Darmgesundheit

Entstehen (neurodegenerative) Erkrankungen im Darm?

Zugegeben: Auch ich habe mich viel zu lange damit befasst, was ich zusätzlich tun muss, damit sich Gesundheit und Leistungsfähigkeit im Allgemeinen verbessern. Es hat lange gedauert, bis ich verstanden habe, dass die viel größere Stellschraube eher das ist, was ich weglassen muss.

Gesund durch Weglassen

Frei nach dem Motto von Bruce Lee:

It’s not the daily increase but daily decrease. Hack away at the unessential.

Nun … Es ist ein bisschen komplizierter als nur das „Nicht-essentielle“ wegzulassen. Mittlerweile sind etliche Faktoren bekannt, die wir in der Nahrung finden und die zeitgleich ein paar „Probleme“ bereiten können.

Und so weiter. Leute, die von irgendwelchen Leiden geplagt werden, die sie quasi mit der größten Mühe nicht in den Griff bekommen, landen häufig beim Paleo-Autoimmunprotokoll. Im Grunde handelt es sich hierbei um die maximale Reduktion.

Im Prinzip ist es fast wie ein protein sparing modified fast – man streicht alles, was man nicht braucht und landet dann bei … genau,

lean. green. marine. 

Man kann es nur wiederholen. Deshalb auch der letzte Post von uns. Man braucht eine Basis!

Hintergrund ist, dass immer klarer wird, dass a) viele, wenn nicht alle Erkrankungen systemischer Natur sind (= den ganzen Körper betreffend) und b) sämtliche, wenn nicht ein Großteil dieser systemischen Erkrankungen ihren Ursprung im Darm haben.

Dieses Thema nicht aufzugreifen, wäre fahrlässig und wir würden unseren Lesern möglicherweise wichtige Informationen vorenthalten.

Warum? Alleine in den vergangen Monaten sind in Nature, das beste, angesehenste Journal, mindestens zwei Arbeiten erschienen, die klar darlegen, dass die Parkinson-Erkrankung (als Beispiel einer Erkrankung) ihren Ursprung im Darm haben könnte.

Lektine + Umweltgift = Parkinson?

Wir zitieren mal:

Wir konnten zeigen, dass eine zeitgleiche Gabe geringer Mengen eines Pflanzenschutzmittels (Paraquat) und (roher) Nahrungslektinen – wie aus Gemüse, Nüssen, Samen, Getreiden, Eier oder Milchprodukten – im Darm Alpha-Synuclein entstehen lassen. Sobald es gebildet ist, kann es den Vagusnerv hinaufwandern und zu dem Teil des Gehirns gelangen, der den Ausbruch der Parkinson-Krankheit auslöst.

Und weiter:

Diese Arbeit stellt ein solider Beweis dar, dass Lektine, bei gleichzeitiger Anwesenheit von bestimmten Giften, ein potenzieller Verursacher der Parkinson-Erkrankung sind.

Das ist sehr interessant. Wir packen also ein Umweltgift in geringen Konzentration zusammen mit Substanzen, Lektinen, die eigentlich dafür gemacht sind, Pflanzen vor Fraßfeinden zu schützen, und schwups bildet sich im Darm (!) ein Protein, das vom Vagusnerv aus (!) direkt ins Gehirn gelangt.

Vorausgegangen waren dieser Arbeit andere Arbeiten, die gezeigt haben, dass Lektine als hervorragende Transportschiffchen dienen und allerlei Substanzen z. B. über das Nervensystem in den Körper schaufeln können:

Pflanzen enthalten Lektine in Samen, Früchten und Nüssen (2), die bestimmte Kohlenhydrate erkennen und binden (17). Sie sind an der Pflanzenabwehr (15) und der Leguminosen-Rhizobie (16) beteiligt. Beim Verzehr durch Tiere widerstehen sie Verdauungsenzymen und halten ihre Funktion unter widrigen Bedingungen im Darm aufrecht (18, 19). Sie können von Darmzellen aufgenommen werden, wahrscheinlich indem sie zuerst einen Kohlenhydrat-Lektin-Rezeptor (21) binden. Erstaunlicherweise können intakte Lektine entlang von Nervenfasern übertragen werden (17, 22). Ihre medizinische Bedeutung wird zunehmend erkannt, indem sie mit Medikamenten zur besseren Medikamentenabsorption verbunden werden (21, 23-25).

