Low Carb

Ein für alle Mal: Obst ≠ Fruktose

Manchmal fragt man sich, ob wir eigentlich schon im Jahr 2020 angekommen sind … oder ob einige so im Jahr 2009 oder 2010 hängen geblieben sind.

Damals nämlich glaubte man zu wissen, den Schuldigen für alle Ernährungsprobleme der Welt ausfindig gemacht zu haben: Zucker. Genauer: Fruktose. Und oft genug wurde das beliebig mit dem Wort „Kohlenhydrate“ ausgetauscht.

Wirklich, man muss sich da noch heute oft genug an den Kopf fassen: Wie zur Hölle können „Kohlenhydrate“ für all das verantwortlich sein, wenn nachgewiesenermaßen sogar die gesündesten Populationen dieser Erde – aus kostengründen natürlich, die können nicht so viel über Ernährung philosophieren wie wir – hauptsächlich Stärke, Obst und Gemüse essen?

Kitava etc. widerlegt die These

Auch, wenn das viele nicht mehr hören können. Zu solchen Populationen gehören die Kitava-Bewohner, untersucht von Lindeberg et al. und analysiert in der berühmten Kitava-Studie:

Schlussfolgerungen: Von den analysierten Variablen scheinen Schlankheit und niedriger diastolischer Blutdruck die besten Erklärungen für die scheinbare Abwesenheit von Schlaganfall und ischämischer Herzerkrankung in Kitava zu bieten. Das niedrigere Serum-Cholesterin könnte einen gewissen Zusatznutzen bieten. Unterschiede in den Ernährungsgewohnheiten könnten die Ergebnisse erklären.

Oder hier:

Der niedrige Seruminsulinspiegel, der bei Kitavans mit dem Alter abnimmt, trägt zum Beweis bei, dass ein westlicher Lebensstil eine Hauptursache für Insulinresistenz ist. Niedriges Seruminsulin könnte teilweise die niedrige Prävalenz von Herz-Kreislauf-Erkrankungen in Kitavans erklären und hängt wahrscheinlich mit ihrer ausgeprägten Schlankheit zusammen.

Da fragt man sich schon: Die Kitava-Bewohner essen in der Hauptsache Kohlenhydrate und haben trotzdem nicht im Geringsten die Probleme, die wir hier haben. So ein drastischer genetischer Unterschied kann es gar nicht geben, dass Kohlenhydrate dort wunderbare Gesundheit … und bei uns Krankheit machen.

Wir könnten jetzt so weitermachen und auf andere Populationen eingehen … aber lassen wir das.

Der westliche Lebensstil (!) macht krank

Fakt ist: So ein nicht-westlicher Lebensstil scheint gesund zu machen. Wohingegen ein westlicher Lebensstil – man muss sich ja nur mal umschauen und umhören – krankmacht.

Dort haben Menschen mit zunehmendem Alter noch niedrigere Insulin-Spiegel – bei uns wird man im Alter erst mal so richtig insulinresistent und zum Diabetiker. Die kennen keine Herzkreislauferkrankungen, bei uns stirbt jeder Zweite daran. Also, ich weiß nicht, ob Menschen vielleicht kognitiv nicht in der Lage sind, so etwas Gravierendes überhaupt zu verstehen?

Denn das hieße ja: Jeder Zweite stirbt bei uns umsonst. Und wir echauffieren uns über die Coronavirus-Toten. Okay, es wird zynisch. Also könnte man ja rein theoretisch davon ausgehen, dass es mindestens zwei Ernährungsrealitäten gibt:

  • Eine, die man erfährt, wenn man isst, wie ein Homo sapiens in der Wildbahn halt essen würde.
  • Und eine, die man erfährt, wenn man es nicht tut.

Der gemeinsame Nenner der „richtigen Ernährung“ eines Homo sapiens dürfte sein, hauptsächlich wenig verarbeitete Lebensmittel zu sich zu nehmen. Dass so etwas wie „Magie“ wirkt, wurde vom renommierten Forscher Kevin Hall ja erst letztes Jahr bewiesen. Der hatte gezeigt, dass Menschen 500 Kalorien mehr essen, wenn sie sich der westlichen Ernährungsrealität hingeben.

Der richtige Lebensstil, basierend auf einer für Homo sapiens normalen Ernährung, justiert vieles von ganz alleine. Deshalb müsste man sich auch keine Gedanken mehr darüber machen, ob man einen Apfel zu viel essen kann oder nicht. Aus verschiedenen Gründen.

