L-Carnitin

Carnitin: Bist du ein guter Jäger?

von Chris Michalk, Biologe
Veröffentlicht am (Zuletzt aktualisiert am 23.12.2020)

Wir Menschen sind Jäger und Sammler.

Wir sind domestizierte Jäger

Jedenfalls waren wir das in mehr als 99 % unserer Entwicklungszeit als Mensch – Landwirtschaft gibt es zumindest in nördlicheren Sphären Europas erst seit ca. 5000 Jahren. Mit der Entstehung der Gattung Homo kamen Vertreter auf den Plan, die nachweislich vermehrt tierische Produkte in ihren Speiseplan integrierten. Schon vor rund 3 Mio. Jahren haben Arten aus der Gattung Australopithecus – die als unsere Vorfahren gelten – Knochen aufgebrochen und den leckeren Inhalt, das Mark, ausgeschabt.

Das hinterlässt Spuren. So wie der Hund heutzutage ein domestizierter Wolf in Miniatur-Ausführung ist, so findet man auch bei uns domestizierten Menschlein die Rudimente unserer Vergangenheit in uns:

  • Warum rennen Fußballspieler 90 Minuten lang einem Ball hinterher?
  • Warum ist unser Gehirn auf Zielstrebigkeit bzw. Zielfokussiertheit gepolt und warum gibt es Phänomene wie selektive Wahrnehmung?
  • Warum bilden sich starke zwischenmenschliche Verbindungen aus, wenn der Team bei der Erreichen der Zielsetzung im Vordergrund steht (Sportmannschaft, Spezialeinheiten, Soldatenkameradschaft etc.)?
  • Warum sind wir überhaupt eine explorierende, kompetitive und bisweilen kriegerische Spezies?

Die Evolutionspsychologie hat Antworten darauf, die einleuchtend sind. All das sind Fähigkeiten und Fertigkeiten, die man in der freien Wildbahn braucht, wenn man als Homo sapiens überleben will. Und dazu gehört die Organisation bzw. die (psychologische) Struktur, um Beute zu erlegen.

Jagen ist ständig Thema bei JuS-Kulturen

Welche Rolle das Ergebnis der Jagd für JuS-Kulturen spielt und welche Bedeutung das Jagen insbesondere für die Männer der JuS hat, ist bis heute nicht ganz klar. Denn obwohl beispielsweise Buschmänner ihren Kalorienbedarf locker über die Pflanzenzufuhr – beispielsweise: Mongongo-Nuss – decken könnten, und obwohl die Jagd energetisch betrachtet häufig ineffizient ist, berichten Anthropologen immer wieder von der zentralen Rolle des Jagens bei diesen Menschen.

They talk about hunting all the time.

Remko Kuipers

Geht es um spezielle Nährstoffe, die man nur im Fleisch oder in tierischen Produkten findet? Geht es um den sozialen Status innerhalb der Gruppe? Geht es um das Gefüge? Diese und andere Fragen dürften vorerst ungeklärt bleiben.

Möglicherweise gibt es auch einfach ganz banal biochemische Hintergründe: Vielleicht wird ein erfolgreicher Jäger von der Natur belohnt. Vielleicht hat das Jagen und das Verzehren der Beute Effekte auf die Psyche, die wir noch gar nicht erfasst haben. Denn sollte das Jagen in unserer DNA verankert sein, wird ein erfolgreicher Jäger sehr sicher belohnt werden, und umgekehrt, ein erfolgloser Jäger eher nicht.

Die Folge wäre, dass Menschen immer wieder zur Jagd hingezogen werden.

Carnitin: Ein Kandidat für solche Effekte

Es gibt verschiedenste Möglichkeiten, wie die Umwelt Einfluss auf die Biochemie unserer Psyche nehmen kann – und wir damit Einfluss auf unsere Psyche haben können. Beispiele:

  • Testosteron: Vieles, was wir im Alltag machen, stimuliert die Bildung von Testosteron und forciert damit einen akuten Anstieg. Hintergrund ist, dass Testosteron direkten Einfluss auf die Psyche hat, indem es den Dopamin-Haushalt positiv moduliert.
  • Lokale Effekte im Gehirn: Das, was beispielsweise positiven Einfluss auf Serotonin-, Opioid-, BDNF- oder Oxytocin-Spiegel im Gehirn hat, lässt uns gut fühlen.
  • Periphere Effekte über die Muskulatur: Die Muskulatur ist mit Blick auf die Masse das größte Organ des Körpers. Das, was dem Muskel guttut, tut dem ganzen System gut, denn der Muskel schüttet unzählige Myokine aus, die auf den ganzen Körper, und auch insbesondere auf das Gehirn wirken.

