BEITRAG
Biochemie

Vitamin-D-Mangel als eigenständiger Risikofaktor

Okay, also: Sinngemäß sagen wir ja immer, “alles ist eins”. Man muss Zusammenhänge erkennen und das System sehen, das der Körper (und das Leben) nun mal ist.

Entgleisungen des Energiestoffwechsels sind mit Herzinfarkten (ausgiebigst erläutert in unserem Buch) genauso verbunden wie mit Krebs (Energiestoffwechsel als zentrales Element in der Tumorbiologie) … oder mit Diabetes (eh klar) … neuerdings sogar – zunehmend anerkannt – auch mit Depressionen … und so weiter.

Mehr noch: Häufiger läuft das alles viel subtiler ab als uns das klar ist. Wenn beispielsweise der Energiestoffwechsel der Leber versagt (z. B. Fettleber), dann hat das gravierende Auswirkungen auf den ganzen Organismus. Transportproteine, Hormone, Botenstoffe – all das ist dann unter Umständen fehlreguliert und wird einen Rattenschwanz an Problemen nach sich ziehen.

Sprich, etwas überspitzt und markant formuliert:

Die Qualität unseres Lebens (= Krankheitsfreiheit & Vitalität) steigt und fällt mit der Funktion des Energiestoffwechsels.

Wer das mal verstanden hat, hat plötzlich ein unglaublich mächtiges Werkzeug in der Hand … Steht aber zeitgleich vielleicht vor einer unglaublichen Komplexität.

Übrigens: Wer jetzt denkt, “ja was ist denn, wenn ich z. B. kaputt bin, weil ich Virus XY nicht mehr loswerde?” – Na, auch Immunzellen haben einen Energiestoffwechsel …

Genau so sollte man das Kleine, wie das Große verstehen. In der Zelle kann man nicht einzelne Funktionseinheiten anschauen, ohne dabei systemisch zu analysieren. Da hängt alles zusammen. Das gilt aber auch für unser Leben im Großen – ich habe versucht, das im Schlusswort in unserem Buch zu verdeutlichen … zugegebenermaßen etwas schwerfällig. Ich denke aber, man versteht.

Mit Hormonen ist nicht zu spaßen

Im aktuellen Newsletter, der Beste seiner Zunft :-), geht’s um Hormone, genauer: um die Retinsäure (Hormon, das aus Vitamin A gebildet wird).

Beim Schreiben des Newsletters dachte ich zuerst: Okay, die Leute wissen mittlerweile bestimmt voll Bescheid über die Bedeutung von Vitamin D. Dann fiel mir eine neue Studie in die Hände und ich dachte: Okay, vielleicht sollte man doch nochmal drauf hinweisen, wie wichtig dieses Zeug eigentlich ist.

Warum? Weil suboptimale Vitamin-D-Werte, so zeigt es sich zunehmend, selbst ein Risikofaktor sind, wenn’s um das ordentliche Funktionieren des Energiestoffwechsels geht.

Vitamin-D-Mangel als eigenständiger Risikofaktor

Soeben erschien eine Arbeit zum Thema. Was mich daran ein bisschen stört, ist die Tatsache, dass die Wissenschaftler Inder sind. Nichts gegen Inder oder Indien, aber hier muss man mit Blick auf die Ergebnisse solcher Studien doch manchmal ein bisschen Vorsicht walten lassen.

Was haben die herausgefunden? Ich zitiere:

Der Vitamin-D-Mangel bei Ratten imitiert das durch Fruktose und Fett induzierte metabolische Syndrom und Fehlfunktion des Herzens. Diese Studie zeigt, dass Vitamin D-Mangel ein unabhängiger Risikofaktor für Herzinsuffizienz ist, zumindest teilweise durch die Induktion der myokardialen Insulinresistenz.

Hier stecken ein paar wichtige Infos drin:

  • Mit viel Fruktose und viel Fett zusammen (die Kombination lässt Tiere besonders viel fressen = zu viele Kalorien & Stoffwechsel fehlreguliert = metabolisches Syndrom), lässt sich in Tiermodellen eine chronische Entgleisung des Energiestoffwechsels (“Metabolisches Syndrom”) herbeiführen – so eine Ernährungsform nennt man fachsprachlich auch “Western diet”. Na, so ein Zufall aber auch.
  • Vitamin-D-Mangel alleine kann genau die gleichen Erscheinungen entstehen lassen.
  • Herzinsuffizienz hat gleichermaßen was mit dem entgleisten Energiestoffwechsel zu tun wie andere Erkrankungen (siehe Einleitung oben).
  • Vitamin-D-Mangel alleine kann ein Risikofaktor genau dafür sein.

