„Wie du nicht stirbst“ – Phytinsäure in einem anderen Licht

Darmkrebs: Wie du nicht stirbst

Seit einigen Wochen steht ein Buch in meinem Regal, das tatsächlich lesenswert ist.

Der Mann, der das Buch geschrieben hat, heißt Dr. Michael Greger. Seine Motive sind lobenswert, lobenswert ist – zu weiten Teilen – auch sein Vorgehen. Er sagt, sinngemäß: Ich schaue mir an, wie Nahrungsmittel im Körper wirken und das, was gut wirkt, picke ich mir als Nahrungsmittel heraus.

Find ich klasse!

Dr. Michael Greger hat dazu seine – mittlerweile äußerst bekannte – Homepage namens nutritionfacts.org ins Leben gerufen.

Die Wirkung von Pflanzen und Phytinsäure

Dr. Greger wiederum ist schwer beeindruckt von Pflanzen und deren Wirkung. (Übrigens: edubily auch, kann man bei uns im Konzept nachlesen.) Im Gegensatz zu vielen Vegan- und Vegetarier-Gurus nennt er das Kind allerdings nicht beim Namen („Vegan“), sondern gibt lediglich den Ratschlag, eine auf Pflanzen basierte Ernährung zu praktizieren. Wie bereits angedeutet, geht er hierbei recht wissenschaftlich vor. Er veröffentlichte vor Kurzem ein Buch („How Not To Die“, siehe unten), das über 150 Seiten wissenschaftliche Quellen enthält. Zumindest im Vergleich zu den vielen Werken, die wir hier in Deutschland und anderswo lesen können, die oft mehr Populismus und Meinung widerspiegeln, als Tatsache bzw. Evidenz. Und um Letzteres es sollte uns gehen.

Seite 66 ff. handelt von den uns mittlerweile bekannten Phytaten. Phytat, besser bekannt als Phytinsäure, besteht aus einem Inositol-Grundgerüst und sechs Phosphaten. Der menschliche Organismus kann Phytinsäure aufnehmen und zu anderen Inositol-Phosphaten umbauen. Ein Inositol-Phosphat-Derivat spielt eine herausragende Rolle beim zellulären Insulin-Signaling, weswegen eine Inositol-Gabe auch enorm positiv auf Insulin-Resistenz etc. wirken kann.

Weil ich die Inhalte auf S. 66 ff. so spannend finde, hier mal eine kleine Übersicht:

