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Kommentar: Nur noch Plastik-Menschen (im Internet)

Ich muss neuerdings dieses für mich immer noch neumodische Instagram benutzen – dort teilen wir ja bisweilen schön gemachte Bildchen mit Aufschrift. Mit der Zeit gehen und so.

Auf mich wirkt das alles nach wie vor sehr befremdlich. Neulich fand ich mich auf der Instagram-Startseite wieder. Schau mir die Bildchen der Leute an, bis sich mal mein Bewusstsein dazu schaltet – ich gucke mir das genauer an und denke zum Thema Instagram:

Was eine Dreckswelt

Wen wollen wir, die Instagram benutzen, da eigentlich verarschen? Was machen wir hier eigentlich?

Es gibt diejenigen, die Leute für dumm verkaufen, indem sie ihre überschönte, eigentlich völlig uninteressante Welt zur Schau stellen – und andere, die sich für dumm verkaufen lassen wollen und den Müll auch noch stundenlang am Tag konsumieren.

Der Mensch ist voller Fehler – immer!

Hier wird eine perfekte Welt kreiert, ein ganz eigener Kosmos, der vor allem eine Sache hervorbringt:

(Alltags-)Narzissten. 

Sieh mich an, was bin ich doch für ein geiler Bock! Es wird applaudiert, also geliket, Komplimente ausgesprochen – das fühlt sich gut an. Und wir sitzen als Folge stundenlang am Tag vor irgendeiner Kamera, durch die wir uns selbst ansehen – Schneewittchen lässt grüßen.

Das Problem ist, dass wir zunehmend verlernen, damit umzugehen, dass der Mensch, sein Äußeres, sein Verhalten, schlicht der Mensch selbst voller Fehler ist. Von oben bis unten. Gib mir zehn Minuten und ich finde bei jedem Menschen unzählige Fehler, die potenziell abstoßend sind – bei mir selbst natürlich auch!

Keine Persönlichkeiten mehr, nur noch Hüllen

Und dennoch, oder gerade weil wir das wissen, versuchen wir uns eine perfekte Scheinwelt aufzubauen. Das überträgt sich ins “echte Leben”: Wir sind auf der einen Seite nicht stark genug, zu akzeptieren, dass jeder Mensch Fehler hat und wir damit zurechtkommen müssen. Heißt: dass das Leben eben kein dauernder Dopamin-Trip ist. Auf der anderen Seite haben wir solch eine Angst davor, dass jemand unsere Fehler entdeckt, dass wir krampfhaft versuchen, sie zu vertuschen.

Wie man das macht? Zum Beispiel, indem wir eine möglichst große Distanz zu unseren Mitmenschen aufbauen und wahren.  Man achtet penibelgenau darauf, dass ein schöner Sicherheitsabstand eingehalten wird.

So schaffen wir uns eine völlig realitätsfremde und “überspitzte” Welt, bei der es nur noch darum geht, sich maximal gut zu präsentieren, während man krampfhaft versucht, bloß keine Fehler zu machen oder zu zeigen. Da es jedoch jedem so geht, und dennoch jeder darum bemüht ist, das Verlangen nach erfüllenden zwischenmenschlichen Beziehungen zu stillen, ergibt sich eine Spirale, bei der es ganz offensichtlich nur den Weg gibt, “noch perfekter zu werden”.

Wo ist das *batz* in die Fresse hin? Trotz und gerade wegen dieser Bemühungen sind wir so verweichlicht. Wir haben Angst vor Kritik, klaren Ansagen, Meinungen, die weh tun – und zeitgleich scheißen wir uns in die Hosen davor, dem anderen klare Ansagen zu machen. Lieber schalten wir bei Whatsapp oder sonst wo auf Ignore – nach dem Motto: Aus den Augen, aus dem Sinn. Oberflächliche zwischenmenschliche Beziehung Nummer 3500 wartet schon irgendwo im Netz. Alternativ erstellen wir lieber gleich einen Fake-Account, um dem anderen in einer völlig überzogenen Manier mal so richtig eins mitzugeben.

Plastik. Ekelhaft.

