Mentales

Abstraktionsvermögen

Leider fällt mir in letzter Zeit vermehrt auf, dass sich Menschen (nicht per se unsere Leser) schwertun, Sachverhalte oder Erläutertes so zu verstehen, wie es gemeint ist. Gut, jetzt weiß ich natürlich, dass es auch viele „Beginner“ gibt, die sich erst seit kurzem mit den Themen befassen – von denen rede ich aber nicht. Mir geht es eher um diejenigen, die anderen was erklären wollen, aber selbst offensichtlich ein paar Defizite beim Verstehen und Einordnen von (neuen) Sachverhalten haben.

Das war ja immer das große und ausgerufene Ziel der gymnasialen Oberstufe bzw. später dann der Uni. Sachverhalte nicht nur anzugucken und separiert zu betrachten, wie ein Äffchen, das sich von Ast zu Ast hangelt. Sondern, auch in der Lage zu sein, das Ganze aus der Metaperspektive zu sehen – und dann gedanklich zu modellieren und modulieren. Also: nicht nur jeden Ast zu sehen, sondern jeden Baum, den ganzen Wald – und sich dann am Ende die Frage zu stellen, wieso das jetzt ein Laub- und kein Nadelwald ist.

Im Mittelpunkt solcher Prozesse steht das Abstraktionsvermögen. Das heißt: zu wissen, wie der Prototyp eines Stuhls aussieht und dann in der Lage zu sein, andere Objekte ebenfalls als Stuhl zu erkennen, auch, wenn die nicht aussehen wie genau dieser eine Prototyp-Stuhl – und umgekehrt. Man könnte es auch so beschreiben: Nicht im Detail hängen zu bleiben, sondern ein tiefgreifendes Verständnis dafür zu bekommen.

Ich nenne das gerne: die Fähigkeit, die Großhirnrinde (Kortex) zu benutzen. Weil sich solche komplexen (Analyse- und Abstraktions-)Vorgänge genau dort abspielen. Der Kortex gehört zu den neuesten und gleichzeitig komplexesten Strukturen des (menschlichen) Gehirns. Das ist ganz bestimmt kein Zufall.

Gemein, ich weiß: Wenn Menschen kognitiv in sich zusammenfallen und immer „primitiver“ zu werden scheinen, dann liegt es meistens genau daran. Bei denen versagt der Kortex. Deshalb kann man mit ziemlicher Sicherheit sagen, dass ein Altkanzler Schmidt auch im höchsten Alter noch voll da war. Beeindruckend! Da will man gar nicht wissen, wie gut seine Auffassungsgabe und Geschwindigkeit im Gehirn in jungen Jahren war.

Ach ja: Massiver und chronischer Stress sorgt dafür, dass diese höheren Bereiche des Gehirns zunehmend abgeschaltet werden. Wie man sich dann verhält, weiß jeder, dem es mal so ging. Vom weisen Menschen zum ängstlichen, emotions- und triebgesteuerten Reptil. Umgekehrt gibt es „psychische Erkrankungen“, bei denen Menschen genau das erfahren, und einfach nicht mehr an die Oberfläche kommen.

Ein gut ausgeprägtes Abstraktionsvermögen hilft, Transferleistungen zu erbringen. Also, Gelerntes und gelernte Problemlösungen auf andere Themengebiete zu übertragen, und – gepaart mit eigener Erfahrung – so zu extrapolieren, dass – wenn auch vorsichtig – neue Schlüsse gezogen oder Hypothesen aufgestellt werden können. Und genau da hakt’s dann meistens.

Okay, long story short …

Aufgefallen? Hier geht’s dann meistens um etwas, was man Differenzierung nennt – nur, weil etwas ähnlich aussieht, ist es nicht automatisch gleich oder dasselbe. Ganz interessant hierbei ist ja, dass Differenzieren und Abstrahieren sich irgendwo gegenläufig verhalten. So gesehen ist „schnelles, zielgerichtetes, hohes Denken“ auch ein fluides Denken, denn man switcht konstant vor und zurück. Das frisst natürlich Ressourcen.

Wohlgemerkt: Das sind ja noch die ganz einfachen Beispiele. Aber was denke ich wohl, wenn Leute mir Mails (z. B. als Antwort auf unseren Newsletter) schreiben, die sich ohne zu reflektieren echauffieren? Genau: Oh je. Weil es genau das Gegenteil von dem Level ist, auf dem ich gerne eine zwischenmenschliche Beziehung (wenn auch nur in Form eines Mail-Kontakts) führen bzw. mich fachlich austauschen würde. Ich kriege da Kopfschmerzen.

Ich glaube, in manchen Bereichen atrophieren wir ein bisschen. Nicht böse gemeint. In einer Welt, in der augenscheinlich – und tatsächlich – alles komplexer wird, versuchen wir, mit all den Informationen genau das Gegenteil zu machen: Sie so zu vereinfachen, dass sie uns einfach reinlaufen. Aus diesem Grund wirkt auch Populismus zu oft gut – und erreicht genau die, die besonders empfänglich dafür sind. Nämlich jene, bei denen das „höhere Denken“ sowieso nicht gut funktioniert.

Es ist schon verrückt. Da hat uns die Evolution ein Gehirn geschenkt, das derart „weise, erhaben, hoch, komplex“ denken, fühlen und erleben kann. Mitten im „struggle for life“ haben unsere Vorfahren wunderschöne Kunst erschaffen, man denke nur mal an die Wandmalereien in den Höhlen. Welches „Tier“ kann sowas von sich behaupten? Und was machen wir? Wir lassen genau diese höheren Bereiche des Gehirns derart atrophieren.

Vielleicht liegt es auch an der hiesigen Omega-3-Mangelversorgung? Ein bisschen DHA würde sicher helfen – man weiß es nicht 🙂 Aber mal im Ernst: Für mich ist das Ausdruck der großen zellulären Energiekrise, der allgemeinen mitochondrialen Dysfunktion. Denn genau diese Mitochondrien stellen die Energie bereit, die für ein so komplexes, aber für einen Homo sapiens (man achte auf die lateinische Bedeutung) eigentlich normales Denken, notwendig ist. Kein Witz. Wie im Kleinen, so im Großen. Wo wir wieder bei unserem Lieblingsthema wären: „Die Biochemie der zellulären Energieproduktion“. Gibt’s auch als Buch 🙂

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Kommentare (2)

  1. Was für ein treffender Artikel! Du sprichst mir aus der Seele!
    „So gesehen ist „schnelles, zielgerichtetes, hohes Denken“ auch ein fluides Denken, denn man switcht konstant vor und zurück.“ – Ich finde wenige Menschen, mit denen ich so denken kann…
    Wenn ich groß bin, heirate ich Dich 😉

    1. Vielen Dank für deine lieben Worte 🙂 Ich finde auch nicht viele Menschen, mit denen ich so denken kann! Bezüglich Heirat muss ich dich allerdings enttäuschen! Ich bin nicht verfügbar 🙂

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