Zwei Studien, die du kennen MUSST

Von Published On: 2021-04-21Kategorien: Stoffwechsel13 Kommentare

Ach ja, das Format hier ist klasse. Einfach ein paar sehr interessante Ergebnisse aus Studien hinschreiben – kurz, aber sehr gehaltvoll. Also, dann mal los.

Studie 1: Gliadin bringt Hormone durcheinander

Schon mal aufgefallen? Wenn es um s. g. „neolithic foods“ geht, also um evolutiv betrachtet relativ junge Ernährungsbestandteile, wird immer über Zucker, Stärke, Verarbeitetes, Fettiges, Salziges, Pflanzenöle und Getreide gesprochen. Nie aber über Pflanzenproteine an sich (wir schon). Kaum einer scheint je auf die Idee gekommen zu sein, dass die Speicherproteine von Pflanzen an sich eine Herausforderung für unseren Stoffwechsel sind, nicht nur für unseren Darm (Gluten).

Denn klar: Es gibt zwar immer noch Menschen, die glauben, Eiweiß sei Eiweiß und der Darm würde das schon alles in kleinste Einzelteile (Aminosäuren) zerlegen, aber die Wahrheit ist, dass Eiweiße aus der Nahrung besser (Fleisch, Fisch, Eier, ggf. Milchproteine) oder schlechter (Pflanzenproteine) aufgespalten werden – und allgemein gilt, dass quasi nie einzelne Aminosäuren entstehen, sondern kurz Aminosäurenketten, s. g. Peptide, die eine eigene Wirkung im Körper haben.

Heutzutage essen wir eine große Menge an Pflanzenproteinen, vor allem vom Getreide. Brötchen, Pizza, Nudeln und Co. liefern große Mengen Gluten und damit auch den Glutenbestandteil Gliadin. Dass Speicherproteine von Pflanzen für unseren Organismus problematisch sein könnten, zeigt eine Studie aus 2015.

gliadin leptin

Rausgefunden haben die:

Verdautes Weizengluten hemmt die Bindung von Leptin an den Leptinrezeptor, mit einer halbmaximalen Hemmung bei 10 ng/mL. (…) Die Konzentrationen, bei denen verdautes Weizengluten in unserer Studie Leptin hemmte, liegen im gleichen Bereich wie die Konzentrationen, die zuvor für Gliadin und andere Nahrungsproteine im menschlichen Serum berichtet wurden, wodurch Getreideproteine als mögliche Ursache von Leptinresistenz und Adipositas klinisch relevant werden.

Wir erinnern uns: Leptin ist das „Satt-Hormon“ und kurbelt zudem den Stoffwechsel an. Wenn Leptin seine Wirkung nicht mehr entfalten kann, könnte es sein, dass uns Hunger „vorgetäuscht“ und zudem die Stoffwechselleistung gedrosselt wird. Doof. Doch das ist nicht alles, man liest weitere Informationen in der Arbeit:

Dall et al. wiesen nach, dass Getreideprotein in Form von verdautem Weizengliadin eine 20 %ige Gewichtszunahme verursachte, wenn es nicht adipösen diabetischen Mäusen in einem prädiabetischen Zustand injiziert wurde, was möglicherweise auf die Induktion einer Leptinresistenz hinweist. Dall et al. wiesen auch nach, dass verdautes Weizengliadin bei Inkubation mit Bauchspeicheldrüsenzellen der Ratte einen dosisabhängigen Anstieg der Insulinsekretion verursachte (…).

Ei, ei, ei. Ob man sowas essen möchte? Ich weiß nicht.

Studie 2: Kupfer-Mangel macht deppert

Kupfer ist unser Darling. Unsere westliche Nahrung ist relativ arm an Kupfer. Das liegt auch daran, dass wir kaum noch Leber essen – die Leber ist das kupferreichste Nahrungsmittel, das wir haben. Drum sollte man sehr gut auf seinen Kupferhaushalt achten. Zwar reguliert Kupfer nicht ganz so viele Proteine bzw. Enzyme im Körper, aber die, die von Kupfer abhängig sind, sind extrem wichtig.

