Transhumanismus, Technologisierung und die Zukunft der Menschheit

Dieses Thema enthält 3 Antworten und 3 Teilnehmer. Es wurde zuletzt aktualisiert von Avatar Teutonicus 21.09.2019 um 20:54.

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    Pilki
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    Hallo liebe edubilyaner!  😉  😛
    Großspuriger Titel. Verzeihung dafür.

    Mir fiel kein besseres Forum ein, als dieses, um die Diskussion zu führen. Ich hoffe, dass es nicht gegen die Community-Richtlinien verstößt. Es hat ein bisschen was Politisches, aber eigentlich geht es ja um Philosophie und wie man leben möchte, wie man mit der Science-Fiction-Welt, in der wir leben, ganz allgemein umgeht.

     

    Mein Hintergrund zum Thema:
    Wo die Menschheit hin möchte, ist ein Thema, das sicher jeden und jede berührt.
    Seit ich vor einigen Jahren bereits, die recht kritische Doku „Welt ohne Menschen“ auf Arte gesehen, und so ziemlich jeder Person, die mir am Herzen liegt, gezeigt habe, lässt mich das Thema nicht los. Ich bin überaus fasziniert davon, in was für einer Zeit ich lebe und was gerade um uns herum geschieht.
    Zuletzt habe ich darüber hinaus alle drei Bücher von Yuval Noah Harari („Sapiens“, „Homo Deus“ und „21 Lektionen fürs 21. Jahrhundert“) gelesen, wovon insbesondere Homo Deus eine recht pessimistische Sicht auf die Möglichkeiten der menschlichen Entwicklung zeigt (Menschen verschmelzen mit Computern/Maschinen, Maschinen/Algorithmen übernehmen die Macht, Atomkrieg, Bürgerkriege/Kriege aufgrund von Überbevölkerung/Klimakatastrophe). In allen Fällen geht es mindestens steil bergab, wenn nicht gar Ende ist mit der Gattung Homo. Parallel dazu habe ich noch „Die industrielle Gesellschaft und ihre Zukunft“(Wiki: Weblink #1) von Ted Kaczynski gelesen. Ich will die Hürde hier mitzuschreiben nicht zu hoch setzen, aber wer nichts dergleichen gesehen oder gelesen hat (es gibt sicher noch andere Werke), wird es wohl schwer haben zu begreifen, worum es mir hier geht. Als Einstieg vielleicht der Wikipedia Artikel zu Transhumanismus auf Deutsch.

    Nun könnte ich einen riesigen Aufsatz schreiben, was mir bei dem Thema durch den Kopf geht, und worauf ich noch immer keine Antworten gefunden habe, weswegen ich mich auch an dieses Forum wende, aber ich versuche mich mal kurz zu fassen:

    Mir geht es in diesem Thread vor allem darum, wie die anderen Forum-Mitglieder damit umgehen. Wir nutzen ja alle das Wissen der Molekularbiologie und Biochemie um uns selbst im gewissen Maße zu optimieren oder mindestens unsere Biochemie „in Ordnung zu bringen“.

    Gleichzeitig gibt es doch auch in diesem Forum immer wieder zu beobachten, dass vor der Widernatürlichkeit gewisser Lebensumstände gewarnt wird und wir uns vor der immer unnatürlicher werdenden Umwelt schützen wollen(Schwermetalle, Umweltgifte, Digitalisierung & Dopamin, etc.).
    Da liegt ja ein gewisses Paradoxon verborgen. Bzw. werfe ich jetzt mal provokativ in den Raum, dass wir alle hier A sagen, aber nicht B.

     

    Wir sind „gefangen“ in einem System, dass viele Annehmlichkeiten, Bequemlichkeiten und Sicherheit bietet, persönlichen Einfluss auf unsere direkte Umwelt aber minimiert, wenn nicht marginalisiert. (Harari als auch Kaczynski beschreiben sehr gut die These, dass der paläolithische Jäger und Sammler seine direkte Umwelt noch weitaus stärker unter Kontrolle hatte und sich dadurch sicherlich auch weniger gestresst, gar glücklicher gefühlt hat, wenn auch Infektionskrankheiten, fremde Stämme und Raubtiere immer als Gefahr da waren).

