L-Carnitin

Mit zu wenig Carnitin spaßt man auch nicht

Die Sharapova zu machen kann auch ganz schön in die Hosen gehen. Was ich meine? Na, die hat ja mit Meldonium gedopet. Das ist ein Stoff, der die L-Carnitin-Synthese und -Zellaufnahme hemmt.

Die Zellen verarmen an Carnitin, verwerten dadurch relativ betrachtet weniger Fettsäuren. Bei gleichbleibendem Energieoutput muss die Zelle jetzt vermehrt Kohlenhydrate oxidieren. Mit dem Resultat, dass sich die Insulinwirkung verbessert. Unterm Strich macht das schnellere Regeneration, besseren Muskelaufbau usw.

Was Carnitin-Mangel auch machen kann

In der Praxis kann sowas ganz schnell in die Hosen gehen. Dazu muss man nur mal schnell Pubmed bedienen und sich die große Zahl an Case-Reports anschauen. Dort ist die Rede von …

Carnitin-Mangel-induzierten Lipidspeichermyopathien. 

Wow, noch komplizierter geht’s nicht, oder?

Also, Myopathie meint, unbeholfen formuliert, dass der Muskel keinen Bock mehr hat. Geht zunehmend kaputt (Creatinkinase geht hoch) und ist faul. Wir sind dann schwach und haben keine Lust uns zu bewegen. „Lipidspeicher“ heißt in diesem Zusammenhang, dass der Muskel verfettet ist, weil er das Fett nicht mehr los wird. Und was „Carnitin-Mangel-induziert“ bedeutet, dürfte klar sein.

Beim Springer-Verlag lässt sich dazu lesen:

Möglicherweise ist ihre Rarität und erhebliche klinische Variabilität der Grund dafür, dass Lipidspeichermyopathien oftmals erst spät in die neurologische Differenzialdiagnostik einbezogen werden.

Gut, das schreiben sicher Ärzte. Denn ich behaupte mal, dass wir uns – wie immer – entlang eines Spektrums bewegen und es hier ja nicht um „ist da“ vs. „ist nicht da“ geht. Dazu sage ich gleich noch was. Wie sich sowas, noch lange nicht im Endstadium, bemerkbar macht, liest man bei einer Praktikerin (so stelle ich mir das jedenfalls vor):

Menschen mit unzureichendem Carnitin tendieren oft zu sportlichen Aktivitäten, die keine Ausdauerleistung erfordern, wie das Werfen eines Baseballs. (…)

Durch Trial-and-Error haben viele Menschen (einschließlich einiger meiner Patienten) einen Weg gefunden, trotz Energieeinschränkungen an gewissen sportlichen Aktivitäten teilzunehmen.

Grundsätzlich machen sie im Alltag häufig Dinge, die sehr wenig Ausdaueraktivität erfordern, wie z. B. Arbeiten am Computer, Lesen oder Fernsehen.

Dies führt oft dazu, dass man sie als „Couchpotato“ bezeichnet und man ihnen sagt, dass sie wegen „zu viel Bildschirmzeit“ dick seien.

Hier hat jemand was verstanden. Man sollte erkennen, dass es mit Blick auf solche „Phänomene“ nicht nur die eine Richtung gibt, also die Menschen-können-nicht-denken-Variante, „bewegt sich nicht, ist faul, wird dick“, sondern … „kann sich nicht bewegen, muss deshalb liegen, wird mit hoher Wahrscheinlichkeit zunehmen“.

Das betrifft sämtliche Probleme, die mit den Mitochondrien zusammenhängen. Das können Schwermetalle sein, chronische Entzündungen, schlechte Schilddrüsenwerte, irgendwelche Mikronährstoffmängel (hier: Carnitin) – all das wird dazu führen, dass die mitochondriale Energieproduktion eingeschränkt ist und der Mensch als Folge schlichtweg nicht kann.

By the way: Gastautor Robert erzählt uns, dass er früher quasi gar nicht joggen konnte, heute die 10 km unter 40 min rennt. Der Schwermetalle „sei Dank“.

Starke Psyche und gesunde Leber mit Carnitin

Also, was ich damit sagen will: Für manche Menschen (Maria Sharapova) ist „Carnitin-Mangel“ Doping, für andere eher … na ja, den Karren erst recht an die Wand fahren. Auch – und jetzt switchen wir mal kurz den Bereich – mit Blick auf die Psyche. Es zeigt sich nämlich mittlerweile, dass Carnitin ein recht starkes „Antidepressivum“ ist. 2018 erneut in einer Meta-Analyse bestätigt:

Die Supplementierung mit Carnitin verringert depressive Symptome im Vergleich zu Placebo signifikant und bietet gleichzeitig eine vergleichbare Wirkung wie etablierte Antidepressiva mit weniger Nebenwirkungen. Zukünftige groß angelegte Studien sind erforderlich, um diese Ergebnisse zu bestätigen bzw. zu widerlegen.

Joa. Forschen wir noch’n bissl weiter. Hier aber schneidet Carnitin so gut ab wie herkömmliche Antidepressiva – mit dem kleinen Vorteil, dass es weniger „Nebenwirkungen“ (vielleicht weniger Leberfett, siehe unten) hat. Warum? In sämtlichen Versuchen erhöht Carnitin nicht nur die Energiewerte des Gehirns, sondern auch

Darüber hinaus erhöhte die Supplementierung mit Carnitin den Gehalt der Neurotransmitter Noradrenalin (…) und Serotonin (…), was mit der potenziellen Wirksamkeit von Carnitin bei depressiven Symptomen übereinstimmt.

