Superstar Taurin: Die wichtigste Aminosulfonsäure?!

Taurin Schwefel

Dies ist ein Artikel unseres Gastautors, Martin Auerswald, der gerade seinen Master-Abschluss in Molekulare Biotechnologie macht. Wir danken Martin an dieser Stelle ganz herzlich und können Dir schon mal vorab verraten, dass in den nächsten Tagen ein weiterer Artikel von Martin hier erscheinen wird. 

Es fing alles ganz harmlos an. Ich wusste um die Bedeutung von Cystein für das Master-Antioxidanz im Körper, Glutathion, und um die Bedeutung für die Entgiftung von Schwermetallen (Metallothionein ist ein Protein mit 33% Cystein (!)).

Also nahm ich 2-3 g Cystein täglich. Das ist eine ganze Menge, wenn man bedenkt, dass man mit einer herkömmlichen Ernährung selten über 1 g Cystein täglich kommt.

Die Wirkung war verblüffend: Nicht nur kam ich früh leichter aus den Federn und brauchte nicht mehr 3 Kaffees, um wirklich in die Gänge zu kommen, ich war bis in die späten Abendstunden geistig hochfit. Das kann nicht schaden, wenn ein typischer Labortag bis 21 Uhr geht.

Damit fing es an. Bzw. damit fing ich an, mich näher mit Schwefelverbindungen und schwefelhaltigen Aminosäuren zu beschäftigen. Es dauerte nicht lange, da stolperte ich in der Literatur über Taurin. Mein Biochemie-Professor wusste über Taurin nicht mehr zu sagen als „Damit macht der Körper Gallensäure“. Hätte er sich nur einmal die Studien angesehen …

Was ist Taurin?

Taurin ist eine nicht-proteinogene Aminosäure mit einer Thiol-Gruppe (Schwefel). Wie viel ein Mensch davon mit sich herumträgt, ist nicht bekannt, aber Schätzungen sprechen von etwa 50 g.

Taurin entsteht im Körper aus Cystein und Methionin. Wenn man jedoch bedenkt, dass ein Körper Taurin eigentlich benötigt, um einwandfrei zu funktionieren, und Methionin und Cystein sehr rar in der Ernährung sind, ist die körpereigene Synthese jedoch zu vernachlässigen. Denn edubily-Leser wissen, dass Cystein und Methionin zwei klassische Mangel-Aminosäuren sind. Ein weiteres Problem ist, dass die Enzyme, die aus Cystein Taurin herstellen sollen, eine niedrige Aktivität im Menschen aufweisen. Bei Ratten, als Beispiel, ist das anders.

Taurin aus der Nahrung zu decken ist deshalb viel effizienter als durch körpereigene Synthese aus Cystein. Der Optimalbereich wird in Studien bei 0,5-3 g täglich beziffert.

Was macht Taurin alles?

Taurin ist Teil der Gallensäuren (Taurocholsäure) und wird zur Fettverdauung an den Dünndarm abgegeben. Fett wird so besser aufgenommen. Der gleiche Mechanismus sorgt auch dafür, dass Cholesterin (Teil der Gallensäuren) in den Darm abgegeben wird, im Idealfall sinkt so der Cholesterinspiegel, denn die Gallensäuren werden nur teilweise wieder resorbiert und landen im Stuhl.

Ballaststoffe senken so übrigens auch den Cholesterinspiegel, indirekt, durch Stimulation der Gallensäure-Sekretion. Aber das ist ein anderes Kapitel.

Der Teil bisher war bekannt. Bis vor kurzem wusste man allerdings nicht, warum Taurin in Muskelfleisch so reichlich vorkommt. Genauer gesagt in den Mitochondrien.

Man wusste, dass mit Taurin die Mitochondrien länger „durchhalten“, weniger ROS produzieren, und so allerlei Krankheiten vorgebeugt werden kann.

