Leistungsfähigkeit

Die heilige Widerstandskraft

In der Psychologie gibt es ja das bekannte Wort Resilienz – die beschreibt an individual’s ability to adapt in the face of adverse conditions. Heißt: Resilienz beschreibt genau genommen die Fähigkeit eines Individuums, sich so an ein schlimmes Ereignis „anzupassen“, dass die Krise nachhaltig und ohne gravierende und bleibende Schäden gemeistert wird.

Klingt so hübsch und einleuchtend. Und nach etwas, was ich haben will. Das Credo der Resilienz ist: „Was mich nicht umbringt, sollte mich eigentlich stärker machen“. Genau darüber hat ein Herr namens Richard Friebe, seines Zeichens Wissenschaftsjournalist mit Biostudium, ein Buch geschrieben.

Was sich hier so fancy anhört, ist wohl die wichtigste Eigenschaft eines jeden Organismus auf diesem Planeten. Denn im biologischen Sinne sprechen wir hier von Adaptabilität – als Voraussetzung dafür, dass wir Resilienz überhaupt erleben dürfen.

Adaptabilität ist die Fähigkeit eines Organismus, sich an Umweltveränderungen anzupassen. Hier dürfte es – beim Blick in die Gesellschaft – bei den meisten von uns schon klingeln, oder? Doch dazu gleich mehr.

So passen wir uns an

Adaptabilität ist einfach zu verstehen. Wir haben eine momentane Belastungsgrenze. Kennt jeder vom Sport. Der eine kann kaum 10 Minuten joggen, der andere hebt zu Beginn nicht mal die Olympiastange.

Je mehr wir uns dieser Belastungsgrenze annähern, umso stärker ist der Reiz, den wir in dem Moment setzen. Das wird in der Abbildung durch die zunehmende Stärke der Farbe Grün dargestellt.

In Folge passt sich der Körper (hoffentlich) an, die Belastungsgrenze verschiebt sich auf ein neues Niveau. Im Grunde kann man das Spielchen so lange treiben, bis man die für sich höchste Belastbarkeit erreicht.

Denn: Bringt man seine Fähigkeit in perfekten Einklang mit der Umwelt, sprich: man setzt den Pinguin ins Wasser und nicht in die Wüste, und reizt nun die Adaptabilität voll aus … gelangt man zum Höchsten der Gefühle,

dem genetischen Maximum. 

Grundlage unseres ersten Buches.

Dann heißt man vielleicht Frodeno und wird Champion auf Hawaii. Oder, genauso gut, man wird vielleicht ein Peter oder eine Petra, die ihre Aufgabe darin sehen, Kinder großzuziehen. Geht auch.

anpassung

Die mangelnde Adaptabilität

Adaptabilität strahlt eine gewisse Magie aus. Denn erst sie macht uns in einer Welt, die sich konstant ändert, lebensfähig. Und sie gibt uns Mut und Hoffnung, denn letztlich polstert sie uns – das, was eben noch hart war, ist plötzlich butterweich.

Nun ist das mit diesem Phänomen wie mit allem, was uns und unseren Körper betrifft. Wir gehen immer davon aus, dass Eigenschaften, die man so auf theoretischer Grundlage kennt und versteht, einfach so da sind.

Weit gefehlt.

  • Wer seit Monaten ohne große Fortschritte laufen geht …
  • Wer seit Monaten mit der Hantel trainiert und immer noch schwach ist …
  • Wer seit Monaten mit den immer gleichen inneren Konflikten hadert …
  • Wer seine Ernährung radikal umstellt … und gar nix passiert …
  • Wer immer gleich stark auf regelmäßigen Alkohol- und Kaffee-Konsum reagiert …
  • Wer im Leben so dehnbar ist wie ein steifer Stock …
  • Wer ständig in der Kälte unterwegs ist und doch immer wieder friert …
  • Man könnte auch sagen: wer nie mit dem Leben klarkommt, wer immer von allem und dauerhaft überfordert ist,

der zeigt eine dysfunktionale Adaptabilität. 

Hier ergibt sich kein deutlich besseres Belastbarkeitslevel. Daher wird der Moment, wo wir die momentane Belastbarkeitsgrenze überschreiten, sehr schnell erreicht – im Sport heißt so ein chronischer Zustand dann Übertraining, im echten Leben „Burn out“.

