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Warum es nicht klappt: Schwere Systemfehler

Schwere “Systemfehler” durfte ich selbst schon erleben. Doch der Reihe nach.

Wir leben nicht im Lehrbuch-Körper

Es kommt nicht selten vor, da steht im Forum, in einer Mail oder sonst wo geschrieben, dass Mann oder Frau Aminosäure X, Hormon Y oder Nahrungsmittel Z nutzt, um gesundheitliche Probleme positiv zu verändern – doch trotz der erwarteten Besserung, geht der Schuss eher nach hinten los. Man fühlt sich dabei vielleicht noch schlechter.

Hier liegt der Glaube zugrunde, dass der Körper schon funktioniert. Also die Lehrbuch-Annahme. In jedem Lehrbuch tauchen so hübsche Beschreibungen oder so hübsche Zahlen auf … Wie:

Der Gesamtbestand an L-Carnitin im Körper beträgt etwa 20-25 g.

Ja, schön wär’s. Was bringt uns diese Info? Wie beim Zink: Nichts.

Denn auch beim Zink gibt’s ähnliche Zahlen. Da steht beispielsweise, dass in jedem Körper 2 bis 4 g Zink zu finden ist (Anmerkung: Als ob es zwischen 2 und 4 g keinen spürbaren Unterschied gäbe!). Im Kleingedruckten steht dann aber, dass der schnell verfügbare Pool sehr klein ist und diese Speicher sehr schnell verarmen, also labil sind – mit den hier erläuterten Folgen.

Also: Wir gehen instinktiv davon aus, dass bei uns schon immer alles funktioniert. Dann leben wir 10, 20 Jahre unwissentlich mit einem Sauverhalten, der Körper macht und kompensiert fleißig. Immerhin funktioniert er noch – was im Endeffekt ja unseren Glauben bestätigt.

Wie der Lebensstil die Biochemie verkorkst

Was wir nicht wissen ist, dass der Körper uns massiv ans Bein pinkeln kann. Denn natürlich gilt: Je verkorkster unser Lebensstil und unser Leben, umso verkorkster die eigene Biochemie. Wichtig: Damit ist nicht mal die Höhe eines L-Carnitin- oder Zink-Werts gemeint.

Es geht da um etwas ganz anderes, nämlich um für uns nicht greifbare, tiefgreifende Veränderungen … beispielsweise auf Enzym-Ebene. Beispiel: Zink- und Kupfer-Transporter des Gehirns sind im Alter zunehmend fehlreguliert. Dann kommt es zu Ungleichgewichten im Spurenelement-Haushalt des Gehirns, zu beispielsweise Eisen-Anreicherungen, was als Folge neurodegenerative Erkrankungen (mit-)verursacht oder begünstigt. Verstanden? In diesem Falle könnte man “alles richtig” machen und trotzdem oder gerade deswegen Hirnschäden kriegen. Fehlregulation! Nicht greifbar für uns.

Ein ähnlich hübsches Beispiel: In einer Doktorarbeit (Uni Bonn) wurde gezeigt, dass Neu5Gc (ein Stoff aus dem Schweine- und Rindfleisch) sich in Immunzellen des Gehirns einbaut, die Funktion verändert und dadurch die Alzheimer-Entstehung begünstigen könnte. Fehlregulation! Nicht greifbar für uns.

Wer 10 Jahre – nicht wissend – mit einer Schilddrüsenunterfunktion durch die Gegend schleicht, kann davon ausgehen, dass zig Tausende Proteine falsch oder fehlreguliert sind. Das ist dann die “Wahrheit” des Körpers, das Fundament, auf dem der Körper arbeitet und als Folge weitere “falsche Entscheidungen” trifft, auf Enzym- und Proteinlevel wohlgemerkt. Fehlregulation! Nicht greifbar für uns.

Mit solch fehlregulierten Systemen, mit schweren Systemfehlern, kommen Leute anmarschiert und denken, sie können durch bissl Magnesium am Abend in den Genuss eines gesunden Schlafs kommen. Als ob! Mit viel Glück vielleicht. Wer weiß denn, ob die Tryptophan-Hydroxylase (ratenlimitierend bei der Umsetzung von Tryp zum Schlafhormon Melatonin) funktioniert? Ob die Fettsäure-Komposition der Nervenzellen stimmt? Ob die Transporter und Rezeptoren stimmen, deren Gleichgewichte etc.? Und ich so:

Rejustierung kann Jahre dauern

So ein mal richtig falsch justiertes System wieder ins Gleichgewicht zu bringen, kann JAHRE!!! dauern. Auf der einen Seite sind das eben die Takte der Natur. Auf der anderen Seite (wieder so ein “Fehler” von uns Menschen, der Systemfehler begünstigt) haben wir Menschen ja keine Zeit mehr, auf sowas Rücksicht zu nehmen. Das muss am besten morgen wieder alles perfekt funktionieren!

