BEITRAG
Mental

Infobesity: Informationsflut, die krank machen kann?

Wir gewöhnen uns ja irgendwie an alles. Egal, ob es uns im Endeffekt gut- oder nicht so guttut. Deshalb sollten wir unsere Gewohnheiten und Verhaltensweisen manchmal vor dem Hintergrund unserer Entwicklungsgeschichte als Mensch bewerten.

Gut, ich weiß selbst, dass hier auch oft ein zu romantisches, idealistisches Bild von unserer evolutiven Vergangenheit gezeichnet wird. Nichtsdestotrotz kann uns ein solcher Vergleich Hinweise darauf geben, was uns prinzipiell eher gut- oder nicht so guttut.

Wenn wir das Werkzeug des Werkzeugs werden

Man muss nicht lange überlegen, um einige Verhaltensweisen oder Gewohnheiten zu nennen, die wir heute ganz selbstverständlich leben, während es diese bis vor wenigen Jahrzehnten noch überhaupt nicht gab! Und selbstverständlich wird eine solch gravierende Neuerung Einfluss auf uns Menschen heute haben.

Nennen wir das Kind beim Namen: Internet-Nutzung. Genauer: YouTube, Facebook, Instagram und so weiter.

Festhalten können wir: Internet ist im Prinzip eine super Sache. Ohne Internet würde es ja diesen Blog hier nicht geben. Grund genug, das Internet gut zu finden. Spaß beiseite: Social Media und Co. haben unser Leben wirklich erleichtert und sind prinzipiell eine Bereicherung. Allerdings muss man das Internet auch als das verstehen und gebrauchen, was es ist: Ein Werkzeug.

Leider muss man sich bisweilen fragen, ob wir das Werkzeug nutzen – oder das Werkzeug uns. Letzteres ist gar nicht so abwegig, stellt man sich nur mal eine Sekunde vor, dass manche Werkzeuge, vor allem im Social-Media-Bereich, grundsätzlich so konzipiert sind, dass wir diese immer und immer wieder nutzen wollen.

Irgendwann nutzen wir das Werkzeug vielleicht so oft, dass wir den Sinn und den Nutzen dahinter gar nicht mehr kennen. Butter bei die Fische: Wer von uns nutzt Facebook heute noch, um mit Freunden und Bekannten in Kontakt zu treten? Viele von uns nutzen Facebook, um die Timeline hoch- und runterzuscrollen und sich lustige Bildchen reinzuziehen:

Doch wieso tun wir das eigentlich? Um das zu verstehen, kann man sich die Resultate eines berühmten Experiments von James Olds und Peter Milner (1954) vor Augen führen: Sie implantierten Ratten eine Elektrode ins Gehirn. Diese Elektrode reizte sogenannte “reward centres” im Gehirn.

Das sind Gehirnbereiche, die den Neurotransmitter Dopamin nutzen, um uns ein Wohl- bzw. Hochgefühl zu bescheren. Dopamin wird dabei zum Beispiel ausgeschüttet, wenn wir an Essen, Sex oder andere uns stimulierende Tätigkeiten denken.

Die Elektrode war mit einem Schalter im Käfig verknüpft. Betätigte die Ratte den Schalter per Zufall, wurden die Dopamin-assoziierten Gehirnbereiche gereizt, sprich Dopamin freigesetzt. Letztlich “lernte” die Ratte sich selbst zu stimulieren (“Intrakraniale Selbstreizung”), mit dem Resultat, dass sie konstant den Schalter drückte. Die Ratte konnte sich nicht mehr typisch verhalten, Essen und sogar Sex verloren ihren Reiz. Letztlich starb die Ratte am Hungertod bzw. Überanstrengung.

Was haben Dopamin, Sex und Essen mit Facebook und Co. zu tun?

Holen wir dazu noch mal etwas aus. Als Basis dient das verlinkte Video.