Die (zu) gute Adaptabilität

Umgekehrt gilt für Leute, die sich besonders gut und schnell an Dinge anpassen, dass sie sich konstant neuen Herausforderungen aussetzen müssen. Und, dass daraus manchmal auch Negatives resultiert. Beispiele:

  • Ein Körper, der sich besonders schnell anpasst, kann man nicht gleichförmig mit einer Kalorienrestriktion dazu bewegen, dauerhaft im gleichen Tempo abzunehmen. Hier müssen größere Fluktuationen her, sonst lacht einen der Körper mit der Zeit aus, weil die fitte Zelle enorm effizient wird.
  • Ein Körper, der sich besonders schnell anpasst, langweilt sich schnell beim Sport. Da reicht es nicht, nur mal ein bisschen Langhantel-Maximalkraft zu trainieren, so ein Körper braucht zudem hochintensives, anaerob-laktazides Training, sonst kriegt man die effizienten Typ-2-Fasern nicht mehr kaputt.
  • Einen Körper, der seine Belastbarkeitsgrenze in bestimmten oder vielen Bereichen stark nach oben gesetzt hat, kann gleichzeitig anfällig bei Teilbereichen werden, die noch nicht so gut angepasst sind. Häufig im Sport bei Sportverletzungen zu beobachten.
  • Mit einem Körper, der sehr belastbar ist, kann es auch mal zum Spiel mit dem Feuer werden: Wer verwöhnt ist, und denkt, immer locker Vollgas geben zu können, merkt vielleicht nicht, wie er übersteuert – Folge auch hier u. a. Burnout.
  • Und ein Körper, der sich schnell und ausgiebig anpasst, zeigt manchmal sogar vielleicht eine Maladaptation. (Prä-)Diabetiker, deren Bauchspeicheldrüse sich erschöpft, weil sie jahrelang Insulin auf Masse gepumpt hat, indem sie ihre Zellmasse erhöht … sind oder waren zwar gut darin, sich an die Nährstoffflut „anzupassen“, aber irgendwann geht der Schuss halt nach hinten los und das Kartenhaus bricht zusammen. Obwohl die „Ursprungsidee“ dahinter eher gut war.

Die zwei Seiten der Adaptabilität

Wie immer in der Biologie, hat also auch die Adaptabilität zwei Seiten. Sie sorgt dafür, dass wir Bock aufs Leben haben, weil uns Dinge schnell einfacher von der Hand gehen, der Körper sich anpasst.

Zeitgleich können sich daraus auch Maladaptation ergeben, und es wird von uns auf der Gegenseite verlangt, dass wir uns immer wieder herausfordern müssen. Sonst schläft der Körper ein, und das mag er am allerwenigsten. Um es in der Sprache von Jack Lalanne auszudrücken:

Der einzige Weg seinem Körper zu schaden ist, ihn nicht zu benutzen. 

Doppelt dumm wird’s halt, wenn man ihn gar nicht benutzen kann, weil er eine zu schlechte Adaptabilität zeigt.

Gründe, warum’s nicht klappt

Doch bevor das hier zu theoretisch wird, ohne konkreten Bezug zur Biochemie, will ich mal kurz ein Beispiel dafür nennen, warum der Körper sich nicht anpasst wie er soll. Hierfür zitiere ich mal aus unserem Buch:

Eine Schilddrüsenunterfunktion können Sie experimentell nachahmen, indem Sie in den jeweiligen Geweben die Enzyme ausschalten, die T4 in T3 umwandeln. Im Anschluss können Sie studieren, was beispielsweise im Muskel passiert. Zusammenge­fasst: Die trainingsinduzierten Effekte in der Muskelzelle, also zum Beispiel Neubildung von Mitochondrien, bleiben einfach aus. Wie nennt man das? Genau, umsonst trainiert.

So sehe ich uns, in unserem Land. Die ganzen Petras mit Hashimoto bzw. unbehandelter Schilddrüsenunterfunktion. Die ganzen mangelversorgten Kinder und Jugendliche, uns, mit unserem raffinierten bzw. hochverarbeiteten Essen.

Mysteriös oder geheimnisvoll an dieser magischen Adaptabilität ist, dass sie sich so genau und einleuchtend beschreiben lässt – obwohl ich auf der anderen Seite lügen würde, würde ich behaupten, zu wissen, wovon genau sie abhängt.

Denn natürlich sind Schilddrüsenhormone nur eine Stellschraube im Wirkgeflecht einer riesigen Fülle an Schaltern, die hier eine Rolle spielen. Sicher eine weitere wichtige Stellschraube ist eine funktionierende „Darm-Leber-Achse“.

Warum ich genau das heraushebe? Weil bei vielen von uns der Darm nicht funktioniert wie er soll – und wir zeitgleich mit unseren Leberverfettungen –und sonstigen Spielereien, die voll auf die Leber gehen, z. B. Medikamentenkonsum, zu viel Alkohol, zu viel Softdrinks etc. – dafür sorgen, dass auch die Leber nicht das macht, was sie soll.

Als Folge werden nicht nur wichtige Nährstoffe nicht ordentlich aufgenommen und richtig verteilt, sondern auch Botenstoffe bzw. Hormone werden nicht situationsgerecht ausgeschüttet.

Unterschätzen darf man allerdings auch nicht, dass wir unsere Enzyme und Stoffwechselwege, die für eine Anpassung wichtig sind, mit Umweltgiften bzw. Schwermetallen lahmgelegt haben könnten.

