trinken.
  • Vier von sieben Kindern tranken 600 ml Milch (Fettanteil siehe oben), zwei schafften nur 61 und 73 % der Menge.

(Prinzipielle Milchmenge wurde festgelegt auf 600 ml pro m² Körperoberfläche.)

Wichtig ist vorab, dass die Aussagekraft der Studie entsprechend limitiert wird durch die geringe Anzahl an Teilnehmern.

Milch-Östrogen-Studie: Ergebnisse

Wollen wir dennoch die Ergebnisse analysieren:

Unbenannte Zeichnung

Die Werte wurden 30-60 Minuten nach dem Konsum bestimmt:

  • Der Estron-Wert beträgt 130 % des ursprünglichen Wertes.
  • Der LH-Wert beträgt 75 % des ursprünglichen Wertes.
  • Der Testosteron-Wert beträgt circa 81 % des ursprünglichen Wertes.

Estron ist ein Östrogen. Östrogene spielen auch im männlichen Organismus eine wichtige Rolle, weswegen Östrogene nicht per se böse sind. Allerdings kann man beobachten, dass Estron ansteigt, wenn der Stoffwechsel des Mannes entgleist. Stichwort Bauchfett. Das dort gebildete Enzym namens Aromatase wandelt das für den männlichen Stoffwechsel essentielle Testosteron in Östrogene um (Estron oder Estradiol). Dies kann mit einer generellen Verweiblichungen – z. B. in Form des bekannten „hartnäckigen“ Fettgewebs in Hüft-, Trizeps- und Oberschenkelbereich – einher gehen.

Das lutenisierende Hormon ist dafür verantwortlich, dass Testosteron und Spermien in optimaler Verfügbarkeit gebildet werden. Ein Abfall bewirkt das Gegenteil.

Testosteron kennen wir alle. In meinem Buch habe ich etwas ausführlicher dazu geschrieben. Kurz: Es ist absolut essentiell für deine männliche Erscheinung (in Form von Proportion), was sich als Körperkomposition (Verhältnis Fett- zu Magermasse) zeigt bzw. zeigen kann. (Anmerkung: Völlig abgesehen von Aspekten wie Libido, „Drive“, Selbstbewusstsein etc.)

Das bedeutet, dass diese Menge Milch (circa 600-1000 ml) ein schlechteres hormonelles Milieu erzeugt, zumindest, wenn man das eben Beschriebene einigermaßen ernst nimmt. (Anmerkung: Auch hier völlig ungeachtet der Tatsache, dass Östrogene auch in Verbindung gebracht werden mit der Entstehung von Krebs etc.)

Mag man von diesen Ergebnissen noch nicht beeindruckt sein, so sollte man es spätestens dann sein, wenn man um seinen Nachwuchs besorgt ist.

Denn an der Studie nahmen auch Kinder teil, die vor der Pubertät stehen.

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Hier wurden lediglich Urin-Werte bestimmt, keine (Blut-)Serum-Werte.

Diagramm (a), (b) und (c) zeigen uns eine circa 3- bis 4-fach erhöhte Ausscheidung von diversen Östrogenen (Estron, Estradiol, Estriol) an.

Wichtig: Bei Männern wurden sowohl die Blut-, als auch die Urin-Werte bestimmt. Bemerkenswert ist die Tatsache, dass Kinder eine deutlich höhere Ausscheidungsmenge (Vorher vs. Nachher) aufweisen als erwachsene Männer. Dies liegt auf der Hand, da die basalen Hormonwerte entsprechend niedriger sind.

Die Autoren schreiben im Diskussionsteil des Artikels, dass die Menge der zugeführten Östrogene ungefähr der Menge entspricht, die das Kind selbst produziert! 

Wenn du also nicht um deine eigene Gesundheit besorgt bist … diese Mengen sind physiologisch bedeutend für Kinder. 

Bevor wir voreilige Schlüsse ziehen, muss uns klar sein, dass dies Milch von schwangeren Kühen war. Allerdings finde ich nicht, dass dies ein extrem wichtiger Punkt ist, in Anbetracht der Tatsache, dass heutige Kühe auch dann Milch geben, wenn sie schwanger sind. Kühe müssen einmal jährlich schwanger sein. In der Tat ist die Kuh somit die meiste Zeit des Jahres schwanger, dann, wenn sie Milch gibt. Schätzungsweise 75 % unserer Milch stammt somit von schwangeren Kühen.