Na, wenn das keine beeindruckenden Ergebnisse sind, weiß ich auch nicht. Dann schlafen wir vielleicht lieber noch ein bisschen weiter.

Noch viel spannender ist die Tatsache, dass 2018 eine Studie erschienen ist, die gezeigt hat, dass diese “Western diet”, also eine krankmachende, zucker- und fettreiche Kost, nicht krank und metabolisch dysfunktional macht, wenn man den Tieren zusätzlich Vitamin D direkt in seiner Hormonform (Calcitriol) ins Essen kippt:

Vitamin D reduziert das Körpergewicht und verbessert die systemische Glukosetoleranz. Darüber hinaus stellte Vitamin D die Wirkung von Insulin auf den Muskel wieder her und kehrte die durch die Ernährung hervorgerufene Verfettung des Muskels um.

Sensationelle Ergebnisse.

Vitamin D normalisiert Insulinsensitivität

 

Wieso juckt uns das?

Ich zitiere mal aus einem anderen Blog-Artikel von uns:

Im Winter sollte also, laut eines Mannes, der sich täglich mit dieser Thematik befasst, Vitamin D via Tabletten zugeführt werden, weil es – angeblich – schwierig ist, einen ordentlichen Wert im Winter zu halten. Auch das ist wieder einmal ein Oberwitz, weil die Deutschen es nachweislich noch nicht mal im Sommer schaffen, sich auf 100 Nanomol/L (= 40 ng/mL) zu heben, was ja nun wirklich kein überhoher Wert ist, im Gegenteil.

Referenziert hatte ich hier eine Studie, die zeigte, dass wir Deutschen es im Schnitt nicht mal im Sommer auf Normalwerte schaffen. Eine Studie aus dem Jahr 2013 verdeutlichte dies: Dort wurden über 200 ältere Herrschaften untersucht, die in Brasilien leben und “eigentlich” genug Sonne abkriegen (sollten) … angeblich. Die Wahrheit:

Der durchschnittliche Vitamin-D-Wert belief sich auf 27,86 ng/mL 

Also ungefähr auf demselben schlechten Deutschlandniveau. Deshalb schreiben die Autoren auch da: Die Häufigkeit eines Vitamin-D-Mangels war bei diesen Herrschaften sehr hoch! Leben wir auch in Brasilien oder sollten wir ernsthaft darüber nachdenken, Vitamin D gegebenenfalls auch im Sommer zu ergänzen? Man weiß es nicht.

Disclaimer

Was wollen wir mit diesem Artikel nicht sagen? Wir wollen damit beispielsweise nicht sagen, dass man weiterhin nur Schei*e fressen kann, solange man auf seinen Vitamin-D-Wert achtet … Das geht übrigens auch gar nicht, weil – edubily-Leser wissen Bescheid – Vitamin D zum Wirken auch noch Zink. Magnesium, Eisen und so weiter braucht.

Leider Gottes vergessen wir das zu oft: Ratten und Mäuse kriegen das alles standardmäßig verfüttert. Unter anderem deshalb kommen in solchen Studien auch einigermaßen homogene Ergebnisse raus. Bei uns Menschen bleibt alles heterogen und diffus, “weitere Studien sind nötig”, weil ein jeder Mensch für sich völlig verbaut ist. Die meisten wissen nur nichts von ihrem Glück, der Körper kompensiert ja fleißig.

Nein, wir wollen abermals darauf hinweisen, dass Vitamin D eine der wichtigen “Lebensstil-Stellschrauben” ist. 

Setzen wir in den aktuellen Newsletter statt Vitamin A/Leber/Karottensaft einfach Vitamin D/Sonne/Nahrungsergänzungsmittel ein, dann passt es:

Und so weiter. Würden die Menschen etwas ändern, wenn sie wüssten, dass aus Vitamin A eigentlich ein Hormon wird? Und … dass man mit Hormonen am besten nicht spaßen sollte? Weder mit Blick auf ein Zuviel – aber vor allem mit Blick auf ein Zuwenig.