So ist das halt leider. Ein gesundes Aufwachsen ermöglicht dem Körper ein gesundes Justieren, er kommt in eine gesunde Spur. Und das Beste: Er legt sich auf dem Weg “Checkpoints” bzw. “Setpoints” an, damit er – wenn er mal in eine Krise kommt – weiß, was richtig ist, was der richtige Zustand ist.

Aufgepasst? Das Gegenteil stimmt auch. Wer bei “wichtigen Checkpoint-Phasen” im Leben schon falsch gelebt hat (also: z. B. dick war), der hat schon mal von Haus aus Gegenwind – möglicherweise sein ganzes Leben lang!

Glücklich also darf sich jemand schätzen, der so aufgewachsen ist. Es geht dann leichter. Mehr noch: Neulich wurde sogar gezeigt, dass alle Zellen sozusagen den Ur-Zustand aus der Embryonalphase “abgespeichert” haben. Heißt: Empfängt die Zelle in der Embryonalphase schon die richtigen Signale, kann die Zelle im Notfall sogar auf solche “guten” Ur-Programme umschalten.

Allgemein gilt daher: Einmal in der richtigen Spur, fällt der Körper leicht(er) wieder in diese zurück!

… und sehr kompliziert sein

Auf der anderen Seite kompensiert der Körper oft Jahrzehnte, ohne, dass wir es merken. Wir landen in der Kompensationsspur. Um da wieder rauszukommen, muss man irgendwie den Fuß in die Tür bekommen. Das ist häufig nicht einfach, kompliziert und kann sogar wehtun. Am besten nimmt man sich hierbei die großen Stellschrauben vor. Die Schilddrüsenfunktion wäre so eine.

Und dann muss man, so ein Zufall aber auch, über Monate einen guten Lebensstil pflegen, bei dem man dem Körper z. B. alle Mikronährstoffe in ausreichender Menge anbietet (keine einzelnen Hochdosen), sich bewegt und gut schläft.

Es gibt eben nur wenige Stellschrauben für uns. Die wichtigste aber ist die einfachste. Weiß jedes Kleinkind: Eine Pflanze muss man in eine mineralstoffreiche Erde setzen, regelmäßig gießen, ins passende Licht (!) stellen … und dann: LASSEN! Einfach lassen. Die wächst dann schon so, wie sie wachsen kann. Mehr geht nicht. Gut zureden soll auch helfen.

Wenn es bei allen funktioniert, außer bei dir

Ein Zeichen, dass man in einem fehlregulierten Körper lebt ist, wenn die eigene Körperfunktion sich zu deutlich von der anderer Menschen unterscheidet. Das Chaos beginnt häufig, wenn man das realisiert hat. Dann geht’s los mit “KPU/HPU” … Mitochondriopathien … Schwermetallen … Darmgesundheit … Parasiten … Jahre vergehen!

Wer sich auf solche einzelnen Probleme stürzt, dessen Vorhaben ist schon direkt zum Scheitern verurteilt. Jagt man dem einen Problem nach, taucht ein neues auf. Das wird dann zu einer NeverEnding Story. Deshalb funktioniert das Geradebiegen nur dadurch, dass man sich dem Problem mit holistischen Ansätzen nähert – die Lösung findet man nicht im “Beseitigen” einzelner Schwachstellen.

Don’t separate – It’s part of the result.

Es hat einen Grund, warum ich das Schlusswort im neuen Buch von uns so getauft habe.

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ÜBER DEN AUTOR

Hi, ich bin Chris, Gründer des Blogs und der Autor mehrerer Bücher, die sich inhaltlich im gleichen Themenfeld bewegen. Dazu zählt unser neuestes Werk, "Gesundheit optimieren, Leistungsfähigkeit steigern", das beim Springer-Verlag erscheint, oder auch "Das Handbuch zu Ihrem Körper", das wir 2014 im Eigenverlag publiziert haben. Ich bin Biologe (BSc) und habe meinen Abschluss in zellulärer Biochemie gemacht (1,0).

6 kommentare ab “Warum es nicht klappt: Schwere Systemfehler

  1. Ja der ganzheitliche Ansatz. Ich hatte das Glück, mit genau den von Dir aufgezählten Problemen einen Arzt gefunden zu haben, der ganzheitlich an die Probleme rangeht…und mit 2000 Euro Labor. Das Hauptproblem waren die Schwermetalle, die nun weg sind. So auch viele/fast alle Probleme…der Leaky Gut kommt idR auch aus der Ecke: Denn Schwermetalle führen zum Leaky Gut. Auch zu defekten oder runtergeregelten Mitos (erkennbar an LDH1-5). Aber zum Glück “weiß” die Schuldmedizin: Es gibt sowas wie eine chronische Schwermetallbelastung nicht und Amalgam ist überhaupt kein Problem. Alles Einbildung! Die Quecksilberbelastung von Fischen ist natürlich auch nicht kritisch. Das Alu im Salz, das Arsen im Reis, …die Liste ist endlos.

