Das Veganer-Gleichnis: Was die Gurus nicht erzählen

marrowbone-897982_1280

Um es vorweg zu sagen: Ich akzeptiere und toleriere jede Ernährungsform — ich bin sogar der Meinung, dass viele Wege (entsprechend: viele Ernährungsformen) zum Ziel (entsprechend: Gesundheit) führen können.

Dennoch möchte ich heute ein kleines Gleichnis präsentieren, das verdeutlicht, warum der kleine, fleisch-, fettfressende und kochende Homo sapiens — bezüglich seiner Entwicklung — so erfolgreich war.

(Insbesondere für diejenigen, die wenig mit Biochemie am Hut haben.)

Omnivoren erbauen ihr Haus: 

Der Omnivor beauftragt eine Firma, die sein Haus nahezu komplett anliefert, quasi ein Fertighaus — mit allem Drumherum. Fließen, Elektronik, Dach und sogar die Möbel werden angeliefert.

Der Nachteil: Diese Firma arbeitet nicht immer nachhaltig und „naturfreundlich“.

Die einzige Aufgabe: Die angelieferten Teile ordentlich zu sortieren und entsprechend an die richtige Stelle zu setzen.

Der Omnivor muss dafür nichts tun — außer vielleicht einen Kran bereitstellen und ein paar wenige Helfer, die das Haus im Boden verankern und ihm helfen, seine Couch an die richtige Stelle zu schieben.

Sollte dennoch das ein oder andere Fenster dabei kaputt gehen, verfügt der Omnivor über genügend (finanziellen und materiellen) Spielraum, diesen Schaden rasch zu reparieren.

Denn: Er konnte die Kosten im Voraus gut kalkulieren.

Effizient und effektiv.

Veganer erbauen ihr Haus:

(In Anlehnung an diesen, unseren Artikel.)

Der Veganer kauft alle (möglichen) Einzelteile seines zukünftigen Hauses im Baumarkt.

Vorteil: Der Baumarkt schreibt sich Nachhaltigkeit und Naturfreundlichkeit auf die Fahnen.

Der Veganer lässt also alle Einzelteile zum Bauplatz liefern. Er hat aber nicht daran gedacht, dass die Zufahrt zu seinem Bauplatz nicht dafür geeignet ist, so viele Transporter und so viel Material zu befördern — darüber hinaus hat er auch nicht daran gedacht, dass er die Teile von den Transportvehikeln entladen muss und der Baumarkt die Teile auch nicht gerade kundenfreundlich verpackt.

Gleichzeitig engagiert er viele Arbeiter, von denen ein Großteil seit Jahren nicht mehr gearbeitet hat und mittlerweile selbst alt geworden ist.

Aber: Ohne diese Arbeiter kann der Veganer sein Haus nicht aufbauen.

Zudem können die Arbeiter immer nur einen Teil des Ganzen erarbeiten: So bedarf es Fliesenleger, Elektroniker, Dachdecker, Raumplaner und -gestalter und so weiter.

Die Arbeiter sind teuer, zum Teil alt und die Kommunikation untereinander funktioniert auch nicht so, wie es soll und manchmal streiten sie sich sogar, weswegen es am Bau gar nicht so richtig voran geht.

Der Veganer muss viel Geld und viel Zeit, sprich Energie, in sein Vorhaben investieren, weswegen das Haus am Ende quasi halbfertig ist — in einer „Version“, die zwar funktioniert, aber bei genauerem Hinsehen etliche Fehler aufweist, zumindest besteht Optimierungsbedarf.

So ist das Dach nicht richtig dicht, die Elektronik funktioniert nicht richtig, die Räume sind nicht schön, die Fliesen wurden nicht passend verlegt — kurz: Man kann drin leben, aber man muss sogar im Nachhinein noch Ressourcen investieren.

Ineffizient und ineffektiv.

Vom Gleichnis zur Körperchemie

Wir können das auch anders ausdrücken: Tierprodukt-verzehrende Menschen bedienen sich an Stoffen, die bereits auf einem höheren „energetischen“ Level liegen und eben nicht mehr aus den Einzelteilen synthetisiert werden müssen.