Deshalb reden wir ab und zu über die Leber. Unter anderem voll gepackt mit Vitamin A. Ich bin mir sicher, dass die Leber einen kleinen Boom erfährt. Sollte es da Abneigungen geben, könnte man es auch mit Karottensaft probieren. Aber man sollte sich durchaus mindestens eine wertvolle Vitamin-A-Quelle erschließen. Alles andere ist fahrlässig!

Ach ja, über Vitamin A und vor allem über viele andere Hormone und Wege, Hormonwerte zu modulieren, sprechen wir natürlich in unserem neuen Buch. Es lohnt sich, wirklich!

Das neue Buch:

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ÜBER DEN AUTOR

Hi, ich bin Chris, Gründer des Blogs und der Autor mehrerer Bücher, die sich inhaltlich im gleichen Themenfeld bewegen. Dazu zählt unser neuestes Werk, "Gesundheit optimieren, Leistungsfähigkeit steigern", das beim Springer-Verlag erscheint, oder auch "Das Handbuch zu Ihrem Körper", das wir 2014 im Eigenverlag publiziert haben. Ich bin Biologe (BSc) und habe meinen Abschluss in zellulärer Biochemie gemacht (1,0).

18 kommentare ab “Vitamin-D-Mangel als eigenständiger Risikofaktor

  1. Jaja ein leidiges Thema – da diskutiert meine Mutter mit mir (Vitamin D Wert von 18,9 ng/ml) mit mir, dass ihre 4.000 iE pro Woche (vom Arzt verschrieben) ihr helfen würden, und sie aber gleichzeitig Angst hat, bei höherer Dosierung (ich rate ihr zu 10.000 iE/Tag) ein Nierenversagen zu erleiden. Gleichzeitig hat sie Bluthochdruck, temporäre depressive Verstimmungen und Energielöcher am nachmittag. Natürlich laut Arzt genetisch bedingt (mit entsprechenden Medikamenten zu beheben)…
    Es ist so offensichtlich aber es macht überhaupt keinen Spaß mehr da irgendwelche Argumente zu bringen – deshalb danke für den Artikel; ich werde ihn mal vorsichtig weiter leiten…

    1. Wieso denn gleich 10.000 und nicht einfach 3-4.000, was der Erhaltungsdosis entsprechen würde? Auffüllen kann man ein paar Wochen machen, muss man aber nicht. Würde mich als uninformierte Person auch abschrecken, 10.000 zu schlucken, wenn man überall eher von 2.000 liest (wenn überhaupt).

      Guter Artikel!

      1. Denke, 10.000 IE ist auf jeden Fall noch in Ordnung (https://edubily.de/2015/12/vitamin-d-wie-viel-brauche-ich/) und vielleicht sogar besser, weil man im Falle höherer Vitamin-D-Dosen direkt was spürt! Mit Freunden haben wir schon “Vitamin-D-Partys” gemacht mit Dosen jenseits von Gut und Böse! Würde ich so nicht empfehlen und für ne Frau in dem Alter sind 5000 pro Tag sicher die Dauerlösung, aber 10.000 schadet da auch nicht.

    2. Also, ich habe von meinem Gastroenterologen auferlegt bekommen, dass ich pro Woche 20.000 I.E. Dekristol wegen meiner Darmkrankheit “Colitis ulcerosa”, aufgrund der regelmäßigen Blutuntersuchungen, einnehmen soll.

  2. Hallo!
    Ich habe mir vor kurzem, weil es mir insgesamt sehr schlecht ging (ich war total kaputt, alles tat mir weh) pro Tag 40.000 I. E. Vitamin D ‘reingezogen. Man konnte mir förmlich zuschauen bei der Auferstehung!
    Die viel beschriebenen Nebenwirkungen in Deutschland sind bloße Angstmacherei. Das Ausland geht völlig anders, nämlich entspannter mit Vitamin D um!

      1. Bei der Beurteilung der Vitamin-DGehalte pro Tagesdosis haben sich die Experten an der Empfehlung des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) für die Höchstmenge in Nahrungsergänzungmitteln orientiert. Sie liegt seit Anfang 2018 bei 20 Mikrogramm (pg) oder 800 Internationalen Einheiten (|.E.), davor lag sie deutlich niedriger.