So ein extrem wichtiges Enzym ist Ceruloplasmin. Prinzipiell bekannt als „Kupfer-Transportschiffchen“ im Blut – greift leider viel zu kurz, denn es ist nicht nur ein Transporter, sondern eine s. g. Ferroxidase. Ceruloplasmin oxidiert Eisen zu Eisen(3+), und erst dieses Eisen kann wiederum an das Eisen-Transportschiffchen Transferrin binden. Nur Transferrin-gebundenes Eisen ist gesund, da es kontrolliert in die Zellen gebracht wird. Nur dieses Eisen ist wirklich bioverfügbar.

Bei zu wenig Kupfer in der Nahrung sackt die Ferroxidase-Aktivität von Ceruloplasmin ab. Die Folge ist, dass die Zellen zu wenig bioverfügbares Eisen haben, aber zeitgleich eisenüberladen sind. Das mindert nicht nur die Energiebildung unserer Mitochondrien, sondern ist auch noch toxisch für die Zellen. Freies Eisen ist giftig. Woher man das weiß? Man kann gezielt Tiere züchten, denen Ceruloplasmin gänzlich fehlt. So eine (seltene) Erbkrankheit gibt es auch im Menschen (Aceruloplasminämie). Was passiert in diesem Tiermodell? Die folgende Studie gibt Auskunft:

ceruloplasmin eisen

Forscher haben hier das Tiermodell untersucht, dem Ceruloplasmin (Cp) fehlt. Was passiert? Die Tiere werden deppert, denn Gehirnzellen sterben ab. Ähnlich wie bei Parkinson und Alzheimer im Menschen, wo man auch ein Zuviel an Eisen im Gehirn findet, zeigt sich auch in diesem Modell eine Eisenüberladung in Zellen des Nervensystems – das macht das Gehirn krank. Als „Therapie“ injizierten Forscher der zweiten Gruppe Ceruloplasmin (Cp), ergänzten also sozusagen das genetisch verlorene Protein. Die Folgen:

  • Eine zweimonatige Behandlung mit Cp ermöglichte die Anreicherung des Proteins im Gehirn, wo es Ferroxidase-Aktivität ausübte.
  • Die Verabreichung von Cp reduzierte den Gesamteisengehalt im gesamten Gehirn und die Eisenakkumulation im Choroidea-Plexus-Epithel.
  • Die Behandlung mit Cp verhinderte den Verlust von Purkinje-Zellen im Kleinhirn.
  • Eine Verbesserung der motorischen Koordination wurde am Ende der Cp-Behandlung beobachtet.
  • Die Cp-Substitutionstherapie konnte die neurologischen Symptome verbessern und könnte eine vielversprechende Behandlung auch bei menschlicher Aceruloplasminämie sein.

ceruloplasmin replacement

Also: Ceruloplasmin gespritzt, es reichert sich in Geweben an, übt seine Ferroxidase-Aktivität aus, senkt den Eisengehalt in Nervenzellen … und verbessert so den Zustand der Tiere. Solche Experimente sind einfach weltklasse – so simpel, so einleuchtend, aber so wichtig, um ein Verständnis zu bekommen.

Wohlgemerkt: Man wird es bei kupferarmer Ernährung sicher nicht ganz so dramatisch hinbekommen, aber ein Kupfer-Mangel wird unweigerlich dazu führen, dass die Ferroxidase-Aktivität von Ceruloplasmin nicht stimmt. Und auch wir werden dann … vielleicht ein bisschen deppert. Und so weiter.