Aus der Verhaltensbiologie ist der sogenannte “Coolidge-Effekt” bekannt. Kurz: Männchen können unendlich lange Sex machen, sich dabei vollständig verausgaben, solange ihnen konstant neue Weibchen angeboten werden. Setzt man ihnen immer wieder das gleiche Weibchen vor die Nase, wird der Sex irgendwann langweilig und das sexuelle Verlangen stumpft ab. Auch dieses Verhalten beruht auf der Erhöhung des Dopaminspiegels und den daraus hervorgehenden Auswirkungen auf die Dopamin-assoziierten Gehirnbereiche.

Daraus lassen sich zwei wesentliche Schlüsse ziehen:

  • Dopamin ist – abgesehen vom Sex – eng verknüpft mit “Neu” – das “Neue” reizt
  • Dopamin-assoziierte Systeme im Gehirn stumpfen ab und brauchen eine andere Art der Stimulation für die gleiche Intensität

Ähnliches gilt für Junk Food, also Essen, das neben einer hohen Kaloriendichte, viel Zucker und Fett enthält. Ratten überfressen sich deutlich und werden sehr dick, wenn man ihnen Käsekuchen, Würstchen, Kekse und Pizza hinstellt – bei der herkömmlichen Standardnahrung für Ratten ist dies nicht der Fall ist. Im letzteren Falle scheinen also Mechanismen zu greifen, die der durch Essen hervorgerufenen Dopamin-Stimulation entgegenwirken.

Es wird klar, dass das Dopamin-System ganz offensichtlich schnell aus dem Gleichgewicht gerät, was zeitgleich darauf hinweist, dass es in einer bestimmten, artspezifischen Umwelt entwickelt wurde. In anderen Worten: Wir haben das Dopamin-System eines Jäger und Sammlers, leben damit aber im 21. Jahrhundert.

Infobesity: Dysfunktionale Psyche durch Info-Kalorien?

Vor einigen Jahren griff ein Wissenschaftler vom MIT, Mark Pearrow, das Konzept von “Infobesity” auf. Das Wort Infobesity setzt sich zusammen aus Information und Obesity (Fettleibigkeit). Der Hintergrund:

Many recent studies show that our brains experience new information in much the same way they experience pleasurable foods.

Heißt: Information, egal ob in Form neuer Bilder (schöner Menschen), neuer Nachrichten, neuer Videos, neuer Likes etc., schaltet das Dopamin-System im Gehirn an. Daher der Gedanke der Wissenschaftler:

We propose that there are striking similarities between handling of food and information in human patterns of evolutionary adaptations, and subsequent rapid environmental changes that overwhelm them, which can lead to chronic conditions.

Leckeres Essen und Information wirken im Gehirn wohl ähnlich. Die neue Umwelt, an die wir diesbezüglich unzureichend angepasst sind, birgt die Gefahr, dass diese Jahrmillionen alten Systeme überfordert werden, was – so die Autoren – “chronische” Auswirkungen haben könnte.

Solche Auswirkungen könnten sein:

  • Ein Gehirn, das konstant starke Reize braucht, sorgt – analog zur Ratte mit Elektrode im Kopf – dafür, dass wir uns für das Alltägliche, das Normale, nicht mehr interessieren. Wie die Ratte drücken wir den Knopf am Handy, um uns bei Instagram und Co. zu stimulieren, während möglicherweise andere, sinnstiftende Tätigkeiten auf der Strecke bleiben, oder mehr noch, uns gar nicht interessieren. Deswegen können wir auch nicht wissen, dass wir sie im Normalfall gerne ausüben würden.
  • Wir verbrauchen durch die konstante Suche nach “Neu” und das Verarbeiten desselben, Energie in wichtigen Bereichen des Gehirns (vor allem im präfrontalen Kortex), die normalerweise wichtig für das Aufgaben-spezifische Konzentrieren und der Entscheidungsfindung sind. Sprich: Uns fehlt die Energie für unsere Willenskraft.
  • Wir bombardieren unser Gehirn nicht nur mit Information per se, sondern haben nicht selten schon vorm Frühstück von etlichen Katastrophen, Tragödien und anderen Schicksalen erfahren. Auch das Gegenteil stimmt: Porno-Nutzer sehen “in 10 Minuten mehr Babes als Jäger und Sammler in mehreren Lebzeiten”. In jedem Falle sorgen wir mit der unkontrollierten Zufuhr von “Info-Kalorien” für nachhaltige Effekte im Geist und im Körper.
  • Langfristig betrachtet ergeben sich auch anatomische Veränderungen im Gehirn, die uns Willenskraft nehmen und uns damit auch im Alltag erheblich einschränken können.