  • Darmkrebs ist die zweithäufigste Krebs-assoziierte Todesursache in den USA
  • In manchen Teilen der Welt ist Darmkrebs praktisch unbekannt
  • Der Chirurg Dr. Denis Burkitt verbrachte 24 Jahre in Uganda
  • Viele Krankenhäuser, in denen Dr. Burkitt arbeitete, haben nicht einen einzigen Fall von Darmkrebs gesichtet
  • Er kam zum Schluss, dass der Ballaststoff-Anteil der Schlüssel bezüglich der Häufigkeitsdiskrepanz sein muss
  • Die meisten Ugander praktizieren eine Pflanzen-basierte Ernährung
  • Weiterführende Arbeiten zeigten, dass es nicht zwingend etwas mit dem Ballaststoffanteil zu tun haben muss
  • Die Antwort könnte ein Pflanzenstoff namens Phytinsäure sein
  • Phytinsäure leitet überschüssiges Eisen aus dem Körper, das sonst besonders giftige freie Radikale namens Hydroxyl-Radikale generieren kann
  • Die SAD (Standard American Diet) könnte hier doppelt schwer wiegen:
  • Fleisch enthält eine Eisen-Form (Häm), die im Besonderen mit Krebs assoziiert ist
  • Gleichzeitig enthält Fleisch keine Phytinsäure, welche die Effekte puffern könnte
  • Viele Jahre galt Phytinsäure als Mineralien-Räuber
  • Sie haben sicher davon gehört, Nüsse keimen zu lassen, zu rösten oder einzuweichen
  • Theoretisch würde das zu einer verbesserten Mineralien-Aufnahme führen
  • Dieser Glaube stammt von Experimenten an Welpen aus dem Jahr 1949
  • Dort wurde gezeigt, dass Phytate den Knochen weich machen und entkalzifizierend wirken
  • Ähnliches wurde folgend an Ratten gezeigt
  • In den letzten Jahren hat sich diese Ansicht allerdings dramatisch geändert
  • Vor allem mit Blick auf tatsächliche Human-Studien
  • Diejenigen, die mehr Phytate essen, haben in der Tat sogar eine höhere Knochendichte, weniger Knochenverlust und weniger Hüftfrakturen
  • Phytate scheinen den Knochen ähnlich wie das Anti-Osteoporose-Medikament Fosamax zu schützen, allerdings ohne Nebenwirkungen
  • Phytate scheinen auch vor Darmkrebs zu schützen
  • Eine 6-Jahres-Studie mit 30.000 Kaliforniern fand heraus, dass ein erhöhter Fleischkonsum direkt assoziiert war mit einem höheren Darmkrebsaufkommen
  • Bohnen, exzellente Phytinsäure-Lieferanten, scheinen diesem Effekt entgegenzuwirken
  • Es scheint einen (bis zu) 8-fachen Unterschied beim Darmkrebsrisiko zu geben zwischen zwei Extremen – viel Gemüse, wenig Fleisch und wenig Gemüse, viel Fleisch
  • Es reicht also nicht, einfach nur wenig Fleisch zu essen, man muss auch mehr Gemüse essen
  • Der National Cancer Institute’s Polyp Prevent Trial zeigte auf, dass weniger als 100 g Bohnen am Tag ausreichten, um das Risiko des Wiederauftretens von Polypen um 65 % zu senken
  • Doch wieso bringen wir Phytinsäure mit diesen Resultaten in Verbindung?
  • „Reagenzglasstudien“ zeigten, dass Phytate das Wachstum nahezu aller menschlicher Krebszellen hemmen – darunter: Darm, Brust, Gebärmutterhals, Prostata, Leber, Bauchspeicheldrüse und Haut. Gleichzeitig hatten Phytate keinen (negativen) Effekt auf normale Zellen
  • Nach der Zufuhr von Phytaten gelangen sie rasch in den Blutkreislauf und reichern sich in Tumoren an
  • Tumore nehmen Phytate so gut auf, dass man sie auch nutzen kann, um das Ausmaß der Metastasierung im Körper sichtbar zu machen
  • Phytate hemmen das Krebswachstum mithilfe einer Kombination aus antioxidativer, antientzündlicher und Immunsystem-unterstützender Wirkung
  • Neben der Tatsache, dass Phytate das Krebszellwachstum hemmen, aktivieren sie auch natürliche Killerzellen, die Krebszellen töten
  • Phytate können dem Tumor allerdings auch die Blutversorgung nehmen
  • Viele pflanzliche Sekundärstoffe können das, allerdings scheinen Phytate auch bereits vorhandene Tumor-versorgende Blutgefäße vernichten zu können
  • Viele pflanzliche Sekundärstoffe können das Tumorwachstum hemmen, allerdings können Phytate auch dafür sorgen, dass die Tumorzelle wieder eine normale Zelle wird
  • Dieser Effekt wurde gezeigt anhand von Darmkrebszellen, aber auch anhand von Brustkrebszellen, Leberkrebszellen und Prostatakrebszellen.
  • Phytate haben allerdings noch weitere Effekte: Ein hoher Phytinsäure-Verzehr korreliert negativ mit Herzkrankheiten, Diabetes und Nierensteinen
  • Tatsächlich haben manche Wissenschaftler vorgeschlagenen, Phytinsäure als essentiellen Mikronährstoff einzustufen
  • Ähnlich wie Vitamine, partizipieren Phytate in wichtigen Stoffwechselreaktionen im Körper
  • Eventuell sollte man Phytinsäure „Vitamin P“ nennen

… und auf der nächsten Seite geht es weiter mit unserem Lieblingsthema: „Zu viel Eisen?“ In anderen Worten: Auch andere Wissenschaftler interessieren sich dafür.

Weggelassen wurden die vielen Quellenangaben. Es waren 29. Auf zwei Seiten.

Also: Egal ob Veganer, Vegetarier oder Paläoist … Das Buch ist lesenswert, tatsächlich sollte es eine Pflichtlektüre sein, für jeden, der sich mit Gesundheit befasst – auch, um einfach ein Gespür dafür zu bekommen, wie mächtig (pflanzliche) Kost tatsächlich ist.

Dr. Michael Greger: How Not to Die: Discover the Foods Scientifically Proven to Prevent and Reverse Disease (Februar, 2016)

(Doch Vorsicht: Dick wie ein Lexikon!)

 

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11 Kommentare, sei der nächste!

