Kontroverses

Funktion vs. Emotion

In Debatten um verschiedene Themen fällt mir immer wieder auf, dass viele von uns irgendwie in einer Art gedanklicher Traumwelt leben. Die verschließen ein bisschen die Augen vor der Realität.

Manchmal tut die Wahrheit weh

Statt den Finger in die Wunde zu legen, auch bei sich selbst – Gesundwerden und Gesundbleiben ist keine Spaßveranstaltung, sondern kann auch im wörtlichen Sinne wehtun –, wird immer alles umschifft. Luftschlösser bauen, in einer Parallelwelt leben.

Gut, ich muss sagen, dass ich so gesehen sicher eher zu den „Hardlinern“ gehöre. Ich sehe erst mal Funktion … statt Emotion und Fantasie. Mit sowas eckt man aber an. Heute ist mir das klar, früher in der Schule wusste ich noch nicht, warum meine Auffassungen oft nicht so gut ankommen.

Vielleicht prallen da linke und rechte Gehirndominanzen aufeinander? Wer weiß. Schließlich ist es ja nicht so, dass ich die „Gegenseite“ nicht auch verstehen könnte. Aber der Körper, und vieles in der Welt, ist erst mal (Bio-)Chemie, also Naturwissenschaft.

Auf den Punkt gebracht hat das Problem mal der ehemalige Bundeskanzler Schmidt. Da sagte eine Frau mit dem Namen Marie Louise Steinbauer in einer Talkshow (1986) zu ihm:

… Die erste Person an meinem Staate wäre mir, glaube ich, viel vertrauter, und ich würde ihn mehr schätzen, wenn er auch mal Emotionen zeigt.

Daraufhin erwiderte Schmidt:

Ich glaube Ihnen das. Auf der anderen Seite ist seine Hauptaufgabe nicht, Ihnen vertraut vorzukommen.

Genau darum geht’s. Es ist nicht so, dass man diese Frau nicht verstehen kann. Nur sie verwechselt da etwas. Es geht nicht um Ihr vollumfängliches Wohlgefühl mit Blick auf das „Verhältnis“ zum Staatsoberhaupt.

Es geht darum, dass das Staatsoberhaupt seinen Aufgaben und Pflichten nachkommt – und hier müssen oft genug Entscheidungen getroffen werden, die den Bürgern ggf. nicht gefallen, Unverständnis oder Unmut auslösen.

Einmal abgesehen davon, dass diese Frau ganz sicher nicht weiß, wie die Welt aus Sicht eines Staatsoberhaupts aussieht. Ein weinerliches Staatsoberhaupt? Ich glaube, da hat jemand die Psychologie auf dieser Ebene der Macht noch nicht verstanden.

Funktion vs. Emotion. 

Mal ein Beispiel.

Ernährungsfakt #1: Wir vergiften uns

Am Wochenende gab’s wieder fleißig Instagram-Storys von uns. Wir sprechen in letzter Zeit öfter darüber, dass es heutzutage – wohlgemerkt: aus Gesundheitssicht! – eher um die Frage geht, was wir überhaupt noch essen können.

Es ist keine Angst- oder Panikmache, sondern Tatsache, dass wir unsere Umwelt derart verschmutzen, dass wir uns ohne Probleme größeren Mengen dieser Umweltgifte aussetzen können – und viele von uns tun das, ohne es zu merken. Das ist nicht die Schuld von CM oder edubily, sondern … die Schuld der Menschheit.

Es ist nur so: Alles, was wir hier schreiben, bringt überhaupt nichts, wenn wir es nicht schaffen, jene Faktoren zu beseitigen, die Genesungsprozesse bzw. normale Zellabläufe in uns blockieren. Das ist kein Spaß. Das ist Ernst. Jeder, der er es selbst erlebt hat, weiß das auch.

Globalisierung wird hier zum Problem. Weil wir automatisch davon ausgehen, dass wir „fremdes“ Essen, genauso einfach und bedenkenlos essen können, wie das, was bei uns hier wächst. Das ist in vielerlei Hinsicht ein Problem, schon mit Blick auf die Umwelt.

Daher schreiben wir zum Thema Schwermetalle:

Daraufhin kam eine Nachricht von einer Frau:

Das klingt voll negativ und verkopft und anstrengend und genussfrei.