Fruktose aus Obst ist gar nicht Fruktose

… sondern Manuel Neuer. 🙂

Der wohl wichtigste Grund ist, dass Fruktose aus Obst eigentlich keine Fruktose ist, sondern Glukose. Auch wieder recht neu, vor zwei Jahren im auch guten Journal Cell veröffentlicht:

fruktose wird glukose im darm
Links: Niedrige Mengen von Fruktose werden im Darm zu Glukose verstoffwechselt. Rechts: Hohe Mengen von Fruktose übergehen diesen Mechanismus, weswegen höhere Fruktose-Mengen den Körper, vor allem die Leber erreichen.
  • Links, kann man sich vorstellen: Das Obst. Obst enthält pro Volumeneinheit wenige Kalorien, relativ wenig Zucker, liefert Faserstoffe und sekundäre Pflanzenstoffe. Die Matrix wird die Zucker- bzw. Fruktose-Freisetzung zusätzlich verlangsamen. Resultat: Der Körper merkt gar nicht, dass da gerade eine Ladung Fruktose reinkam, weil es erst gar nicht in der Leber landet.
  • Rechts, kann man sich auch vorstellen: 300 ml Cola abgepumpt.

Wobei man auch hier sagen muss: Leute, die halbwegs metabolisch gesund sind, schmecken, dass Cola ziemlich süß ist, und nehmen kleinere Schlücke, hauen sich das Zeug also nicht direkt in den Kopf.

Damit sollte jetzt auch der Letzte begriffen haben, dass man im Kontext einer gesunden Ernährung ganz sicher nicht zu viel Fruktose in Form von Obst essen kann – und entsprechend kann man nicht davon ausgehen, dass auch Obst jemanden metabolisch krank machen kann.

Zuletzt noch eine wichtige Anmerkung: Wir haben ja gelernt, wie wichtig ein gut verschlossener Darm ist, und dass ein ungesunder Lebensstil den Darm löchrig werden lässt. Wer jetzt mal kurz weiterdenkt, wird verstehen, dass die verlorene Barrierefähigkeit auch dafür sorgen wird, dass bei hohem Zuckerkonsum auch viel mehr Zucker in den Körper kommt …

Und so schließt sich erneut der Kreis: Der Lebensstil ist entscheidend. 

Im letzten, o. g. Artikel sagte ich, dass man oft genug ein bisschen glauben muss. Aber halt an das Richtige, von der Meta-Ebene aus betrachtet. Denn: Es kann doch nicht sein, dass wir bis ins Jahr 2018 glauben, Fruktose aus Obst mache krank.

Nur, um dann herauszufinden, dass der Körper doch nicht ganz so dumm ist, und einen Mechanismus erfunden hat, Fruktose „unschädlich“ zu machen. Das hätte uns auch vorher klar sein können.

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Kommentare (21)

      1. Antwort an Chris Michalk

        Ich meinte jetzt speziell was die Verstoffwechslung angeht. Teilweise hört man dass durch das Pürieren die Verdauungsgeschwindigkeit ähnlich hoch sei wie bei raffiniertem Zucker

  1. bei uns stirbt mitnichten „jeder zweite umsonst“ – sie sterben weil sie als die Viel-zu-Vielen ohnehin schon das Papier knapp werden lassen, und die Luft, und alles andere auch, sie sind der Überschuß, den keiner braucht und auch nicht will: außerdem wird auch deren Tod recht happig von der Angehörigen bezahlt, also nix da mit umsonst, umsonst gibbet bei uns goa nichts mehr, guck mal ich muss euch gar das Fernsehen bezahlen obwohl ich keines hab, ha!

    Antworten moderated
  2. Mit Sicherheit ist die isolierte Fructose, die von der Nahrungsmittelindustrie großzügig in Speisen und Getränken verarbeitet wird, deutlich schlechter zu bewerten als jene, die in ein komplexes Stoffgemisch wie Obst, eingebunden ist. Ebenso ist eine naturbelassene und unserer genetischen Ausstattung angepaßte Ernährungs- und Lebensweise das Fundament für gute Gesundheit. Allerdings fehlt mir eine etwas detailliertere Auseinandersetzung mit der Stoff, um den es hier geht: Fruktose kann vom menschlichen Organismus nicht unmittelbar zur Energiegewinnung herangezogen werden und bietet dem Körper auch sonst keine Vorteile. Sie muß als überflüssiger, den Körper belastender Stoff von der Leber abgebaut und umgewandelt werden, wobei dieser Vorgang mit der Verstoffwechselung von Alkohol identisch ist, Harnsäure produziert, alle weiteren Entgiftungs- und Aufbauprozesse in der Leber unterbrechen, die Leber innerlich verfetten lassen und eine Insulinresistenz im gesamten Körper erhöhen. Auch läßt sich unser heutiges Supermarktobst kaum noch mit ursprünglichem Obst vergleichen. Ausgelaugte, vergiftete Böden, Pestizideinsatz, unreifer Erntezustand und Lagerung vernichten einen Großteil derjenigen Pflanzenstoffe, die im Obst aus der Wildnis direkt die Stoffe mitliefern, die u.a. für die Entgiftungsprozesse der Fructose gebraucht würden.