Der entscheidende Hinweis kam dann Anfang des Jahrtausends, als postuliert wurde, dass Taurin als Puffer im Mitochondrium agiert. Dass es den pH-Wert stabil hält und so sicherstellt, dass die Enzyme der ß-Oxidation und der Atmungskette optimal funktionieren, anstatt ROS zu generieren.

Und dann ergab es plötzlich Sinn. Taurin als Puffer in der Mitochondrienmembran (Hansen, 2010), das erklärte vieles. Denn in allerlei Tierstudien, in denen den Tieren das metabolische Syndrom angefüttert wurde, konnte Taurin genau das verhindern, was dysfunktionelle Mitochondrien (durch zuviele ROS) nach sich ziehen: Diabetes, Bluthochdruck, systemische Entzündung. Dazu kommt, dass Taurin nicht nur als Puffer agiert, sondern auch als Antioxidans. Dank der Schwefelgruppe.

Das sind die zwei wichtigen Punkte über Taurin: Puffer und Antioxidans. Dann machen auch die vielen Studien Sinn, in denen Taurin tolle Sachen nachgesagt wurde:

  • Taurin ist Antioxidans im Blut und schützt Endothelzellen (eNOS-Entkopplung wird verhindert)
  • Mitochondrien werden effizienter (mehr ATP, weniger Superoxidanionen) (Schaffer, 2009)
  • Die ß-Oxidation (Fettverbrennung) läuft am effizientesten, wenn Taurin puffert (Hansen, 2010). Werden deswegen Senioren-Mitochondrien dysfunktionell (ß-Oxidation nimmt ab)? Weil Taurin fehlt?
  • Taurin reguliert die Glykolyse hoch und Glukoneogenese runter (Nandhini, 2005). Der Stoffwechsel-Umsatz steigt.
  • Taurin verbessert die Insulinsensitivität (Anuradha, 1999) und die Blutfettwerte (LDL runter, HDL hoch), besonders bei Fettleber- und Insulinresistenz-Versuchen (Nakaya, 2000). Vermutet wird ein erhöhtes Ausscheiden von Tauryl-Cholesterin via Stuhl.
  • Verbessert Insulin-Wirkung durch Stimulation des anabolen Signalweges
  • Taurin bindet kompetitiv an den Glutamat-Rezeptor (NMDR) und wirkt dadurch beruhigend. Das kann abends genutzt werden, um „runterzukommen“ (Chan, 2013).
  • Taurin ist ein Adaptogen und nimmt Stress die Spitze. Daher ist Taurin auch in Energy Drinks enthalten, jedoch nicht, weil es wach macht, sondern man wird vom Red Bull nicht ganz so aufgedreht wie nach 5 Tassen Kaffee, sondern ist wach und im Flow.
  • Taurin erhöht die Dichte des Insulinrezeptors und verbessert so das Insulin-Signalling, v. a. in Pankreas-Zellen (Carneiro, 2009).
  • Taurin verhindert die sonst obligatorische Leptinresistenz im Hypothalamus bei Fett-gemästeten Mäusen (Camargo, 2015).
  • Taurin erhöht PPARα, was Proteine für die Fettverbrennung verstärkt exprimiert, sowie CPT1a (Bonfleur, 2015)
  • So wird auch Fettleber verhindert, indem mehr Fett in derselben einfach verbrannt wird.
  • Taurin ist ein Insulin-mimetic, es bindet an den Insulin-Rezeptor und kompensiert so eventuell unzureichende Insulin-Produktion bei Diabetikern (Maturo and Kulakowski, 1988).
  • Taurin verhindert Bluthochdruck, vermutlich via Senkung des oxidativen Stresses und normaler eNOS-Funktion (Anuradha, 1999).
  • Taurin wirkt wie ein Potenzmittel in älteren Mäusen durch Senkung des oxidativen Stresses im Hoden, also bessere mitochondriale Funktion und weniger Apoptose (Yang, 2015).