Denn: Zwar kann man auch die Entgiftungskapazität wachsen lassen, aber Schwellen können auch überschritten werden, und dann machen wir kaputt bzw. überfordern körpereigene Mechanismen (s. o.).

Fazit: Immer dieselbe Gestalt

Ist das nicht spannend? Ich meine: Wir haben ja gelernt, dass Testosteron ein Marker dafür ist, wie gesund der Mann ist. Jetzt wissen wir zudem noch, dass ggf. auch die Adaptabilität ein Marker dafür ist, wie gesund wir sind.

Tja. Wer aufpasst, stellt fest, dass wir immer mit den gleichen Fragestellungen konfrontiert werden. Oder anders ausgedrückt: Wir sprechen immer von verschiedenen Gesichtern derselben Gestalt. Wer das mal verstanden hat, hat bereits viel kapiert.

übersicht

Kommentare (6)

  1. Sehr schöner Artikel. Hat mich sofort an Antifragile von Nassim Taleb erinnert. Mitochondrien machen für mich den menschlichen Körper antifragil. Wir brauchen die Hormese um die Mitos zu vermehren. Ohne diese Regelmäßigen Sressoren können die Mitochondrien nicht gedeihen.

    Was macht für dich den Unterschied von Resilienz und Antifragilität aus?

    1. Danke dir! Nun Taleb selbst sagt, dass der wesentliche Unterschied darin besteht, dass Antifragilität die Eigenschaft beschreibt, nach Belastungen nicht nur auf das Ursprungsniveau zurückzukehren, sondern sogar besser zu werden. Im Kontext biologischer Systeme sehe ich hier aber keinen deutlichen Unterschied, weil biologische System von Haus aus „superkompensieren“ (wollen). Und selbst wenn man jetzt nur mal die Psyche isoliert nimmt (die ja an die Physiologie gekoppelt ist), dann gilt m. E. auch hier: Wenn jemand nachhaltig mit einem einschneidenden Erlebnis umgehen kann, ist er genau genommen „besser“ als vorher, denn dafür braucht’s u. a. coping-Strategien, die man vorher ggf. noch nicht hatte. Lange Rede, kurzer Sinn: Ich finde, dass es kaum einen Unterschied zwischen Resilienz und Antifragilität gibt.
      Übrigens bin ich voll bei dir: Mitochondrien spielen eine Hauptrolle dabei!

  2. „Wer seit Monaten ohne große Fortschritte laufen geht …
    Wer seit Monaten mit der Hantel trainiert und immer noch schwach ist …
    Wer seit Monaten mit den immer gleichen inneren Konflikten hadert …
    Wer seine Ernährung radikal umstellt … und gar nix passiert …
    Wer immer gleich stark auf regelmäßigen Alkohol- und Kaffee-Konsum reagiert …
    Wer im Leben so dehnbar ist wie ein steifer Stock …
    Wer ständig in der Kälte unterwegs ist und doch immer wieder friert …
    Man könnte auch sagen: wer nie mit dem Leben klarkommt, wer immer von allem und dauerhaft überfordert ist,
    der zeigt eine dysfunktionale Adaptabilität.“

    Das beschreibt quasi mein Leben der letzten 20 Jahre, bin jetzt bald 33. Abgesehen davon, dass ich eher hypermobil bin und durch Ernährungsumstellung vor einigen Jahren zumindest das Hashimoto (vermeindlich) Ruhe gibt. :D. SD – Werte immer tendeziell zu niedrig, nur nicht so niedrig, als dass man „was machen müsste“. Zudem ich selbst auf niedrigste SD-Hormongaben sehr krass reagiere und bei einem Arzt, der bereit war, das experimentell zu versuchen, leider abbrechen musste.

    Hat jemand ähnliche Erfahrungen?

    1. PS: von D3 in geringen Dosen so zwischen 1000 und 2000 i.E. scheiße Müde werde, von Selen und Jod total verschleime und mein Darm echt nur mit Fleisch, Nüssen und weichgekochtem Gemüse klarkommt. Trotz guter Nahrung, Sport in sehr strikt geplanten Dosen, weil mein ZNS zeitversetzt total überreagiert. Grübelei trotz Meditationspraxis usw. Usw.

      Soll nicht nach Gejammer klingen, versuche seit 10 Jahren aktiv Lösungen zu finden.

      Vielleicht kennt das jemand.

      1. Mir drückt sich da eine Vermutung auf :

        Das Ganze klingt wie eine persistente Infektion.
        Alternativ eine chronische Schwermetallvergiftung.

        Wohnst Du in der Nähe garstiger Zecken? Mal gebissen worden?

        Hast Du mal ein umfangreiches Toxscreening gemacht?

        Das wären so die Schritte, die ich direkt mal abklappern würde.

  3. Hast du schon mal an B12-Mangel gedacht?
    Gibt’s als 1.000- und 1.500-ml-Ampullen zum subcutan spritzen.
    Aber nicht Cyanocobalamin sondern Methylcobalamin.

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