      1. Antwort an Muschelschloss

        Der Zeitpunkt wo noch Obst gegessen werden kann könnte mit der Magenentleerung zusammenhängen. Aus einer Beobachtung ergab sich die Schlussfolgerung, das Obst bei längerem Aufenthalt im Magen gärt und somit Alkehol bildet und die Leber belastet (Transaminasenanstieg).
        Wer also vor dem Zubettgehen noch Obst isst, könnte bald bei den Leberwerten das Bild eines Alkeholikers abgeben. 😉

      2. Antwort an Muschelschloss

        Ost auf jedenfall vormittags…da es eh nicht lange im Magen verweilt (ca20-40 min) und der Zucker
        durch Bewegung eh verbrannt wird, vorausgesetzt man übertreibt es mit den kalos nicht.Aslo Kalorienrestriktion und Obst wäre sicher optimal….achja und Abends Essen…ich schlafe dadurch schlechter und auch länger.

  3. Ich finde Fruktose aus Obst für die Leber auch gar nicht verkehrt, immerhin wird so der Blutzuckerspiegel stabilisiert. Daher finde ich es morgens und nach einer Sporteinheit definitiv sinnvoll

  4. Ich glaub, wenn wir sonst alles weitgehend richtig machen inkl. naturnaher Bewegung und Mentalprogramm, dann kommt es auf ein Stück Obst mehr oder weniger nicht so sehr an. Meine Schwiegermutter ist kürzlich mit 97 verstorben. Die hat nicht über die Fruktose der Äpfel nachgedacht, die sie aß. Natürlich habe ich mich damit auseinandergesetzt, was die gut gemacht hat, um relativ gesund und glücklich alt zu werden. Sie hat viele Jahre ihres Lebens in extremer Not verbracht und musste das essen, was es gab, egal was das war.Sie aß hauptsächlich Milch ( + selbst gemachtem Graukäse und Quark)- Roggen vom eigenen Feld (neben Roggen auch Buchweizen) und der eigenen Kuh, dazu Gemüse aus dem eigenen Garten, Kräuter und Beeren (Preiselbeeren waren Hauptanteil – eingemacht übers ganze Jahr gegegessen) aus Wiese und Wald, Haselnüsse, Fleisch von Kuh und Schwein sowie Hühnern und deren Eier, ebenfalls selbst naturnah gehalten, gelegentlich Fisch – also sicher nicht jeden Tag Schnitzel. Obstbäume gibt es in den Höhenlagen in den Bergen auch nicht. Zukaufen von Lebensmitteln war viele Jahre nicht leistbar. Ich sah sie nie mit Alkohol, Limonaden und typischen Industriefoods, Drogen oder Zigaretten. Sie war bis ins hohe Alter im Laufschritt unterwegs. Die Bibel, die Natur, die Großfamilie waren ihr Mentalprogramm, sie war immer positiv und gut gelaunt, Güte und Nächstenliebe waren ihre Tugenden. Sie hat 13 Kinder geboren und sicher einiges durchgemacht.Die hatte diese ganzen Zivilisations Beschwerden auch nicht. Die hat trotz Roggen und Milch als Hauptnahrungsmittel intuitiv und aus der Not heraus mehr „paleo“ gelebt, als viele, die sich sehr bemühen, im Detail die richtige Lösung zu finden. Sie nahm sich einfach die Natur als Vorbild und benutzte ihren Hausverstand – studiert hat sie nie und das was wir heute als gute und wichtige Bildung verstehen, hat die nie genossen. Sie war eine einfache Frau aus einem kleinen Bergdorf. Hier gibt es viele solche Menschen – die Geschichten sind ähnlich. Ich habe für mich und meine Familie meine Schlüsse daraus gezogen. Mein Frühstück ist heute ein Heubad in der Bergwiese – fruktosefrei – hinter den sieben Bergen bei den sieben Zwergen am Ende der Straße – Irgendwann, wenn der Hunger kommt, gibts gebratenes Gemüse mit Ei und frischen Kräutern. Die hol ich mir jetzt.