;-)

13 Comments

  1. Arikus 21.04.2021 at 18:43 - Antwort Kommentar melden

    Finde ich sehr interessant, bzw. Habe das an mir selbst schon beobachtet. Esse ich am Wochenende zum Frühstück Brötchen, dann habe ich ein..zwei Tage lang mehr Hunger als wenn ich die Brötchen weglasse. In der Woche frühstücke ich nicht, da habe ich das Problem sowieso nicht.

  2. Swantje Blatt-Berg 21.04.2021 at 21:59 - Antwort Kommentar melden

    Hallo Chris,
    danke für den tollen Artikel! Das „schädliche“ Gluten kommt ja nicht nur in Weizen sondern in allen Getreidearten vor, korrekt? D.h. Getreide idealerweise nein, Pseudogetreide ja?!

    Und bzgl. der Kupferaufnahme: Empfiehlst Du, Kupfer isoliert zuzuführen oder reichen die 500ug in Eurem Multi?

    Letzte Frage: Dürfen Kinder (5&8) schon Euer Multi nehmen?

    Ganz lieben Dank!
    Swantje

    • Soneone 25.04.2021 at 12:44 - Antwort Kommentar melden

      Das würde mich auch interessieren. Denn selbst Haferflocken sollen ja leider noch Gluten enthalten wobei ich sie so vielseitig und gesund(?) Finde.. lg

      • Johannes Reinders 25.04.2021 at 13:30 - Antwort Kommentar melden

        Ich bin gerade von Brot auf Haferflocken umgestiegen, weil die Glutenmenge deutlich geringer ist und durch seine Ballaststoffe den Darm gesund macht. Hafer sorgt auch für die Senkung von Blutfett und LDL-Cholesterin.
        Wer nicht unter Zöliakie leidet, kann durchaus gewisse geringe Glutenmengen vertragen. ABER : Ich halte es für wahrscheinlich, dass die Verkleinerung der Darmzotten durch Gluten jeden Menschen betrifft und nicht nur Zöliakiekranke. Erst im Alter bemerkt man die Folgen, und ich glaube, dass Alterung parallel zur Verkleinerung der Darmzotten läuft. Das macht keine Beschwerden, deshalb interessiert es die Leute nicht, und Alterung ist unabwendbar. Wirklich ???

    • Chris Michalk 26.04.2021 at 20:45 - Antwort Kommentar melden

      Alle Getreidesorten enthalten „Gluten“, aber die Rede hier ist von Weizengluten – und das ist eben Gliadin. Hafer enthält andere Glutenarten, die entsprechend anders wirken. Hafer dürfte zusammen mit Reis noch relativ unproblematisch sein. Bei Pseudogetreide kenne ich mich nicht gut genug aus, allerdings gibt es auch hier möglicherweise problematische Proteine.

      Kupfer: Es kommt ein bisschen drauf an. Wer z. B. Nüsse oder ab und zu Leber isst, dem reichen die 500 mcg im Multi.

      Kinder: Das geht schon, allerdings sollte man nicht mehr als 1-3 Kapseln pro Woche geben. Das ist meine Meinung dazu.

  3. Sascha 22.04.2021 at 13:02 - Antwort Kommentar melden

    Danke!

    Da scheint im Regierungsbezirk in Berlin aber ein ordentlicher Kupfermangel zu herrschen ;-)

    Der wird sicherlich auch nicht besser wenn die Grünen zuviel zu sagen haben. „Make Brötchen great again“

  4. Nic 22.04.2021 at 14:12 - Antwort Kommentar melden

    Hallo Chris,

    da ich Euer Kollagen schon länger nutze, sind meine Kupferwerte etwas gestiegen.
    Mir wurde dringend geraten, Kupfer nicht mehr zu supplementieren resp. auch Leber zu vermeiden da ein Erhöhung der Kupferwerte wieder hormonelle Auswirkungen für Schilddrüse, Nebenniere und Sexualhormone (Östrogendominanz) hat wie hier z.B. thematisiert
    https://natuerliche-hormonregulation.de/2015/10/06/kupferuberschuss/

