Glycin – die Aminosäure der Zukunft?

Ist Glycin die Aminosäure der Zukunft?

Mir persönlich war Glycin nie bekannt.

So vom „Hören-Sagen-Lesen“ schon, aber die Effekte kannte ich nicht. Seit einigen Monaten befasse ich mich intensiver mit dieser Aminosäure. Natürlich haben alle Aminosäuren bestimmte Effekte. Arginin kennen wir mittlerweile.

Glycin aber wird immer interessanter …

Hören wir doch einmal kurz, was die Wissenschaft über Glycin sagt:

Glycine protects against shock caused by hemorrhage, endotoxin and sepsis, prevents ischemia/reperfusion and cold storage/reperfusion injury to a variety of tissues and organs including liver, kidney, heart, intestine and skeletal muscle, and diminishes liver and renal injury caused by hepatic and renal toxicants and drugs. Glycine also protects against peptidoglycan polysaccharide-induced arthritis and inhibits gastric secretion and protects the gastric mucosa against chemically and stress-induced ulcers. Glycine appears to exert several protective effects, including antiinflammatory, immunomodulatory and direct cytoprotective actions. Glycine acts on inflammatory cells such as macrophages to suppress activation of transcription factors and the formation of free radicals and inflammatory cytokines. In the plasma membrane, glycine appears to activate a chloride channel that stabilizes or hyperpolarizes the plasma membrane potential. As a consequence, agonist-induced opening of L-type voltage-dependent calcium channels and the resulting increases in intracellular calcium ions are suppressed, which may account for the immunomodulatory and antiinflammatory effects of glycine. Lastly, glycine blocks the opening of relatively non-specific pores in the plasma membrane that occurs as the penultimate event leading to necrotic cell death.

  • Glycin schützt vor Blutungen und Blutvergiftung, schützt auch vor den Reperfusionsschäden (nach Infarkten!).
  • Glycin verhindert/reduziert Schäden an Leber und an Nieren, verursacht durch beispielsweise Medikamente.
  • Glycin schützt vor Arthritis, hemmt die Magensäure-Produktion und schützt die Magenschleimhaut vor induzierten Schäden.
  • Glycin hat wohl antientzündliche, immunstabilisierende und zellschützende Wirkung.
  • Glycin moduliert Immunprozesse via Makrophagen – dort werden entzündliche Cytokine und die Produktion freier Radikale gehemmt.
  • Glycin hemmt den Calcium-Einstrom in die Zelle, was seine Wirkungen erklären könnte.

(Zhong et al., 2003)

Gerade der letzte Punkt spielt bei der Fettspeicherung bzw. Fettfreisetzung eine Rolle und erklärt, warum eine Ernährung die sehr viel Glycin enthält, dafür sorgt, dass die Fettmasse deutlich reduziert wird, genau wie Plasma Triglyceride und Cholesterin, bei gleichzeitig gesteigertem HDL (Madsen et al., 2014; Hafidi et al., 2004).

Glycin als Multitalent

Glycin könnte also Leben retten nach Herzinfarkten, könnte (vielleicht?) die Entstehung von Leberzirrhose verhindern, könnte vor Arthrose schützen, in dem es erst gar keine Entzündungen in den Gelenken entstehen lässt, könnte dich befreien von Magengeschwüren und dich vor Arteriosklerose und somit vor Infarkten schützen.

Glycin hemmt das Tumorwachstum

Und jetzt, ganz aktuell, eine neue Arbeit von Ham et al., die zeigt: Glycin erhält die Muskelmasse und halbiert die Tumorgröße.

Das ist wichtig, denn Tumorpatienten verlieren während der Erkrankung Muskelmasse. Noch wichtiger ist die Tatsache, dass Glycin das Tumorwachstum hemmt, was aber schon vorher bekannt war (Yamashina et al., 2007). Dies erreicht Glycin wahrscheinlich via Hemmung der Angiogenese, das heißt der Neubildung von Blutgefäßen, die für das Tumorwachstum essentiell sind.

