Das Veganer-Gleichnis: Was die Gurus nicht erzählen

Um es vorweg zu sagen: Ich akzeptiere und toleriere jede Ernährungsform — ich bin sogar der Meinung, dass viele Wege (entsprechend: viele Ernährungsformen) zum Ziel (entsprechend: Gesundheit) führen können.

Dennoch möchte ich heute ein kleines Gleichnis präsentieren, das verdeutlicht, warum der kleine, fleisch-, fettfressende und kochende Homo sapiens — bezüglich seiner Entwicklung — so erfolgreich war.

(Insbesondere für diejenigen, die wenig mit Biochemie am Hut haben.)

Omnivoren erbauen ihr Haus: 

Der Omnivor beauftragt eine Firma, die sein Haus nahezu komplett anliefert, quasi ein Fertighaus — mit allem Drumherum. Fließen, Elektronik, Dach und sogar die Möbel werden angeliefert.

Der Nachteil: Diese Firma arbeitet nicht immer nachhaltig und „naturfreundlich“.

Die einzige Aufgabe: Die angelieferten Teile ordentlich zu sortieren und entsprechend an die richtige Stelle zu setzen.

Der Omnivor muss dafür nichts tun — außer vielleicht einen Kran bereitstellen und ein paar wenige Helfer, die das Haus im Boden verankern und ihm helfen, seine Couch an die richtige Stelle zu schieben.

Sollte dennoch das ein oder andere Fenster dabei kaputt gehen, verfügt der Omnivor über genügend (finanziellen und materiellen) Spielraum, diesen Schaden rasch zu reparieren.

Denn: Er konnte die Kosten im Voraus gut kalkulieren.

Effizient und effektiv.

Veganer erbauen ihr Haus:

(In Anlehnung an diesen, unseren Artikel.)

Der Veganer kauft alle (möglichen) Einzelteile seines zukünftigen Hauses im Baumarkt.

Vorteil: Der Baumarkt schreibt sich Nachhaltigkeit und Naturfreundlichkeit auf die Fahnen.

Der Veganer lässt also alle Einzelteile zum Bauplatz liefern. Er hat aber nicht daran gedacht, dass die Zufahrt zu seinem Bauplatz nicht dafür geeignet ist, so viele Transporter und so viel Material zu befördern — darüber hinaus hat er auch nicht daran gedacht, dass er die Teile von den Transportvehikeln entladen muss und der Baumarkt die Teile auch nicht gerade kundenfreundlich verpackt.

Gleichzeitig engagiert er viele Arbeiter, von denen ein Großteil seit Jahren nicht mehr gearbeitet hat und mittlerweile selbst alt geworden ist.

Aber: Ohne diese Arbeiter kann der Veganer sein Haus nicht aufbauen.

Zudem können die Arbeiter immer nur einen Teil des Ganzen erarbeiten: So bedarf es Fliesenleger, Elektroniker, Dachdecker, Raumplaner und -gestalter und so weiter.

Die Arbeiter sind teuer, zum Teil alt und die Kommunikation untereinander funktioniert auch nicht so, wie es soll und manchmal streiten sie sich sogar, weswegen es am Bau gar nicht so richtig voran geht.

Der Veganer muss viel Geld und viel Zeit, sprich Energie, in sein Vorhaben investieren, weswegen das Haus am Ende quasi halbfertig ist — in einer „Version“, die zwar funktioniert, aber bei genauerem Hinsehen etliche Fehler aufweist, zumindest besteht Optimierungsbedarf.

So ist das Dach nicht richtig dicht, die Elektronik funktioniert nicht richtig, die Räume sind nicht schön, die Fliesen wurden nicht passend verlegt — kurz: Man kann drin leben, aber man muss sogar im Nachhinein noch Ressourcen investieren.

Ineffizient und ineffektiv.

Vom Gleichnis zur Körperchemie

Wir können das auch anders ausdrücken: Tierprodukt-verzehrende Menschen bedienen sich an Stoffen, die bereits auf einem höheren „energetischen“ Level liegen und eben nicht mehr aus den Einzelteilen synthetisiert werden müssen.

Daraus folgt: Konservierung von Ressourcen — wir, Homo sapiens, tun dies seit Millionen von Jahren, weswegen die Synthese-Wege an sich entsprechend nicht mehr (so) aktiv sind.

