Gesunde Berufe

Dieses Thema enthält 4 Antworten und 5 Teilnehmer. Es wurde zuletzt aktualisiert von Avatar Anonym 11.09.2019 um 06:23.

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    Teutonicus
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    Chris schreibt im neuen Buch von Naturvölkern, die nur 14 Stunden in der Woche arbeiten bzw. deutet darauf hin, dass wir evolutiv nicht auf permanente Arbeitsbelastung ausgelegt sind. Ich bin der Meinung, dass das Thema Beruf/Job einen ganz integralen Teil der Gesundheit darstellt, das bisher hier noch fehlt, da viele gesundheitliche Probleme sowohl direkt aus dieser Wurzel stammen, als auch indirekt, da ungesundes Essen oder andere Suchtmuster häufig als kompensatives Gegengewicht zur Arbeitsbelastung entstehen. Auch die Jahresberichte der Krankenkassen weisen klar darauf hin, dass berufliche Belastung überall immer massiver die Gesundheit zerstört.

     

    Ich lerne aus der Analogie zum Sport im Buch, dass eine berufliche Tätigkeit entweder extrem fordernd und nur kurz andauern sollte, oder eben zeitlich länger aber dafür nur moderat belastend. Jetzt weiß ich nicht wie es euch geht, aber ich habe den Eindruck, dass sich der Arbeitsmarkt immer mehr zu Extremen hin entwickelt. Intellektuell stimulierende Tätigkeiten gibt es nur noch bei Arbeitsbedingungen mit Burnout Garantie, hingegen existieren gemäßigtere Stellen und Teilzeit-Angebote fast nur noch für 0815 Aufgaben. Ich kann mich also offensichtlich nur entscheiden fürs Krankwerden oder meine Talente garnicht zu nutzen („Boreout“).

    Darüber hinaus bekommt man meiner Erfahrung nach in Deutschland selten die Wahrheit zu hören, wenn man sich mal umhört und fragt, wer einen aushaltbaren Job hat. Kulturell bedingt wird sich in der Regel sofort geschämt und Missgunst für mangelnde Leistungsmotivation im Umfeld befürchtet.

     

    Da wir hier anonym unter uns sind, möchte ich euch zu einem ehrlichen Erfahrungsaustausch zu diesem Thema anregen, wovon wir alle profitieren.

     

    Ich mache mal den Start mit einer zunächst allgemeineren Beschreibung von Merkmalen, die häufig gesundheitliche Probleme verursachen:

    – häufiges Multitasking

    – viele emotionale zwischenmenschliche Spannungen (oft Kontakt mit unzufriedenen Kunden / sehr freche Schulklassen / Probleme mit Kollegen…)

    – starke Fremdbestimmtheit, wenig Wertschätzung und Erfolgsfeedback

    – Verdichtung bzw. Zunahme der Aufgabenmenge oder -schwierigkeit

    – geringe Arbeitsplatzsicherheit begleitet von häufigen Sorgen

    – lange Arbeitszeiten

    – viel Reisen einhergehend mit Übernachtungen in fremder Umgebung, speziell herausfordernd in Hinblick auf Sport, gesundes Kochen, Familie, Freunde usw

    – hoher Umsatz- oder Konkurrenzdruck

    – permanent „funktionieren müssen“, im Fokus anderer stehen, keine Toleranz für natürliche Müdigkeit oder Tiefphasen

     

    Von meiner Seite aus kenne ich den Weg der Humanmedizin ganz gut. Das Besondere hier ist, dass der Anfang aus 6,5 Jahren Studium und 5 Jahren Assistenzarzt die Hölle sind, man aber danach ein sehr ruhiges Leben führen kann, wenn man es richtig anstellt und sich beispielsweise als Allgemeinmediziner im ländlichen Umfeld in einer Praxis niederlässt. Eine solche Tätigkeit ist dann nahezu vollkommen frei von all den oben beschriebenen Risikofaktoren, insbesondere in einer Privatpraxis.

    Auch sind mir mehrere Beispiele von Leuten bekannt, die in Verwaltungsposten im öffentlichen Dienst arbeiten und sehr humane Arbeitsbedingungen haben, dafür jedoch viel Routine und wenig intellektuell stimulierend.

    Grundsätzlich kommt auch alles in Frage, was als Teilzeitstelle ausgeschrieben ist, sodass selbst bei einer anstrengenden Tätigkeit noch genug Erholungszeit besteht, es gibt hier jedoch nach meinem Eindruck häufig nur weniger intellektuell stimulierende Aufgaben.

