Mentales

Die Weisheit der Biologie

Ich liebe Biologie und die Biochemie, weil sie in der Lage sind, im Kleinen zu beschreiben, was für das Große entscheidend ist. Mit anderen Worten: Biologie wollte ich deshalb studieren, weil ich das Leben – zumindest in Teilen 🙂 – verstehen wollte.

Nehmen wir als Beispiel mal das „Schicksal“ von Zellen. Am Anfang der Reise steht die befruchtete Eizelle. Mit einem voll funktionsfähigen, weil kompletten Genom ausgestattet, ist sie „totipotent“. Sie und die ersten „Stammzellen“, die daraus entstehen, können quasi jedes erdenkliche Schicksal annehmen.

Doch nicht mehr lange, und der kleine Zellhaufen differenziert sich zunehmend. Das Schicksal einer jeden Zelle wird konkreter. Noch sind die Zellen pluri- oder multipotent, haben viele Entwicklungsmöglichkeiten. Auf dem Weg zur erwachsenen Zelle können Zellen je nach Signal ein bestimmtes Spektrum an möglichen Endzuständen abdecken.

Je differenzierter eine Zelle ist, umso strikter ist sie an ihr Schicksal gebunden und umso schwieriger wird es, die Zelle wieder umzupolen. Heißt, mit „viel Liebe“ kann eine schon recht differenzierte (Stamm-)Zelle immer noch ein ziemlich großes Spektrum an Entwicklungsmöglichkeiten abdecken. Wen wundert’s: Aktuelle Forschungen zeigen, dass dieses Potential viel größer ist als bisher angenommen.

Tatsächlich wurde neulich herausgefunden, dass alle Zellen über ein Gedächtnis verfügen, mit dem sie sich an ihren Zustand in der Embroynalphase „erinnern“ können. Ein gewisser Weg zurück scheint also prinzipiell selbst im sehr weit fortgeschrittenen Stadium immer noch zu existieren. Dadurch hat eine jede Zelle ein ungeheures Potential zur Heilung.

Lange Rede, kurzer Sinn: Eine ausdifferenzierte Zelle, die bereits zur Muskel- oder Gehirnzelle geworden ist, ist stark eingeschränkt, was ihre Flexibilität und Reaktion auf Umweltreize angeht. Soll heißen: In diesem Stadium braucht eine Muskelzelle einen ganz anderen Input, eine ganz andere Nische als eine Hirnzelle.

Ich finde das spannend. Auf dem Weg zu unserem eigenen Erwachsensein differenzieren wir uns auch zunehmend aus. Wir werden viel spezifischer in der Ausprägung unserer Merkmale und verlieren zeitgleich ein großes Maß an Flexibilität.

Alte Schriften wissen das natürlich: Deshalb ist immer die Rede vom „Loslassen“, vom „Nichtklammern“ – der Körper und alle Anlagen, die er mitbringt, dürfen sich dann – im Einklang mit den Umweltanforderungen – voll entfalten. Mehr noch, ein gesunder Körper wird automatisch dafür sorgen, dass er sich in die richtige, in die für ihn richtige Umwelt bzw. Nische setzt.

Treib’ den Fluss nicht an, lass’ ihn strömen. (Lao-Tse)

Umgekehrt heißt das, dass wir mit zunehmendem Alter zunehmend aufpassen müssen, in welches Umfeld wir unseren Körper (und damit unseren Geist) zwängen wollen. Das funktioniert nicht – tatsächlich wird ein zu starkes Abweichen davon viel eher zu Krankheiten und Dysfunktionen führen.

In gewisser Weise müssen wir irgendwann unser ganz eigenes Schicksal akzeptieren. Wir haben nicht „alle Möglichkeiten der Welt“. Wir haben das Spektrum an Möglichkeit, das der liebe Gott, die Natur, die Evolution oder sonst wer, uns mitgegeben hat. Viele Menschen machen das ganz nebenbei, sprich intuitiv richtig. Andere Menschen wollen auf Biegen und Brechen Zustände und Szenarien herbeiführen, die für das eigene Leben so nicht bestimmt sind.

Dieser Weg, hab ich ihn oder hat er mich gewählt?

Eigentlich könnte man noch einen Schritt weitergehen, und sich fragen, was wir überhaupt steuern. Richtig zu leben heißt im Endeffekt nämlich, in der perfekten Illusion zu leben. Denn wenn der Körper „macht“, das heißt gesund und hormonell voll auf den Beinen ist, drückt er uns durchs Leben – ob wir wollen, oder nicht. Und in einem gesunden Körper – inbegriffen ist der gesunde Geist – fühlt sich das auch noch verlockend gut an. Dann wird es schwer, zu verstehen oder zu sehen, was davon wir wollten, was davon wir glaubten zu wollen und was davon … einfach das Leben, dessen Teil wir sind, wollte. Im Endeffekt ist es auch egal, weil es sowieso alles eins ist.

Am Ende heißt es dann: Es passiert einfach. Und das ist gut so.

Alles, was man übers Leben und seine eigenen „Gesetze“ wissen muss, steckt bereits in der Biologie … und in der Biochemie!

PS: Was passiert denn mit Menschen, auf die zu der falschen Zeit die falschen Umweltsignale wirken? Was passiert mit Menschen, die „falsch“ differenzieren? Wir alle haben eine Richtschnur in uns, eine „Kraft“, die uns immer wieder auf den richtigen Weg bringen will. Das spürt man aber nur, wenn man es lässt. Offen für Neues, Loslassen beim Alten.

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Kommentare

  1. Sehr schöner und guter Kommentar, danke dafür, ich bin auch ein Fan von Biologie…, aber vor der Biochemie gibt es noch die spannende Physik, denn ohne Physik keine Chemie. Zum Glück gibt es heutzutage tolle Physiker, die mit Biologen, Hirnforschern… zusammen vernetzt arbeiten.
    Ich geh mal davon aus, dass Ihr Rubert Sheldrake’s Bücher kennt, wenn noch nicht, dann lesen. Aber ich glaube Ihr kennt sie.

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