Einfaches Beispiel:

Die Kreatin-Synthese verbraucht nahezu die Hälfte aller Methyl-Gruppen (die SAMe bereitstellt) — daraus folgt: Die Aminosäure Methionin wird verbraucht, Folsäure und B12 benötigt. Darüber hinaus wird Arginin für eine bestimmte chemische Gruppe benötigt und die komplette Aminosäure Glycin geht in die Synthese ein. Zwar geht man generell davon aus, dass ausreichend Glycin synthetisiert werden kann, dennoch wissen wir heute, dass die Glycin-Synthese bei weitem nicht ausreicht. Im Gegenteil: Uns fehlen täglich mindestens fünf Gramm* 1. Außerdem werden für die Kreatin-Synthese drei Enzyme benötigt, namentlich AGAT, MAT und GAMT.

(* Stimmt nur für diejenigen, die kein Kollagen-Hydrolysat nutzen. Auch hier gilt, dass immer das ganze Tier [Stichwort: Nose to tail] verspeist wurde — nicht nur das Muskelfleisch.)

Kurzum, Veganer und Vegetarier erlegen sich selbst „eine massive Last“ auf. (Vgl. 2)

Mein Kommentar: Diese Theorie („Wir können alles [z. B. Kreatin] selbst synthetisieren“) ist zwar ganz nett, aber ich bezweifle stark, dass bisher einmal nachgemessen wurde, dass Veganer und Vegetarier ebenso viel Kreatin (als Beispiel) synthetisieren können, wie eigentlich benötigt. Denn: Arginin und Methionin sind auch nicht gerade Stoffe, die aufgrund einer rein pflanzlichen Ernährung massiv anfluten. Und: Stimmt die Enzymfunktion überhaupt oder ist das eben Beschriebene eine nette Theorie, wie das beim Omega-3-Stoffwechsel heute klar ist?

Zusammenfassend:

Veganer brauchen …

  • Methionin
  • B12
  • Folat
  • Arginin
  • Glycin
  • drei Enzyme

Omnivoren brauchen …

  • Fleisch

Dort kommt Kreatin direkt — und das spart Ressourcen und stellt sicher, dass alle Substanzen ausreichend zur Verfügung stehen.

Abschließende Worte

In meinen Augen werden die hier geschilderten Sachverhalte zu stark unterschätzt, die Leistung unseres Körpers gleichzeitig massiv überschätzt.

Wir überschätzen Synthese-Kapazitäten des Körpers und wissen gleichzeitig nicht zu schätzen, dass wir Fertigprodukte aufnehmen könnten, die dem Körper helfen, adäquat und gut zu funktionieren — in der Sprache der Wissenschaftler: Wir nehmen ihm die Last ab.

(In anderen Worten: Wenn dein Glycin- und Arginin-Wert immer niedrig ist [Aminogramm], dann solltest du dich fragen, ob du zu verschwenderisch damit umgehen musst, da dein Körper diverse Substanzen selbst synthetisiert — und ebendas verbraucht.)

Ich verstehe durchaus, dass vegane Ernährung eben nicht nur für Gesundheit plädiert, sondern auch für Nachhaltigkeit und Ethik. Keine Frage, absolut vorbildlich. Gleichzeitig erinnert dieses Verhalten stark an Altruismus — dennoch muss man sich die Frage stellen, ob sich jeder Veganer darüber im Klaren ist, welche Konsequenzen dieses Verhalten für die eigene Biochemie hat oder haben kann?

Mit dem Abnehmen — aufgrund der veganen Ernährung — ist es tatsächlich nicht getan und dennoch (!) sind wir Menschen in unserer Beurteilung häufig so oberflächlich und setzen das Äußere mit der Gesundheit (Was ist das überhaupt genau?) gleich. Nichts liegt der Wahrheit ferner!

Ich denke insbesondere an die Kinder, die vegan aufwachsen sollen: Hier muss man sich ernsthaft fragen, ob der gute Wille nicht eher eine fahrlässige Gefährdung darstellt. Denn, ich bin mir sicher, dass der nächste Kassenschlager heißen wird: Vegan for Kids.

„Long-term studies are needed to evaluate the long-term consequences of such a lifestyle.“ 

Dieser typische Spruch wäre an dieser Stelle nun wirklich einmal angebracht. Denn: Eine Tierprodukt-reiche Kost hat sich bereits bewährt. Eine vegane Kost muss den Beweis erst erbringen.