Pearrow schreibt:

Unsere Informationszufuhr kann mit unserem Nahrungsmittelverbrauch verglichen werden, da sie nachweislich ähnliche neuronale Schaltkreise haben, die als Reaktion auf ihren Konsum belohnt werden. Das Gehirn verdrahtet und dämpft sich als Reaktion auf die allgegenwärtige Darstellung von lohnenden, “kalorienreichen” Informationsreizen, wie es dies bei energiereichen Lebensmitteln tut.

Dies führt zu einem Kreislauf aus erhöhtem Belohnungsbedarf und einer verminderten Reaktion auf Reize, was die Grundlage für Sucht ist. Der Stress, der im “modernen” Alltag herrscht, ist ein ständiger Motivator für den Menschen, Trost in der Aktivierung des Belohnungszentrums zu suchen.

Informationssnacks werden auf die gleiche Weise verwendet wie Lebensmittelsnacks oft zur Stressbewältigung. Dies führt zu einem Zyklus von Lebens- und Arbeitsunterbrechungen, der wiederum zu erhöhtem Stress führt und einen dysfunktionalen Zyklus vollendet.

Eine Informationsdiät ist der Schlüssel dazu, dass Social Media, E-Mail, Web und anderen Formen von elektronischen Informationen als Verbrauchsgüter angesehen werden, die Gewicht haben, Platz einnehmen und von den Verbrauchern genauso bewertet werden müssen, wie das bei der täglichen Kalorienzufuhr der Fall sein sollte.

Deshalb gilt: Auch das Gehirn braucht “gute Kalorien”.

Was ist richtig, was ist falsch?

Viele realisieren allerdings nicht, dass wir bereits Cyborgs sind. Wir sind mit dem Internet verschmolzen, zumindest auf kognitiver Ebene. Wir haben ein Paralleluniversum geschaffen in dem wir tagtäglich versinken, ohne es zu merken. Heißt: Wir könnten auch im Bett liegen bleiben, das Gehirn angeschlossen ans Internet … wir würden uns wohl fühlen.

(Ein Artikel von uns aus dem Jahr 2015.)

Wenn die Aufmerksamkeitsspanne gegen Null geht, läuft etwas falsch. Dann haben wir unser Gehirn falsch trainiert. Um die tatsächlichen Auswirkungen des intensiven Nutzens vom Internet inkl. Social Media und Co. herauszufinden, braucht es zunächst mal eine Sache: Abstinenz. Eine Info-Diät.

In Wahrheit: Der eher normale Zustand für einen Homo sapiens – bis vor wenigen Jahrzehnten jedenfalls. Ich selbst bin noch in einer Internet-freien Umwelt aufgewachsen und weiß auch noch, wie sich “Langeweile” anfühlt, was es tatsächlich heißt, “Ruhe” zu erleben. Ich weiß auch noch, was es bedeutet hat, sich mit Freunden zu verabreden, wie es war, wenn die “Stimulation durch Dopamin” kein Handy war, sondern ein Fußball bzw. der Bolzplatz.

Bezogen auf uns heute kann das heißen:

  • Ein Buch lesen
  • Sich mit Freunden treffen
  • Ein Musik-Album hören
  • Mal ins Theater gehen

Und:

  • Information nicht “aufsaugen”, sondern bewusst für wenige, qualitativ hochwertige “Infokalorien” entscheiden
  • “Tools” auf dem Handy so nutzen, wie es gedacht war
  • Für was stundenlang Bilder und Videos von irgendwelchen fremden Leute angucken?

