L-Carnitin

Warum Ernährungsextreme einfach nicht funktionieren und nie werden

Leute neigen ja dazu, immer wieder bis ans Limit zu gehen, weil sie nicht verstehen wollen, dass sie „das Maximum“ nicht am jeweiligen Extrem erreichen, sondern …

in der Mitte. 

Das wird nicht verstanden. Es geht nicht in die Köpfe. Okay, ehrlicherweise ging es auch ganze lange nicht in meinen Kopf – und auch ich bin da immer noch im Lernprozess.

Mal ein Beispiel.

L-Carnitin ist extrem wichtig

Carnitin ist weitaus wichtiger als vielen Menschen klar ist. Das Problem beginnt ja meistens schon mal genau hier – wenn man einem Veganer erklären will, dass die endogene Synthese von L-Carnitin VIEL zu limitiert, aber L-Carnitin an sich VIEL zu wertvoll ist. Warum?

… um mal einige Punkte genannt zu haben.

Endogene Synthese am Tag: bis zu 20 mg pro Tag. Ein Stück rotes Fleisch (300 g) … bis zu 300 mg. Hier kommt schon der Wink mit dem Zaunpfahl, denn: Wenn ein großes Stück Fleisch die endogene Syntheserate schon mal um den Faktor 15 übersteigt, könnte man sich vorstellen, dass das a) schon sehr, sehr viel für den Körper ist und b) dass man hier schon entsprechende Wirkungen abgreift.

Schilddrüsenhormone und Carnitin wechselwirken bzgl. ihrer Wirkung

Das ist ja alles schön und gut. Aber: L-Carnitin bringt vor allem im Energiestoffwechsel nur wenig, wenn jenes Hormon nicht in ausreichenden Mengen vorhanden ist, das den Energiestoffwechsel quasi im Alleingang an- und ausschalten kann. Die Rede ist von T3, also dem aktiven Schilddrüsenhormon.

Die Natur ist natürlich nicht dumm. Die sagt: Okay, wir haben hier zwei Substanzen, die den Energiestoffwechsel sehr positiv beeinflussen – wir müssen schauen, dass das nicht zu viel des Guten wird. Deshalb ist L-Carnitin gleichermaßen ein SD-Hormon-Antagonist, denn es hemmt die Wirkung von Schilddrüsenhormonen – zum Beispiel im Muskel. Deshalb kann man höhere Dosen (2 bis 4 g) vom L-Carnitin einsetzen, um eine Überfunktion auszubremsen.

Heißt, ein paar mögliche Szenarien:

  • Adäquate SD-Hormone + adäquate Carnitin-Mengen = sehr gut 
  • Adäquate SD-Hormone + wenig Carnitin = nicht so gut (weil: aktiver Fettstoffwechsel durch SD-Hormone, aber zu wenig Kapazität, um den Fettstoffwechsel zu speisen)
  • Adäquate SD-Hormone + zu viel Carnitin = schlecht, weil … „künstliche Unterfunktion“
  • Zu wenig SD-Hormone + adäquate Carnitin-Mengen = möglicherweise nicht gut
  • Zu wenig SD-Hormone + zu wenig Carnitin = noch viel schlechter, weil jetzt gar nichts mehr funktioniert

Kann man übrigens alles selber nachprüfen. Ich erzähl hier keine Märchen.

So, was sagt uns das? Das beste Szenario, und genau das muss man lernen, ist die Mitte, heißt:

adäquat.

Nicht: „Mehr ist gut, noch mehr noch besser“ … Oder: „Weniger von etwas ist gut, noch weniger noch besser“.

Veganer und Karnivoren …

Deshalb weiß ich ganz genau, dass Leute sich weder mit einer fleischlosen noch einer zu fleischreichen Kost (1 Kilogramm Rind am Tag) sonderlich gut tun. Sieht man bei vielen Sport-Mannschaften (z. B. hier in der Pfalz, beim FCK) – der langsamste Mann auf dem Platz ist der Veganer. Kann ja auch nur Korrelation sein, das stimmt 😛 Menschen, die sich auskennen, denken da an Kreatin-Phosphat, mitochondriale Energieproduktion und so weiter… Aber lassen wir das. Selber schuld.

Ich will’s nur mal gesagt haben. Naiv ist der, der glaubt, im Extrem seinen Heilsbringer zu finden.

PS: Wir können es drehen und wenden wie wir wollen. Das tun Pflanzen- und Fleischfresser ja fleißig. Verlieren sich dabei in Details. Werfen anderen dann vor, sie würden Daten nicht richtig lesen. Alles klar! Solche Leute haben einfach die Meta-Ebene noch nicht gekriegt, die eben „Mitte“ heißt. Extreme dienen nur zeitlich begrenzten, therapeutischen Zwecken.