Ja, mag sein. Aber – in Anlehnung an Schmidt –, es ist zum einen nicht unsere Aufgabe hier auf einem Blog, der vom Körper handelt, nur jene Interventionen anzubieten, die Genuss bieten, einfach umzusetzen und total positiv sind. Im Gegenteil: Living is pain in the ass, dying is easy

Zum anderen ist das eine absolut subjektive Vorstellung: Wären wir dankbar für das, was unsere Landwirte hier regional alles produzieren, und würden wir uns eine Zeit lang wieder rückbesinnen, uns hauptsächlich davon ernähren, würden wir feststellen, dass das weder verkopft, noch anstrengend, noch genussfrei ist – sondern ganz normal. 

Wieso versteht man das nicht? Alles wollen, aber zeitgleich wie die Made im Speck leben.

Propaganda ist nicht gleich Propaganda – oder doch?

Ein anderes Beispiel.

Ein paar Tage davor sprachen wir – auch in der Story – über Propaganda. Und, dass wir es als gefährlich erachten, dass sich für manche Zwecke immer noch Massen mobilisieren lassen, deren einziger Antrieb und Hintergrund der Fanatismus ist.

Politik spielt bei edubily keine Rolle – aber ich nutzte für das untere Drittel des Posts ein Bild von Göbbels. Warum? Weil es völlig egal ist, von wem Propaganda genutzt wird, die Stilmittel und die Techniken der Propaganda, sind immer die gleichen, egal von welcher radikalen Ideologie das kommen mag.

Durch diese Tabuisierungen schränken wir uns mit Blick auf Lernprozesse in gewisser Weise ein. Oder anders ausgedrückt: Natürlich gab es direkt einige wenige Stimmen, Tenor: „Das kannst du nicht machen, jeglicher Nazi-Vergleich diskreditiert dich.“ Eine andere Stimme: „Der Holocaust-Vergleich ist unzulässig und gefährlich …“.

Bei sowas frage ich mich dann: Wer projiziert hier seine Realität auf wen bzw. welche Aussagen? Auf dem Bild war lediglich Göbbels zu sehen, es waren nicht mal Hakenkreuze zu sehen. Es gab weder ein Vergleich mit Nazis, noch irgendein Bezug zum Holocaust. Es ging einzig und alleine um die Mechanismen der Propaganda, die immer genau die gleichen psychologischen Hebel in uns umlegen.

Funktion vs. Emotion

Wer denkt wen? Emotionen überlagern Fakten-Denken

Emotionen, die immer mitschwingen, überlagern unser rationales Denken. Emotionen sind wichtig, und sie müssen gehört bzw. gefühlt werden, aber es kann nicht sein, dass die Leute ihren klaren Kopf verlieren, nur weil die Ampel in ihrem Gehirn auf rot umschaltet.

In dem Moment nämlich denken sie nicht mehr selbst, sondern sie werden gedacht. Von Vorurteilen, von Schubladen und von Kategorisierungen, die ihnen aber wichtige Spielräume nehmen.

Genau diese Problematik sehe ich auch immer wieder, wenn die Leute das Gefühl haben, dass man ihnen etwas wegnehmen will. Wenn wir z. B. über die negativen Folgen des Kaffee-Konsums schreiben, dann gibt es erstaunlich viele Anti-Kommentare.

Die kommen nicht daher, dass diese Menschen ernsthaft über den Inhalt des Artikels nachgedacht haben, sondern daher, dass direkt eine Abwehrhaltung geschaltet wird.

Es ist aber nicht meine Aufgabe, alles so sanft zu erzählen, dass auch wirklich bei keinem irgendwie ein Alarmglöckchen klingelt. Die Leute müssen lernen, dass sie für sich selbst verantwortlich sind. Und wenn sie ihre Emotionen jeglicher Art nicht im Griff haben, dann nehmen sie sich selbst Lösungsmöglichkeiten – dafür ist keiner sonst verantwortlich.

Daher: es ist erstaunlich, wie selten man wirklich sachlich über etwas sprechen kann, ohne dass direkt ersichtlich wird, woher der Wind beim Argumentieren weht.

Die meisten argumentieren nicht, weil sie etwas wirklich wissen, sondern weil sie eine Emotion mit dem Sachverhalt verknüpfen, das es dann zu verteidigen gilt.

Der Test zum Selberfühlen

Dass Emotionen immer direkt mitschwingen, kann jeder selbst testen:

  • „Kohlenhydrate sind sehr gesund.“

Na? Wie fühlt sich das an?

  • „Schwermetalle in Impfungen schaden nicht.“

Rot, oder?

  • „Am besten isst du nie wieder Schokolade.“

Orange?!

  • „Trump ist nicht mehr US-Präsident.“

Grün?! Gut?

  • „Gemüse macht krank.“

Komisches Gefühl, oder?

Schlusswort

Das Problem ist: Das, was die Ampel in uns anzeigt, steuert häufig den Verlauf von Debatten und Diskussionen in unserer Gesellschaft.