Ein Kandidat für die Vermittlung solcher Effekte, ausgehend vom Fleisch und damit von der erlegten Beute, wäre L-Carnitin. Findet sich ausschließlich im Fleisch. Faustregel: Je roter, umso mehr Carnitin. Die Großwildjagd hätte also unendliche Mengen Carnitin beschert. Kalorienbedarf decken mit der Mongongo- oder in Europa mit der Haselnuss … eher nicht.

Es gibt spannende und zum Thema passende Studien:

  • Carnitin wirkt der Depression entgegen

Aus Tierstudien weiß man lange, dass Carnitin sehr starke antidepressive und angstlösende Wirkungen hat. Später, und sehr aktuell, fand man heraus, dass depressive Menschen zu wenig Acetyl-Carnitin im Blut haben. Eine Meta-Analyse meint: Carnitin wirkt aufs depressive Gehirn so gut wie ein Medikament. Forscher spekulieren, dass der Carnitin-Stoffwechsel im Gehirn einen starken Einfluss auf die Epigenetik der Hirnzellen hat, und auf diese Weise Neurotransmitter-Balancen reguliert. Zudem wurde gezeigt, dass Carnitin im Gehirn von Versuchstieren auch den anabolen Signalweg aktiviert, was wie Balsam auf die Zellen des Gehirns und damit auf die Stimmung des Tieres wirkt.

  • Carnitin hemmt Testosteron-Abfall bei chronischem Stress

Setzt man Ratten unter Dauerbelastung, indem man sie lang bzw. oft schwimmen lässt, fällt Testosteron und die reproduktive Kapazität dankt ab. Gibt man Carnitin, bleibt das aus, die reproduktive Achse umgekehrt bleibt erhalten.

  • Carnitin hilft gegen die Effekte des Alterns 

In einer Studie, die – übersetzt – titelt, Carnitin- versus Androgen-Verabreichung bei der Behandlung von sexueller Dysfunktion, depressiver Stimmung und Müdigkeit im Zusammenhang mit der männlichen Alterung, zeigt sich, dass Carnitin quasi genauso gut abschneidet wie die Testosteron-Gabe. Man könnte es auch so sagen: Carnitin, also Fleisch, macht alte Männer potent. (Ich weiß, ich weiß…)

  • Carnitin erhöht die Androgen-Rezeptor-Dichte

Wenn’s also mit dem T-Wert im Blut nix ist, könnte man wenigstens die Androgen-Rezeptor-Dichte erhöhen, dann käme mehr Testosteron zum Zellkern und damit zur DNA – sprich: es wirkt besser. Mit Blick auf Carnitin gibt es Hinweise, dass es dazu fähig ist, zumindest die Androgen-Rezeptor-Dichte des Muskels zu erhöhen. Und der freut sich (dazu gleich mehr).

  • Carnitin macht den Muskel (und möglicherweise andere Gewebe) anabol bzw. anti-katabol 

In Tierstudien wird immer wieder gezeigt (1, 2, 3, 4, 5) dass Carnitin in verschiedenen Geweben den anabolen Signalweg aktivieren kann. Im Muskel sorgt das u. a. dafür, dass der anaboler wird, sprich auf anabole Reize besser anspricht, und auch anti-kataboler, heißt, es gibt einen proteinsparenden Effekt, weil weniger abgebaut wird. Kurz weitergedacht: Wenn der Muskel anabol wird, schüttet er in der Regel auch Stoffe (Myokine) aus, die andere Gewebe anaboler machen. Solche Kandidaten wären IGF1 (ja, der Muskel sezerniert auch IGF) oder BDNF. Beides wirkt wie Dünger aufs Gehirn.

anaboler Muskel Myokine
Anabole Stimuli, z. B. Krafttraining, verändern über die Aktivierung des anabolen Signalwegs das Myokin-Profil des Muskels – der schüttet dabei beispielsweise IGF1 aus, das das auch auf andere Gewebe anabol bzw. zellerhaltend wirkt.

