Kollagen-Hydrolysat baut effektiver Muskeln auf als Testosteron

Kollagen-Hydrolysat ist ein Peptid

Muskeln aufbauen mit Kollagen-Hydrolysat?

Etwas kranke Männer (COPD – eine chronische Erkrankung der Lunge), die wöchentlich 100 mg Testosteron injiziert bekamen, konnten über einen Zeitraum von ein paar Wochen 3,3 kg fettfreie Masse aufbauen und ca. 1 kg Fett verlieren. Der Unterschied zur Kontrollgruppe betrug immerhin fast 1,3 kg, also jede Menge.

Doch warum kümmert uns das? Dass exogen verabreichte Hormone einen massiven Einfluss auf unseren Körper haben, wissen wir.

Neue Studie: Kollagen-Hydrolysat verstärkt Zuwächse

Der Reihe nach: Oktober letztens Jahres wurde eine Arbeit im British Journal of Nutrition veröffentlicht. Etwas ältere Herrschaft, die nachweislich an Muskelschwund litten, sollte für diese Studie dreimal pro Woche im Fitnessstudio Gewichte heben. Eine Gruppe bekam weißes Pulver (Placebo) ins Trinken gemischt, die andere 15 g Kollagen-Hydrolysat.

Die Ergebnisse sahen wie folgt aus:

Muskeln auf- und Fett abbauen mit Kollagen Hydrolysat

Gut zu sehen ist, dass die Kollagen-Hydrolysat-Gruppe (weißer Balken) deutlich mehr Magermasse („fat-free mass“) aufbaute und gleichzeitig sehr viel mehr Fett („Fat mass“ in kg) abbaute als die Kontrollgruppe (schwarzer Balken).

Unsereiner denkt jetzt: Was ist daran besonders?

Ein Brief an die Autoren: Unglaubliche Ergebnisse!

An dieser Stelle kommen andere Autoren ins Spiel, die die Ergebnisse sahen, es kaum fassen konnten und direkt einen öffentlichen Brief an die Wissenschaftler schickten: Die Ergebnisse (4,2 kg Muskelaufbau in 12 Wochen) seien so noch nie erreicht worden. In keiner einzigen Studie mit gleichem Setting – also z. B. mit Extra-Protein.

Die Differenz der zwei Gruppen, mit Blick auf den Zuwachs, ist in etwa drei- bis sechsmal größer, als das, was Meta-Analysen (das sind Studien, die andere Studien-Ergebnisse analysieren) bisher berichteten. Auch der Fettverlust entspreche ca. 80 % von dem, was durch Kalorienrestriktion bei älteren Herrschaften herbeiführbar sei. Auch das hätte es so bisher nicht gegeben.

Nur die eingangs angesprochene Testosteron-Gabe produziert ähnliche Ergebnisse …

Klar: Wenn etwas so unglaublich ist, gerade für Wissenschaftler, die schon länger dabei sind, wird eifrig nach Gründen gesucht … Arginin könnte … aber Leucin ist doch nicht … und Glycin kann nicht …

Doch wie funktioniert das?

Eine Frage, die im Brief an die Autoren auftaucht, sollte viele Fragen beantworten. Sinngemäß:

Waren Muskelzuwächse die Ursache für den Unterschied oder sind andere Gewebe involviert?

Wir gehen grundsätzlich (!) davon aus, dass der Körper immer alles optimal synthetisiert. So glauben die Autoren z. B. nicht, dass Kreatin hier beteiligt sein könnte, das aus Arginin und Glycin synthetisiert wird.

Na ja – ob die Enzymfunktion bei älteren Leuten wirklich noch so gut ist? Ob die überhaupt wirklich ausreichend Glycin aufnehmen (bzw. überhaupt herstellen) können? Ob Arginin nicht sonst wo verbraucht wird?