PPS: Das System Körper lässt sich nicht einfach frei hochskalieren. Man kann nicht 100 mg Zink einwerfen, in der Erwartung, man würde irgendwelche zinkabhängigen Systeme „pushen“ – das geht nicht, weil a) dies bedeuten würde, dass man sämtliche, ja alle Vitamine und Co. gleichermaßen hochdosieren müsste und b) Feedback-Mechanismen greifen würden, wie hier im Artikel dargelegt. Am Ende pinkelt man sich so selbst ans Bein.

PS Nummer 3: Es spielt keine Rolle ob die Rede (z. B. in Studien) von L-Carnitin oder L-Acetyl-Carnitin ist. Warum? Weil der Körper an das Carnitin sowieso Acetyl- und Acyl-Reste hängt, Acetyl-Carnitine zirkulieren daher sowieso im Blut!

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Über den Autor

Ich bin Chris Michalk. Im Zuge einer Stoffwechselerkrankung habe ich den Blog 2014 ins Leben gerufen und bin der Mann hinter den meisten edubily-Texten. Meinen Bachelor-Abschluss machte ich in Zellulärer Biochemie (1,0; Studiengang: Bsc. Biowissenschaften). Ich befasse mich am liebsten mit Themen, die Gesundheitsoptimierung und Leistungsfähigkeit betreffen, und bin Autor unseres fünften Buches, "Gesundheit optimieren, Leistungsfähigkeit steigern", das 2019 beim Springer-Verlag erschien.

Kommentare (6)

  1. Hi Chris,
    Wie immer sehr informativer Artikel.
    Wie handhabst Du es denn mit diesem Hintergrund mit Carnitin-
    nur aus Fleisch oder nimmst Du noch etwas extra? Bin ein mässiger Fleischesser, eher Fisch und hab bisher so 1-2g Carnitin ins Whey gemischt. Tja- weiter machen oder eher nicht?
    Sollte man es vom T3-Wert
    abhängig machen? Hast Du selber Senkung des T3 unter Carnitin festgestellt?
    Viele Grüsse
    Ralf

  2. Willkommen bei der radikalen Mitte 😉 …schöner Artikel, kann ich voll unterschreiben. Und sehr interessant, wie wenig Carnitin der Mensch in der Lage ist, selbst herzustellen. Ist ja fast wie EPA/DHA…geht, aber sehr bescheiden.
    VG,
    Robert
    PS: Man muss fairerweise bei Hainault feststellen, dass er auch das Alter hat…wo wir eben alle nicht schneller werden ;-)…was mich ja beim Thema Fussball immer interessiert: Kriegen solche Profis eine gute Betreuung von einem Mitochondrienarzt? Ich weiß, dass mein Doc in Berlin einige Sportprofis betreut in Form einer mitochondrienstärkenden Therapie…aber keine Hertha-Spieler soviel ich weiß. Da könnte man schon einiges rausholen, meine Meinung.

    1. Meiner Erfahrung nach sind solche Profis diesbezüglich nicht gut beraten. Überhaupt nicht. 😉 Da könnte man also auf jeden Fall noch einiges rausholen, true.

  3. Hi Chris,

    ich habe über folgenden Satz philosophiert :
    „Endogene Synthese am Tag: bis zu 20 mg pro Tag. Ein Stück rotes Fleisch (300 g) … bis zu 300 mg“
    Was hat das Stück rote Fleisch lebend gegessen, damit so viele Carnitin synthetisieren konnte?
    Gras? Das menschliche Muskelfleisch enthält wieviel Carnitin pro 300 gramm?
    Kann eine Kuh mehr Carnitin herstellen als ein Schwein oder ein Mensch? Wie funktioniert das?
    Braucht überhaupt eine Kuh mehr Carnitin herzustellen als ein menschlicher Marathonläufer?

    1. Die Frage kann ich dir nicht beantworten, ich bin leider kein Zoologe. Fakt ist: Viele Herbivoren kommen mit bestimmten Muskelfasern auf die Welt. Häufig sind es hochaerobe TypIIX-Fasern – etwas, was man bei uns grundsätzlich nicht findet. Wie genau die Carnitin-Synthese etc. in diesen Tieren abläuft, kann ich dir auch nicht beantworten. Möglich auch, dass Bakterien im Magendarmtrakt dieser Tiere bestimmte Vorläufer-Substanzen bilden, die in Carnitin umgesetzt werden können, da vor allem Herbivoren mit Blick auf die Energie- und Nährstoffzufuhr ja ne viel intensivere Symbiose mit Bakterien haben als wir.

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