Ernährung

Teil 2: Insulinresistenz mal anders

Ein grundsätzliches Problem vieler Debatten ist, wenn Menschen über etwas sprechen, was sie nicht oder nur bedingt betrifft. Das heißt nicht, dass sie keine Ahnung haben oder nicht mitreden können. Sie unterliegen aber in den meisten Fällen massiv und ohne es zu merken dem Dunning-Kruger-Effekt.

Der Grund dafür ist recht simpel und einfach zu erklären:

  • Nehmen wir mal den übergewichtigen Joe, der sich sein halbes lang fragt, warum das so ist. Der wird jedes erdenkliche Detail zu seinem “Problem” kennen, unzählige Stunden, vielleicht jede Sekunde am Tag darüber nachgedacht haben.
  • Und nehmen wir auf der anderen Seite mal den schlanken Bill, dessen einziges “Problem” im Leben darin bestand, die drei Kilo Speck wieder loszuwerden, die sich zufällig im Laufe der Jahrzehnte mal angesammelt haben.

Ein Denkfehler ist schon, zu glauben, man könne die beiden vergleichen. Das ist überhaupt ein grundsätzlicher Denkfehler, wenn es um die menschliche Physiologie geht.

Daraus ergibt sich schon das erste Grundsatzproblem: Bill – weil schlank – glaubt, er könne Joe Ratschlage geben. Er bemerkt dabei aber nicht, dass die meistens Joes nicht auf den Kopf gefallen sind. Selbst wenn beide identisch leben bzw. das Identische essen würden, die Resultate wären grundverschieden.

Deine Realität ist nicht meine

Es gibt im Leben Realitäten wie Sand am Meer. Wenn man keinen Krebs hatte, weiß man nicht, wie es sich anfühlt, Krebs gehabt zu haben oder in einem verkrebsten Körper zu leben. Meine Mutter sagte dazu: “Das ist nicht mehr mein Körper.” Ob wir, die momentan keinen Krebs haben, jemals diese Realität verstehen werden? Eher nicht.

Analog dazu gibt es Menschen, die bei gleicher Größe jeweils 80 und 60 kg Magermasse auf die Waage bringen. Das sind 20 kg Realitätsunterschied. Nur hat es einen genetischen Grund dafür, dass der eine ohne es bewusst zu wollen 20 kg mehr Magermasse auf die Waage bringt als der andere.

Jemand, der ganz normal lebt und 100 kg auf die Waage bringt, wird niemals die Realität eines Menschen verstehen, der 70 kg auf die Waage bringt und ebenfalls “normal” lebt. Der 70-kg-Mensch wird nie verstehen können, wie man so “schwer” sein kann – und der 100-kg-Mensch wird auch wirklich nie verstehen, wie man so leicht sein kann.

Der Unterschied sieht extrem aus, wird aber erst als anomal wahrgenommen werden, wenn man von bestimmten Standards ausgeht … die bitte wer definiert?

“Wie kann man nur so aussehen?”

Wenn der leichte Bill dann tolle, extreme Ernährungsformen ausprobiert, mit denen superschnell und superleicht noch magerer wird, könnte er schnell zum Schluss kommen, dass das die beste Lösung Joe sein muss. Dabei versteht er einfach nicht, dass er seine von Haus aus schlanke Physiologie niemals, niemals mit der Physiologie von Joe vergleichen kann.

Lange Rede, kurzer Sinn. Warum scheint eine “karnivore Ernährung” beim einen super zu funktionieren, während es den anderen noch kränker macht? Warum braucht der eine vielleicht eher was Pflanzenbasiertes, während der andere sich kiloweise Steaks reinziehen kann?

Obesogene Umwelt

Nehmen wir als Beispiel mal den zentralen “Anabolismus-Schalter” mTOR. Menschen, die leicht an Mager- und Fettmasse zulegen, haben dafür genetische Voraussetzungen, zum Beispiel mehr mTOR-Aktivität/Menge. Nicht jeder kann nebenbei und einfach so mal 130 kg auf die Waage bringen. Da müssen genetische Voraussetzungen gegeben sein, die man sich als ein Spektrum vorstellen kann.

Bitte verstehen: Genetische Voraussetzungen dafür ist nicht gleichbedeutend damit, dass man dann auch so aussehen muss. Und umgekehrt heißt es nicht, dass man nicht so aussehen kann, wenn man über keine direkte genetische Begünstigung dafür verfügt.