Also: Das grundsätzliche Problem ist, dass wir immer davon ausgehen, dass der Körper schon alles optimal macht, wenn man ihm nur ein paar Nährstoffe zur Verfügung stellt. Biochemische Kalkulationen haben aber z. B. ergeben, dass uns ca. 10 g Glycin am Tag fehlt. Diese Lücke ist zwar zunächst kein Problem, summiert sich aber, so, dass ältere Herrschaften beispielsweise eine schwächelnde Extrazellulär-Matrix aufweisen, was sich u. a. an den Falten zeigt.

Doch das ist nicht alles: Die Trockenmasse besteht zum Großteil nicht aus „Muskelprotein“, das wir liebend gerne essen, sondern aus Kollagen, also Bindegewebe etc. So natürlich auch der Muskel. Es wundert mich, dass sowohl die Briefschreiber, als auch die Autoren der Studie das nicht erwähnen – dass bei Krafttraining ja nicht nur Muskel, sondern auch Stützapparatur aufgebaut wird.

Ungeachtet dessen weiß man mittlerweile, dass verschiedene Proteine nach Hydrolyse (= Aufspaltung) im Darm nicht in einzelne Aminosäuren zerfallen, sondern in längere Aminosäure-Ketten, sogenannte Peptide, die ihrerseits spezifisch wirken. So erschien kürzlich eine Arbeit, die aufzeigt, dass Peptide, die nach Fischkonsum entstehen, direkt die Hypertrophie von Typ-2-Fasern (groß, kräftig) induzieren, also selbst (!) bioaktiv und anabol wirken.

Daher kratzen wir an der Oberfläche, wenn wir immer nur Aminosäuren der jeweiligen Nahrungsmittel analysieren und dann herausfinden wollen, wie ein Nahrungsmittel im Körper wirkt.

Skepsis ist nach wie vor angebracht

Gut: Wie ordnen wir das jetzt ein?

Mit Skepsis. Denn die Ergebnisse sind einmalig, noch nicht reproduziert und entsprechend sollten wir nicht zu viel davon erwarten. Grundsätzlich zeigt uns die Studie, dass klassische Kategorisierungen („Kollagen ist Abfall und enthält nur nicht-essentielle Aminosäuren …“) nicht zutreffend sind. Im Gegenteil, oft ist es zielführend, mehrere Male über eine Problemstellung nachzudenken. Hier: Kollagen-Hydrolysat induziert vielleicht nicht direkt Muskelwachstum, aber eben Wachstum von Strukturen, die dem Bewegungsapparat ebenfalls dienen. Das könnte ein bisher vernachlässigter Faktor sein.

Zahnfleischprobleme? Denke da auch an Kollagen!

Übrigens: Probleme mit dem Zahnfleisch? Hauptaufgabe vom Zahnfleisch ist es, Verbindungen mit dem Zahn einzugehen und so vor Bakterien etc. zu schützen. Diese Verbindungen bestehen aus … genau … Kollagen. Kollagen wurde – in einer Pilot-Studie – äußerlich aufgetragen. Dieses äußerlich (!) applizierte Kollagen „heilte“ das Zahnfleisch, so, dass z. B. offen liegende Wurzeln abgedeckt wurden. Das ist phänomenal! Ich frage mich allerdings: Wieso von außen?

Solche Ergebnisse, wie die der Kollagen-Studie, werden einem viele (nicht alle!) Zahnärzte nie sagen. Da heißt es dann: Besser putzen! Was mir immer wieder gezeigt hat, dass wir mehr „Körper-Systemiker“ und Ganzheitlichkeit brauchen. Ein Zahnarzt ist, wenn man es genau nimmt, ziemlich hilflos und verloren. Kein Vorwurf!

Hier geht’s zum Brief an die Autoren.

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28 Kommentare, sei der nächste!

  1. Na, dann weiss ich ja jetzt, wieso ich in den letzten 6 Wochen 10Kg abgenommen habe … hatte eigentlich mit 6Kg gerechnet. Nehme einen Messlöffel (25g) Kollagen-Hydrolysat von Myprotein/Tag. Eigentlich nur um meine Sehnen schneller aufzubauen….

