Kontroverses

Wir missbrauchen Wissenschaft

Warum rappst du? Du hast nichts mit Rap zu tun
Rap hat dir nix getan, lass ihn in Ruh‘
Rap interessiert sich nicht für dich, weil du scheiße bist
Rap will sehen, dass du Scheiße frisst


Puh. Soeben hat sich Kollege Eikelmeier einen Scherz erlaubt, bei Facebook aus seinem – und auch unseren – (Praxis-)Alltag erzählt, und das Ganze „Studie“ genannt.

Die Schilderungen des Praxis-Alltags bzw. den von ihm genannten Implikationen sind kein Scherz. Dass er diese Ausführung „Studie“ nannte, Vegetarian, vegan diets and multiple health outcomes: A systematic review with meta-analysis of observational studies and a lot of Case Control Studies, Autoren natürlich unter anderem meine Wenigkeit, war wiederum ein Scherz.

In dem Beitrag, den man hier findet, schreibt er unter anderem:

Mehrere 100 Menschen mit einer Gesundheitsstörung stellten sich die letzten 10 Jahre in unserer Praxis vor. Nach ausführlicher Anamnese und weiterführender Diagnostik zeigten sich folgende Symptome: Müdigkeit, Abgeschlagenheit, Blutarmut, niedrige Schilddrüsenhormonwerte, Wachstumsstörungen der Nägel und Haare, Hautprobleme, Energielosigkeit, Schlafprobleme und allgemeines Krankheitsgefühl. (…) Nach Integration kleinerer Mengen tierischer Lebensmittel wie Fisch, Fleisch, Ei und Meeresfrüchte in die tägliche Ernährung, reduzierten sich die angegebenen Symptome binnen Tagen drastisch. Nach mehreren Monaten, unter Beibehaltung der neuen Ernährungsempfehlungen, gesundeten alle Patienten vollständig. Weiterführende Diagnostik normalisierte sich. 7% der Patienten entwickelten bleibende Schäden an der Schilddrüse.

Der Beitrag ging, wie man so schön sagt, „viral“. Schön in ein Wespennest gestochen. Innerhalb weniger Stunden gab es über 200 Kommentare, vorwiegend von Menschen, die der Auffassung sind, dass uns nur eine rein pflanzliche Kost Heil bescheren kann.

Hm, na gut. Wir wissen ja: Extreme jeglicher Art, vor allem im Ernährungsbereich, ziehen die passenden Charakter-Typen an, die sich dann nicht selten entsprechend verhalten. Game Changers hilft bei der Radikalisierung.

Über das, was da steht, bin ich allerdings ein bisschen erschrocken. Mir hat das einmal mehr vor Augen geführt, wie inflationär wir heute mit Wissen, vor allem mit „Studien-Ergebnissen“, umgehen.

Studien sind wertlos ohne den, der sie bewertet, und in den – für den Anwender – passenden Kontext setzt. Das jedenfalls war die Kernaussage von David Sackett, einst Begründer der Evidence-based medicine – vermutlich einer der wichtigsten Leitfäden, wenn es um die Verwendung von Studienergebnissen im (Praxis-)Alltag geht.

Heute werden Studien bzw. deren Ergebnisse missbraucht. Derjenige, der mehr Meta-Analysen, epidemiologische Studien und RCTs zu bestimmten Themen kennt, hat recht. Die „Studie“ kann noch so bescheuert sein: Wenn es eine Studie ist, müssen die Ergebnisse Aussagekraft haben … und vor allem: einen Praxisbezug fürs echte Leben.

Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie mein Professor – immerhin schon im besten Journal der Welt, Nature, publiziert – sich damals die „Studien“ bzw. die Studien-Ergebnisse seiner Kollegen angeschaut hat. Am PC. Schmunzelnd. „Kann nicht sein, ist Quatsch“, „Bullshit“, „Unmöglich, das kann so nicht stimmen“. Und so weiter.

Es ist nur leider so schwer, Menschen, deren einziger Zugang zur Wissenschaft die Suchabfrage bei PubMed ist (oder noch besser: Filme wie Game Changers), klarzumachen, wie man mit Studien umgehen muss. Was es für allgemeine Schwächen gibt. Es ist schwer, den Leuten klarzumachen, dass nicht jeder Studien lesen kann, nur weil er lesen kann. Studien sind wertlos ohne den, der sie bewertet, und in den – für den Anwender – passenden Kontext setzt.

Man braucht ein Gefühl für Biologie. Das hatte mein Professor, deshalb saß der schmunzelnd am PC, und wusste, dass er eh recht hat. Solche Leute brauchen keine Studie, um zu wissen – die wissen, bevor es die Studie überhaupt gibt. Die antizipieren das. Die haben das im Urin. Die haben bereits ein so vollständiges Bild vom Puzzle, dass sie schon vorher wissen, wie das neue Puzzle-Teil ungefähr aussehen muss.