    Heutzutage:
    Man ist quasi gezwungen den Weg der Technologisierung in gewissem Maße mitzugehen. Es zeichnet uns als Mensch womöglich sogar aus. Stark abgekürzt: Harari beschreibt sehr gut, dass das, was uns als Gattung wirklich von anderen Tieren abgrenzt, ausschließlich die große Kooperationsfähigkeit untereinander ist (heutzutage kooperieren bspw. japanische mit schwedischen Wissenschaftlern dank des Internets über große Distanzen).

     

    In anderen Worten: Liegt es nicht in der Natur des Menschen, Werkzeuge zu verwenden, technologischen Fortschritt zu forcieren? Führt uns dies nicht aber auch in die Katastrophe? Wo ist die Grenze? Was ist noch gesund? Wenn nicht gesund, dann: Wie viel ist zumutbar um nicht in der Karriere zurückzufallen?

    Herzschrittmacher, künstliche Hüfte und Knie sind bereits da und werden verwendet. Wir alle schlucken Medikamente, die an Tieren erprobt wurden. Das Smartphone hat Gedächtnis, Kopfrechnen und vieles mehr bereits ‚externalisiert‘.

     

    Wie steht ihr zur wissenschaftlichen Erforschung von Gentherapie bei Menschen, der grundsätzlichen (von Harari beschriebenen) Attitüde, den Menschen als Gottheit zu sehen, was er als Vermeidung von menschlichem Leid (oder auch nur Anstrengung: Stichwort E-Scooter und Lieferdienste in Asien, wo jetzt bereits das Frühstück nach Hause bestellt wird) alles hintenan zu stellen beschreibt?

    Bei manch einem Jäger und Sammler-Stamm wurden Alten und Kranken teilweise brutal mit der Axt von hinten der Kopf gespalten, sobald sie eine zu starke Belastung für den Stamm wurden. Bei uns werden Milliarden/Billiarden (?) Ratten und Labormäuse geopfert, um Alzheimer besser zu verstehen. Im Prinzip ja der Versuch der Aushebelung der Natur? Wie ist es da überhaupt möglich, in so einer Gesellschaft lebend, zu versuchen, natürlich zu leben? Welche Antworten findet ihr darauf unter Berücksichtigung von Kalendersprüchen wie „Wer A sagt, muss auch B sagen“?
    Gibt es gar ganz offene Transhumanisten unter euch? Oder als ganz gegenteiliger Lebensentwurf Leute die es geschafft haben Autonomie auf einem Bauernhof à la Fermentationspapst Sandor Katz zu erlangen (und immer noch Internet haben um uns dies mitzuteilen 😉 )?
    Ich würde mir eine sachliche Debatte ohne gegenseitige Anfeindungen wünschen.

     

    Nochmal worauf ich hinaus möchte:
    Ganz nach Bestseller Psychologe Jordan B. Peterson bringt es uns ja nicht viel, uns den Kopf zu zerbrechen und über Dinge zu lamentieren, die wir nicht beeinflussen können. Stattdessen empfiehlt er, erstmal (nicht metaphorisch gemeint) die eigene Wohnung aufzuräumen und von da aus nach dem Gesetz der Hebelwirkung sich ums nähere Umfeld zu kümmern, bevor man, das eigene Leben nicht im Griff habend, pseudo-moraline Diskussionen über das Klima oder sonstige Themen von globaler Bedeutung führt. Mir geht es also auch weniger um moralische Be- oder Verurteilung (die wird sicher nicht ausbleiben), sondern mehr um euren persönlichen Umgang mit der Thematik, insbesondere, wenn ihr meinen Denkprozess vielleicht schon selbst durchgemacht habt, selbst schon Literatur dazu gelesen habt und eine bewusste Entscheidung dazu getroffen habt und nicht nur halt irgendwie lebt.

    Jetzt habe ich circa 19-37 Themen angeschnitten, aber es fällt mir wirklich schwer das Thema einzugrenzen und all die Einflüsse, die ich durch Dokus und Bücher gewonnen habe, auf den Punkt zu bringen. Insbesondere, da ich auch Lesern, die sich noch gar nicht mit der Thematik beschäftigt haben, zumindest einen kleinen Einblick geben wollte, welche Gedanken mich umtreiben. Ich hoffe, ihr versteht halbwegs worauf ich hinaus möchte, und könnt mit dem Thema etwas anfangen.