    1. die von mp haben aber süß-und aromastoffe… die sind meiner erfahrung nach nicht sonderlich gut für die darmflora. vllt das zusätzlich mal beobachten bezüglich zungenbelag und candida. lg

        1. Süßstoffe sind ja schon umstritten…

          Bei GN gibts „Paleo Protein“, welches zum Großteil aus „hydrolysiertem Rinderprotein“, etwas Eiklar, Kakao, natürlichem Aroma und Stevia besteht.

          Da Fleisch viel zu teuer wäre, gehe ich hier von Kollagen aus.

          Aus Erfahrung kann ich sagen, dass die Textur dem Kollagenhydrolysat von MP sehr ähnlich ist.
          Mangels Emulgator löst es sich im Shaker schlecht. Ich benutze einen Pürierstab dafür.
          Geschmack von „dunkler Schokolade“ ist tatsächlich lecker und einer der schokoladigsten, die ich bisher probiert habe.

    2. In 6 Wochen 10kg? Das kann nur Wasser und Fett sein. Nicht einmal hochdosiert Testosteron, SARMs und Prohormone zusammen können so viel in so kurzer Zeit bewirken.

      1. ???? Wenn es am Anfang viel Wasser gewesen wäre, hätte ich dort viel schneller Gewicht abgenommen als am Ende der 6 Wochen. Dem war aber nicht so. Und 1,3 Kg/Woche entspricht einem Kaloriendefizit von 1300 Kcal/Tag. Warum sollte dies nicht machbar sein? Ich bin ja kein kleiner Dünner.

  2. Hi Chris,

    danke für den guten Artikel.

    Frage: Ihr habt kein Kollagen-Hydrolysat im Shop, oder? Jedenfalls nicht gefunden. Kannst Du ansonsten eins empfehlen, oder erwähnen, worauf wir bei der Suche achten sollten?

    Herzlichen Dank

    Antonio

  3. Wirklich interessant, zumal das gante Stützgewebe und die Faszien ja auch immer mehr in Betracht gezogen werden bei chronischen Schmerzen. Vielleicht kann da Kollagen auch hilfreich sein.
    Meine Frage wäre nun: ich (Läuferin) habe seit Monaten rezidivierende Tendinosen der Achillessehne. Da diese ja auch aus viel Kollagen bestehen, wäre es einen Versuch wert, das einzunehmen?
    Bislang habe ich Kollagen in Proteinriegeln auch eher skeptisch gesehen, aber warum eigentlich, wenn doch ein beträchtlicher Anteil des Stützgewebes daraus besteht?
    Thanks!
    Iris

  4. Paar Gedanken dazu:
    a) Ich denke jeder erinnert sich an die Soja-Lecithin Studie, die auch X% mehr Muskeln verspricht – dort wurde ‚allerdings‘ Kollagen-Hydrolisat im PWO Shake verwendet.
    Man dachte, ähnliche Gainz würden mit nur Whey im PWO Shake kommen. Aber vielleicht geht es gar nicht ums Lecithin, sondern ums Kollagen?!

    b) Momentan gibt es einige Studien, die X% mehr versprechen. Siehe HMB: https://scontent-ams3-1.xx.fbcdn.net/t31.0-8/13691183_623091697865129_815788607386486179_o.jpg
    Ich meine, will mir jemand erzählen, dass HMB und HMB+ATP mehr Muskeln und Fettabbau produzieren kann als Stereoide?

    Ich würde also sagen, „take it with a grain of salt“. Dennoch interessant.

    1. Wenn man sich die erste Grafik anschaut, haben Sie einfach das linke Balkendiagramm umgedreht und als Gewichtsverlust nochmal genutzt. Das dem wirklich so war, also z.B +500g lean mass – 500g weight glaubt ja wohl niemand. Ich erinnere mich da an eine chinesische Studie publiziert in Nature, die durch Zitronensäure Stammzellen erschaffen konnten…
      Lange hat der Ruhm nicht gewährt. Bitte rennt nicht jeder neuen Studie direkt hinterher. Gerade in der Fitnessbranche wo sicher auch die Geldgeber ihre Finger im Spiel haben.