Wer aufgepasst hat: Viele Effekte vermittelt Carnitin über den anabolen Signalweg. So gesehen verwöhnt Carnitin die Zellen, ähnlich wie Krafttraining, das die gleichen Signalwege innerhalb der Zellen anspricht. Wer den Muskel verwöhnt, verwöhnt auch das Gehirn.

Fleisch vertreibt den Kummer

Carnitin findet man sehr reichlich nur im Fleisch. Zeitgleich ist Carnitin ein extrem mächtiger Stoff, hat eine extreme Breite an Wirkungen, und verwöhnt so die Zellen – von Muskel zum Gehirn. Carnitin wirkt dabei insbesondere aufs Gehirn, es zeigt enorme Effekte, die bei Depressionen vergleichbar mit Medikation sein könnten.

In der Hinsicht könnte Carnitin auch ein Signal sein: Derjenige, der ein erfolgreicher Jäger ist, seine Sippe mit Energie und wertvollen Nährstoffen versorgt, bekommt die Effekte zu spüren, darf sich gut fühlen. Derjenige, der das nicht schafft, ist vielleicht ein bisschen trauriger, ein bisschen ängstlicher, hat eher keine breite Brust.

Auf diese Weise hätte uns die Evolution ein nettes Feedforward-System geschenkt. Mehr Carnitin, mehr Leistung, und mehr Antrieb, was als Folge dazu führt, dass wir auf’s Jagen konditioniert werden. Wer also immer glaubt, die Welt könnte man sich irgendwie erdenken, weit gefehlt. Das, was wirklich regiert, ist die Biochemie.

Man the big game hunter?

Die Frage ist sicher, um welche Mengen es hier geht. Wie bereits dargelegt: Nur, weil man in Jäger-und-Sammler-Kulturen (oder bei uns Modernen) konstant drüber nachdenkt und konstant drüber spricht, heißt das nicht, dass Fleisch ständig verfügbar ist. Ich denke, hier findet sich ein Irrglaube: Es geht weder darum, täglich kiloweise Fleisch zu essen, noch darum, es gänzlich vom Menü zu nehmen.

Diese Differenziertheit liegt uns heute aber nicht mehr, deshalb gibt es in vielen Köpfen nur noch „Veganismus“ oder „Karnivorismus“. Dass es auch einen Mix gibt – die Wahrheit liegt ja bekanntlich in der Mitte – bleibt vielen offensichtlich verborgen. Denn klar ist auch: Kein Mensch braucht täglich 1 g Carnitin (≙ circa ein Kilo rotes Fleisch). 100 mg Carnitin pro Tag zusätzlich ist bereits eine Bereicherung für den Körper.

Und so schließt sich der Kreis. Man sollte 2,5 Mio. Jahre Entwicklungszeit der Menschwerdung nicht ignorieren. Einfach, weil es tief in uns verankerte Prinzipien gibt, an denen man sich am besten orientiert, wenn man gesund und fröhlich sein will.

Auf der anderen Seite kommt hinzu, dass die schnelle Verbreitung von Polymorphismen innerhalb von Populationen und die überlagernde Epigenetik dafür sorgen, dass wir schnell Anpassungen an neue Lebensräume zeigen. Ein Inuit wird anders leben können als ein Mensch auf Costa Rica.

Und in diesem Spannungsbogen muss jeder die im Titel stehende Frage für sich selbst beantworten 🙂

übersicht

Kommentare (14)

  1. Danke Chris, sehr guter Artikel!
    Zu dem Kilo Fleisch: Die Art der Quelle macht hier bestimmt den feinen Unterschied. Wenn sich die Tierchen artgerecht ernähren und auch dementsprechend bewegen konnten, brauche ich vielleicht gar nicht so unphysiologische Mengen rotes Fleisch, um den Wohlfühl-Carntinbedarf decken zu können. Im Gegenzug sieht es sicher ganz anders aus mit dem von auf engstem Raum eingepferchten, gequälten und turbo-fehlernährten Tieren.
    Bei mir hat L-Carnitin als NEM für einen Wow-Effekt gesorgt.

    btw.: Seid Ihr bei edubily-L-Carnitin schon weiter gekommen?