Glycin induziert als einzige (!) Aminosäure, eine Ausschüttung des Wachstumshormons (hGH)

Glycin vermag dosisabhängig die Wachstumshormon-Ausschüttung zu induzieren (Kasai et al., 1980). Eines der wichtigsten Hormone, wenn es darum geht, anständige Leistungen im Alltag zu erbringen (Regeneration!) und anständig zu altern (Fettmasse, Muskelmasse!).

Daher kann Gelatine (mit hohem Glycin-Anteil) als nahezu einziges Protein, nennenswert die hGH-Produktion ankurbeln (van Vught, 2010).

Glycin kann das Altern umkehren (?!)

Erst neulich erschien eine sensationelle Arbeit. ScienceDaily titelte: „Wissenschaftler kehren das Altern in menschlichen Zellen um …“

Was haben die Wissenschaftler herausgefunden?

Der Unterschied zwischen einer jungen und einer alten menschlichen Zelle ist nicht, dass wir kaputte DNA-Abschnitte (= Mutationen) finden. Der Unterschied ist eine epigenetische Komponente: Die alten Zellen haben gewisse Gene abgeschaltet, die dafür sorgen, dass die Mitochondrien adäquat funktionieren.

Betroffen waren Gene, die die Glycin-Produktion in den Zellen regulieren.

Gaben die Wissenschaftler Glycin ins Zellmedium, zeigten die alten Zellen keinen Unterschied mehr zu jungen Zellen.

Alterung umgekehrt. Durch eine (!) Aminosäure.

(Vgl., Hashizume, 2015) 

Glycin hilft dabei, schlank zu bleiben

Glycin erhöht die Freisetzung eines Darmhormons namens GLP-1 (Gameiro, 2005; McCarty, 2014). Dieses GLP-1 potenziert die Wirkung des Insulins im Muskel, weswegen wir bei gleicher Kohlenhydratmenge sehr viel weniger Insulin brauchen. Tatsächlich fällt der Glukoseanstieg nach einer Mahlzeit viel geringer (halb so groß!) aus, wenn vorher Glycin gegessen wurde (Gannon, 2002).

GLP-1 reguliert darüber hinaus die Fettsäure-Freisetzung im Fettgewebe und hemmt die Entstehung einer Fettleber (Villanueva-Penacarrillo, 2002; Lee, 2012).

Glycin kann nicht nur via GLP-1 helfen, ein gesundes Gewicht zu erreichen oder zu halten: Es moduliert den NO-Haushalt (El Hafidi, 2006. Siehe zum Thema NO unseren Guide), steigert die Fettsäure-Oxidation und die mitochondriale Energieproduktion in der Leber (El Hafidi, 2004). Deshalb wirkt es einer metabolischen Entgleisung entgegen.

Tatsächlich titelte eine Arbeit: „Ist Glycin das Gegengift für Fruktose?“ (McCarty, 2014).

Sind wir eine Glycin-Mangel-Gesellschaft?

Der Biologe und Endokrinologe Joel Brind, der Glycin erforscht, meint: Wir leiden alle an einem Glycin-Mangel – mit bisweilen dramatischen Folgen.

Gut, dass Substanz XY im Guten, wie im Schlechten für unsere Gesundheit (oder Krankheit!) verantwortlich ist, haben wir nun tausendfach zu hören bekommen.

Daher: Es ist niemals Glycin alleine.

Andere Wissenschaftler haben sich die Mühe gemacht und genau kalkuliert, wie viel Glycin wir am Tag tatsächlich brauchen (Meléndez-­Hevia, 2009):

10 Gramm.

Der Durchschnittsdeutsche bräuchte 10 g zusätzlich, damit er langfristig und ausreichend die Glycin-Stoffwechselwege speist.

Für High-Protein-gefütterte dürften niedrigere Werte anfallen.

5 Gramm?

PS: Glycin schmeckt süß. Gedanke: Ein Teelöffel davon in den Kaffee, als Zuckerersatz.

Joel Brind verkauft Glycin mittlerweile als Zuckerersatz …

Weil er selbst begeistert ist! Er selbst hat erlebt. Und teilt nun seine Begeisterung. 