  • Wehe jemand spricht Themen an, die „rechts“ zugeordnet werden könnten.
  • Wehe das, was gesagt wird, ist moralisch fragwürdig – manchmal ist die Wahrheit eben aus moralischer Sicht nicht perfekt.
  • Wehe die Aussage passt nicht in den radikalen Öko-Kurs, selbst dann, wenn es viel zu kurz gedacht ist – Thema Fleischverzehr.

Wir haben oft genug eine viel zu verkorkste Diskussionskultur. Heutzutage haben wir alles – aber es scheint, dass sich Quantität umgekehrt reziprok zur Qualität verhält.

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Kommentare (24)

  1. Hallo Chris,
    ich hab gerade das sprachlose Grinsen im Gesicht. Dieser Artikel ist absolut brillant!!!
    Daumen hoch (x10hoch Gogolplex)
    Gruß
    Martin

  2. Gut kommentiert.
    Es ist halt tausendfach einfacher, eine „Meinung“ zu haben als sich mit naturwissenschaftlichen Tatsachen oder gar Biochemie auseinanderzusetzen. Letzteres ist halt anstrengend, mühsam und sogar manchmal frustrierend („Ich kapier’s nicht“). Also weg damit. Meinung ersetzt Wissen. Leider.

    Ist aber in unserem Hirn so angelegt, weil es das Leben vereinfacht und bequemer macht (Energiesparmodus). Das dicke Ende kommt aber garantiert irgendwann.

  3. Die grundsätzlichen Aussage dieses Artikels kann ich absolut zustimmen. Wenn man es genau nimmt, wäre es auch sehr vermessen dies anzuzweifeln, bzw würde man sich dann auch gleich mit dem Nobelkomitee und Herrn Kahnemann anlegen müssen. Dennoch macht auch der Ton die Musik bei der Verbreitung „objektiver“ Wissenschaft und der Anwendung biochemischer Grundlagen und Erkenntnisse auf das „echte“ Leben. Die Art und Weise wie ihr eure Artikel aufbaut und Fakten präsentiert, meist ohne exakte, teilweise widersprüchlichen Handlungsempfehlungen, jedoch implizierend eine dringend notwendige Implementierung der dargelegten Erkenntnisse in das Verhalten des Lesers, wodurch bei einigen, die in der Lage dazu sind, was nicht besonders viele sind, da kaum jemand die dafür notwendigen naturwissenschaftlichen Grundkenntnissen hat, sicherlich Interesse geweckt und ein Evaluierungsprozess in Gang gesetzt wird, bei den meisten denke ich jedoch eher eine bedingungslose Annahme oder eben eine emotionale Ablehnung erfolgt. Ganz schuldlos ist die Präsentation der Information an der Verarbeitung dieser durch andere nicht. 😉

    1. Hannes, bitte nicht verwechseln: Alles, was in irgendeiner Weise Profil hat, findet Leute, die damit schwingen – oder die nicht damit schwingen. Ich sorge bewusst dafür, dass edubily Profil hat, und genau aus diesem Grund ist es überhaupt kein Problem für mich, wenn Leute das nicht mögen. Der Blog an sich ist auch kein objektives Sprachrohr, sondern … mein Blog. Und hier lege ich, ganz subjektiv, die Messlatte fest – wer nicht gewillt ist, sich ein bisschen anzustrengen, auch mal mehr von uns zu lesen statt nur ein Artikel (dann wird’s mit dem Verständnis schwer), der kommt halt nicht mit. Es geht aber hier nicht um unseren Blog, und auch nicht um die Machart, sondern ausnahmsweise mal nur und ganz strikt um die Fakten, über die allgemein in Debatten bzw. auch hier diskutiert wird. Es geht genau um die Trennung, nicht um „Schuld“ o. ä. emotional geleitete Sachverhalte oder Perspektiven.
      Edit: Ich kann übrigens nicht bestätigen, dass es nur einige wenige sind, die unsere Inhalte verstehen. 🙂

  4. Wie gesagt, bin ich im Prinzip auch vollkommen bei dir. Die „Auslegung“ deines Blogs, da sehr wissenschaftlich und fundiert, ist mir bisher nur noch nicht so bewusst gewesen, deshalb freut mich diese eindeutige Klarstellung von dir. Wenn du es so deutlich sagst, dann kann ich sehr gut, auch mit diesem Artikel im Kontext leben.