Menschen, die schlank sind und mit Mühe mal ein Kilo Muskelmasse aufbauen, haben biologischen Rückenwind in die andere Richtung. Die können sich alle Stoffe der Welt reinziehen, die mTOR stimulieren, es wird wenig passieren.

Und in der Realität gibt es unendliche vieles, was mTOR stimulieren kann: Zink und Spurenelemente im Allgemeinen, Eiweiß, ein zu hohes Insulin, redoxaktives Eisen (via Ausschüttung von Insulin), Schilddrüsenhormonen, TMAO, Carnitin … eine endlose Liste mehr … und z. B. Phospholipide.

All das wirkt bei Menschen, die dafür eine genetische Grundlage haben und bei denen der entsprechende Kontext gegebenen ist, potenziell obesogen. Während der von Haus aus Schlanke gar nicht versteht, was das sein soll und wie sowas funktioniert, können viele Übergewichtige davon ein Lied singen.

Machen Phospholipide insulinresistent?

Oben habe ich Phospholipide hervorgehoben. Das sind spezielle Lipide, die man im Essen – vor allem in Eiern – findet, die aber auch in unseren Zellmembranen verbaut sind und dort Aufgaben erfüllen. Zu diesen Phospholipiden gehören beispielsweise Phosphatidylcholin oder Phosphatidsäure.

Vor allem Phosphatidsäure wurde dafür bekannt, dass es notwendig ist, um bei mechanischer Stimulation der Muskeln mTOR zu aktivieren. Phosphatidsäure ist wie ein Hebel, der dafür sorgt, dass mTOR konstant gedrückt bleibt. Später fand man heraus, dass Phosphatidsäure auch dann mTOR stimuliert, wenn es gar keine mechanische Reizung gegeben hat.

mTOR aktivierung durch phosphatidsäure
mTOR(C1) wird durch Phosphatidsäure (PA) aktiviert. mTOR kann als Folge via Negativ-Feedback die Insulin-Wirkung lahmlegen, indem der Insulin-Rezeptor in seiner Funktion gehemmt wird.

Genau genommen produziert der Körper oft dann Phosphatidsäure, wenn mTOR stimuliert werden soll. Wie dargelegt, fungiert Phosphatidsäure dabei als “Hebel”, der mTOR gedrückt hält. Das funktioniert so intensiv und gut, dass der Gegenspieler von mTOR – AMPK – nicht aktiv werden kann, wenn man mTOR “künstlich” mit Phosphatidsäure aktiviert.

Der Körper kann Phosphatidsäure aus vielen Phospholipid-Vorstufen selbst bauen. Er kann dafür z. B. Phosphatidylcholin nehmen. Allerdings gilt: Phosphatidsäure kommt auch reichlich in manchen Nahrungsmitteln vor, man kann Phosphatidsäure also auch direkt essen.

Wenn sich jetzt ein “physiologisch Schlanker” mit Phospholipiden vollpumpt – z. B. indem er täglich 5 Eier isst – dann wird er … genau gar nix merken. Oder sehr wenig. Wenn ein “physiologisch Kräftiger” das macht, kann die Reaktion ganz, ganz anders aussehen. Denn der aktiviert sein sowieso schon gesteigertes mTOR noch mehr und ggf. sogar chronisch – ohne es zu merken, ohne Insulin, ohne irgendwas.

Ein chronisch aktiviertes mTOR will aber nicht chronisch aktiviert sein, weswegen die Zelle versucht, kataboler zu werden. Sie macht das, indem sie … das Insulin-Signal blockiert, denn normalerweise ist Insulin (zusammen mit Aminosäuren) dafür zuständig, mTOR zu stimulieren. Da die Zelle in der Hinsicht aber primitiv agiert und nicht versteht, dass das Signal nicht von Insulin kommt, kann sie nicht anders, als insulinresistent(er) zu werden.

Gehaltvoll ist nicht immer gesund

Und dann beginnt wie so oft ein Teufelskreis. So ein Mensch muss alles daran setzen, eben nicht anabol zu werden, sondern katabol(er) zu bleiben. Und hier setzen dann Ernährungsformen wie der Veganismus an. Man liest es einfach immer wieder von betroffenen Menschen: “Sobald ich tierische Produkte esse, nehme ich zu.” Das ist freilich überspitzt formuliert, hat aber sicher einen wahren Kern.

