Mentales

Hochbegabung & Alien Nation – Ein Kommentar

Ich weiß, dass folgende Zeilen oft direkt eine Art Abwehrhaltung erzeugen. Trotzdem ist es mir ein Anliegen, über dieses Thema zu schreiben und ich bitte darum, den Kommentar einfach „zu überlesen“, sollte er schlechte Gefühle jeglicher Art „machen“. Heute mal (wieder) keine Biochemie.


Als wir im Zuge der Veröffentlichung unseres ersten Buchs (2014) unseren damaligen Lektor und Blog-Leser Michael kennenlernten, schickte er mir einen Artikel von einer Bloggerin mit dem Namen „Frau Meike“, Titel des Eintrags:

ALIEN NATION

Im Wesentlichen beschreibt die Bloggerin in diesem Artikel die Probleme, die sie als Hochbegabte hat. Sie fühle sich wie ein Alien.

„Ich habe mich viele Jahre meines Lebens isoliert gefühlt. Wie ein Fremdkörper unter den Menschen. Es war als ob ich etwas sehen kann, was die anderen Menschen nicht sehen. Es war als ob ich etwas fühlen kann, was die anderen Menschen nicht fühlen. Es war als ob ich etwas hören kann, was die anderen Menschen nicht hören.“

Was als Folge passiert, ist, dass sich diese „Aliens“ auf der einen Seite nach nichts mehr sehnen als einfach mal verstanden und nicht nur gesehen zu werden – einfach mal das Gefühl zu haben, ankommen zu dürfen. Wieso ist das so schwer?

Auf der anderen Seite aber ergibt sich schon früh das Gefühl der Frustration, und als Folge isolieren sich diese Aliens: Sie suchen nach Mehr (überall im Leben), aber vor allem nach Ruhe! Wieso ist immer alles so laut und trotzdem banal?

Letzteres in erster Linie deshalb, weil es sofort und quasi immer, wenn auch nur gefühlt, Reibung mit anderen Menschen gibt, sobald es zum Kontakt kommt. Wieso versteht (mich) denn niemand?

Solche Menschen wollen sich in Ruhe kognitiv austoben … „Alien-Kinder“ tauchen oft stundenlang in ihre eigene Welt ab, saugen sie auf oder erschaffen – oft äußerst Komplexes. Mehr noch, wenn es ihnen nicht gut geht.

Zeitgleich suchen „Aliens“ nach emotionaler Erfüllung – vor allem müssen sie sich trotz allem kompatibel mit der Welt machen. Und alles mit genau dem gleichen hohen, komplexen und quasi perfektionistischen Anspruch.

Diese Aliens suchen die tiefsten Meere aber finden im Alltag oft nur einen seichten Tümpel. Dabei und beim steten Versuch, doch mal irgendwie mehr zu finden, bluten sie oft aus.

Was dabei rauskommt, hat uns Frau Meike mit ihrem Blog-Post gezeigt.

Für solche Menschen gibt es im Wesentlichen fünf große Probleme:

  1. Sie erkennen es nicht und suchen stattdessen irgendwann die „Fehler“ bei sich – eben weil sie wissen und von anderen trotzdem das Gefühl bekommen, falsch zu sein oder falsch zu liegen.
  2. Sie passen sich der Umwelt und den Normen an, die die anderen Menschen um sie herum konstruiert haben. Das führt oft dazu, dass sie sich selbst nicht finden, weil sie stattdessen ein Leben lang versuchen, „normal“ zu sein. Mehr noch: Weil „normale Menschen“ nicht selten etwas abfällig und abwertend über solche Aliens oder das „Outing“ solcher Aliens sprechen, trauen sie sich irgendwann noch nicht einmal ernsthaft darüber nachzudenken, ob sie vielleicht ein solcher Alien sein könnten – oder wissen es zwar, passen sich aber bewusst an und verstecken sich. Da es aber doch irgendwie raus will oder raus muss, entwickeln sich oft (extreme) Kompensationsverhalten.
  3. Sie sind konstant damit beschäftigt, starke „Abwehrmechanismen“ zu entwickeln, um sich selbst zu (be-)schützen, weil sich das Verhalten anderer oft anfühlt, als würden Trampeltiere ohne Rücksicht die innere Welt dem Erdboden gleichmachen.
  4. Sie erleben täglich hautnah den Dunning-Kruger-Effekt. Nämlich in der Form, dass viele andere Menschen die komplexe Gedanken- und Gefühlswelt dieser „Aliens“ gar nicht verstehen können und sie stattdessen auf Grundlage ihrer Maßstäbe bewerten. Die Folge: Reibung, nicht selten Beleidigungen! Im Extremfall: Der „Alien“ zerbricht daran, weil immer an ihm rumgezoppelt wird und er nie er selber sein darf, obwohl es gerade diesem Alien ein Grundbedürfnis ist, maximal autonom zu sein. Auch und gerade mit Blick auf seine eigenen Lösungswege.
  5. Es ist anstrengend. Weil sie konstant am Verarbeiten sind – denn sie sehen und spüren, obwohl sie vielleicht gar nicht sehen und spüren wollen.