      1. 1. Da wurde gar nichts umgedreht, die Balken links und rechts sind nicht mal identisch.
        2. Es geht nicht um glauben, sondern um eine randomisierte doppeltblinde, placebo-kontrollierte Studie, über deren Ergebnisse man aber sicher diskutieren kann, was wir getan haben.
        3. Nicht alle Studie, die außergewöhnliche Ergebnisse hervorbringen, sind manipuliert – das könnte schon durch das Setting klar werden, wobei wir klar artikuliert haben, dass es sich bei den Studienteilnehmern NICHT um 20-jährige Kraftsportler handelt, sondern um alte Herrschaften, die an Muskelschwund leiden.
        4. Die Studie stammt auch nicht aus der Fitnessbranche.

        1. Ihr braucht euch nicht angegriffen zu fühlen, das war eher eine allgemeine Aussage mit der Studienüberinterpretation.
          Das Balkendiagramm ist wirklich nicht identisch, da hatte ich heute morgen Tomaten auf den Augen. Dennoch sind die Fehlerbalken im Vergleich zum Totalwert sehr groß.
          Der Abschlusssatz mit der Fitnessbranche war auch nicht auf diese Studie bezogen, sondern ein allgemeines Statement (z.B. hierzu: ENC HMB+ATP), Ist ja schließlich eine Kommentarantwort auf den vorigen Post. Das gleiche gilt für Punkt 3…

          1. Es fühlt sich keiner angegriffen, aber der Kommentar von dir war so pauschal wie das, was du mit deinem Kommentar eigentlich sagen wolltest. Daher die Antwort.

      2. @Simple: Darum geht es ja. Mit den HMB Studien wollte ich zeigen, dass man wirklich nicht alles glauben muss. Und der Balken wurde nicht umgedreht, sondern die Ergebnisse aus der Studie wurden von einer unabhängigen Person grafisch dargestellt (um den krassen Vergleich zu sehen)

        @edubilyde:disqus Wie gesagt, interessant allemal.

  5. Nimmt man an, dass die Peptid-Hypothese hier zutrifft, dann ist davon auszugehen, dass ich mit der halb so teuren Gelatine die gleichen Effekte schwächer oder auch gar nicht haben könnte. Oder?

  6. Hehe, den letter verstehe ich im Wissenschaftsjargon anders: Deren Autoren (der McMaster Uni, ein Zentrum für Krafttrainingsforschung) haben den Originalautoren mal nen Schuss vor den Bug gesetzt, dass sie die Ergebnisse für sehr abwegig halten und dass sie nicht ganz so krass ihre Studienergebnisse hinkonstruieren sollen.
    Ich schließe mich der Meinung an. Klar, dass in Studien immer alles maximiert wird, um den Effekt und v.a. die Effektunterschiede zu maximieren (Power erhöhen).
    Aber selbst die non-Kollagen-Gruppe hat eben schon wahnsinnige Ergebnisse eingefahren, die schon an der Grenze dessen sind, was man akzeptiert. Und dann nochmal durch 15g Kollagen – so schön du es auch erklärt hast, dass und wie es einen Effekt haben kann – einen Fettverlust herbeizuführen, den die meisten von uns mit Diäten in Monaten schaffen – und dabei noch Muskeln aufzubauen (was zwar als KT-Anfänger leichter fällt, aber bedenkt: Das waren alte, kränkliche Männer – keine Testosteron-strotzenden Jungspunde) …das ist halt alles etwas zu dick aufgetragen.
    Nochmal zur Erinnerung: die Placebo-Gruppe 3kg Muskelaufbau WÄHREND GLEICHZEITIG 3kg Fettabbau in 12 Wochen. Mit Kollagen 4kg auf-, 5 abgebaut. Das ist Hammer. Ich würde gar nicht mal mit den x-fachen Unterschieden zu den Durchschnitt der Metaanalysen argumentieren, wie es die letter-Autoren gemacht haben, und was Chris aufgenommen hat, weil es so schön reißerisch klingt („3-6 mal größere…“). Sondern einfach die absoluten Zahlen anschauen im Vgl zu den Metas. Denn die eigentliche Sensation ist ja, dass die Autoren ein Training erschaffen haben, das (ohne Kolagen) genau so viel Muskeln aufbauen lässt wie unter Testo-Doping!
    Hätten die Originalautoren nicht ganz so dick aufgetragen, wäre auch das eigentliche Ergebnis, der Kollageneffekt, mit mehr Vertrauen zu genießen und man könnte damit arbeiten und weitere Hypothesen und Studien generieren.
    So müssen wir wirklich auf die nächsten Studie hoffen.