Östrogene in Milchprodukten

Doch wie sieht das Verhältnis von Fettanteil zu Hormonmenge aus?

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Tab. 1: Östrogene in erhitzter Milch und Milchprodukten (Pape-Zambito, 2010)

VORSICHT! Hier hat sich ein kleiner Fehler eingeschlichen: 0, 1 % Fettgehalt enthält 2,9 pg/ml Estron, 1 % Fettgehalt landet dann bei dem oben geschriebenen Wert von 4,2 pg/ml. 

Der Tabelle zu entnehmen, hängt der Östrogenanteil des Milchprodukts direkt vom jeweiligen Fettanteil ab.

Bemerkenswert ist die Tatsache, dass Butter mehr als die 10-fache Hormonmenge beinhaltet im Vergleich zur eben besprochenen vollfetten Milch.

Ich spreche dich direkt an: Der Bulletproof-Kaffee ist in Mode. Wer sich im Zuge einer ketogenen Diät allerdings täglich 100 g Butter einverleibt, der tut sich womöglich keinen Gefallen – zumindest auf hormoneller Ebene. 

Im Übrigen: Die Daten der Tabelle habe ich Pape-Zambito und Kollegen (2010) entnommen. Dort wurde auch gezeigt, dass weder Hitze, noch das Kaufen beim Ökobauern einen Unterschied macht bezüglich der Hormonkonzentration in Milch(produkten).

Neu5Gc in Rinderprodukten

Doch wo führen uns diese Ergebnisse hin?

Mich macht das nachdenklich. Mich macht das deshalb nachdenklich, weil ich mich für das erst neulich „wiederentdeckte“ Neu5Gc (eine Säure) interessiere.

Viele Tiere produzieren diesen Stoff selbst. Auch unser Organismus konnte das, hat im Zuge der Evolution allerdings die Fähigkeit verloren.

Das menschliche Immunsystem erkennt exogene Neu5Gc und zeigt eine entsprechende Immunreaktion (Antikörperbildung).

Gezüchteten Ratten, die einen Gen-Knockout aufweisen, also wie bei uns Menschen, füttert man Nahrungsmittel, die viel Neu5Gc enthalten und beobachtet eine um den Faktor 5 gestiegene Krebsrate (spezifisch: Leberkrebs) und eine chronische, systematische Entzündung.

Auch in menschlichen Tumorzellen reichert sich Neu5Gc an und fördert das Tumorwachstum. Offen bleibt, ob durch eine Neu5Gc-reiche Kost auch chronische Entzündungen gespeist bzw. verursacht werden können.

Die heute besprochenen Aspekte zeigen, dass man Nahrungsmittel nicht nur auf Makro- und Mikronährstoffe reduzieren kann – man muss andere bioaktive Substanzen beachten.

Damit möchte ich sagen, dass Rindfleisch vielleicht nicht – wie lange gedacht – wegen des gesättigten Fetts mit Arteriosklerose in Verbindung gebracht wurde, sondern vielleicht wegen anderen enthaltenen Substanzen wie Neu5Gc.

Ergänzung: Bei Paul Jaminet können wir nachlesen, dass dieses Neu5Gc in direkter Verbindung mit Hashimoto steht, weswegen ich in Zukunft strikt vom Fleisch-Verzehr – Schwein und vor allem Rind/Lamm – abrate, wenn eine Autoimmunerkrankung vorliegt.

Langlebigkeit und Evolution: Geht das zusammen? Ein Gedanke.

Wir müssen andere Wege fahren, wenn wir gesund alt werden möchten. Bezogen auf Langlebigkeit ist die Evolution kein gutes Template. Die Evolution dient in diesem Punkt deshalb nicht als gutes Template, da der menschliche Organismus schlicht nicht für Langlebigkeit konzipiert wurde, sondern für Reproduktion. Im Körper findet sich diese Diskrepanz überall. Entweder Langlebigkeit oder Reproduktion (… oder ein Kompromiss).