Lektine können den Darm krank machen

Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Bis vor kurzem waren wir ja gedanklich alle noch im Mittelstufenunterricht, haben an das Gute im Leben geglaubt, nach dem Motto: Potenziell Schädliches, das in den Darm gelangt, wird dort schön zerlegt und ggf. wieder ausgeschieden.

Hier wird gezeigt: Lektine haben überhaupt gar kein Problem mit unserem Verdauungsapparat und sorgen stattdessen zudem noch dafür, dass andere Substanzen, die da eigentlich nicht hingehören, in den Körper geschaufelt werden.

Nun muss man sich mal kurz vor Augen halten, was Lektine grundsätzlich machen. Lektine sind Proteine, die an Kohlenhydratketten binden können. Diese sind beispielsweise auf der Zelloberfläche zu finden und dienen der Zwischenzell-Kommunikation. Auch im menschlichen Körper gibt es daher Lektine.

Dass der Lektinkonsum (vor allem im rohen Zustand) problematisch sein kann, ist nicht neu. Schon 1999 wurde darüber berichtet: Pflanzenlektine können, sofern sie in den Körper gelangen, Autoimmunerkrankungen auslösen – sie können zudem dafür sorgen, dass der Schleim auf der Darmschleimhaut verloren geht, was z. B. eine Fehl- und Überbesiedlung von Darmbakterien begünstigt. Zudem interagieren sie direkt mit Darmzellen, zerstören diese oder lockern die Verbindung zwischen Darmzellen. Der Darm wird damit „löchrig“.

Darmentzündung = (systemische) Erkrankung?

Auch dass (systemische) Erkrankungen im Allgemeinen häufig mit so einem „löchrigen Darm“ einhergehen ist nicht neu. Neu ist eher die Frage, ob der kaputte Darm Ursache oder Wirkung der jeweiligen Erkrankung ist. Es dürfte sich einmal mehr zeigen: Es gilt beides, da es sich hierbei um wechselseitige Beziehungen handelt.

Die zweite Arbeit in Nature schließt hübsch ab mit:

Über die Jahre hat sich unser Verständnis dahingehend erweitert, dass man erkannt hat, dass es sich bei der Parkinson-Erkrankung nicht nur um eine Erkrankung des Gehirns, sondern um eine systemische Erkrankung handelt, bei der viele Teile sich auf den Darm auswirken. Eine überwiegende Anzahl an Beweisen legt nun nahe, dass der Darm von der Parkinson-Erkrankung nicht nur beeinflusst, sondern es sich beim Darm sogar um den Ort handeln könnte, wo die Erkrankungen ihren Ursprung nimmt – Jahrzehnte, bevor es von einer Darm- zu einer ZNS-Erkrankung wird. Die Verbindung zwischen Nervensystem und Immunsystem und zwischen Entzündung und Neurodegeneration ist mittlerweile viel zu deutlich, um von der modernen Wissenschaft um die Parkinson-Erkrankung ignoriert zu werden.

Dazu gibt es eine ebenso hübsche Abbildung:

In anfälligen Individuen aktivieren entzündungsfördernde Stoffe (aus der Nahrung) (1) eine Immunreaktion im Darm, die das Darmmikrobiom negativ beeinflusst, die Darmdurchlässigkeit erhöht und die Bildung von Alpha-Synuclein herbeiführt (2). Alpha-Synuclein könnte vom Darm via Vagusnerv ins Hirn gelangen (3b), und die chronische Entzündung des Darms bzw. die Darmdurchlässigkeit fördern systemische Entzündungen, die, zusammen mit anderen Faktoren, die Bluthirnschranke durchlässig machen (3a). Darmentzündungen, systemische Entzündungen und eine gesteigerte Bildung von Alpha-Synuclein fördern alle die Entzündung des Nervensystems (4), die Neurodegeneration herbeiführt, die die Parkinson-Erkrankung charakterisiert (5). 