  5. Wie könnte denn so eine „Kosten-Nutzen-Rechnung“ für den Kakao aussehen? Ich bin durch Euch erst dazu gekommen, das Zeug in meine Basics einzubauen. Dumm gelaufen, oder wie? – Obwohl ich lebe ja noch und erfeue mich bester Gesundheit und Laune. Also was nun: trotz oder wegen?

  6. Hey Fritz, damit hab ich auch so meine Probleme – erst ist Kakao super – dann eher nicht. Im Grunde genommen lautet die Empfehlung: Trink hin und wieder mal eine qualitativ hochwertige Tasse Kakao und fühl dich gut dabei oder lass es. Leider können wir die bioschemischen Prozesse in unserem Körper nicht erfühlen und wenn es dir heute gut geht und morgen schlecht ist der Kakao eine von hunderttausend Stellschrauben.

  7. Ich habe inzwischen mal etwas weiter gesucht. Im Feil-Blog ist man der Ansicht, dass die Vorteile überwiegen (s.u.), besonders wohl bei „Bio“ aus „Afrika“. (Meiner kommt aus DomRep, geht vermutlich auch). Wenn es aber letztlich ein „Nullsummenspiel“ wäre und man nicht unbedingt dieses besondere Geschmackserlebnis braucht, könnte man es in der Tat auch lassen. Ich habe mir jedenfalls schon mal Flavdrops Schoko bestellt 🙂

    https://www.dr-feil.com/blog/lebensmittel/schokolade-gesund.html

  8. Hallo Chris,
    um es gleich vorneweg zu sagen: Ich bin Naturwissenschaftler. Kein Biochemiker, kein Klimaforscher, sondern Ingenieur, der als wissenschaftlicher Mitarbeiter in einer Forschungseinrichtung tätig ist.
    Die Artikel auf edubily lese ich oft und gerne. Ich schätze dabei vor allem zwei Dinge: Dass es immer wieder darum geht, ein Systemdenken zu entwickeln, anstatt schwarz-weiß an starren Konzepten festzuhalten. Zum anderen der immer wiederkehrende Hinweis, dass wir uns „entlang eines Spektrums bewegen“.
    Manchmal habe ich allerdings das Gefühl, dass die Systemgrenze eng um den eigenen Körper gezogen wird. Ab und an geht es auch noch um die Interaktion mit unseren Mitmenschen: Um Kommunikation und soziales Verhalten.
    Beim Thema Fleischkonsum habe ich allerdings manchmal das Gefühl, dass vergessen wird, dass wir auch Teil eines größeren Systems sind und dass die Menschheit gerade dabei ist, dieses System massiv aus dem Gleichgewicht zu bringen. Die Rede ist vom Klimawandel.
    Wenn ich im Schlusssatz des Artikels die Begriffe „radikaler Öko-Kurs“ und „Fleischverzehr“ zusammen lese, wundere ich mich. Auch wenn du behauptest, es ginge hier nicht um Politik, häufen sich doch in letzter Zeit solcherlei Andeutungen. Und ist der Klimawandel überhaupt eine Frage der Politik? Geht es nicht um physikalische Fakten? Um Energie- und Strahlenbilanz, und um messbare Größen. Um naturwissenschaftliche Fakten, also um das, worum es auch bei edubily geht, wenn auch auf einer anderen Ebene, einem anderen Themenkomplex.
    Hatte ich schon geschrieben, dass ich Fleisch esse? Trotzdem frage ich mich natürlich, wie viel Fleisch ich esse: Wie viel ist genug für meine Gesundheit? Wo kommt es her und unter welchen Bedingungen wurde es erzeugt? Welche Folgen hat mein Konsum auf das System, in dem ich lebe und von dem ich selbst ein Teil bin? Welche Folgen hat mein Konsum für andere? Ist das schon ein „radikaler Öko-Kurs“ oder wäre das vielleicht mal eine Frage, die auch andere edubily-Leser bewegt? Wo bewegen wir uns im breiten Spektrum zwischen Veganismus auf der einen und gedankenlosem Fleischkonsum auf der anderen Seite?