Hier frage ich mich dann immer, was sich die Natur dabei gedacht hat. Wollte sie Fleischfresser belohnen? Denn Carnitin kommt nun mal nur im Fleisch vor. Wenn ein Löwe sich nach der Jagd also so erhaben und königlich in den Savannen-Sand legt, liegt das gegebenenfalls auch daran, dass gerade eine Portion Carnitin im Gehirn anströmt – der braucht dann keine Zigarette, sondern wird natürlicherweise belohnt. An dieser Stelle könnten wir ein kleines Fass aufmachen … aber lassen wir das!

Fakt ist, und das schreibe ich auch in unserem Buch, dass Carnitin vor allem den mit Energie überfrachteten Menschen hilft. Denn für die gilt beispielsweise auch:

Man schaue auf das Datum. Brandneu. Es sei nämlich bekannt, dass gerade (Prä-)Diabetiker eine erhöhte Menge an Zucker in der Leber bilden – was im Umkehrschluss dazu beiträgt, dass der Blutzucker dauerhaft erhöht bleibt. Das hänge – so die Autoren dieser Studie – möglicherweise damit zusammen, dass die Leber dieser Menschen aufgrund eines Energieüberschusses (Verfettung) fehlreguliert sei.

Dass Carnitin in genau solchen Fällen auch helfen kann, zeigt eine (Tier-)Studie aus dem Jahr 2007. Dort führte man solche Fehlregulationen einfach durch das klassische Fruktose-Überfüttern herbei – und kehrte sie durch die einfache Carnitin-Gabe um:

Die mit der Fruktosefütterung verbundenen Anomalien wie gesteigerte Glukoneogenese, reduzierter Glykogengehalt und andere Parameter wurden durch die Carnitin-Gabe wieder auf ein nahezu normales Niveau gebracht. Leberzellen dieser Tiere zeigten eine signifikante Hemmung der Glukoseproduktion aus Pyruvat (74,3%), Laktat (65,4%), Glycerin (69,6%), Fructose (56,2%) und Alanin (63,6%) im Vergleich zu unbehandelten Fructose-gefütterten Tieren. Die beobachteten Vorteile könnten auf den Einfluss von Carnitin auf den Fettsäure-Acyl-CoA-Transport zurückgeführt werden.

So hilft das richtige „Fleisch“ in den richtigen Mengen dabei, den Körper wieder in die Spur zu bringen.

Tja.

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Kommentare (8)

  1. Was wäre denn deiner Meinung nach eine nachhaltige „Durchschnittsdosis“ pro Tag oder pro Woche, um von den Vorteilen von Carnitin zu profitieren ohne die Wirkung der Schilddrüsenhormone zu beeinflussen?
    Wenn ich z.B. vor meinen 3 Krafteinheiten die Woche jeweils 2 Gramm nehme und 2-3 mal rotes Fleisch esse, ist das schon zu viel? Und dann lieber je 1 Gramm vor den Trainings?

    LG Jens

  2. Habe lange Carnitin substituiert (500mg am Tag). Allerdings hat das meinen TMAO Spiegel in die Höhe getrieben, was wiederum für meine KHK schlecht sein soll. Was tib??

    1. Zum einen wäre zu klären, was „in die Höhe“ treiben genau meint, zum anderen ist nicht hinreichend belegt, dass TMAO per se schädlich wirkt (s. unsere TMAO-Artikel dazu) und man könnte a) Carnitin aus Fleisch beziehen (wird anders verstoffwechselt, s. unsere Artikel dazu) und b) zyklisch vorgehen, dh. Phasen mit höherer Carnitin-Zufuhr mit Phasen etwas niedrigerer Carnitin-Zufuhr abwechseln, weil es ja langfristig darum geht, die Gewebespeicher mit Carnitin zu befüllen.

  3. Sehr interessanter Artikel.
    Sind die Studien von Stanley Hazen widerlegt, die den erhöhten Trimethylamin-N-Oxid (TMAO) – Wert, der zu atherosklerotischer Plaques führen kann, mit Carnitinabbau erklärten?
    Was empfehlen sie Vegetariern und Veganern?
    VG

    1. Zum einen ergab eine aktuelle Tierstudie, dass selbst eine Carnitingabe über die komplette Lebensspanne keinerlei negative Auswirkungen hat – zum anderen haben wir TMAO-Artikel hier im Blog. Carnitin aus Fleisch wird schon mal ganz anders verstoffwechselt als Carnitin als NEM, wobei normale NEM-Dosen hier überhaupt kein Problem darstellen sollten. Heißt: 500 mg Carnitin am Tag als NEM verkraftet jeder.

  4. Zwar esse ich auch Fleisch und Wurst in Maßen aber mir gehen diese Erkenntnisse an der in Indien seit Jahrhunderten praktizierten, fleischlosen Lebensweise, mit „zu vielen“ Kindern, vorbei. Womöglich verfügen die seit Ewigkeiten fleischlos lebenden Menschen über andere Stoffwechselprozesse? In einem veganen Camp in Frankreich mußte ich zwei Wochen lang auf „tierische“ Nahrungsmittel verzichten. Meine Migräne wurde unerträglich. Nachdem ich dann in einem entfernten Restaurant nur wenige Bissen von einem Steak gegessen hatte, waren die Kopfschmerzen schlagartig verschwunden…

    1. Glaub mir, auch Inder und Co. haben eine menschliche Biochemie 🙂 Hab mal mit einer Inderin im Labor zusammengearbeitet, die war auch der festen Überzeugung sie kann von Erbsen und Fladenbrot etc. leben. Bis sie beim Arzt war, schwere Eisenmangel-Anämie kombiniert mit Folsäure- und B12-Mangel. Will nicht wissen wie viele Mängel sie noch hatte.

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