Dieser Beitrag soll für alle sein, die sich in diesen Zeilen wiederfinden. Weil ich genau weiß, wie sehr „man“ darunter leiden kann und wie viele solcher Menschen tatsächlich täglich darunter leiden, ohne ihr „Problem“ zu kennen – was leider eine Vielzahl an Folgeproblemen erzeugt. Mit zum Teil ganz gravierenden Auswirkungen!

Und: Die „Aliens“ sind gar keine Aliens. Sie sind normale Menschen, die vielleicht ein bisschen intensiver fühlen, ein bisschen besser sehen und ein bisschen lauter hören – sie wollen sich nur ausleben und dabei zeitgleich noch immer dazugehören dürfen. Also das, was jeder Mensch möchte.

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Kommentare (12)

  1. Sich selbst zu akzeptieren auch (oder gerade wenn) andere das nicht tun – eine Lebensaufgabe. Immer wieder schön dann solche Zeilen zu lesen! Sich aufgeben um ins System zu passen, eine Sackgasse in die man leicht kommt und nur schwer wieder raus…

    1. … oh wie ich weiß, um diese Erfahrungen (leide leider immer wieder darunter… …)… wurde zum Anpassungsmenschen… konnte nicht gutgehen… viele „Krankheiten“… tauchten auf, um mir Signale zu senden… mich alleine fühlen, das kenne ich…
      Mittlerweile akzeptiere und liebe ich mich… was habe ich mir schon alles sagen lassen… … von der Familie nicht „gesehen“ zu werden zerreißt einen bereits in der Kindheit… nicht gerade ein Bonus, um ins Erwachsenenleben zu starten… ich kämpfe seit jeher und nehme von immer mehr Menschen Abstand, die mir nicht guttun… lebe selbstbestimmt… … Manchmal ist Alleinsein besser. Sonnige Grüße an Euch…

  2. Was?! Es gibt gaaanz normale Menschen? Ich habe noch keinen getroffen 😉 . Die Doofen fühlen sich unverstanden und wählen zB. AFD und die Begabten schreiben philosophisch, melancholische Texte über die Illusion des „Normalen“.
    Sind doch echt alle bekloppt außer Mutti :). *Ironie des Lebens