    1. Hey, danke für deinen Kommentar. Radikaler Öko-Kurs ist in meinen Augen blinder Öko-Kurs, Aktionismus, Ideologie, Vorgehen ohne nachhaltige Grundlage, Panikmache gegenüber wichtigen Dingen, Augenverschließen vor Tatsachen, gesunder Menschenverstand aufgeben zugunsten von blindem Gehorsam gegenüber neuer Industrie-Kampagnen.
      Die Argumente, die beim Fleisch-Bashing allgegenwärtig sind, entziehen sich zT jeglicher Grundlage. Zum anderen ist alles, was die Umwelt betrifft, genauso ein System wie unser Körper auch. Es braucht allumfassende Ansätze, keinen Reduktionismus. Dass wir uns für das einsetzen, deuten wir auch oft genug an. Auf der Startseite: Wir werden Bäume pflanzen, zudem: wir versuchen kein nicht-abbaubares Plastik mehr in die Umwelt einzubringen. Ich selbst reise kaum. Ich selbst habe eine geringe Auswahl an Kleidungsstücken. Kaufe quasi nur noch regional meine Lebensmittel, kaufe mein Fleisch auf einem Geflügelhof hier bei uns, gehe mit allen Ressourcen, die ich persönlich in Anspruch nehme, schonend um. Wie du weißt, ich setze mich für die Gesundheit meiner Mitmenschen ein, versuche aufzuklären, dass es nicht die ideale Lösung ist, Veganismus zu praktizieren, wenn das heißt, dass ich mich nur noch von fancy Nahrungsmitteln aus Timbukta ernähre. Sage: Pass auf, es ist eine Milchmädchenrechnung zu sagen, es wird alles gut, wenn ich weniger Fleisch esse – dafür aber äquivalente Mengen von Nahrungsmittel X, dessen ökologischen Fußabdruck wir gar nicht kennen.
      Ergo: Würde jeder vor seiner eigenen Haustüre kehren, würden wir „einfach“ leben, Städte-Tour in D statt Kreuzfahrtreise zu machen usw., hätten wir viele solcher ideologisch verblendeter Diskussionen nicht. Wenn ich z. B. lese, dass sich manche Parteien für eine Kilometerbeschränkung von 130 km/h auf deutschen Autobahnen einsetzen wollen („Schont das Klima“), die Gesamtdurchschnittsgeschwindigkeit auf deutschen Autobahnen aber nur um die 120 km/h beträgt, und die gefahrene Geschwindigkeit sich umgekehrt zur erlaubten Geschwindigkeit verhält (ergo: Bei Tempo 70 fahren die meisten schneller, bei Tempo 130 fahren die meisten automatisch langsamer), kann ich nur den Kopf schütteln, sorry.
      Das ist aber nur ein Teil! Die Leute bauschen hier etwas auf, obwohl der beste Lösungsansatz im Grunde sehr simpel ist: Fang bei dir an. Und dazu gehört natürlich: Geh mit allem ressourcenschonend um, inkl. Fleisch.
      LG

  9. Moin Chris. Ich muss sagen, dass ich Yetis Kommentar so eins zu eins übernehmen könnte, wenn ich den Naturwissenschaftler durch Arzt ersetzen würde. Ebenfalls esse ich Fleisch und zwar sehr gerne, bin mir der Relevanz des Konsums bewusst und aber auch der Kollateralschäden. Deine Antwort auf diesen Einwand hat mir ebenfalls recht gut gefallen und genauso erwartet. Eines fällt mir allerdings doch auf: Zunächst halte ich die Geschwindigkeitsrechnung für eine nicht ganz durchdachte Schönrederei und passt aber leider in die „liberale“ Individualitätsargumentation jeder solle sich um sich kümmern. Das sehe ich komplett anderes und ehrlich gesagt kann ich mir nicht vorstellen, dass du es wirklich so meinen kannst. Du sagt selber, dass kaum einer deine Texte und Informationen wirklich verarbeiten kann und versteht. Wie willst du dann von jeden einzelnen verlangen clever im Sinne des Individuums und er Gemeinschaft zu handeln wenn der Antrieb nur Meinungen und Gefühle sind, anstatt auch die wissenschaftlichen Fakten verarbeiten zu können. Ja, klar, wünschenswert wäre, dass alle so gebildet wären und so viel Interesse hätten um dies zu tun. Dem ist ja nun aber aus sehr vielen Gründen (vor allem struktureller) nicht so. Jetzt auf „Jeder für sich und an alle ist gedacht“ zu pochen, ist finde ich ziemlich elitär und verkennt wiederum Wissenschaft Fakten.