Jap. Das ist das, über was viele Menschen, auch Wissenschaftler, ungern sprechen. Es gibt halt ein paar Könner, die die Welt wirklich voran bringen. Die spielen nur ein bisschen anders als der Rest. Denn viele Wissenschaftler würden jetzt den Kopf schütteln, „Confirmation bias!“. Das sind die blinden Hühner, die vielleicht auch mal ein Korn finden, aber nicht merken, ob sie mitten in einem brachliegenden oder in einem Kornfeld stehen.

Alle Ergebnisse, die es bis heute gibt, unterliegen Bias, unterliegen einer kognitiven Verzerrung. Ich habe neulich versucht – wenn auch erfolglos –, das anhand des Kalorien-Beispiels klarzumachen. Oder davor anhand des Antioxidantien-Beispiels.

  • Es gibt unzählige Studien, die zeigen, dass Kalorienmangel gesund ist. Es gibt keine Studie, die zeigt, dass Kalorien gesund machen. Machen Kalorien deshalb krank? Natürlich nicht. Ohne Kalorien leben wir nicht. Die Beweislast zugunsten des Kalorienmangels aber ist überwältigend viel größer. Nach dieser Logik dürften wir alle nie wieder was essen.
  • Es gibt unzählige Studien, die zeigen, wie und wie toll Antioxidantien wirken. Es gibt – noch – kaum Studien, die zeigen, wie wichtig die Oxidation in der Zelle ist und wie schädlich reduktiver Stress sein kann. Das heißt, nur durch das Erfassen der Datenlage in diesem Gebiet, könnte man zu gänzlich falschen Schlüssen kommen.

Deshalb:

Warum rappst du? Du hast nichts mit Rap zu tun
Rap hat dir nix getan, lass ihn in Ruh‘

… Studien und die Wissenschaft haben dir nichts getan – lass sie in Ruh‘!


Wir Menschen waren mal ein Pflanzenfresser. Sind aber nur Mensch geworden, weil unsere Vorfahren einen hocheffizienten Supertreibstoff gefunden haben – tierische Produkte. Beim Hund verlief diese Coevolution mit dem Menschen genau umgekehrt. Der war früher quasi ein Fleischfresser, heute ist er Generalist.

Leider müssen wir heute mit der Bürde auskommen, dass wir – physiologisch betrachtet – weder besonders gut darin sind, große Mengen Pflanzen zu verarbeiten. Noch sind wir reine Fleischfresser, die mit einem Übermaß an tierischen Produkten gut zurecht kommen.

Niemand will diese Wahrheit akzeptieren – weil wir Menschen alles tun, um es uns leicht zu machen. Schwarz/weiß-Denken hilft, Prozesse zu vereinfachen, sie für den täglichen Gebrauch zu optimieren. Ressourcenfreundlich. Die eigentliche Krankheit unserer Gesellschaft ist, dass uns die Differenziertheit abhanden kommt.

Und DAS ist nicht nur nicht schön, sondern brandgefährlich.

übersicht

Kommentare (5)

  1. Chris – es stimmt nicht dass Du es erfolglos versucht hast.
    Die meisten Leser hörst Du halt einfach nicht rumschreien (hoffe ich doch!).
    Was denkst Du warum ich kein FB mehr habe?
    Die Aktion von Eikelmeier finde ich gut und wichtig. Bissig bleiben und chillig nehmen!

  2. Danke für die unermüdliche Arbeit!

    Ich finde die Debatte bzw. die gegenseitige Bekämpfung Vegan vs. Fleisch inzwischen nur noch lästig. Wir verlieren den Fokus auf die wesentlichen Dinge. Ein Punkt für mich wäre dafür zu sorgen, dass die Tiere bessere Lebensbedingungen bekommen. Wenn ich diese Quälereivideos sehe kriege ich auch immer wieder einen starken innerlichen Konflikt. Deshalb ist es so wichtig wem wir unsere Kohle geben. Man könnte dieser ganzen Veganbewegung noch mehr den Zahn ziehen in dem man sich für das Tierwohl einsetzt.

  3. mei-oh-mei-oh-mei,
    und sowas einen Tag vor dem Welt-Vegan-Tag…
    Soll man da an Zufall glauben? Auf jeden Fall wieder ein toller Bericht.
    Ich sag‘ mal, lieber liege ich tiefenentspannt wie ein Löwe, mit ausreichned tierischem Protein (und anderen Nettigkeiten) versorgt auf der faulen Haut und chille ein wenig, als ständig wie ein Reh auf der Hut und auf dem Sprung sein zu müssen. Hard-Core-Veganer sind ja teilweise sowas von unentspannt…

    Viele Grüße
    Dragan

  4. Guten Morgen Chris,

    sehr guter Kommentar den ich nur unterscheiben kann!

    DIFFERENZIERTHEIT und KONTEXT ist so wichtig und findet man in unserer schnelllebigen Zeit leider immer weniger, egal welche Themen es betrifft.

    Mit sportlichen Grüßen aus Österreich (Salzburg)

Kommentiere diesen Blog-Artikel

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..