    Frohe Weihnachten! Gruß Lutz

    1. Antwort an LutzK

      Hi Lutz, dass edubily-Carnitin gibts jetzt im Shop. Und sehr gut mitgedacht beim Fleisch, ganz genau. Bewegtes Fleisch enthält ganz bestimmt deutlich mehr Carnitin als Fleisch von „Sitz-Rindern“ 🙂

  2. Interessant, was Carnithin alles noch so kann – vielen Dank für den Artikel!
    Was ich mir in Sachen unmittelbare Belohnung für das Jagen noch vorstellen könnte, ist das Salz im Fleisch. Über Pflanzen dürfte man nicht genug Salz zu sich nehmen und der Appetit des Menschen ist ja heute noch drauf getrimmt, möglichst viel Salz zu essen (Stichwort Chipstüte ;)). Das Geschmackssystem dürfte auch deutlich schneller wirken, als Verdau des Carnithins und anschließende Flutung des Körpers.

  3. Mein Authority Bias Examine.com gibt Empfehlungen, die wie folgt aussehen:

    „The standard dose for L-carnitine is between 500-2,000mg.
    […]
    The equivalent dosage range for other forms of L-carnitine are as follows: 630-2,500mg (ALCAR), 1,000-4,000mg (LCLT) and 1,000-4,000mg (GPLC).“

    Mit welcher Begründung weicht ihr davon so nach unten ab? („Keiner braucht 1g“, „100mg bereits eine Bereicherung“)

    Auf den ersten Blick wirkt euer Produkt dadurch unterdosiert in euer Empfehlung.

    Viele Grüße

    1. Antwort an Bernd

      Dann solltest du dein Authority bias mal zugunsten der eigenen „Experience bias“ ablegen 😛 In der Sprache des Energiestoffwechsels, der es mit Mühe schafft, 20 mg pro Tag selbst zu bilden, sind 100 mg bereits „eine Bereicherung“. Hinzu kommt – siehe die vielen Blog-Artikel von uns -, dass Carnitin in hohen Dosen den Energiestoffwechsel zu stark in Richtung Fettverbrennung verschiebt (nix gut für Glukose-Stoffwechsel), TMAO entstehen lässt (nix gut für Energiestoffwechsel gesamt) und den Eintritt von Schilddrüsenhormonen in den Zellkern hemmt (auch nix gut für Energiestoffwechsel und Lebensgefühl). Insofern sollte man eben nicht immer auf die netten RCTs oder auf sonst was schielen, sondern die Minimum Effective Dosen suchen/finden. LG

  4. Ich frage mich immer wieder, ob es gut ist, jeden Tag ein Stück Fleisch zu essen. Diese Verunsicherung resultiert u.a. daraus, dass man vom Gesundheitswesen ständig eingetrichtert bekommt, dass es schädlich ist, zu Krankheiten führt, usw. Die offiziellen Empfehlungen lauten PRO WOCHE maximal 300-500g fettarmes Fleisch, maximal 3 Eier, dafür täglich ca. 250g Milch und 100g Quark (oder 60g Käse).

    1. Antwort an Melanie

      Frag dich lieber, was du essen würdest und müsstest, wenn man dich in der Wildbahn absetzen würde. Das war >99 % unserer Entwicklungszeit die Realität. Wie hoch der Fleischanteil dann letztlich ist, kann man ja erfühlen.

      1. Antwort an Chris Michalk

        Dankeschön. Ja, genau das habe ich mir tatsächlich schon öfters vorgestellt, wie es in freier Wildbahn wäre.
        Alles was ich kriegen kann… Nüsse, Früchte und Wildpflanzen, die ich finde; Insekten und Tiere, die ich erwische; Eier aus Nestern, die ich finde.
        Das war’s dann auch schon…

  5. Orales L-Carnitine (Supplement) hat eine sehr schlechte Bioverfügbarkeit. Daher habe ich die Form zur Injektion. Der Effekt ist gewaltig! Doch für die meisten nicht anwendbar, da erstens die Verfügbarkeit sehr schlecht ist, sowie zweitens die Injektion enorm schmerzhaft ist.

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