    1. Hey Hannes,
      irgendwie scheinst du unsere/meine Philosophie ein bisschen misszuverstehen.
      Erstens würde ich nicht behaupten, dass meinte Texte kaum verstanden werden können. Wenn ich das so denken würde, würde ich mir sicher nicht die Mühe machen, es für ein Publikum ins Netz zu stellen, das mittlerweile recht groß ist.
      Zweitens ist unser Ansatz genau der, den du schreibst: Das, was wir momentan haben, ist eine Art Anti-Bildung, Verdummung. Weil die Leute dazu erzogen werden, Meinungen, Konzepte und Emotionen einfach zu übernehmen. Wir hingegen hier im Blog versuchen die Leute – wenn auch auf die Biologie gemünzt – derart zu bilden, dass sie imstande sind, selbst gute Entscheidungen zu treffen. Selbst dann, wenn ihnen Fachinformationen fehlen. Deshalb schreiben wir Artikel zu z. B. Infobesity, einfach zu hintergründigen physiologischen Abläufen.
      Drittens: Ähnliches gilt für „jeder guckt auf sich“ – so war das überhaupt nicht gemeint. Aber das, was wir in unserer Gesellschaft heute machen, ist genau das, was Yeti beschreibt. Statt die wirklichen Probleme und Lösungen beim Namen zu nennen, das hieße: Eigenverantwortung/Rückbesinnung/Verzicht des jeden Einzelnen, werden Strategien gefunden, wie man es auf die Masse umwälzen kann. Und das ist weder fair, noch sinnvoll. Hier wird das Wort „Sozialstaat“ in seiner Bedeutung ein bisschen überstrapaziert, weil es nämlich genau daher kommt. Überspitzt formuliert: Heute stehen die Jugendlichen auf der Straße und demonstrieren, um dann nach dem Abitur erst mal eine Weltreise zu machen, das gehört heute ja quasi zum guten Ton. Aber dann wird über Geschwindigkeitslimits für alle diskutiert. Und weil selbst unsere Politiker etc. Probleme haben, systemisch statt reduktionistisch zu denken, kommen unbeholfene Lösungsansätze heraus, bei denen ein intellektuell normal-begabter nur den Kopf schütteln kann.
      LG

  10. Chris hat eigentlich das meiste schon beantwortet, was aber noch dazu kommt: der hohe Impact von Fleisch auf das Klima basiert auf falschen Berechnungen und Propaganda bekannter Veganer-„Dokumentationen“. Korrekt ist am Beispiel der USA, dass die Tierzucht nur 4% des jährlichen CO“-Austoßes ausmacht, Rinder davon 2%. Die Pflanzenlandwirtschaft hat mit 5% einen höheren CO2-Fußabdruck (aktuelle Daten der EPA), der dadurch noch größer wird, dass weg geworfene Nahrung meist pflanzliche Nahrung ist weil die (denkenden) Menschen eben doch Tierisches ungern wegwerfen. Mit jeweils 15-20% sind Verkehr/Transport und Energieproduktion immernoch mit Abstand die größten Treiber des Klimawandels. Dazu mal die Folge 41 des Peak Human Podcasts mit Dr. Frank Mitlöhner (Mitentwickler der aktuell genutzten Formeln um den CO2.-Ausstoß zu berechnen und vergleichbar zu machen) anhören, der räumt da mit sämtlichem Mythen zu Kühen, inkl. Methan auf. Auf Youtube gibt’s das glaube ich auch als Video im Channel Food Lies oder Peak Human Podcast, weiß nicht genau wie der Channel heißt.
    Dass Massentierhaltung trotzdem scheiße für die Umwelt, die Tiere und uns ist, die wir diese Tiere manchmal verzehren sehe ich natürlich genauso, aber das Argument, dass der Fleischkonsum das Klima zerstört ist komplett unhaltbar. Es gibt z.B. auch Farmen wie White Oak Pastures die nachgewiesenermaßen
    Bei Transport/Verkehr und Energieproduktion müsste man also ansetzen und nein, Elektroautos sind für den ganzen Planeten nicht besser, die sorgen für lokal in unseren Städten weniger CO2, aber wenn die Akkus aus China und Südkorea kommen (was die meisten tun) sieht das schonwieder anders aus. Denn v.a. China produziert den Strom hauptsächlich mit ungefilterten Kohlekraftwerken, ähnlich wie bei uns in den 60ern und 70ern. Frag mal jemanden der damals im Ruhrpott gelebt hat wie viel schlechter die Luft dort war im Vergleich zu heute mit mehr Autos. Dazu gab es letzte Woche eine sehr interessante Folge im Podcast von Wolfgang Unsöld mit einem Ingenieur mit 20 Jahren Erfahrung in leitender Funktion in der Autobranche, der extra eine Maske getragen hat damit ihn sein Arbeitgeber nicht erkennt. Da müsste es glaube ich auch ein Video dazu geben.

  11. *die nachgewiesenermaßen Klimapositiv sind, also in der Erde und dem Gras mehr CO2 binden, als die Kühe ausrülpsen (bei deren Fürzen ist kein Methan dabei) und die Traktoren und andere Maschinen produzieren.