Der Punkt ist: Parkinson steht stellvertretend für viele systemische Erkrankungen.

Ist das Angstmache?

Eher nein. Es ist auch keine Angstmache, wenn man den Leuten Bilder von Unfällen zeigt, die im Straßenverkehr entstehen.

Man sollte sich im Klaren darüber sein, dass es so etwas gibt. Dass Individuen unterschiedlich anfällig gegenüber „Nahrungsmittelgiften“ bzw. „entzündungsfördernden Stoffen aus der Nahrung“ sind. Vielleicht betrifft es einen gar nicht. Vielleicht betrifft es einen besonders. Je nachdem, muss man eben handeln.

Zudem muss man wohl beachten, dass manche Nahrungslektine problematischer als andere sind.

Nur kann sich später niemand bei uns beschweren! Wir haben frühzeitig darüber berichtet.

übersicht

Kommentare (24)

  1. Sehr interessanter und wichtiger Artikel! Vielen Dank dafür.
    Gibt es eine gute (möglichst „vollständige“ und differenzierte) Übersicht, welche Lektine inwieweit problematisch sind/sein könnten und welche ggf. weniger?

  2. Also auch wenn ich möglichst viel weglasse und Leen.green.marine meine Basis ist, kann eine Menge schiefgehen. Ich weiß auch nicht ob es mich betrifft oder nicht, denn auch bei noch so sensiblem „reinhören“ in meinen Körper werde ich die negativen Stoffwechselvorgänge nicht erspüren können. Ich will mich nicht beschweren denn ihr habt mich frühzeitig gewarnt 😉
    Je länger und tiefergehender man sich mit den ganzen Themen beschäftigt, umso mehr wird man am Ende zum „Diogenes in der Tonne“ der Ernährungswissenschaften.

  3. Das erinnert mich an die „Blutgruppendiät“ – gewisse Lektine harmonisieren mit gewissen Blutgruppen nicht! Habe ich vor vielen Jahren gelesen – ist aber anscheinend wissenschaftlich nicht haltbar!

  4. Ich habe mir bei Amazon 100g hochreines Lithiumchlorid bestellt – überall wo NaCl reinkommt, kommt auch eine Messespitze LiCl rein! – Also ca. 0,1mg – 1mg LiCl pro Tag, aber nur 2-3mal pro Woche!

  5. Ich habe jetzt wieder das Buch „4 Blutgruppen – 4 Strategien für ein gesundes Leben“ von Dr. Peter D’Adamo ausgegraben. Er und sein Vater haben viele Jahre in einer Kuranstalt untersucht und beobachtet, welche Nahrungsmittel mit den entsprechenden Lektinen wer verträgt und wer nicht – und dabei hat der Vater einen Zusammenhang mit den Blutgruppen herausgefunden.
    Demnach müsste folgendes gelten:
    Der 0-Typ: der Fleischesser, braucht viel Eiweiß und viel intensive körperliche Betätigung
    Der A-Typ: der Vegetarier, zu viele Milchprodukte führen zu Verschleimung der Atemwege und Nasennebenhöhlen

    Der B-Typ: der ausgewogene Allesesser, starkes Immunsystem, neigt aber bei Unausgewogenheit zu Autoimmunkrankheiten
    Der AB-Typ: der für heutige Lebensbedingungen am besten angepasste Mischkostesser mit empfindlichem Verdauungstrakt

    Wer findet sich da wieder? – Wer überhaupt nicht? Vielleicht könnten wir da eine Statistik machen?
    Was haltet ihr davon? – Gibt´s da ein elektronisches Tool für so was?

    1. Jetzt beginnen sich einige Räder in meinem Kopf zu drehen – jetzt ergeben viele Dinge die nicht ganz in mein „Ernährungsweltbild“ gepasst haben auch Sinn!