    #195915 hilfreich: 1
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    Anonym
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    Ich finde das Thema sehr spannend, aber unglaublich umfassend und komplex.

     

    Da ich mich selbst nicht in die Materie eingelesen, sondern maximal die ein oder andere Dokumentation zum (faszinierenden) Thema „Kryonik“ gesehen habe, werde ich hier also eher nur mitlesen und nicht aktiv schreiben.

     

    Loswerden möchte ich nur, dass ich es sehr spannend finde, mit meinem aktuell 28 Jahren in dieser Welt aufzuwachsen und den bahnbrechenden technologischen Fortschritt mitzuerleben. Ich denke da unter anderem an Bill Gates, wie er gegen Ende der 1980er (/ Anfang der 1990er) sagte:

     

    „A computer on every desk, and in every home, running Microsoft software.“

     

    Früher war das für nur wenige Menschen wirklich vorstellbar. Heutzutage (nicht einmal 40 Jahre später) laufen unglaublich viele Menschen mit den diversen mobilen („smarten“) Geräten herum, die um ein Vielfaches leistungsstärker sind, als die ersten kommerziellen Personal Computer. Und unsere Kinder und Enkelkinder wachsen damit auf, als wäre es eine Selbstverständlichkeit. Sie kennen es gar nicht anders.

     

    Ich blicke gespannt auf das, was uns die zunehmende Digitalisierung und Technologisierung in den kommenden Jahrzehnten noch so bringen wird. Und dabei schließe ich keine Branche aus: Mich interessiert vom medizinischen Fortschritt bis hin zum autonomem Fahren eigentlich jedes Themengebiet, mit dem man direkt oder indirekt etwas zu tun hat.

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    #195941 hilfreich: 0
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    Pilki
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    Dominik schrieb:Da ich mich selbst nicht in die Materie eingelesen, sondern maximal die ein oder andere Dokumentation zum (faszinierenden) Thema „Kryonik“ gesehen habe, werde ich hier also eher nur mitlesen und nicht aktiv schreiben.

    Ich freue mich auch sehr über gute Dokus zum Thema. Die von mir verlinkte namens Welt ohne Menschen ist ja schon wieder ewig alt, insbesondere beim Blick auf die Geschwindigkeit der Entwicklungen.

    #196571 hilfreich: 1
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    Teutonicus
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    Pilki schrieb:Wo die Menschheit hin möchte, ist ein Thema, das sicher jeden und jede berührt.

    Mich nicht, da die Konstrukte „Menschheit“ und „Zukunft“ so groß und multifaktoriell sind, dass sich diese Entwicklungen weit meiner Kontrolle entziehen. Meine Lebenszeit und Energie sind begrenzt, daher widme ich mich stattdessen eher kleineren und überschaubareren Wirkungs-Kreisen in meinem direkten Umfeld.

     

    Pilki schrieb:Gleichzeitig gibt es doch auch in diesem Forum immer wieder zu beobachten, dass vor der Widernatürlichkeit gewisser Lebensumstände gewarnt wird und wir uns vor der immer unnatürlicher werdenden Umwelt schützen wollen(Schwermetalle, Umweltgifte, Digitalisierung & Dopamin, etc.). Da liegt ja ein gewisses Paradoxon verborgen. Bzw. werfe ich jetzt mal provokativ in den Raum, dass wir alle hier A sagen, aber nicht B.

    Pilki schrieb:Führt uns dies nicht aber auch in die Katastrophe? Wo ist die Grenze? Was ist noch gesund? Wenn nicht gesund, dann: Wie viel ist zumutbar um nicht in der Karriere zurückzufallen?