  12. Der Titel des Artikels heißt „Funktion vs. Emotion“ und ist in der Kategorie „Kontroverses“ gelistet. Es ist nicht verwunderlich, dass es bei dem Thema schnell emotional wird: Man bekommt offenbar das Gefühl, sich rechtfertigen zu müssen, aber das hat dann wenig mit Fakten zu tun.
    Daher nochmal direkt an Chris: Es war kein Vorwurf und ich sehe es auch nicht so, dass hier bei edubily ein gedankenloser Fleischkonsum propagiert wird. Das wäre ja letztlich auch nur das andere Extrem, am anderen Ende des Spektrums gegenüber dem Veganismus. Und wie der regelmäßige edubily-Leser weiß: Extreme sind nicht gut!

    Zum Klimawandel: Fakt ist, dass die Menschheit noch ein begrenztes CO2-Budget hat, um die globale Erwärmung zu begrenzen. Wenn das nicht gelingt, erreichen wir Kipppunkte, wo sich der Effekt unaufhaltsam selbst verstärkt. Wir müssen also nicht die CO2-Emissionen ein wenig reduzieren sondern in absehbarer Zeit (20-30 Jahre) komplett auf Null herunter fahren. Die Diskussion um ein Tempolimit auf Autobahnen ist dabei symptomatisch für die Trägheit, mit der wir das Thema angehen. Das Potenzial eines Tempolimits zur CO2-Reduktion wird auf ca. 2 Mio Tonnen jährlich geschätzt. Und wie du schon sagtest: Die meisten Leute würde es gar nicht betreffen, weil die sowieso nicht schneller fahren oder weil es ohnehin auf vielen Abschnitten bereits Begrenzungen gibt. Trotzdem wird darum gekämpft, als ginge es um die letzte Freiheit der Menschheit, die es um jeden Preis zu verteidigen gilt.

    Ein anderes Beispiel: 40% aller Autofahrten sind in Deutschland kürzer als 5km. Würde nur die Hälfte dieser kurzen Wege mit dem Fahrrad statt mit dem Auto zurückgelegt, hätte das ein Einsparpotenzial von 12 Mio Tonnen CO2 jährlich. Es hätte darüber hinaus einen erheblichen Impact auf die Gesundheit, wenn sich die Leute mehr selbst bewegen würden, anstatt sich bewegen zu lassen. Es würde weniger Unfälle geben, die Luft wäre sauberer, es gäbe weniger Lärm in den Städten.
    Warum tun wir das nicht? Weil wir schlecht darin sind, Gewohnheiten zu verändern. Raucher wissen, dass Rauchen schlecht für ihre Gesundheit ist. Dicke wissen, dass Übergewicht ein großer Risikofaktor ist. Und trotzdem schaffen es nur wenige, dauerhaft etwas zu verändern. Stattdessen wird mehr Energie darauf gesetzt, Gründe zu finden, warum es doch alles nicht so schlimm ist und weiter zu machen wie vorher. Oder man glaubt nicht an die Wirksamkeit des eigenen Handelns („Wenn ich ab morgen Fahrrad fahre, rette ich auch nicht die Welt“, „Mein Übergewicht ist genetisch veranlagt“, „Ein Tempolimit auf Autobahnen bringt doch nicht viel“, „Helmut Schmidt ist auch 99 Jahre alt geworden und hat geraucht wie ein Schlot“, „Es gibt auch Dicke, die gesund sind“, „Erstmal sollen die anderen was tun“ …).

    Man findet heute für jede krude These irgendein Youtube-Video. Sei es für irgendwelche Ernährungskonzepte, Verschwörungstheorien oder zur Leugnung wissenschaftlicher Fakten. In den Social-Media Blasen kann jeder Bestätigung finden und sei es noch so absurd. Man kann einfach so lange googeln, bis man den „Beweis“ gefunden hat, dass man so weitermachen kann wie bisher und gar nichts ändern muss.

    Wir sollten mehr auf die Wissenschaft hören und weniger nachplappern, was wir irgendwo aufgeschnappt haben. Dafür braucht man aber „Übersetzer“, die Wissenschaft verständlich machen. In diesem Sinne: Danke an dieser Stelle für die Übersetzung der Biochemie!