    Zu guter Letzt fällt mir noch die Möglichkeit zur Selbstständigkeit ein. Der Vorteil besteht darin, dass man sein Arbeitspensum durch die Anzahl der Aufträge variieren und dem eigenen Tempo anpassen kann, wodurch zwar der Umsatz sinkt und man nicht mehr auf zu großem Fuß leben kann, aber auch nicht in schlechten Zeiten rausgeschmissen wird wie ein Angestellter und komplett alles verliert.

     

    Ich bin gespannt auf eure Beiträge  🙂

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    #194620 hilfreich: 0
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    t0my89
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    Beiträge: 47

    Hab vor kurzem eine sehr schlaue & freiheitsliebende Person kennengelernt. Der Typ ist n junger, selbstständiger Zimmermannsmeister und arbeitet hauptsächlich alleine. Der kann sich vor Aufträgen nicht retten, fähige Handwerker sind super gefragt. Er handhabt es so das er einige Aufträge abarbeitet und dann für Wochen/Monate Urlaub macht und sich anderen Dingen widmet die ihm Spass machen. Wenn die Batterie wieder voll aufgeladen ist und die Lust auf die Arbeit wieder packt, nimmt er wieder Aufträge an.

    Klar wird das ganze schwieriger wenn ein hoher Lebensstandard bezahlt werden muss, oder irgendwann ne Familie ernährt werden soll.

    Trotzdem ein schöner Ansatz! Ich denke das praktische „Erschaffen“ von handwerklichen Dingen aller Art löst eine tiefgreifende Befriedigung im Menschen aus.

     

    Achja: Handwerkliche Berufe sind ja n bisschen im Verruf, weil sie im hohen Alter häufig mit körperilichen Beschwerden einhergehen. Ich denke aber das dies mit dem richtigen Wissen über biomechanische Prinzipien z.B. bzgl. Heben/Tragen vermeiden lässt. Krafttraining zum Augleich von Dysbalancen ist auch ne gute Prävention. Die viele Bewegung macht dann plötzlich gesund.

    #194682 hilfreich: 0
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    Tommy
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    Beiträge: 1183

    Ja sowas ist schon cool aber wie du sagst nur als junger Mensch ohne Familie m.E umsetzbar. Handwerk im Alter ist so ne Sache. Und ich glaube da gibt es auch große Unterschiede… bist dein ganzes Leben fließenleger, wirst diese „Dysbalance“ wohl nur schwer wieder ausgleichen können oder? Als Elektriker zb schon einfacher

    #195055 hilfreich: 2
    Afri
    Afri
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    Beiträge: 84

    Hey Teutonicus,

     

    schönes Thema, und das Wesentliches hast du IMO schon genannt.

    Hier mal ein paar Gedanken von mir.

     

    Der klassische 40-Stunden-Job wird oftmals leider verteufelt, aber das sehe ich komplett anders:

    Beim richtigen Arbeitgeber, in der entsprechenden Position, kann ein Job sehr erfüllend sein, ohne dass man Burnout oder Boreout erlebt. Voraussetzungen hierfür u.a.:

    – sehr gutes Kollegenumfeld. Man verbringt schließlich unter der Woche mehr Zeit mit den Kollegen als mit der eigenen Partnerin/Partner. Das Umfeld macht dann sehr viel Freude und gibt einem Zufriedenheit.

    – guter, fairer Vorgesetzter

    – wirtschaftlich gesunde Firma, und (relativ) sichere Branche

    – Die Firma hat Werte und man steht voll dahinter, was geleistet wird (damit ist etwa ein Tabakkonzern eher nicht geeignet)

    – Arbeitsplatz selbst angenehm (nicht im Keller, großzügig Platz, hell, usw.). Man verbringt da ja 8 Stunden Mo-Fr.

    – die Tätigkeit selbst macht Spaß.

     

    Wie erreicht man das?

    Ich denke in erster Linie durch eine entsprechende Qualifikation; je qualifizierter man ist, desto leichter hat man es bei der Auswahl.

    Des Weiteren sollte man flexibel sein, insbesondere wenn man nicht gerade in einer Großstadt mit vielen Firmen lebt, man sollte also auch umzugsbereit sein.

    Dann „picky“ bei der Auswahl des Jobs, das geht halt nur, wenn man entsprechend qualifiziert ist. Firma sehr gut ansehen, im Bewerbungsprozess darauf bestehen, mehrere Stunden in der zukünftigen Abteilung zu verbringen, um die Kollegen kennenzulernen, den Stallgeruch aufzunehmen, etc.