      In China ist der Blutgruppentyp A entstanden – daher die Ernährungslehre in der TCM, die vor 5000 Jahren ihr Anfänge hat – viel gekochtes Getreide, Gemüse, Fisch und wenig Fleisch – Milchprodukte verschleimen, etc. – ja das stimmt wahrscheinlich für Menschen mit Blutgruppe A – das sind die guten KH-Verwerter!

      Die China-Study: hoher Konsum von tierischem Eiweiß führt zu schweren Erkrankungen, wie Krebs, etc. – ist klar der A-Typ verträgts nicht!

      Derzeit verdrängt der B-Typ den A-Typ auf gesamt Asien betrachtet – ist klar der gesteigerte Fleischkonsum macht den B-Typ dominant! Nur mehr in Japan ist der A-Typ dominant!

      Ein weiteres interessantes Detail – wo ist der Fleischfresser, der 0-Typ, die Ursprungsform, der Neandertaler dominant? – in Amerika! – Nur würde er intensive körperliche Betätigung brauchen!!! – die gleichen es halt mit Krieg führen aus!

    2. Günther, sehr interessant. Ich denke auch, es muss mit bestimmten Markern, welche das auch sein mögen, ich suche und beobachte, zusammenhängen, weshalb der eine dies und der andere jenes (besser) verträgt und sich pudelwohl dabei fühlt. Bei mir trifft Deine Blutgruppenliste oben zu!

      1. Eine Erklärung habe ich gefunden, warum Milchprodukt für A-Typen nicht (schwerer) verdaulich sind:
        Das B-Typ-Antigen hat zwei Zuckerenden – eines mit Fucose und eines mit D-Galactosamin. D-Galactosamin kommt aber in kleinen Mengen in Milchprodukten vor. Da aber das Immunsystem des A-Typs auf alles B-ähnliche reagiert, reagieren die Antikörper, die es zur Abwehr der B-Antigene erzeugt, auch auf Milchprodukte – besonders auf Vollmilchprodukte, da dort am meisten D-Galactosamin vorhanden ist.

    1. Eine Kollegin von mir hat mit der Blutgruppendiät auch Erfolge gehabt – abgenommen und weniger Unwohlsein/Verdauungsprobleme.

      Für mich macht es schon Sinn, das sowas existiert. Mich wundert dabei vor allem, dass das ganze teilweise so vehement dementiert wird obwohl einige damit wirklich Erfolg haben.

      Ich finde das ganze sollte größer untersucht/erfasst werden…

  6. Naja, steht da ja im- und auch explizit. Allgemein sich um seine Darngesundheit Gedanken machen, konkret ggf. Lektine reduzieren, Gluten, auf ausreichend Ballaststoffe achten usw. Denke ich mir zumindest.

  7. Digga du musst darauf achten dass dein cholinergisches nervensystem nicht zu stark dominiert. Anticholinergika gemischt mit nikotin kann bei opis wunder bewirken. Durch erhöhte auschüttung von catecholamine und cholinesterase. Is nicht unbedingt nötig aber gut als „drug of last resort“.
    Weniger fermentierungsprozesse im darm tragen auch dazu bei dass weniger acetylcholine produziert wird und zwar durch weniger serotonin, dass pre-winterschlafshormon. Macht hirn schlapp und träge.
    Man muss dass symphatische ns stimulieren. Stoffwechsel- und Schilddrüsenförderer wie caffeine, saccharose, natrium, CO2, palmitin-/stearinsäure, calcium, vitamin d, alpha- und gamma tocopherole, sonnenlicht,…alle tragen dazu bei den stoffwechsel effizient und am laufen zu halten.
    Bacterien nix gut. Ich weiss wirklich nicht was daran gesund ist jede 5min zu furzen und nen grauenhaften mundgeruch zu haben?!

  8. Weizenlektine (WGA) sind anscheinend auch für nicht-Zöliakiepatienten problematisch, man merkts nur nicht direkt, siehe auch:

    Sayer Ji
    Journal of Gluten Sensitivity
    Sa, 20 Mär 2010 02:15 UTC
    und
    Sayer Ji
    Journal of Gluten Sensitivity
    So, 21 Mär 2010 02:39 UTC

    LG
    H

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