Was bedeutet das für mich?

Das soll nun nicht bedeuten, dass Du direkt Taurin im Bündel kaufst und Dir löffelweise einverleibst, nein.

Taurin ist heute einfach ein exzellentes Beispiel dafür, dass eine abwechslungsreiche Ernährung uns ausreichend einen Stoff gibt, der so potent metabolische Entgleisungen verhindern kann wie Taurin.

Und, dass unsere Gesundheit von mehr abhängt als den 40 Stoffen, die unsere „Empfohlene Tagesdosis“ von öffentlicher Seite ausmachen.

Tiermediziner wissen das, die haben Taurin für Katzen als Vitamin eingestuft. Bei uns Menschen nicht — und das obgleich Menschen auch sehr schlecht darin sind, Taurin selbst herzustellen.

Zwar ist es eigentlich kein Problem, ausreichend Taurin über die Nahrung zuzuführen, wenn Du kein Veganer bist.

Allerdings schneidet Taurin in Studien mit metabolischer Entgleisung so gut ab, dass eine präventive Taurin-Supplementation verführerisch erscheint. Einfacher ist es jedoch, zu empfehlen, Taurin-reiche Lebensmittel zu konsumieren:

Der Vollständigkeit halber und in Anbetracht der Wirkung von Taurin bei metabolischen Entgleisung kann man trotzdem eine Empfehlung aussprechen: Du siehst, mit Fleisch und — vor allem — Fisch bzw. Schalentieren hast du im Nu ein paar hundert Milligramm täglich, was eine gute Basis darstellt.

Für wen empfiehlt sich die zusätzliche Einnahme?

Zusätzliches Taurin empfiehlt sich bei folgenden pathologischen Zuständen:

Diabetes, Fettsucht, Fettleibigkeit, Insomnia, Bluthochdruck.

Veganismus 🙂 Was kein pathologischer Zustand ist, an Studien mit „Pudding-Vegetariern“ werden jedoch regelmäßig katastrophale Blutfettwerte festgestellt. Das gilt allerdings für schlecht geführte vegetarische oder vegane Ernährungen. Bei guter Führung scheinen in der Nahrung genug Antioxidantien vorhanden zu sein, die den Taurin-Mangel zumindest teilweise kompensieren.

Nicht falsch verstehen – es geht — zumindest zeitweise — auch ohne viel Nahrungs-Taurin. Viele Vegetarier/Veganer zeigen das mit Erfolg. Allerdings wäre es mir das Risiko nicht wert.

Fazit – Die Natur kann’s immer noch

Taurin ist ein gutes Beispiel, um zu zeigen, dass ein Mangel an einem trivialen kleinen Stoff wie Taurin viel Gesundheit hängen kann. Denn Taurin als Puffer und Antioxidanz … die klinische Forschung steckt noch in den Kinderschuhen, aber in den nächsten Jahren wird dieser Name noch häufig fallen, und ich bin schon auf großangelegte Humanstudien gespannt 🙂

Und es ist spannend zu sehen, was ein kleiner Stoff wie Taurin alles kann.

Einzelnachweise

Roberta de Souza Santos (2015): „Taurine Supplementation Leads to a Disruption in Energy Homeostasis in Menopausal Obese Mice”, Volume 803 of the series Advances in Experimental Medicine and Biology pp 735-748

Anuradha, C. V.; Balakrishnan, S. D. (1999): Taurine attenuates hypertension and improves insulin sensitivity in the fructose-fed rat, an animal model of insulin resistance. In: Canadian journal of physiology and pharmacology 77 (10), S. 749–754.

Camargo, Rafael L.; Batista, Thiago M.; Ribeiro, Rosane A.; Branco, Renato C. S.; Da Silva, Priscilla M. R.; Izumi, Clarice et al. (2015): Taurine supplementation preserves hypothalamic leptin action in normal and protein-restricted mice fed on a high-fat diet. In: Amino acids 47 (11), S. 2419–2435. DOI: 10.1007/s00726-015-2035-9.