  5. Ich finde, man kann uns nicht mit Urvölkern vergleichen. Vieviel Stunden sitzen die am Tag? Vermutlich 5 Minuten. Kohlehydrate und auch Fructose wird doch in Energie umgewandelt, die man braucht um sich zu bewegen. Wer sich in nem Bürojob 8 h nicht großartig bewegen kann, mit dem Auto pendeln muss und abends Kinder versorgt ist doch mit LowCarb besser dran, oder seh ich das falsch? Die Ernährung muss doch der restlichen Lebensführung angepasst werden. Der überdimensonierte Fleisch und Milchproduktekonsum aus grauenvoller Tierhaltung ist natürlich auch ne Katastrophe. Da bleibt doch nur noch Biogrünzeug, Nüsse und Hülsenfrüchte für die tägliche Ernährung und ab und zu mal Obst und Fleisch aus kontrollierter, giftarmer Landwirtschaft…

    1. Antwort an Sabine

      Bitte jetzt nichts dazudichten, was in diesem Artikel nicht steht. Die Message des Artikels ist: Iss naturbelassen und Lebensstil ist entscheidend. Da steht nicht: Bleib sitzen den ganzen Tag und friss nur Müll. Low carb ist ein Zugang, aber ganz sicher nicht der einzige.

  6. Was gibt’s interessantes über Kitava?

    Kitava ist eine kleine Insel in Papua-Neuguinea, nahe dem Äquator. Die Insel hat nur etwa 3.000 Einwohner.

    Nach der Kitava-Studie von Steffan Lindeberg sind keine der so genannten Zivilisationskrankheiten vorhanden!

    Die Ernährung der Kitava hat einen sehr hohen Kohlenhydratanteil (ca. 69 % des Energiegehalts). Das Hauptnahrungsmittel ist Wurzelgemüse (Yams, Süßkartoffeln, Taro und Tapioka). Außerdem werden Früchte (Kokosnuss, Bananen, Papaya, Ananas, Guave, Wassermelonen und Kürbis), etwas Gemüse, sowie ein wenig Fisch verzehrt.

    Aus Sicht der Ernähungs-Gurus, hängt die Gesundheit alleine von der „richtigen“ Ernährung ab. Ist die „richtige“ Ernährung am Äquator, auch die richtige Ernährung für Mittel- und Nordeuropa?

    Meine Vermutung:

    Die Inselbewohner von Kitava leben in einer Stammesgesellschaft. Sie leben in der Natur, und sind unbelastet von Chemikalien im Haushalt und in der Landwirtschaft. Sie werden nicht durch pharmazeutische Produkte und schulmedizinische Praktiken geschädigt, wie z.B. Medikamente, Kaiserschnitt, Impfungen und Quecksilberamalgam.

    Die Böden sind reich an Mineralstoffen und Spurenelementen. Es scheint das ganze Jahr über die Sonne. Die Menschen bewegen sich viel, halten sich die ganze Zeit im Freien auf, und sind dabei leicht bekleidet.

    Die Population hat noch gesunde Mitochondrien! Die Ur-Eltern waren gesund, die Großeltern, die Eltern waren gesund, und so sind es die Kinder!

    Wer am Äquator in der Sonne lebt, kann gesunde Kohlenhydrate problemlos vertragen.

    Wer in Mittel-und Nordeuropa lebt, die meiste Zeit des Tages, in Innenräumen unter Kunstlicht verbringt, und seit Generationen mitochondrial Vorgeschädigt ist, kann nur sehr wenige Kohlenhydrate vertragen, ohne langfristig krank zu werden.

    1. Antwort an Gerry M.

      Deshalb handelt ein ganzer Textabschnitt vom „Lebens“stil 🙂

      Zwei Aussagen der Vermutung würde ich allerdings nicht unterschreiben:
      – Es gibt keine Belege dafür, dass unsere Mitochondrien auch bei gesunden Menschen breitflächig dysfunktional sind, und dies einer epigenetischen Komponente im Sinne einer Vererbarkeit unterliegt.
      – Am Äquator kann – genau wie bei uns – derjenige „problemlos gesunde Kohlenhydrate vertragen“, der metabolisch gesund ist. Das ist auf Hawaii nicht anders als in Deutschland. Umgekehrt: Wer keine Kohlenhydrate aufgrund von mitochondrialer Dysfunktion verträgt, wird Fettsäuren auch nicht ordentlich verstoffwechseln können, daher erübrigt sich die Frage, welches Substrat besser ist. Wenn die Grundlage nicht stimmt, geht beides nicht gut.

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