        1. Nirgendwo liegen die Empfehlungen des BfR weiter weg von der wissenschaftlichen Realität als beim Vitamin D. Ganz einfach zu verstehen: mit den empfohlenen Dosen landet niemand, in keinem deutschen Labor, im Normalbereich der Referenz. Hierfür sind nämlich min. 2000 bis 4000 IE pro Tag nötig. Das ist aber bereits „Standardwissen“ und seit spätestens 2010 nicht mehr diskussionswürdig. Zum Erreichen von Zielwerten können als Folge zunächst auch höhere Dosen genutzt werden (“Auffüllen”) …

  3. In Bezug auf die niedrigen Vitamin D Spiegel in Deutschland stelle ich mir mittlerweile die Frage, ob das nicht durch den niedrigen Calcium Konsum kommt und damit erhöhtem Vitamin D Verbrauch. Hierzulande schaffen die meisten doch noch nicht einmal 500 mg Calcium pro Tag aufzunehmen.

    Was meinst du dazu, Chris?

    1. Hi Michael,

      könntest du dafür paar “Empfehlungen” abgeben bzw. wo genau hast du dir die Info hergezogen? (Rein aus Interesse, bin kein “Ich-widerlege-dir-jetzt-deine-Meinung-weil-ich-xy-Studie-gelesen-habe” – Typ)

      1. Denke, Michael meint, dass die beiden aus den Vitaminen entstehenden Hormone (Calcitriol für Vitamin D und Retinsäure für Vitamin A) möglichen, negativen Effekten einer Überdosis/Überhöhung der Konzentration des jeweils anderen Hormons entgegenwirken.

  4. Alle reden/schreiben über Vit.D..
    Was aber eine VDR-Blockade bedeutet und wie man dieses Problem beheben kann, darüber konnte ich bisher nichts verwertbares finden.
    Die von Phil/Chris verlinkte Studie im Newsletter,
    “Vitamin D-Rezeptor ist notwendig für die Mitochondrienfunktion und die Gesundheit der Zellen”
    weist ja auf die Bedeutung des Rezeptors für die Zellgesundheit hin.
    https://translate.google.com/translate?hl=de&sl=en&u=https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC6032156/&prev=search
    Meine Werte,
    25Vit-D = 82 ng/ml und 1,25Vit-D = 104ng/l weisen z.B. auf eine Blockade hin. Die Aktiv-Passiv-Ratio von 1,3 sollte sich wohl besser um die 0,5 bewegen.
    Ein kurzer Text dazu.
    “Weil die zelluläre Aufnahme von Vit-D gehemmt ist, sollte die Indikation für eine Vit-D-Substitution wegen potentiell gesundheitsSchädigender Wirkung sehr zurückhaltend gestellt werden.”
    Wie denn nun ? Nach diesem Text schädige ich meine Gesundheit wenn ich mit zu hohen 25Vit-D-Werten rumlaufe.

      1. Aber den Vitamin D Rezeptor durchleuchten, wäre doch mal einen Beitrag wert.
        Sicherlich bin ich nicht der einzige mit solch einer Konstellation.
        Is ja doof, wenn man seiner Gesundheit etwas Gutes tun möchte und gegebenenfalls das Gegenteil erreicht.

        1. Die Theorie bzw. die Thematik um eine “Rezeptor-Blockade” ist wissenschaftlich maximal fragwürdig – genauer gesagt gibt es dazu eine Datenlage die gegen 0 geht. Das klingt immer so einfach: “Irgendwas” “blockiert” den Rezeptor und dann wirkt Vitamin D nicht mehr?!

          Calcitriol, das man im Blut misst, wirkt hauptsächlich auf den Darm. Die anderen Zellen versorgen sich über die jeweiligen Enzyme selbst mit Calcitriol, in passenden Mengen. Und dieses “systemische” Calcitriol, das in den Nieren gebildet und im Blut gemessen wird, steigt dramatisch an, wenn Calcium in der Nahrung fehlt, weil es eben in erster Linie ein Hormon ist, das den Calciumhaushalt reguliert. Ergo: Erst mal sicherstellen, dass genug Calcium gegessen wird. Oft ist der einfache Zugang der richtige!

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