Carneiro, Everardo M.; Latorraca, Marcia Q.; Araujo, Eliana; Beltra, Marta; Oliveras, Maria J.; Navarro, Monica et al. (2009): Taurine supplementation modulates glucose homeostasis and islet function. In: The Journal of nutritional biochemistry 20 (7), S. 503–511. DOI: 10.1016/j.jnutbio.2008.05.008.

Chan, Christopher Y.; Sun, Herless S.; Shah, Sanket M.; Agovic, Mervan S.; Ho, Ivana; Friedman, Eitan; Banerjee, Shailesh P. (2013): Direct interaction of taurine with the NMDA glutamate receptor subtype via multiple mechanisms. In: Advances in experimental medicine and biology 775, S. 45–52. DOI: 10.1007/978-1-4614-6130-2_4.

Hansen, Svend Hoime; Andersen, Mogens Larsen; Cornett, Claus; Gradinaru, Robert; Grunnet, Niels (2010): A role for taurine in mitochondrial function. In: Journal of biomedical science 17 Suppl 1, S23. DOI: 10.1186/1423-0127-17-S1-S23.

Nakaya, Y.; Minami, A.; Harada, N.; Sakamoto, S.; Niwa, Y.; Ohnaka, M. (2000): Taurine improves insulin sensitivity in the Otsuka Long-Evans Tokushima Fatty rat, a model of spontaneous type 2 diabetes. In: The American journal of clinical nutrition 71 (1), S. 54–58.

Nandhini, A. T. Anitha; Thirunavukkarasu, V.; Anuradha, C. V. (2005): Taurine modifies insulin signaling enzymes in the fructose-fed insulin resistant rats. In: Diabetes & metabolism 31 (4 Pt 1), S. 337–344.

Schaffer, Stephen W.; Azuma, Junichi; Mozaffari, Mahmood (2009): Role of antioxidant activity of taurine in diabetes. In: Canadian journal of physiology and pharmacology 87 (2), S. 91–99. DOI: 10.1139/Y08-110.

Yang, Jiancheng; Zong, Xiaomeng; Wu, Gaofeng; Lin, Shumei; Feng, Ying; Hu, Jianmin (2015): Taurine increases testicular function in aged rats by inhibiting oxidative stress and apoptosis. In: Amino acids 47 (8), S. 1549–1558. DOI: 10.1007/s00726-015-1995-0.

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3 Kommentare, sei der nächste!

  1. Eine wirklich gute Darstellung die auch meine persönliche Erfahrung wiedergibt. Seit ich mehr Seafood esse und weniger Fleisch, hat sich mein Schlaf deutlich verbessert und meine „kälteempfindlichkeit“ ist wesentlich besser geworden. Ob das jetzt am Taurin oder an Omega3 liegt kann ich nicht beurteilen? Jedenfalls komme ich mit Stress auch besser klar und bleibe eher ruhig und gelassen.

  2. Cystein, Methionin und Taurin sind die drei schwefelhaltigen Aminosäuren, die vor allem in tierischem Protein in sehr hoher Konzentration vorkommen. Methionin baut sich durch Demethylierung zum gefürchteten Homocystein ab, das man in Verbindung mit so ziemlich allen modernen Erkrankungen googeln kann. Ein Überkonsum an tierischem Eiweiß hat sich in der aufwendigsten und spektakulärsten Studie der Medizingeschichte – der „China Study“ als Hauptursache für fast jede Erkrankung herausgestellt. Daraus ließe sich folgern, dass es um den nichtmethylierten Schwefelanteil geht, der äußerst stark übersäuert. Die Langzeitfolgen der Einnahme eines „Dopingmittels“ wie Taurin dürften daher ebenfalls sehr negativ sein. Alles hat seinen Preis.

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