Literatur

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  1. Meléndez-Hevia, Enrique; de Paz-Lugo, Patricia; Cornish-Bowden, Athel u. a. (2009): „A weak link in metabolism: the metabolic capacity for glycine biosynthesis does not satisfy the need for collagen synthesis“. In: J Biosci. 34 (6), S. 853-872, DOI: 10.1007/s12038-009-0100-9.
  2. Brosnan, John T.; da Silva, Robin P.; Brosnan, Margaret E. (2011): „The metabolic burden of creatine synthesis“. In: Amino Acids. 40 (5), S. 1325-1331, DOI: 10.1007/s00726-011-0853-y.

15 Kommentare, sei der nächste!

  1. Für die Fleischfreaks, die jetzt Hurra schreien: zuviel ist auch nicht gut — denkt an die „Krankheit der Könige“ — einfach mal google fragen.

    Ich esse auch Fleisch, brauche es aber nicht jeden Tag.

      1. Ehrlich? Ernährungstechnisch wird fast jede Woche eine andere Sau durchs globale Dorf gejagd. Einfach eine gesunde Mischkost, frisch gekocht, ohne zu viel Fertigzeugs (also ohne künstliche Aromen,Farbstoffe,Geschmacksverstärker etc.etc.) und meist ist dann alles gut!

  2. Ich denke, dass sich viele Veganer diese Fragen als letztes stellen. Nämlich dann, wenn der Körper nachlässt. Bedenkt man die teils Jahrtausende alten Ernährungslehren, wie z.B. Ayurveda, das ja gerade auch von Vegetariern und Veganern gern herangezogen wird, dann sind diese bei genaur Betrachtung noch nicht einmal vegetarisch. Im Gegenteil: Fleisch wird eingesetzt um die Kranken wieder zu Kräften zu bringen. Ich frage mich auch, ob es nicht besser wäre, die Kraft erst gar nicht zu verlieren. Guter Artikel. Danke dafür.

  3. Vaganismus und Vegeratismus besitzen mitnichten eine inhärente ethische und moralishce Überlegenheit. Felix Olschewskis von „Urgeschmack“ hat sich darüber vor einiger Zeit mal ein paar provokante Gedanken gemacht („Verursachen Vegetarier mehr Blutvergießen als Fleischesser?“).

    Für mich grenz gerade vegane Ernährung bei Kindern schon fast an Körperverletzung. Oder aber der Aufwand zur Selektion hochwertiger und benötigter Nahrungsmittel und-Bestandteilen steigt auf ein Niveau, dass allesfalls von Extrem-Tierprodukt-Verweigerern ansatzweise geleistet werden kann.

    Ich für meinen Teil gönne jedem Erwachsenen, mündigen Mitbürger die Ernährungsform, die er für sich selber praktizieren möchte. So lange da keine missionarischen Anwandlungen entstehen und eine vermeintliche, ethisch-moralische Überlegenheit Propagiert wird, ist für mich alles im grünen Bereich. Und die vielen leckeren vegetarischen/veganen Speisen (die gibt es ja durchaus) kann ich als Omnivor genauso genießen; und halt noch ein bisschen mehr.

    Danke Chris, für deine gelungenen Ausführungen.

    LG,
    Dragan

  4. Hallo zusammen,

    wenn ich, nach mittlerweile 2,5 Jahren, noch meinen Senf dazu geben darf:

    Das Gleichnis ist unvollständig. Der Fleischesser im Gleichnis muss, nachdem er die Inneneinrichtung erhalten hat, alle Möbel abreißen, in die Bestandteile zerlegen und dann selbst wieder zusammensetzen.
    Er hat also einen zusätzlichen Aufwand im Gegensatz zur direkten Lieferung von Aminosäuren siehe z.B.: http://www.medizin-kompakt.de/eiweissverdauung
    Hierbei entsteht Harnstoff, und ein weiterer problematischer Stoff ist Purin.

    Der Veganer hat eigentlich nur ein Problem, nämlich dass viele pflanzliche Aminosäurequellen kein komplettes Aminosäure-Profil besitzen. Hier ist aber zu beachten dass nicht jede Aminosäurequelle vollständig sein muss, sondern zu jeder Mahlzeit und Snack einzelne Bestandteile kommen können. Solange in der Gesamtnahrung alle Aminosäuren in ausreichender Menge abgedeckt sind, gibt es hier kein Problem, und das ist vegan problemlos möglich. Durch Kombination verschiedener Aminosäurequellen kann man eine sehr hohe biologische Wertigkeit bekommen.