    1. Beim Großteil deiner Ausführung bin ich bei dir. Ich lese den Brief nicht als Schuss vor den Bug, sonst wäre die Wortwahl anders ausgefallen – die ist meiner Meinung nach zwar offensiv fragend, aber noch sanft. Das Problem, auch das der Brief-Schreiber, ist, dass es eine (randomisierte) doppeltblinde, placebokontrollierte Studie war, genau deshalb wirkt es auf die Briefschreiber auch so beeindruckend (oder unglaublich), weil man zunächst einmal nicht am Studiendesign etc. ansetzen kann bezüglich Kritik.

      Was in meinen Augen ganz wichtig ist: Die Personengruppe. Diese Herrschaften hätten vermutlich keinen Muskelschwund, hätten sie vorher schon trainiert etc. Daher dürfte sich eine „Lücke“ aufgetan haben, die sich schneller kompensieren lässt, als totaler Muskelneuaufbau. Das ist hier sicher nicht der Fall, eher a la „memory effect“. Ähnliches sehe ich auch beim Körperfett. Wer viel hat, verliert (rel. betrachtet) schneller, als jemand, der mit weniger Ausgangsgewicht startet.

      Ich weiß auch ehrlich gesagt nicht, wo die Originalautoren dick aufgetragen haben.

      Wie gesagt: Studie wurde an der Uni Freiburg gemacht, vielleicht kontaktiert jemand mal die Autoren, bei Interesse.

  7. Wenn ich das richtig verstanden habe müssten die o.g. Effekte auch auftreten, wenn man z.B. Gelatine-Pulver zu sich nimmt, da Kollagen-Hydrolysat nichts anderes ist als „vor-verdaute“ Gelatine?

  8. Hallo Chris,

    vielen Dank für diese spannenden Infos! Da ich selbst unter starkem Zahnfleischschwund leide, würde es mich sehr interessieren, wo man mehr über die Zahnfleischstudie erfahren kann. Auch über weitere Tipps, wie ich mein Zahnfleisch wieder regenerieren kann, bin ich sehr dankbar.

    Mach weiter so! Und vielen Dank!
    Johannes

  9. Hallo zusammen,

    zu dem Thema Zahnfleisch in Verbindung mit Kollagen habe ich auch eine Frage:
    Kann es sein, das man mit der Substitution von Kollagen-Hydrolysat Entzündungen nicht lindert, sondern anheizt?

    Ich habe das Gefühl, daß nach mehrtägiger Einnahme Entzündungen verstärkt werden. Das ist keine Eintagsfliege, sondern schon mehrmals (reproduzierbar) aufgetreten.
    Der Wissenschaft ist bekannt bzw. sie weist darauf hin, daß der Mundhöhlen-Keim Porphyromonas gingivalis verantwortlich ist nicht nur für Parodontitis, sondern auch für Gelenkentzündungen. Er synthetisiert neben Proteasen zum Kollagenabbau (bakterielle Glutaminyl-Zyklase) auch ein Enzym mit PAD(Peptidylarginin Deiminase)-Aktivität, welches die Deiminierung von Arginin zu Citrullin einleitet bzw. steigert. Und Antikörper gegen citrullinierte Peptide sind typisch bei Menschen mit chronischen Gelenkentzündungen.
    Füttert man mit Kollagen nicht schlußendlich diesen pathogenen Keim?
    http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/20192991
    https://www.fraunhofer.de/de/presse/presseinformationen/2014/Oktober/parodontose-erreger-bekaempfen.html

    Besten Dank im Voraus!