    Ich denke, wir müssen hier einen Schritt zurück gehen und uns fragen, welchen Zweck die Gebilde „Natürlichkeit“ und „Gesundheit“ überhaupt erfüllen sollen. Wenn wir keine Veganer sind, die fundamentalistischen Seelenfrieden ohne Flexibilität und Differenzierung suchen, sind das eigentlich ganz simpel nur Mittel zum Zweck, um uns schlicht maximal wohl zu fühlen. Soll konkret heißen, wenn der dicke, unsportliche Kettenraucher Peter drei Mal am Tag bei McDonalds bestellt und sich damit in Summe betrachtet bis zum Lebensende subjektiv besser und erfüllter fühlt als einer unseres Schlages, sehe ich keinen Grund, warum der arme Peter es sich schwerer machen soll, als nötig und auch nur einen Gedanken an seine Gesundheit verschwenden sollte. Nun ist das aber leider selten so und in der Regel gibt es die wirklich wunderbaren Dinge, die uns das Leben in vollen Farben intensiv spüren lassen, nicht innerhalb der Komfortzone geschenkt.

    Ein absichtlich extremes Beispiel: ich vermute, das schönste Erlebnis für einen Menschen ist der erste(!) Heroinrausch. Da könnte man ja nun ganz kühl und moralfrei sagen, lasst uns einfach alle 4 Stunden diesen Wirkstoff zuführen. Der Plan ist aber eine extreme Minusrechnung, weil Adaptionsprozesse im Körper dafür sorgen, dass die Droge ihre Wirkung verliert und der Preis dafür umso härter ausfällt. Ein sehr toller Moment wird also im Nachgang bitter bezahlt mit Unmengen an depressiven, schmerzhaften schlechten Momenten. Umgekehrt habe ich mir durch eine sehr intensive Sporteinheit nach dem Aufstehen für 30-60 Minuten Leid 14 Stunden bestens gelaunte, fitte Ausgeglichenheit und gutes Gewissen für die Zukunft eingetauscht. Wir reden also sozusagen von einem über 15-fachen Return On Investment.

    Wenn wir natürlich mal soweit sein sollten, dass sich das alles chemisch/technisch perfektiös manipulieren lässt, ist das eine andere Situation. Das werden wir aber höchstwahrscheinlich nicht mehr erleben, folglich hat es keine praktische Relevanz. Und selbst wenn wir es erleben, heißt das nicht, dass wir zu diesem Zeitpunkt in der Zukunft automatisch zur privilegierten Personenkreis gehören, der davon profitiert. Wir sind als Deutsche in unserer Denkweise sowieso sehr durch den selbstverständlichen Sozialstaat geprägt, ich vermute die wirtschaftliche und sozioökonomische Zukunft aber eher im gegenwärtigen Beispiel von Süd-Afrika (Gated Communities elitärer Minderheiten und drumherum Elend), da der technische Fortschritt zu stark exponentiell wächst für einen ausreichenden Kompetenz-Nacherwerb großer Teile der Bevölkerung und auch immer höheren beruflichen Belastungs- und Komplexitätsanspruch stellt an jemanden, der einen überdurchschnittlichen Lebensstandard halten will, was für die Mehrheit durchschnittlich intelligenter Personen kognitiv nicht in dem Tempo bewältigbar ist. Es wird auf Dauer sehr wahrscheinlich keine Mini-Elite schwer begabter Software-Entwickler und hoch kreativer Genies geben, die diesen Wertschöpfungsmotor aufopferungsbereit betreiben, wenn sich deren Lebensstandard nicht deutlich vom Rest abheben kann. Und in einer Armutssituation ist Gesundheit selbstverständlich sowieso Luxus. Die uns zur Verfügung stehende Nahrungsmittelvielfalt, alleine bereits die bloße Kalorienmenge sind bereits Luxus im relativen Vergleich mit der übrigen Erdbevölkerung. Demnach würde ich mich also nicht zu sehr an Gesundheit/Natürlichkeit ihrerselbst festklammern, sondern mehr den eigentlichen situationsabhängigen Nutzen davon ins Auge fassen.

    Am Ende des Tages ist jeder Sachverhalt herrlich relativ, ebenso wie unser „gesundes“ Essen, das für ein Individuum sehr verträglich sein kann und für ein etwas sensibleres nicht. Diese Semantik „wer A sagt muss B sagen“ usw. zeigt mir, dass du Gesundheit als Konzept betrachtest. Und Konzepte funktionieren nicht global. Es zählt differenziertes, dauerhaft flexibles, an dich angepasstes, nutzenorientiertes Denken und Handeln (Evolution).

     

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