  1. Demnach also Eier schädlich wie Rauchen und Fisch ist so belastet, dass nicht einmal Fischöl empfohlen werden kann… Milch und Fleisch auch ganz übel, und davon abgesehen ist pflanzliches Protein inkl. Soja ohnehin viel besser. So gut sogar, dass die Vegetarier alle super Bluteiweißwerte haben.. Hmmm?!

    1. Es geht doch ganz einfach darum: Man guckt sich an, *warum* derjenige das sagt. Wenn er es gut begründen kann, dann lohnt es sich, wenigstens einmal darüber nachzudenken und Schlüsse für das eigene Leben daraus zu ziehen. Natürlich kann man die Evidenz für sich selbst auswerten. Und klar ist auch, dass auch seine Arbeit nicht perfekt ist.

      1. Ich finde, er ist einer der Wenigen, die sich herausnehmen KöNNTEN, in eine Richtung zu trompeten.
        Aber das tut er ja gar nicht, er gibt noch nicht einmal wirklich konkrete Empfehlungen ab sondern betont ausdrücklich das jenes, was für IHN gut ist, nicht das Richtige für den Leser sein muss.
        Er möchte primär objektiv informieren OHNE eben die standing präsente Verwirrung durch finanzielle Interessen bei einem Grossteil anderer „Gurus“.
        Mir ist er sehr sympathisch!
        Er kommt dem Ideal der objektivierten, evidenz-basierten non-profit generierten Empfehlungsbildung noch mit am nächsten von allem was ich so kenne.
        Das im individuelle (Krankheits-) Fall das doch wieder völlig anders aussehen kann, ist doch logisch.

  2. Danke für den Post! So wird der Übeltäter auch unter Umständen ein Wohltäter! Wie sieht es mit Oxalsäure aus? Nur Übel oder auch vielleicht Wohltäter? Das würde mich mal sehr interessieren!

  3. Schon verstanden, m.E.n. betreibt er was vegane Ernährung angeht cherry picking, wobei ich im Bezug auf Gemüse etc schon ziemlich seiner Meinung bin. Was mich stört ist halt, dass er mehr als offensichtlich alles andere verteufelt.

  4. Als ich hier Artikel den Abschnitt über Uganda und Krebsrisiko las, erinnerte ich mich an den folgenden Artikel von Harald zur Hausen (Medizinnobelpreisträger 2008) zu diesem Thema:

    Zitat: „Darüber hinaus ist auffallend, dass Bevölkerungsgruppen, die in
    besonders hohem Umfang rotes Fleisch und verarbeitete Fleischprodukte
    verzehren, wie etwa in der Mongolei, in Bolivien und in Botswana, ein
    vergleichsweise sehr niedriges Risiko aufweisen, am Darmkrebs zu
    erkranken. […] “

    „[…] Diese Fragestellungen wurden und werden in unserer Arbeitsgruppe
    intensiv bearbeitet, wobei sich zunehmend herauskristallisiert, dass
    Fleischprodukte einer spezifischen Rinderrasse (spezifisch die
    europäisch-asiatischen Milchkühe) ein erhöhtes Risiko aufweisen.“

    https://www.dkfz.de/de/presse/pressemitteilungen/2015/dkfz-pm-15-47c-Stellungnahme-zum-erhoehten-Krebsrisiko-durch-Fleisch-und-Wurst.php

    Jetzt wäre es, nicht nur für mich, spannend zu erfahren was die Ursache ist? Essen die Mongolen, Bolivianer und die Leute in Botswana mehr Gemüse und phytinhaltige Lebensmittel – zumindest die traditionelle Ernährungsweise bei den Mongolen ist sehr tierlastig – oder liegt es eher daran, dass die nicht/weniger Rind, aber dafür mehr Pferde-, Ziegen- oder anderes rotes Fleisch essen?

    1. Hi Vlad,

      vielen Dank für den sehr interessanten Input.

      Es ist sehr interessant.

      Offen gesagt erinnert mich das ein wenig an die Fleisch-Studien, die zeigen: Gegrilltes Fleisch ist schlecht für den Darm, sobald man aber z. B. polyphenolereiche Substanzen dazu isst, fällt das weg. Das ist ein bisschen so, wie das, was anhand der Bohnen (im Text) gezeigt wurde.

      Was natürlich auch wieder die Frage aufwirft: Vielleicht essen wir einfach zu wenig „unverarbeitete Pflanzenprodukte“ oder Ähnliches. Ein Steak auf dem Weißmehlbrötchen wirkt vielleicht anders als ein Steak mit … etc.

      Eine ganz andere Hausnummer wäre natürlich der Unterschied beim Verzehr verschiedener Rassen.

      LG, Chris

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