    Ein größeres Problem stellen die Hormone, Antibiotika und Fette dar, die man beim Fleischkonsum zu sich nimmt, deshalb ist es ratsam nicht zu viel Fleisch und Milchprodukte zu sich zu nehmen, jetzt mal unabhängig von Ethik und persönlicher Entscheidung, das ist ja jedem selbst überlassen.

    Da Kollagen ebenfalls ein Eiweiß ist, muss dieses, wie alle anderen Eiweiße auch, erst aus Aminosäuren gebildet werden. Der Körper kann mitnichten Kollagen vom Schwein oder Rind direkt selbst verwerten. Wichtig ist hier nur, dass dem Körper alle Aminosäuren die er für Kollagenbildung braucht, zur Verfügung stehen.

    Viele Grüße,

    Thommy

    1. Sorry Thommy, aber ich habe selten so einen Quatsch gelesen, der jeglicher biochemischen Fundierung widerspricht.

      Lies mal den Blog hier aufmerksam durch, dann wirst du deine Fehler finden.
      Und falls nicht, erkläre ich sie dir gerne in einem weiteren Kommentar.
      Ein Beispiel: Die Bausteine für Kollagen gibt es in Pflanzen wenig bis garnicht. Schau dir doch mal wirklich die Aminosäurespektren an und suche nach Glycin, Prolin und Hydroxyprolin. Und es gibt genug veröffentlichte Studien, dass Kollagenpeptide direkt im Blut und anderso außerhalb des Verdauungstraktes „bei der Arbeit“ nachweißt. Der menschliche Körper kann also sehr wohl das Kollagen aus Sehnen und Knorpeln direkt verwerten.

      LG
      jfi

        1. Haha aber gerne doch! 😉

          Ich dachte mir einfach, dass du auf derartige Kommentare schon oft genug antworten musstest und wahrscheinlich nicht mehr so große Lust darauf hast. 😀

      1. Hey, wie kommt denn dann das Kollagen ins Rind, das sich vegan ernährt? Natürlich kann Kollagen aus pflanzlichen Stoffen gebildet werden. Auch Veganer bestehen zu einem großen Anteil aus Kollagen. Ich hab das Gefühl, dass hier übelster pseudowissenschaftlicher Schwachsinn ausgetauscht wird. Ich verweise auf Fachbücher, wie How Not to die, das über 100 Seiten voller nützlicher Studien durcharbeitet. Ich bin auf diesen Blog als Top-Ergebnis von Google gekommen. Echte differenzierte Aufklärung findet hier aber ja auch nicht gerade statt. Schade

        1. Der Stoffwechsel eines Rindes unterscheidet sich von dem eines Menschen. Hätte der Mensch sich mehrere 100.000 Jahre vegan ernährt, wäre sein Stoffwechsel entsprechend angepaßt und er könnte das Kollagen in ausreichender Menge selbst produzieren. Da der Mensch aber seit ewig langer Zeit ein Omnivor ist, hat sich sein Stoffwechsel dem Angebot nach angepaßt (Stichwort Effizienz). Und dieses Angebot umfaßt u. a. auch die Kollagen in „gebrauchsfähiger“ Form.

          Dennoch: ich gebe Dir Recht, daß im Internet im Allgemeinen sehr viel „pseudowissenschaftlicher Schwachsinn ausgetauscht wird.“ Dieser Blog hier ist anders und basiert auf ähnlichen wenn nicht sogar auf den gleichen Grundlagen, wie die sogenannten Fachbücher. Und es differenziert sehr wohl, man muß nur die Verantwortung selbst übernehmen, viel lesen und seine eigenen Schlußfolgerungen selbst ziehen.

          Weiterhin: nur weil einer ein „Fachbuch“ schreibt, ist das noch lange keine Garantie für die Richtigkeit. Z. B.: Augenheilkunde, die auf der helmholtzschen Theorie beruht oder alles was Fluorid für die Zahngesundheit propagiert, uvam.

          Letztendlich muß jeder für sich selbst entscheiden welchen Quellen er traut, bzw. welcher Religion er sich zugehörig fühlt und die Verantwortung dafür auch wirklich selbst übernimmt.

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