Literatur

El Hafidi, Mohammed, Israel Pérez, and Guadalupe Baños. „Is glycine effective against elevated blood pressure?.“ Current Opinion in Clinical Nutrition & Metabolic Care 9.1 (2006): 26-31.

El Hafidi, Mohammed et al. „Glycine intake decreases plasma free fatty acids, adipose cell size, and blood pressure in sucrose­fed rats.“ American Journal of Physiology­Regulatory, Integrative and Comparative Physiology 287.6 (2004): R1387­R1393.

Gameiro, A et al. „The neurotransmitters glycine and GABA stimulate glucagon‐like peptide‐1 release from the GLUTag cell line.“ The Journal of physiology 569.3 (2005): 761-772.

Gannon, Mary C, Jennifer A Nuttall, and Frank Q Nuttall. „The metabolic response to ingested glycine.“ The American journal of clinical nutrition 76.6 (2002): 1302-1307.

Ham, Daniel J et al. „Glycine administration attenuates skeletal muscle wasting in a mouse model of cancer cachexia.“ Clinical Nutrition 33.3 (2014): 448-458.

Hashizume, Osamu et al. „Epigenetic regulation of the nuclear-coded GCAT and SHMT2 genes confers human age-associated mitochondrial respiration defects.“ Scientific reports 5 (2015).

Kasai, Kikuo et al. „Glycine stimulates growth hormone release in man.“ Acta endocrinologica 93.3 (1980): 283­286.

Lee, Jinmi et al. „GLP-1 receptor agonist and non-alcoholic fatty liver disease.“ Diabetes & metabolism journal 36.4 (2012): 262-267.

McCarty, Mark F, and James J DiNicolantonio. „The cardiometabolic benefits of glycine: Is glycine an ‘antidote’to dietary fructose?.“ Open Heart 1.1 (2014): e000103.

Meléndez-­Hevia, Enrique et al. „A weak link in metabolism: the metabolic capacity for glycine biosynthesis does not satisfy the need for collagen synthesis.“ Journal of biosciences 34.6 (2009): 853­872.

van Vught, AJAH et al. „The effects of dietary protein on the somatotropic axis: a comparison of soy, gelatin, α­lactalbumin and milk.“ European journal of clinical nutrition 64.5 (2010): 441­446.

Villanueva-Penacarrillo, ML et al. „Effect of GLP-1 on lipid metabolism in human adipocytes.“ Hormone and metabolic research 33.2 (2001): 73-77.

Yamashina, Shunhei et al. „Glycine as a potent anti‐angiogenic nutrient for tumor growth.“ Journal of gastroenterology and hepatology 22.s1 (2007): S62-S64.

Zhong, Zhi et al. „L-Glycine: a novel antiinflammatory, immunomodulatory, and cytoprotective agent.“ Current Opinion in Clinical Nutrition & Metabolic Care 6.2 (2003): 229-240.

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11 Kommentare, sei der nächste!

  1. Was ist an deinen Posts nicht zu verstehen?!

    Schön, das Fazit – ich würde aber mal einen Beitrag (wiederholen) zum biochemischen Denken! 😉
    Eisen, Cholin …

  2. Also ich kann aus ersten Erfahrungen nur bestätigen, was den antiinflammatorischen Effekt anbelangt: Ich habe seit längerem Probleme mit seltsamen Hauterscheinungen. Nach Überwindung meiner veganen Phase bekam ich große Lust auf Rinderhack (dies half mir übrigens nach meiner Hungerzeit in nur 2 Monaten über 10 Kilo wiederzuerlangen). Konventionell vertriebenes Rinderhack enthält etwa 10% Bindegewebe untergemischt (Kleingedrucktes lesen) – der Produzent „streckt“ damit das Erzeugnis, Kollagen gilt in der Fleischbranche als Abfallprodukt. Seit ich vermehrt eben so zusammengesetztes Rinderhack verzehre (ca. 700g, drei Mal die Woche), sind sämtliche Ekzeme verschwunden und kommen auch nicht wieder – kein Witz!
    Ray Peat mag einem als eigenartiger Kauz erscheinen, aber mit seiner Empfehlung des Gelatineverzehrs könnte er in der Tat auf etwas äußerst Gesundheitsförderliches hingewiesen haben. [Auch seine Überlegungen zur Schilddrüse sowie Stärke und generellem Gemüsekonsum sollte man sich einmal zu Gemüte führen]