Sogar der Stärke-Papst Dr. McDougall drückt es so aus: Sobald sich die Menschen auf Hawaii – dort betreute er vor vielen Jahrzehnten mehrere Generationen der Einheimischen – “gehaltvoll” ernährten, wurden sie fett und krank. Wir kennen auch hier die genetische Basis nicht, aber man sollte solche Aussagen ernst nehmen.

Der Grund ist einfach, dass tierische Produkte sehr gehaltvoll sind, aber auch genau (und deshalb) jene Stoffe liefern – Beispiel steht obendrüber –, die die Physiologie mancher Menschen aufgehen lässt wie ein Hefeteig.

Wir haben andere Probleme

Insulinresistenz und Fettleibigkeit kann man nicht einfach auf die Dummheit von Menschen, auf Essgewohnheiten, Bewegungsverhalten oder sonstige einfache Zugänge herunterbrechen. Das gilt sicher für eine Schnittmenge – also für Menschen die mal schlank waren und sich dann fettgefressen haben –, es gilt für viele Menschen aber nicht uneingeschränkt.

Viele Menschen, die Probleme im Leben haben – und das hat quasi jeder –, leiden nicht unter Oberflächlichkeiten, sondern unter tief verwurzelten, in der Physiologie verankerten Eigenheiten. Hier muss man ansetzen!

Man erlebt leider immer wieder, dass Menschen – vor allem jene, die andere bewerten – gerne einfache Zugänge suchen. Es fühlt sich besser an, man hat schnell eine Erklärung für sich und andere parat und kann das Thema für sich schnell abhaken. In meinen Augen ist das Realitätsverweigerung, man bleibt lieber in seiner sicheren Wohlfühlblase.

Wenn ich eine Sache in vielen Jahren gelernt habe, dann ist es die: Nimm jede Geschichte eines jeden Menschen erst mal sehr ernst. Menschen sind häufig nicht so dumm wie man vielleicht glaubt. Und auf der anderen Seite sind Themen und Sachverhalte oft wesentlich, wesentlich komplexer als man sich das je hätte vorstellen können.

Wer endlich mal im 21. Jahrhundert ankommen will, der muss verstehen, dass jeder Chemiebaukasten eines jeden Menschen zwar in Grundzügen gleich funktioniert, sich aber mit Blick auf den täglichen Output bei ähnlichem Input grundverschieden verhalten kann.

Daher muss jeder Mensch für sich herausfinden, wie seine kleine (oder große) Chemiefabrik für ihn am besten funktioniert.

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Kommentare (6)

  1. Aber mann muss nicht vegan machen oder?
    also Fleisch und Fisch und Eier ala lean green marine ist für ampk auch gut?
    bisschen mit Hungergefühl und Kcal spielen?
    weil ja in dem vorherigen Artikel das auch als OK genannt wurde.

    wenn ich so ein mTor Kandidat bin, was würdest du empfehlen zu tun?!
    also ganz konkret so 🙂

  2. Danke für diesen Artikel 🙏 ich hoffe diese Erkenntnis verbreitet sich wie ein Lauffeuer, vor allem bei den Bills dieser Welt, und der Rest von uns bekommt hoffentlich noch viel nützliche Info in dieser Richtung.

  3. Wow! So gut! Endlich versteh ich warum ich trotz Lipödem und 57 Jahren mit Low carb 33 kg abnehmen konnte und meine Tochter ebenfalls mit Lipödem und 33 Jahre mit meinen Tipps immer noch bei 30 kg Uebergewicht ist.
    Oder,- meine Freundin Intervallfasten kann und ich bei dem Versuch im Kopf so Dusel kriege dass ich am Arbeitsplatz nicht mehr verstehe was zu mir gesagt wird!
    Hast Du weiterführende Literatur zum vertiefen?
    Liebe Grüsse, Jsabella

    1. Antwort an Jsabella Bär

      hat deine Tochter auch low carb gemacht?

      wie viel KH und Protein hast du bei low carb zu dir genommen?

      Literatur auch interessiert, aber auch wie man es am Besten angeht Fettverbrennung/AMPK hoch zu halten. Tipps?!?

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