Kontroverses

Volksverdummung im TV

von Chris Michalk, Biologe
Chris Michalk
Veröffentlicht am (Zuletzt aktualisiert am 01.07.2019)

Gerade lief ein Beitrag im Dritten – Thema: Granini-Säfte. Ja, es stimmt, über den Konsum lässt sich streiten. Dass ein Apfel besser ist als Apfelsaft, steht ja wohl außer Frage. Dass Cola auch kein sonderlich tolles „Lebensmittel“ ist, auch.

Wieso aber schaffen es solche Berichte so selten tatsächlich auch zu bilden, statt die Leute immer weiter zu verblöden. Ich bilde nicht, wenn ich sage „das sollst du essen (oder trinken), das aber nicht“ – nein, es ist zusätzlich verblöden, wenn ich Leuten halbwissenschaftlich und zu flach erklären will, warum Säfte nicht gut sind.

Ich mache aus den Menschen dann nämlich keine Menschen, die sich aufgrund einer Faktenlage eine eigene Meinung machen und entsprechend differenziert Entscheidungen treffen können – nein, ich züchte Menschen, die lernen, in Gut und Schlecht zu kategorisieren. Wissen wir doch. Wie bei Idiocracy.

Na, schaffst du’s den passenden Knopf zu drücken?

Das alte Thema, ein Ernährungsmediziner, Zitat:

Je stärker der Blutzucker nämlich steigt, umso mehr Insulin muss unser Körper ausschütten. Das Problem dabei ist, dass Insulin den Fettabbau hemmt und den Fettaufbau fördert. Mit anderen Worten: Insulin macht dick.

So, so. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. INSULIN MACHT DICK. Nicht etwa der Energiegehalt der Nahrung – ein HORMON macht dick. Einfach so. Ergibt Sinn. In Idiocracy-Zeiten.

Warum so eine Berichterstattung nicht etwa bildet, sondern verblödet, lässt sich sogar beweisen. Die Argumentation ist wie folgt aufgebaut (Volksverdummung!):

Man stellt also einen netten Vergleich an, um den Leuten mal vor Augen zu führen, welch eine Menge Zucker sie da doch trinken. Die Leute sagen:

Nein? SO VIEL ZUCKER ist in Cola enthalten? Ohhhh! DAS hätte ich jetzt aber NICHT VERMUTET! DAS haut mich jetzt aber GANZ SCHÖN aus den Socken!

Man darf sich natürlich durchaus fragen, was dieser hinkende Vergleich soll. Zuckerwürfel = böse, die Zucker-Menge in Cola = viele Zuckerwürfel = voll böse? Oder wie? Was wir damit tun, ist nicht zu bilden, wir verblöden die Leute, weil uns dieser Vergleich auf emotionaler Ebene packt, sonst nirgends. Oder was genau soll uns diese Zuckerwürfel-Info nun sagen? Geschenkt: Für Cola sei der Vergleich noch erlaubt, aber:

Die Folgen?

Und alle wieder:

So, was wird daraus gemacht?

… als Sinnbild für die fetten Eiweißbrötchen, die Nusspackungen, das 600-Kalorien-Egg-and-Bacon-in-Butter-Frühstück oder die Fettaugen-Knochensuppe – sozusagen im Carb-Insulin-Kontrastprogramm. Alles klar. Aber „Insulin macht dick“, nicht etwa das Fett in hochkalorischen Lebensmitteln.

Bildung ist schwer: 

WAHR: Der akute und chronische Insulin-Spiegel richtet sich nach dem akuten und chronischen Energiestatus des Körpers. Ergo: Chronisch hohe Insulin-Werte bei dicken Menschen ist die Folge (Insulinresistenz!), nicht die Ursache vom Übergewicht. Zu hohe Insulin-Spiegel nach dem Essen sind ein Zeichen dafür, dass wir den Körper im (chronischen und akuten) Energieüberschuss halten!

FALSCH: „Insulin macht dick.“

Natürlich würden an dieser Stelle wieder viele Diskussionen ansetzen, etwa, um die Frage, warum „30 g Zucker aus Cola schädlicher sein soll als 30 g Zucker aus einer Banane“, als Beispiel. Oder: „Dann könnte man rein theoretisch ja drei Liter Cola am Tag trinken und würde immer noch abnehmen, solange man unter dem Kalorienbedarf bleibt!“

Als Tipp vielleicht:

Eat real food und so. Da ist schon was dran. 😉 Egal wie, Hauptsache der Mann im weißen Kittel hört auf die Massen zu verdummen.

Insulin macht dick.

Zitat Ernährungsmediziner im Jahr 2018.

PS: Nicht zu vergessen:

Pro Kalorie erzeugt Rind (Protein!) eine HÖHERE INSULIN-AUSSCHÜTTUNG ALS MÜSLI (Kohlenhydrate!).

Drei Esslöffel Olivenöl hat den Fettgehalt von EINEM SCHON GROSSEN STÜCK BUTTER!

Okay, genug jetzt 🙂

Disclaimer

Wir sind uns doch einig. Menschen, die Nachhilfe bei Ernährung brauchen, müssen lernen, dass „Ernährung“ nicht bedeutet, zu wissen, wie viele Zuckerwürfel Zucker in einer Banane stecken. Diese Leute müssen lernen, dass „Ernährung“ weit mehr als das ist. Es geht um einen breiten, nachhaltigen Ansatz. Es geht somit auch nicht per se darum zu sagen, dass jemand Kalorien zählen soll. Natürlich nicht. Es bringt auch keine nachhaltigen Erfolge, wenn ich den Leuten sage, Zucker macht Insulin macht dick, wenn das bedeutet, dass sie an der Currywurst-Bude die Tomatensauce weglassen und die Wurst stattdessen blanco essen. Der dümmste Ansatz ist aber, Leuten ein (falsches) Konzept nach dem anderen einzutrichtern, so, dass sie am Ende nicht mehr wissen, wo ihnen der Kopf steht. Gestern war Fett schlecht, heute ist es der Zucker – und morgen? Die Luft?

Eat real foods – verkompliziere es nicht. Hör auf, wenn du satt bist. Trinke Wasser – keine Granini-Säfte. 

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