Was ist richtig, was ist falsch? Richtiger ist: Den Flimmerkasten zwischen den Ohren sollte man ab und zu abschalten … KÖNNEN. Die Frage ist, ob wir dazu tatsächlich und vollumfänglich in der Lage sind, wenn wir uns weiter – ob bewusst oder unbewusst – mit Infos jeglicher Art bombardieren. Vielleicht hilft zunächst einmal die Einsicht, dass wir eben nicht alles wissen müssen und auch nicht zu allem und jedem eine Meinung oder eine Info brauchen.

Wir unterhalten uns nicht selten über einen “30-Tage-Reset” – wir kümmern uns um die Bewegung und die Ernährung. Vielleicht sollten wir mal einen 30-Tage-Mental-Reset einführen und uns noch einmal – wenigstens im Ansatz – so fühlen lassen wie damals, als das größte Glück des Tages darin bestand, mit dem Fahrrad zum Kumpel zu fahren. Oder darin – ja, man kann es zugeben – einmal alle paar Monate dem McDonald’s-Essen zu frönen. 😉

Bezogen auf die Infoflut, bzw. den Umgang damit, könnte man sich nochmal die Aussage von Bruce Lee vor Augen führen:

It’s not the daily increase, but the daily decrease. Hack away at the unessential.

Weg mit dem Überflüssigen! 

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ÜBER DEN AUTOR

8 kommentare ab “Infobesity: Informationsflut, die krank machen kann?

    1. Na super !
      Was glaubst Du wohl, passiert mittlerweile ?!?
      Seit so vielen Jahren?

      Und woher nimmst Du den Größenwahn, es JEDEM Mitmenschen “einhämmern” zu dürfen?!!

      Deine Aussage ist schwer daneben !

      1. Wo ist denn dein Problem bitte?

        Du darfst das kleine Gesundheitsinternet in dem wir uns hier bewegen nicht mit der Allgemeinheit verwechseln. Solche Infos wie Chris sie hier schreibt sind der breiten Öffentlichkeit eben überhaupt nicht bewusst.

        Wenn du Aufklärung betreibst “seit so vielen Jahren” finde ich das gut und wollte dir persönlich sicherlich nicht auf den Schlips treten. Aber warum fühlst du dich überhaupt angegriffen?

        Wenn dir die Wortwahl nicht gefällt ok…dein Problem. Ich kann auch schreiben das ich es super fände, wenn diese Informationen flächendeckend allen lieben Menschen da draußen zur Verfügung ständen und sie diese verstehen und verinnerlichen würden.

  1. Die “Konsumenten” dieses sm-Mülls sind lediglich bedauernswert, wollen oder müssen sie sich doch im Paralleluniversum eine vermeintlich schönere Welt um sich bauen. Krank sind für mich diejenigen, die ihren bescheidenen Alltag im grünen Messenger oder Gesichtsbuch auswürgen, sei es durch Status oder via Posts.
    Bei unseren Eltern (65+) geht’s absolut ohne (Internet, Mobilfunk). Hey, und die leben auch!

    https://vimeo.com/65060388

    1. Ich denke es geht auch um Mäßigung. Als junger Mensch kann und sollte man sich sicherlich nicht neuen Technologien verschließen, da man sonst einfach den Anschluß verpasst. Klar Instagram und FB braucht kein Mensch.

      Aber ich denke es gibt auch andere Fälle. Wenn ich mich persönlich beobachte fällt mir auf das ich extrem viele Newsletter abonniert habe, Feeds lese etc. Das ist ein ganz ähnlicher Fall von Infobesity nur das ich mein Hirn mit viel zu vielen guten und nützlichen Informationen flute und manchmal den Fokus auf das wesentliche verliere.

      1. Genau, Mäßigung wurde hier schon öfter thematisiert – in allen Rubriken (Ernährung, Mental, Sport …). Darauf sollte der Kommentar abzielen.
        Auch der Infobesity-Hype wird abebben, dann, wenn die Leute dadurch an die Wand prellen… wenn der Körper die Mäßigung erzwingt. Im engsten Verwandtenkreis schon erlebt.

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