Daraus folgt: Konservierung von Ressourcen — wir, Homo sapiens, tun dies seit Millionen von Jahren, weswegen die Synthese-Wege an sich entsprechend nicht mehr (so) aktiv sind.

Einfaches Beispiel:

Die Kreatin-Synthese verbraucht nahezu die Hälfte aller Methyl-Gruppen (die SAMe bereitstellt) — daraus folgt: Die Aminosäure Methionin wird verbraucht, Folsäure und B12 benötigt. Darüber hinaus wird Arginin für eine bestimmte chemische Gruppe benötigt und die komplette Aminosäure Glycin geht in die Synthese ein. Zwar geht man generell davon aus, dass ausreichend Glycin synthetisiert werden kann, dennoch wissen wir heute, dass die Glycin-Synthese bei weitem nicht ausreicht. Im Gegenteil: Uns fehlen täglich mindestens fünf Gramm* 1. Außerdem werden für die Kreatin-Synthese drei Enzyme benötigt, namentlich AGAT, MAT und GAMT.

(* Stimmt nur für diejenigen, die kein Kollagen-Hydrolysat nutzen. Auch hier gilt, dass immer das ganze Tier [Stichwort: Nose to tail] verspeist wurde — nicht nur das Muskelfleisch.)

Kurzum, Veganer und Vegetarier erlegen sich selbst „eine massive Last“ auf. (Vgl. 2)

Mein Kommentar: Diese Theorie („Wir können alles [z. B. Kreatin] selbst synthetisieren“) ist zwar ganz nett, aber ich bezweifle stark, dass bisher einmal nachgemessen wurde, dass Veganer und Vegetarier ebenso viel Kreatin (als Beispiel) synthetisieren können, wie eigentlich benötigt. Denn: Arginin und Methionin sind auch nicht gerade Stoffe, die aufgrund einer rein pflanzlichen Ernährung massiv anfluten. Und: Stimmt die Enzymfunktion überhaupt oder ist das eben Beschriebene eine nette Theorie, wie das beim Omega-3-Stoffwechsel heute klar ist?

Zusammenfassend:

Veganer brauchen …

  • Methionin
  • B12
  • Folat
  • Arginin
  • Glycin
  • drei Enzyme

Omnivoren brauchen …

  • Fleisch

Dort kommt Kreatin direkt — und das spart Ressourcen und stellt sicher, dass alle Substanzen ausreichend zur Verfügung stehen.

Abschließende Worte

In meinen Augen werden die hier geschilderten Sachverhalte zu stark unterschätzt, die Leistung unseres Körpers gleichzeitig massiv überschätzt.

Wir überschätzen Synthese-Kapazitäten des Körpers und wissen gleichzeitig nicht zu schätzen, dass wir Fertigprodukte aufnehmen könnten, die dem Körper helfen, adäquat und gut zu funktionieren — in der Sprache der Wissenschaftler: Wir nehmen ihm die Last ab.

(In anderen Worten: Wenn dein Glycin- und Arginin-Wert immer niedrig ist [Aminogramm], dann solltest du dich fragen, ob du zu verschwenderisch damit umgehen musst, da dein Körper diverse Substanzen selbst synthetisiert — und ebendas verbraucht.)

Ich verstehe durchaus, dass vegane Ernährung eben nicht nur für Gesundheit plädiert, sondern auch für Nachhaltigkeit und Ethik. Keine Frage, absolut vorbildlich. Gleichzeitig erinnert dieses Verhalten stark an Altruismus — dennoch muss man sich die Frage stellen, ob sich jeder Veganer darüber im Klaren ist, welche Konsequenzen dieses Verhalten für die eigene Biochemie hat oder haben kann?

Mit dem Abnehmen — aufgrund der veganen Ernährung — ist es tatsächlich nicht getan und dennoch (!) sind wir Menschen in unserer Beurteilung häufig so oberflächlich und setzen das Äußere mit der Gesundheit (Was ist das überhaupt genau?) gleich. Nichts liegt der Wahrheit ferner!

Ich denke insbesondere an die Kinder, die vegan aufwachsen sollen: Hier muss man sich ernsthaft fragen, ob der gute Wille nicht eher eine fahrlässige Gefährdung darstellt. Denn, ich bin mir sicher, dass der nächste Kassenschlager heißen wird: Vegan for Kids.