    1. Hallo Dawid,

      Glückwunsch zu deinem Erfolg.
      In der Tat ist Gelatine weit mehr als ein Abfallprodukt. Ich benutze es auch. Ich bin mir auch ziemlich sicher, dass dieses Aminosäurespektrum deutlich unterschätzt wird.
      Habe damals auf tumblr (alter blog) sehr oft über Gelatine geschrieben. Werde es auch explizit ins Konzept integrieren.

      VG, Chris

  3. im E-Book steht etwas von Gelatine um von Glycin zu profitieren. Aber keine Verzehrempfehlung. bzw es steht 50Gr wären optimal, aber was nun, Gelatine oder Glycin, und am Tag oder pro Woche ?

    1. Hi Sabine,

      in Gelatine-Pulver, z.B. das von Abtei, welches man in Drogerie-Märkten finden kann, findet man 22,3% Glycin. Das heißt, wenn du täglich 50g Gelatine-Pulver nimmst, dann hast du 11,15g Glycin zu dir genommen. Die Angaben beziehen sich auf die tägliche Menge. Allerdings berichten viele davon, dass sie auch mit weniger Gelatine pro Tag (20-25g) Besserungen erfahren, z.B. bei Problemen mit Bändern, Sehnen und Gelenken.

      Siehe auch:
      http://de.wikipedia.org/wiki/Glycin
      http://de.wikipedia.org/wiki/Gelatine
      http://www.phytodoc.de/heilpflanze/gelatine-und-gelatinehydrolysat/wirkung/

      1. Besten Dank. ich hab grad mal geschaut, das von Abtei kostet um die 6 Eur für 250 Gramm. Kann man da nicht auch einfach Speise-Gelatine nehmen ? da kostet das Kilo um die 14 eur. Reines Glycin kostet zB bei myprotein um 13 eur für 500 Gramm, da fährt man dann fast besser oder ?

          1. Es ist – wie ich gelesen habe – ein Unterschied, ob ich es so wie Nahrung zurühre oder sublingual nehme.

            Es ist den russ. Wissenschaftlern zu verdanken, dass sie das herausgefunden und es so verfügbarer gemacht haben.
            Es mag auch nochdarauf ankommen, w o f ü r genau ich das Glycin benötige. Es sit ja äußerst vielfältig und bewirkt auf sehr unterschiedlichen Ebenen..

            Lieben Gruß.
            P.S. Ich probiere das BIDICIN, welches in Russland in jeder Apotheke preiswert zu haben ist und eines der viel genommen Mittel sein soll.
            Da wird es wohl anders heißen ..

  4. Hallo,

    wenn man Glycin bei rheumatoider Arthririts ausprobieren möchte (z.B. ca. 12 – 15 g tgl.), wie würde die Einnahme da am ehesten Sinn machen? Glycin seperat und nüchtern oder kann man es seinem Proteinshake beifügen? Verliert es an Wirkung, wenn man es dem Proteinshake beifügt oder es mit anderen einzelnen Aminosäuren (z.B. Glutamin, Taurin, Beta-Alanin o.ä.) gemeinsam einnimmt?

    Grüße
    Lars

    1. Habe gemerkt, dass Glycin schlimme Rheumaschmerzen verursacht und lasse es wieder weg.
      Macht also nichts, wenn hier auch niemand eine Antwort weiß.

      Grüße
      Lars

      1. Glycin wirkt zwar gegen Entzündung im Allgemeinen, kann aber das NO-System anheizen (was eigentlich eine gute Sache ist!), was sich bei einigen, autoimmunen, entzündlichen Erkrankungen auch negativ auswirken kann.

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