    Kannst Du vielleicht das noch etwas beleuchten? Lieben Dank Nicola

    • Chris Michalk 22.04.2021 at 18:40 - Antwort Kommentar melden

      Kupfer kann man im Blut nicht messen. Der Kupfergehalt sagt nichts über die Versorgung aus. Das kann man höchstens, wenn man noch Ceruloplasmin und den Entzündungsstatus mitmisst…

  5. Fred 26.04.2021 at 18:38 - Antwort Kommentar melden

    Leber ist eine der besten Möglichkeiten die drei Mikronährstoffe Fe, Cu und Vit.A zu sich zunehmen. Alle drei bedingen sich, von daher ich nur noch auf das Vit. A hinweisen wollte, was in dem Artikel „zu kurz“ gekommen ist.
    Kleine Anekdote aus meinem klinischen Leben: Der Prof. bei der Visite zu einem Patienten „Ihre Fe Werte sind ganz schön niedrig Herr xy, wir geben ihnen mal Fe.“ Der Patient sagt:“Naja Herr Prof., das versucht mein Hausarzt schon seit 2 Jahren mit Fe zu therapieren, bisher ohne Erfolg.“ Prof. „Ach ja Herr xy, na dann, wir geben ihnen erstmal Fe.“ ???????
    Ich bin nach der Visite zum Patienten und hab ihm das mit dem Kupfer etc. erklärt und ihm geraten kein Fe wegen dem „toxischen“ Potential einzunehmen, sondern erst einmal Kupfer und nach 3 Monaten die Werte zu kontrollieren usw.
    Leider ist diese Herangehensweise des Herrn Prof. keine Seltenheit in deutschen Kliniken. Das Thema „Funktionale Biochemie“ musste der ach so „tollen“ Pharmakologie weichen.

  6. Thorsten S. 26.04.2021 at 20:21 - Antwort Kommentar melden

    Hallo Chris,
    in der luten/Leptin Arbeit heißt es auch: „Heat-treated gluten digest did not inhibit leptin binding.“
    Was muss man sich unter Hitzebehandeltem Gluten vorstellen? Reicht u.U backen und oder toasten? Oder hat es damit nihts zu tun? UNd es geht um „in vitro“ Versuche. Ob die Effekte am /im Menschen auch nachweisbar sind ist noch offen; auch wenn es Intressante Versuchsergebnisse sind.

    LG
    Thorsten

    • Chris Michalk 26.04.2021 at 20:41 - Antwort Kommentar melden

      Hi Thorsten,
      ja, aber du musst schon auch die ganze Arbeit lesen ^^ Ergebnisse werden immer in einem Kontext präsentiert, der die Arbeit in der Einleitung bzw. im Diskussionsteil umschließt. Es ist zwar eine in-vitro-Arbeit, aber das haben mechanistische Studien eben so an sich. TROTZDEM hast du natürlich recht, dass man DARAN kausal sehr wenig bis nichts ableiten kann. Ich werfe es einfach mal in den Raum.
      Zur Temperaturbehandlung. Digest + heat scheint die toxische Aktivitäten auszumerzen, das ist korrekt. Allerdings sollte man beachten, dass Digest + heat was anderes ist als z. B. heat + digest. Hinzu kommt, dass die Studie darlegt, dass es Gliadin immerhin ins Blut schafft – die Frage ist, inwieweit Backen z. B. die Aktivität aufhebt. Die Studie schreibt weiterhin: Cereal grain proteins have sufficient properties (i.e. they are unique, are present in human food, are heat-stable, are resistant to gastro-intestinal breakdown, enter the human circulation, and bind to cell surfaces and receptors) to cause leptin resistance by inhibiting binding of leptin to the leptin receptor.
      Heißt: Der Schluss liegt nahe, dass es in vivo durchaus biologische Effekte gibt, ähnlich wie das ohnehin für viele andere Peptide beschrieben wurde.

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