Neue Mechanismen: So heilt Gemüse deinen Darm

Gesund durch Gemüse

Es ist noch gar nicht so lange her, da schrieb einer unserer Leser seine Erfahrungen nieder. Er zeigte auf, wie er mit einem Paläo-Protokoll seinen Darm heilen konnte – ganz vereinfacht ausgedrückt. Nun ist das keine Seltenheit mehr. Überall im Internet tauchen solche Berichte auf.

Doch warum funktioniert so etwas? Wie kann eine Ernährungsumstellung dafür sorgen, dass der Darm plötzlich wieder gesund wird?

Es wird viel spekuliert. Von Unverträglichkeiten bis hin zu immunmodulatorischen Aspekten einer spezifischen Ernährung.

Beeindruckende Erkenntnisse gibt es. Sogar schon seit fünf Jahren. Veröffentlicht im renommierten Cell-Journal.

Tight Junctions: Für unsere Gesundheit essentiell

Der Darm ist nach außen mit einer dünnen Epithelschicht auskleidet. Diese Epithelschicht besteht aus Epithelzellen, die miteinander verbunden sind. Ganz bekannt hier sind die sogenannten Tight Junctions, die im Wesentlichen einen Flüssigkeitsdurchtritt verhindern und quasi abdichtend wirken. Tight Junctions bestehen aus Proteinen und gehen die verloren, geht auch die abdichtende Wirkung verloren, weswegen viele, die an Darmerkrankungen leiden, nach Möglichkeiten suchen, um diese Proteine wieder vermehrt herzustellen.

Doch das ist nur ein Aspekt.

Neue Mechanismen: Immunzellen zwischen Epithelzellen

Mittlerweile hat man herausgefunden, dass zwischen Epithelzellen ganz wichtige Immunzellen sitzen, spezielle T-Zellen. Diese speziellen Immunzellen sorgen, vereinfacht ausgedrückt, für die intestinale Integrität. In anderen Worten: Diese speziellen Immunzellen sind u. a. dafür zuständig, die Epithelschicht, zum Beispiel nach Beschädigung, zu reparieren, so, dass die Funktion aufrechterhalten bleibt. Darüber hinaus schützen sie uns vor möglicherweise eindringenden Bakterien, was letztendlich oft schleichend für metabolische Entgleisungen und Krankheiten sorgt.

Nun kommt der Punkt: Diese Immunzellen sind auch speziell, weil sie einen besonderen Rezeptor tragen, den Ah-Rezeptor.

Es konnte gezeigt werden, dass dieser Ah-Rezeptor absolut essentiell dafür ist, dass die Immunzellen überhaupt funktionieren können. Sorgt man also dafür, dass diese Immunzellen keinen Ah-Rezeptor mehr haben, verliert der Darm zunehmend seine Barrierefunktion, da Epithelzellen nicht adäquat repariert werden und bestimmte Bakterien besser gedeihen können.

Doch: Ein Rezeptor nützt nur, wenn er aktiviert wird

Im weiteren Verlauf konnte auch gezeigt werden, welche Stoffe diesen Ah-Rezeptor aktivieren. Es handelt sich dabei um Pflanzen-spezifische Tryptophan-Abkömmlinge. Tryptophan enthält als Strukturbestandteil das sogenannte Indol. (ACHTUNG: Nicht gleich wieder Tryptophan-Kapseln schlucken …)

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Tryptophan
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Indol

Indole sind auch, zum Beispiel, in Indol-3-Carbinol enthalten, einem Stoff, den man in Kreuzblütern findet, also: Brokkoli, Grünkohl, Rosenkohl und so weiter. Es gibt sicher noch viele weitere Gemüse-Sorten, die Indole enthalten. Wie bereits angedeutet, bauen Pflanzen diese Sekundärstoffe aus Tryptophan.

Warum Pflanzen-Konsum gesund macht

Diese Indole werden im Magen aufgrund der Säure zu Ah-Liganden umgebaut, die wiederum an Ah-Rezeptoren binden können.

Im Gegenversuch zeigte sich auch, dass Tiere, die „synthetisch“ (= ohne Pflanzen) ernährt wurden, dem AhR-Null-Phänotyp ähnelten, also denjenigen Tieren, die keinen Ah-Rezeptor bilden konnten.

Sorgt man also dafür, dass diese Immunzellen keinen Ah-Rezeptor mehr haben, verliert der Darm zunehmend seine Barrierefunktion, da Epithelzellen nicht adäquat repariert werden und bestimmte Bakterien besser gedeihen können.

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Lange Rede: Aus dieser Perspektive wird klar, dass Gemüse nicht nur irgendein unnötiges Anhängsel, sondern wohl relativ wichtig ist. Es wird vielleicht auch klar(er), warum eine Ernährungsumstellung oft hilft. Nicht, weil man irgendein Wunderkonzept lebt, sondern weil man vermehrt darauf achtet, überhaupt ordentlich zu essen. Und das heißt immer noch: Mehr Gemüse und Obst, bewusst in dieser Reihenfolge.

Wahrlich beeindruckend.

Quelle: Hooper, Lora V. (2011): „You AhR What You Eat: Linking Diet and Immunity“. In: Cell. 147 (3), S. 489-491, DOI: 10.1016/j.cell.2011.10.004.

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  • Nemanja Lazic

    Toller Beitrag, abgesehen von Indol-3-Carbinol finde Ich auch die ganzen anderen Stoffe wie Chlorophyll, Zellwasser , Biophotonen entscheidend… oder auch der Gehalt an Radikalfängern Stichwort: ORAC-Wert. ^^

  • Alex

    Sollte man für oben genannte Effekte Gemüse eher roh verzehren oder geht gegartes Gemüse ebenfalls in Ordnung?

  • El AnWa

    einen interessanten Beitrag zur Wirkungsweise von pflanzlicher Nahrung findet sich auch unter http://www.spektrum.de/news/wie-giftige-pflanzenstoffe-uns-gesuender-machen/1405270