    Gruß Lutz

    1. Hi Lutz,

      vielen Dank für deinen spannenden Kommentar.

      Dass es anheizend wirkt kann ich nicht bestätigen, im Gegenteil. Nicht nur, weil eine äußere Applikation ja bereits nachweislich hilft, sondern weil ich selbst damit sehr positive Erfahrungen gemacht habe.

      Auch wird mir der Zusammenhang der von dir genannten Sachverhalte nicht klar: P. gingivalis ist, lt. des von dir verlinkten Artikel, nicht verantwortlich für RA, viel mehr ist die chronische Zahnfleischerkrankung assoziiert mit RA. Zwar haben beide – anscheinend – citrullinierte Proteine gemeinsam, allerdings heißt es nicht, dass P. gingivalis gleichzeitig auch RA induziert. Meiner Erfahrung nach heizen Entzündungen die im Körper sind Zahnfleischentzündungen an und nicht umgekehrt, da Zahnfleischentzündungen, m. E. n., vor allem wenn chronisch, nicht derart stark „strahlen“, wie das andere Entzündungsherde tun. Das ist von Person zu Person sicher verschieden.

      Damit P. gingivalis aggressiv und schädlich wird, muss er in tiefere Zahnfleischschichten, wo dann auch eine entsprechend intensive Blutversorgung gegeben ist, nur so können die Immuntriggerer ja erst in Kontakt mit Antikörpern bzw. dem Immunsystem kommen. Deshalb die Grundidee, die Schutzhülle, also Kollagen, aufzubauen – denn P. gingivalis zerstört genau das.

      Insgesamt muss sicher immer abgewogen werden, mit entsprechender Kosten-Nutzen-Rechnung. Außerdem darf man sich freilich nicht nur auf eine Intervention verlassen. Die Entzündung muss raus aus dem Gewebe bzw. deutlich abgeschwächt werden, eben u. a. um stark destruktive und katabole Prozesse zu minimieren und die Heilungsmöglichkeit zu verbessern.

      Aber, klar: Wenn es bei dir merklich so ist, dann solltest du das im Auge behalten.

      1. Hallo CHris (?),

        danke für die ausführliche Antwort.
        Der Zusammenhang besteht für mich darin, daß Antikörper gg. P. gingivalis auch in der Gelenkflüssigkeit von RA-Patienten gefunden wurden. Und für mein laienhaftes Verständnis bedeutet mehr Nahrungskollagen= bessere Lebensbedingungen für den Keim, also auch im Gelenk. Falls ich da falsch liege, lasse ich mich gern eines Besseren belehren.

        Gruß Lutz

        1. Ja, Chris 🙂

          es geht ja grundsätzlich um citrullinierte Proteine, die sowohl von P. gingivalis, als auch von – in dem Fall – entzündeten Gelenken gebildet werden und das Immunsystem quasi scharf machen.

          Nahrungskollagen kommt ja nicht als „Kollagen“ im Blut an, sondern in Form kurzer Peptide.

          Wie gesagt: P. gingivalis wird gefährlich, wenn äußere Barrieren des Körpers (als Teil der „first line defense“) die Schutzfunktion nicht mehr gewährleisten, u. a. deshalb, weil das schützende Kollagen weggeknabbert wurde. Erst dann wird das Immunsystem aggressiv und erst dann können Immunsystem-triggernde Bestandteile ins Blut gelangen. Ähnlich wie beim Darm, wo leaky gut ja genau das herbeiführt. Bakterien überwinden schützende Schichten und gelangen so in „tiefere Schichten“ des Organismus, wo sie Schaden anrichten können.

          VG, Chris

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