Sämtliche Krankheiten, die wir heute beobachten können, entwickelten sich außerhalb des evolutiven Spielraums – viele unserer Vorfahren wurden nicht älter als 30 Jahre.

Damit will ich sagen: Wenn dein Vorfahr jeden Tag ein Kilogramm Rindersteak gegessen hat, dann hatte das bei ihm womöglich keine Folgen, denn er wurde schlicht nicht alt genug, um entsprechende Ergebnisse zu produzieren. Gleiches gilt auch für andere, der Evolution abgeleiteten Ernährungskonzepten.

Wir sind schlicht Hybriden. Das, was uns Vorteile hat verschaffen können, hat vielleicht auch unbekannte Schattenseiten.

An dieser Stelle dürfen wir keine voreiligen Schlüsse ziehen, dennoch sollten uns einige Aspekte zu denken geben.

Vielleicht waren wir im Zuge unserer Evolution … einmal schon schlauer?

Homo sapiens, der Fischer. Vielleicht waren wir dem Neanderthaler genau deshalb überlegen. Wir wurden hervorragende Fischer – abgesehen von Faktoren wie Neu5Gc, das im Fisch schlicht nicht enthalten ist, bekamen wir eine Extraportion Jod, Zink, Kupfer, Selen und DHA …

Doch zu diesem Thema möchte ich in einem anderen Artikel berichten.

Referenzen

Maruyama (2010): „Exposure to exogenous estrogen through intake of commercial milk produced from pregnant cows.“

Pape-Zambito (2010): „Estrone and 17beta-estradiol concentrations in pasteurized-homogenized milk and commercial dairy products.“

Samraj (2014): „A red meat-derived glycan promotes inflammation and cancer progression.“

 

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  • 4D-DOC

    Sehr interessant.
    Bestätigt sicher die nicht geringe Zahl der Milch(produkte) Kritiker. Wenngleich sicherlich – wie allseits – gilt: die Dosis macht das Gift.

    Aber: viele gesunde Naturvölker verzehren oft geringe Mengen Milchprodukte. Nicht selten sogar Ziegenmilch, die in einigen Belangen als günstiger bewertet wird. Wegen der o.g. Parameter kenne ich allerdings keine Untersuchung diesbezüglich.

    Sehr empfehlenswert sind die Bücher des japanischen Gastroenterologen Hiromy Shinya (z.B. „Langleben ohne Krankheit“)
    Dieser berichtet zB über deutlich schlechtere Konfiguration der Därme seiner Patienten mit steigendem Verzehr von Milchprodukten (z.b. mehr Polypen, mehr Krebs usw.)
    Und der Mann hat in so einige Därme eingetaucht…;-)

    Also: GOMAD eher NO. Wenngleich ich persönlich ohnehin nicht verstehe, wie man gerne Milch trinken kann. Käse und Joghurt sind was anderes aber Milch…

  • Hugo Dauerstraff

    Was ich mich frage: Kurz nach dem Verzehr wurden diese Werte bestimmt. Diese waren dann entsprechend höher bzw. niedriger, logischerweise. Aber hat das dann langfristig auch tatsächlich Auswirkungen?
    Ich meine, wenn ich Reis esse, würde man 30min ebenfalls erhöhte Blutzucker- und Insulin, sowie niedrige Glukagonwerte feststellen. Was ja nicht dann nicht automatisch heißt, dass es dauerhaft so ist. Es ist ja bloß eine kurzfristige Reaktion auf den Nahrungsstimulus. Ich hoffe du verstehst, was ich meine.

    • edubily

      Ja genau.

      Stimmt.

      Was anderes steht auch nicht im Artikel 🙂 Eher viele Fragezeichen.

      Wenn man allerdings 100 g Butter am Tag isst (nicht unüblich während einer KD), dann … hätte man das Ganze über den Tag verteilt und keiner weiß, was damit ist.

      Die Frage ist auch: Will man das seinem Kind zumuten?

      Und: Werden die Östrogene schnell abgebaut? Oder verbleiben sie im Organismus?