    In den Vorstellungsgesprächen gezielt fragen, wie Überstunden gehandhabt werden, ob diese gefordert werden, ob es flexible Arbeitszeiten gibt, mindestens 30 Tage Urlaub, etc. Gute Sozialleistungen.

     

    Sehr wichtig ist es auch, einen möglichen Geltungsdrang ad acta zu legen. Bloß keine „Job-Titelgeilheit“, und sich bewusst sein, was man wirklich will.

    Beispielsweise mögliche Beförderung zur Führungskraft (firmenintern oder bei Jobwechsel): viele denken dann: geil, bin dann Chef, krieg mehr Gehalt, kann damit bei meinen Kumpels protzen, etc. Oh je… Man muss sich vielmehr fragen, ob man wirklich geeignet ist zur Führungskraft, und auch vor allem, ob man das WIRLICH möchte. Plötzlich muss sich der introvertierte Ingenieur mit Personalproblemen herumschlagen, Mobbing im Team frühzeitig erkennen und lösen, Team-Konflikte bereinigen, Mitarbeiter ermahnen, usw, und für die Tätigkeit, für die er studiert hat, hat er keine Zeit mehr… Und das für 15% mehr Kohle und um bei den Kumpels angeben zu können?

    Als Führungskraft muss man viele soft Skills mitbringen, empathisch sein, emotionale Intelligenz aufweisen, usw. Also reflektieren: ist man dafür wirklich geeignet? Wenn nicht, läuft das meist schief…

     

    Meine Meinung zu Selbständigkeit:

    Bitte nicht unterschätzen, wie sich das soziale Umfeld im Job, etwa auch „nur“ als Sachbearbeiter, auf die Zufriedenheit auswirkt. Das bietet oftmals nur eine Firma in einem tollen Kollegen-Umfeld. Außerdem ist man durch eine Anstellung gezwungen, bis x:00 Uhr in der Arbeit zu sein, und man kann nicht auf der Couch oder im Bett chillen.

    Viele Selbständige sind relativ einsam während ihrer Tätigkeit, außerdem benötigen sie ein sehr hohes Maß an Selbstdisziplin, um auch jeden Mo-Fr wirklich zu arbeiten und stets dran zu bleiben, und nicht auf morgen zu verschieben, etc. Eine Anstellung bei einem Unternehmen regelt das ja von selbst (und man würde abgemahnt, wenn man nicht immer pünktlich am Start ist).

    Ebenso hat man durch eine Anstellung ein gesichertes Einkommen, was sicherlich beruhigender ist, und man viel gelassener ist, als wenn man als Selbständiger finanziell voll drin steckt und bei einem ausbleibendem Auftrag dann die Krise kriegt.

     

    Grüße

    jfiAvatar
    #195084 hilfreich: 3
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    Anonym
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    Beiträge: 426

    Ich kann @Afri da nur zustimmen.

     

    Persönlich kann ich mich glücklich schätzen, in der IT-Branche zu arbeiten. Wenn man entsprechend qualifiziert ist (und dafür reicht zum Beispiel eine gute Fachinformatiker-Ausbildung / oder ein Wirtschaftsinformatik-Studium, wie in meinem Fall) dann gibt es heutzutage (und das schon seit einigen Jahren!) sehr viele gute Stellenangebote. Vom kleinen Start-up, über mittelständische Unternehmen bis zu großen (internationalen) Konzernen findet man derzeit überall Arbeit und ist gefragt. Das zeigt sich nicht zuletzt darin, dass man in beruflichen Netzwerken wie XING gezielt von Recruiting Consultants und Headhuntern kontaktiert wird, sofern das eigene Profil stimmt. Hier spreche ich sowohl aus eigener Erfahrung, als auch aus der Erfahrung von Freunden und Kollegen.

     

    Mit meinen 28 Jahren hatte ich von 2015 (nach Beendigung des Studiums) bis heute insgesamt 3 verschiedene Arbeitgeber. Und mit allen 3 Arbeitgebern war ich sehr zufrieden. Mein aktueller Arbeitgeber gefällt mir in Bezug auf all die relevanten Faktoren (Betriebsklima, monetäre Faktoren, Work-Life-Balance, Entfernung zum Wohnort, usw.) sogar so gut, dass ich mir vorstellen könnte, sehr viele Jahre meines Berufslebens dort zu verbringen. Und das ist für ein Unternehmen heutzutage wirklich sehr viel wert; vor allem in Berufsfeldern, in denen qualifiziertes Personal händeringend gesucht wird.

    jfiAfriAvatar
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