„Long-term studies are needed to evaluate the long-term consequences of such a lifestyle.“ 

Dieser typische Spruch wäre an dieser Stelle nun wirklich einmal angebracht. Denn: Eine Tierprodukt-reiche Kost hat sich bereits bewährt. Eine vegane Kost muss den Beweis erst erbringen.

Literatur

Seite ausdrucken
  1. Meléndez-Hevia, Enrique; de Paz-Lugo, Patricia; Cornish-Bowden, Athel u. a. (2009): „A weak link in metabolism: the metabolic capacity for glycine biosynthesis does not satisfy the need for collagen synthesis“. In: J Biosci. 34 (6), S. 853-872, DOI: 10.1007/s12038-009-0100-9.
  2. Brosnan, John T.; da Silva, Robin P.; Brosnan, Margaret E. (2011): „The metabolic burden of creatine synthesis“. In: Amino Acids. 40 (5), S. 1325-1331, DOI: 10.1007/s00726-011-0853-y.
Dir hat der Artikel gefallen? Dann abonniere unseren Newsletter und erhalten regelmäßig exklusive Neuigkeiten in dein Postfach

Deine Email-Adresse ist bei uns sicher. Wir geben keine Daten weiter und du kannst dich jederzeit abmelden.

  • Peter A.

    Für die Fleischfreaks, die jetzt Hurra schreien: zuviel ist auch nicht gut — denkt an die „Krankheit der Könige“ — einfach mal google fragen.

    Ich esse auch Fleisch, brauche es aber nicht jeden Tag.

    • Jay Ray

      Gicht? Harnsäure? Fruktose? Bei Paleo kein Problem 😉

      • Maren Degener

        Ehrlich? Ernährungstechnisch wird fast jede Woche eine andere Sau durchs globale Dorf gejagd. Einfach eine gesunde Mischkost, frisch gekocht, ohne zu viel Fertigzeugs (also ohne künstliche Aromen,Farbstoffe,Geschmacksverstärker etc.etc.) und meist ist dann alles gut!

    • edubilyde

      Siehe dazu den im Text verlinkten Artikel von uns. Wir haben dazu bereits etwas geschrieben.

    • Maren Degener

      Gicht! Da kann man übrigens leicht gegensteuern.

  • http://blog.foodlinx.de Nadja Polzin

    Ich denke, dass sich viele Veganer diese Fragen als letztes stellen. Nämlich dann, wenn der Körper nachlässt. Bedenkt man die teils Jahrtausende alten Ernährungslehren, wie z.B. Ayurveda, das ja gerade auch von Vegetariern und Veganern gern herangezogen wird, dann sind diese bei genaur Betrachtung noch nicht einmal vegetarisch. Im Gegenteil: Fleisch wird eingesetzt um die Kranken wieder zu Kräften zu bringen. Ich frage mich auch, ob es nicht besser wäre, die Kraft erst gar nicht zu verlieren. Guter Artikel. Danke dafür.

  • Dragan Ulrich

    Vaganismus und Vegeratismus besitzen mitnichten eine inhärente ethische und moralishce Überlegenheit. Felix Olschewskis von „Urgeschmack“ hat sich darüber vor einiger Zeit mal ein paar provokante Gedanken gemacht („Verursachen Vegetarier mehr Blutvergießen als Fleischesser?“).

    Für mich grenz gerade vegane Ernährung bei Kindern schon fast an Körperverletzung. Oder aber der Aufwand zur Selektion hochwertiger und benötigter Nahrungsmittel und-Bestandteilen steigt auf ein Niveau, dass allesfalls von Extrem-Tierprodukt-Verweigerern ansatzweise geleistet werden kann.

    Ich für meinen Teil gönne jedem Erwachsenen, mündigen Mitbürger die Ernährungsform, die er für sich selber praktizieren möchte. So lange da keine missionarischen Anwandlungen entstehen und eine vermeintliche, ethisch-moralische Überlegenheit Propagiert wird, ist für mich alles im grünen Bereich. Und die vielen leckeren vegetarischen/veganen Speisen (die gibt es ja durchaus) kann ich als Omnivor genauso genießen; und halt noch ein bisschen mehr.

    Danke Chris, für deine gelungenen Ausführungen.

    LG,
    Dragan