      • Hugo Dauerstraff

        Dann gingen meine Gedanken ja in die richtige Richtung.
        Letztendlich dürfte man dann wieder bei der alten Phrase sein, die mit der Dosis und dem Gift. 😉

        Wobei sicherlich langfristige Auswirkungen und verschiedene Tierarten im Vergleich interessant wären. Insbesondere Schafs- und Ziegenmilch sollen ja hinsichtlich diverser Parameter besser als die herkömliche Kuhmilch sein.

        • Ja, das wäre sicherlich spannend.

          Die Dosis macht das Gift gilt auch hier. Nur … welche Dosis ist die MED? 🙂

  • Laura Hilgert

    In eurem eBook empfehlt ihr Soja-Lecithin. Meines Wissens enthält Soja sehr viele Phytoöstrogene, was den Östrogen-Haushalt ja auch beeinflusst. Hat das Lecithin diese Wirkung nicht?

    • edubily

      Hallo Laura,

      nein, Lecithin enthält keine Östrogene.

      LG, Chris

      • Laura Hilgert

        Danke für die schnelle Antwort!

  • Lukas

    Hallo Chris,

    ich habe eine Anmerkung / Frage zum erwähnten Alter unserer Vorfahren welches bei 30 Jahren gelegen haben soll. In einem interessanten Artikel zu diesem Thema, wurden eben diese 30 Jahre genauer beleuchtet. Aufgrund der vergleichsweise hohen Kindersterblichkeit unserer Vorfahren, müssen diejenigen die das Erwachsenenalter erreicht (das Kinder- und Jugendalter überlebt) haben, deutlich älter als 30 Jahre geworden sein. Das würde bedeuten dass die des öfteren genannten 30 Jahre nur im Mittel relevant und nicht als absolutes Alter anzusehen sind. Klingt nachvollziehbar – leider finde ich diesen Artikel jedoch nicht mehr. Hast Du ggf. genauere Daten dazu?

    Besten Gruß

    • Hi Lukas,

      ich beziehe mich dabei auf Knochenfunde, nicht auf Berechnungen basierend auf Kindersterblichkeit etc.

      Ich suche die Arbeiten heraus.

      Herzliche Grüße,
      Chris

  • Niels

    Moin Chris,

    toller Blog, interessant wie teils verwirrend und/oder beängstigend 😉

    Ich habe aber das Gefühl, dass die Tabelle oben nicht korrekt ist.
    Da ich täglich Magerquark konsumiere habe ich mir Gedanken über die Menge gemacht.

    Oben heißt es:

    0,1% = 4,2 pg/ml
    Vollfett = 8 pg/ml

    Mir war es ein Rätsel wie von 0,1% zu 3,5% eine Verdoppelung möglich ist.
    Ich habe dann mal nachgeschaut und meiner Ansicht liest es sich in der Studie so:

    1% = 4,2 pg/ml
    >3,25% = 8 pg/ml

    Bei richtiger „Wassermilch“ ( <0,05% ) sind es leider immernoch 2,9 pg/ml
    Also rechne ich beim Magerquark auch mit diesem Wert oder?

    Gruß
    Niels

    • Hey Nils,

      vielen Dank! Freut mich.

      🙂 Deine kritische Auseinandersetzung mit den Studien und den Daten finde ich sehr gut.

      Mit dem 1-%-Wert hast du natürlich recht! Das habe ich falsch abgeschrieben.

      Mit Vollfett meinte ich nicht nur die 3,5er, sondern auch die höheren Fettstufen wie Rohmilch etc. Allerdings lässt der 1-%-Wert vermuten, dass man bei 3 % Fettgehalt schon auf circa 8 pg/ml kommt, rein rechnerisch, zumindest in einem linearen Modell.

      Vielen Dank! Ich ändere es bei Zeit.

      Ja, genau: Bei Magerquark würde ich mir den niedrigsten Wert picken.

      LG, Chris

      • Niels

        Besten Dank dafür Chris (und sogar noch den Namen korrigiert, sehr gut 😉 )

  • riddler

    Sprich ich kann, jetzt daraus mitnehmen, dass man mit Rheuma vollständig auf Rind und Schwein verzichten soltle?

    • Ein Versuch wäre es wert.

      • riddler

        also nur noch Pute, wenn überhaupt und Fisch als Eiweissquellen?