  3. Die Doofen wählen wohl eher Grün, die sehenden sehnen sich nach einer Welt, in der sie autonom entscheiden können und dürfen. Leider ist das in der heutigen politischen Landschaft nicht mehr möglich und als Hochbegabter oder leistungsorientierter Mensch wird man immer und überall entweder nicht verstanden oder in die Ecke gestellt, genau wie Chris es schreibt, weil die plumpe Masse leicht empfänglich ist für ideologische Meinungsmache von links oder rechts, und eben nicht selbst denken kann oder will. Darum glauben die dann auch Geschichten, wie die von der bösen Pharmalobby, die mit Vitamin D Millionen macht. Ist ja auch plausibel, dass die mit ein paar freiverkäuflichen Pillen für 3 Cent pro Tag Geld scheffeln will, wo doch die Medikamente für die Folgekrankheiten ein paar Milliarden bringen… Oder an kleine Mädchen, die auf Hauptverdammlungen von Energiekonzernen ihre 5 Minuten Weltverbrsserer Auftritte medienwirksam inszenieren dürfen. Wenn die Jugend es ernst meint, dann sollten sie z. B. 3 Tage die Woche aufs Handy, Internet und Streaming verzichten und schon könnten wir direkt 1 Prozent des globalen Energiebedarfs bzw Kraftwerkparks abschalten. Aber wer die Fakten kennt und wissenschaftlich basierte Lösungen anbietet wird ja nicht gehört, sondern von der einen oder anderen Seite in der modernen Hexenjagd verfolgt. Und davor hätten wir gerne unsere Ruhe, aber leider ist uns das wie Chris schreibt kaum mehr vergönnt und so kann man sich nur noch die Augen und Ohren zu halten und zusehen, wie der Mob das Land und die Welt konsequent populistisch in den Abgrund steuert.

    1. Bzgl. Fakten & Wissen: Auf ARTE gab es vor Kurzem eine sehr gute Doku warum der Mensch oft wider besseren Wissens handelt. Ein Satz hat sich mir besonders eingeprägt: „Der Mensch handelt nur zu ca. 20% aus rational en Gründe“. Tja das erklärt wohl Vieles und so sind wir nunmal gestrickt. Wer da den Fluch (oder Segen) hat faktenorientierter zu HANDELN ist da natürlich oft betrübt. Es gibt nur einen Weg die Welt zu verbessern und zwar mit einer POSITIVER Haltung und unermüdlicher Vorbildfunktion. Be Happy!

  4. Danke, Chris. Ich wünschte jemand hätte das meinem Minderjährigen Ich erklärt – es ist nicht einfach als größtenteils Einzelgänger durch die gesamte Schullaufbahn zu gehen.

  5. Jaaaa … fühlt sich da nicht (fast) jeder angesprochen? Wir alle ein Volk von Hochbegabten (auch wenn, ich konzediere, auf diesen Seiten natürlich eine gewisse Positivenauslese erfolgt).
    Angeblich, so ein in meiner Kindheit gemachter Test, soll mein IQ bei 140 liegen. Naja, meine schulischen/universitären Erfolge belegen schon eine weit überdurchschnittliche Kompetenz (zu den 2% Besten eines intellektuell fordernden Studienfaches zu zählen ist schon ein gewisses Indiz), auch merke ich im Beruf und auch meinen privaten Interessen, daß mir vieles deutlich leichter fällt, einfacher erscheint als anderen. Aber das Leben anders wahrnehmen, um es einmal sehr kurz zu formulieren, als „die anderen“ – nein, das könnte ich nicht sagen.
    Natürlich habe ich beruflich den Vorteil, daß ich mich fachlich, professionell, fast nie mit Normalos befassen muß, und daß ich mich mit der Kommunkation mit Fachfremden auf ein niedriges Laienniveau begeben muß weiß ich seit mehr als 30 Jahren, und auch viele meiner Privatinteressen spielen in vergleichbaren Sphären. Und da ich mich bei persönlichen Kontakten von Schwachmaten fernhalten kann gibt es nur wenig solcher Reibungsflächen. Richtige Probleme gibt es eigentlich nur in Foren, in denen sich anscheinend überwiegend die einfach Strukturierten der Welt tummeln, etwa bei Harley Davidson oder Krafttraining.
    Aber insgesamt betrachtet … nein. Möglicherweise bin ich aber/also überhaupt nicht „so“ hochbegabt, oder es gibt zwischen einfach „nur“ sehr deutlich überdurchschnittlich und hochbegabt eine spürbare Schwelle – oder viele Hochbegabte haben zu wenig aus ihrer Begabung gemacht, arbeiten nicht in einer adäquaten Tätigkeit, so daß sie sich täglich mit schlimmen Normalos herumquälen müssen.

    1. Es ist, wie du richtig andeutest, kontextabhängig. Und das, was im Artikel oben beschrieben steht, ja kein Erlebnis, das auf jeden zutreffen muss, der mit einem IQ >130 durch die Gegend läuft 🙂

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