  13. Klasse Beitrag, ich danke Dir! Das sind auch wirklich gute Punkte, die extrem viel bewirken könnten mit nur einem geringen Einsatz an Willenskraft, wenn denn unsre Politiker mal aus dem Quark kommen würden.
    Ein weiterer Effekt vom Radfahren: die erwähnten gesünderen Menschen bräuchten weniger Medikamente und das würde auch direkt die Umwelt schonen weil die Pharmabranche hinter den Transport- und Energiebranchen den drittgrößten CO2-Fußbadruck hat. Daher würde es extrem helfen wenn wir einfach prozentual mehr gesunde Menschen hätten als aktuell.
    Ich hoffe nur, dass du meinen Beitrag weiter oben nicht falsch verstanden hast, ich wollte dich oder sonst wen nicht damit angreifen, sondern nur einige Tatsachen die Chris erwähnt hatte verstärken.
    Zur Erklärung, da ich das oben vergessen habe: Die EPA ist die Environmental Protection Agency, die dafür zuständig ist den CO2-Ausstoß zu beziffern und zu kontrollieren in den USA, das ist auch ein Teil der US-Regierung die nach den aktuell anerkannten Rechen- und Messverfahren vorgeht. Zahlen von der höchsten Stelle also.

    LG Jens

  14. Hi Chris und jfi und yeti,
    tatsächlich habe ich bei einem deiner (Chris) vorherigen Kommentare ein „nicht“ überlesen. Ich möchte nicht widersprechen, dass es erfreulicherweise eine größer werdende Gruppe verständiger Leser gibt. Der Anteil an der Bevölkerung ist jedoch und wird leider verschwindend gering bleiben. Da sind wir uns glaube ich einig. Einig sind wir uns denke ich auch in der viel zu undifferenzierten und oftmals Lobby gesteuerten verbreitung „Mainstreamfakten“ bezüglich der Klimaschädlichkeit unterschiedlicher Faktoren. Die Zahlen bezüglich der Landwirtschaft sind mir tatsächlich neu, was jedoch absolut nicht bedeutet, dass ich denen keinen Glauben schenken könnte. (@jfi falls schneller link zur Hand wäre es ein Traum). Und ebenfalls einig sind wir uns denke ich, dass die meisten Maßnahmen seitens der Politik vollkommener Schwachsinn sind in Bezug auf den Klimaschutz. Sie taugen allenfalls als Subventionsmaßnahmen und Vorzeigelobbyarbeit. Aber wesentlich unterscheidet sich meine Auffassung in dem Punkt, zumindest von dir Chris, dass es eben nicht nur Übersetzer braucht, damit Interessierte die Sprache verstehen, die die Probleme erklärt und die Lösungsansätze bietet, da ein Großteil der der Bevölkerung entweder kein Interesse hat oder gar keine Möglichkeit hat sich dem Interesse zu widmen, da sich mit vermeintlich oder real wesentlich basaleren, wichtigeren Problemen beschäftigt werden muss. Deshalb brauch es gesamtgesellschaftliche Maßnahmen und auch Regeln und Pflichten auf wissenschaftlicher Basis, nach denen gehandelt werden kann und muss, ohne dass sich jeder einzelne über die Richtigkeit und Notwendigkeit Gedanken machen muss.
    Wie Yeti vollkommen richtig sagt sind Menschen Gewohnheitstiere und wir jagen dem Dopamin nach. Dass das nicht immer im Sinne einer nachhaltig gesunden Lebensweise endet ist kein Geheimnis.
    Ich möchte mich übrigens dafür entschuldigen wenn meine Kommentare als Totalkritik rüber gekommen sind. Sollte es nicht sein. Ich sehe den Artikel als gelungen und die Diskussion als sehr anregend. 🙂

    1. Hannes, Diskussionen auf diesem Level sind sehr erwünscht! Das bereichert den Blog ungemein! Also auf jeden Fall schon mal vielen Dank an euch, die sich daran beteiligen! Wie jeder weiß, ich habe auch viel Spaß am Diskutieren 🙂 Insofern, alles supi. Und vielen Dank auch für deine lieben Worte an uns!
      Um nochmal kurz zurückzukommen: Ich habe überhaupt gar nichts gegen Beschlüsse, die dem Klima helfen und für uns alle gelten. Sofern sie, wie du richtig sagst, fundiert sind und auch Sinn ergeben, und nicht wieder von der Politik bzw. einigen Parteien missbraucht werden. Denn wenn man diesen „Öko-Bogen“ überspannt, – Stichwort Emotion – hat bald wirklich keiner mehr Bock sich damit zu befassen und wird grundsätzlich alles ablehnen, was in diese Richtung geht. Grundsätzlich aber würde ich mich davor hüten, Menschen immer (wenn auch indirekt) ihre Verantwortung abzusprechen, auf die Art „Viele Menschen kümmern sich eh nicht darum, deshalb muss die ganze Gesellschaft zwangsweise dafür ‚haften'“ – ich bin nicht dagegen, teilweise Verantwortung für andere mitzutragen, aber auch hier gilt, dass der Bogen nicht überspannt werden sollte.
      LG

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