    VG,
    Robert
    PS: Und wie Du so schön schreibst: Dann erwarten die Menschen, dass man eine Pille nimmt und 20 Jahre Fehlernährung sind nicht nur kompensiert und behoben. Nein, man kann auch weiter Schrott essen und trinken. Das ist die Erwartungshaltung…leider. Die sind dann immer total entsetzt, wenn man ihnen erklärt, dass sie eigentlich alles ändern müssen…für immer 😉
    PPS: Wieder ein sehr stimmiger Beitrag…reiht sich gut ein.

    1. Robert, und jetzt musst du nur noch Chris Artikel zum Thema Insulinresistenzen verinnerlichen und dann bist du dir einig mit Thorsten;-)

  2. Hallo Chris,
    danke für diesen wiederum lehrreichen Artikel. Daher ist eben die regelmäßige Messung der wichtigsten Parameter so unabdingbar. Sicher weiß man danach auch noch längst nicht Alles- aber man kann immerhin das besser regulieren, was man weiß….und das ist (wäre) schon eine ganze Menge. Natürlich ist das so wie Robert schreibt: Das kostet was, das zahlt nicht Alles die Kasse. Auch die kompetente Auswertung durch einen Molekularmediziner nicht, die ich zumindest anfangs für die Meisten empfehlen würde. Gerade wenn man auch noch Schadstoffbelastung mitmessen lässt.
    Dennoch könnte sicher viel Leid vermieden werden, wenn statt der drei teuren Urlaube/Jahr oder des neuen Autos oder Fernsehers etc. einmal hier mehr in gesundheitliches Wissen ,Messen und Handeln investiert würde. Wird es aber leider von Vielen nicht, auch weil es eben die meisten Ärzte nicht empfehlen. Solche Artikel wie hier lese ich jedenfalls in der ärztliche Fachpresse
    kaum bis gar nicht. Das ist mehr als nur fahrlässig….

  3. Hey Chris,
    mit diesem Artikel hast du mal wieder völlig recht. Auch ich habe im Laufe der Jahre die von dir beschriebene Kaskade KPU, Mitos etc. etc. genauso „durchlaufen“, wie du es schilderst und habe erkannt, dass man erst das ganze „System“ des Körpers durchleuchten muss, um dann vielleicht mal irgendwann etwas zu verbessern. Doch auf Unterstützung von Schulmedizinern, erst recht Kassenärzten, kann man da, wie wir alle wissen, nicht hoffen. Dadurch ist Gesundheit definitiv ein Privileg der Leute geworden, die, aus welchen Gründen auch immer, über ausreichend Geld verfügen, um die privatärztlichen Rechnungen bezahlen zu können, selbst wenn man versucht, alles preislich im Rahmen zu halten. Da gibt es viele (Kassenpatienten) für die ist der Zug einfach abgefahren. Wie traurig. Was für ein krankes System, wenn man sieht, wie die Kassen die Gelder für unnütze Behandlungsmethoden verschwenden und das eigentlich keinem Patienten zugute kommt.

    Eins muss ich noch erwähnen: Ich finde eure Artikel immer extrem informativ und lese sie sehr gerne, aber den Amlagam-Artikel habe ich euch nie verziehen. Bei Beschwerden durch Quecksilber von psychogener Unverträglichkeit zu reden – da fehlen mir die Worte…, das ist schon arrogant.
    Und was die von dir so oft aufgegriffene Schilddrüsen-Problematik angeht, habe ich dabei immer den Hinweis vermisst, dass Schilddrüse und Leber eng zusammen hängen, dass zB eine träge SD oftmals auf eine überlastete und somit auch träge Leber zurückzuführen ist.

    Ich kann mich noch an einen Artikel von euch erinnern, in dem ging es um eure Haarmineralanalysen und dabei hattet ihr bei euch einen recht hohen Quecksilbergehalt festgestellt. Da habe ich mich immer schon gefragt, ob und was ihr dagegen unternommen habt. Das würde auch zum ganzheitlichen Ansatz beitragen.

    Freu mich schon seeehr auf euer neues Buch,
    vG Barbara

  4. Da stimmt schon einiges. Was mich so richtig wütend macht, ist aber unser Gesundheitssystem. Da läufst du von Arzt zu Arzt, von Therapeut zu Therapeut. Und von 10 verschiedeneren Spezialisten sagen dir alle 10 was anderes. Und all diese Leute (ver)suchen um unendlich viel Geld, wie sie deine Biochemie wieder regulieren. Denn, nicht jeder medizinische Laie versteht diese Zusammenhänge oder es fehlt ihm schlicht das Interesse daran. Somit ist man auf Hilfe von „Außen“ angewiesen und ohne gut gefüllten Geldbeutel kommst du da nicht weiter. Da kann die Biochemie noch so verrückt spielen.

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