Warum Charakter und Werte abhandenkommen

Das Schlimme ist, dass man gerade was zwischenmenschliche Beziehungen angeht, nicht selten das Gefühl hat, dass wir degenerieren. Wir meiden alles, was uns irgendwie Kraft, Energie und Einsatz kostet – wer würde heute noch bedingungslos für jemanden springen wollen? Ich höre es schon:

Wieso sollte ich denn auch für jemanden springen?

Weil die Evolution uns Menschen etwas mitgegeben hat, das wir WERTE nennen. So was wie Ehrlichkeit, Authentizität, Integrität, Verpflichtung, Hingabe, Selbstdisziplin, Tapferkeit, Demut, Pflichtgefühl – ja, dazu zählt sogar Pünktlichkeit. Was haben all diese Begriffe gemeinsam?

SIE KOSTEN UNS ETWAS!

Sie tun mitunter weh. Sie fühlen sich vielleicht nicht gut an. Sie rauben uns vielleicht sogar Lebenskraft.

Übrigens: Respekt bzw. das Gegenteil, die Respektlosigkeit, kosten uns auch etwas – nämlich, dass wir unseren vorlauten, frechen Schnabel halten und eine Sekunde darüber nachdenken müssen, dass jeder Mensch auf dieser Welt immer ein Recht auf respektvollen Umgang hat – vor allem, wenn wir mit unserem Verhalten ganze Existenzen bedrohen könnten. Im Zeitalter von 100.000 blinden Followern haben wir in dieser Hinsicht mehr Verantwortung denn je!

Wir brauchen wieder mehr davon

Aber genau diese Werte sind es, die das Leben letztlich lebenswert machen und sind nicht selten der Grund dafür, warum wir überhaupt leben. Weil wir uns für etwas verpflichten, weil wir selbstdiszipliniert sein wollen, weil wir uns einer Sache oder einer Person hingeben wollen. Nicht selten sogar uneigennützig.

Wo zur Hölle ist das alles geblieben? Anstand, Ehrlichkeit, Treue, Integrität – wieso will heutzutage niemand mehr Scheiße fressen, obwohl das genau so zum Leben gehört, wie sich schön zu machen, anderen mal gefallen zu wollen oder sich in manchen Momenten auch mal besser darzustellen als man eigentlich ist?

Wir brauchen wieder mehr Härte, mehr Klarheit, mehr Eier in der Hose. Auf der anderen Seite brauchen wir auch wieder mehr Gefühl und ein Bewusstsein dafür, was uns wirklich wichtig ist im Leben. Wir brauchen wieder mehr Seele, mehr “Echt”, weniger Plastik und Oberflächlichkeit. Mehr Mensch! Mehr “Gemachtsein”! Nicht nur eine schöne, aber hohle Hülle, in der wir nichts finden. Nicht nur den hübschen Instagram-Star, der in Wahrheit ein kleines, zerbrechliches Wesen ist, das kaum alleine stehen kann.

Was wird uns mal mit Stolz erfüllen?

Das Internet ist ein mächtiges Tool. Es macht uns in einigen Lebensbereichen besser, es hilft uns oft sehr. Auf der anderen Seite laufen wir Gefahr, dass die essentiellsten Attribute, die uns als Mensch ausmachen, verloren gehen – in den Weiten der Welt von Instagram und Co.

Was wird uns, wenn wir mal von dieser Welt gehen, wirklich mit Stolz erfüllt haben? Die durch schöne Bilder ergaunerten 100.000 Follower? Das x-te Kompliment, wie hübsch wir doch aussehen? Dass wir den Schwanz eingezogen haben als es Ernst wurde? Dass wir Leuten etwas vorgespielt haben, um eine perfekte “Marke” zu sein?

Das, was uns mit Stolz erfüllen wird, ist das, was uns Energie und Kraft gekostet hat – das, wofür wir aus Überzeugung eingestanden sind. Auch, und gerade weil es uns etwas gekostet und uns umgekehrt nach objektiven Maßstäben vielleicht nur wenig gegeben hat. Werte.

#Plastik-Menschen #Marke #Selbstvermarktung #Ich-AG #0815-Instagram-Account-Nummer-3500 #Idiocracy #Abstoßend

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ÜBER DEN AUTOR

18 kommentare ab “Kommentar: Nur noch Plastik-Menschen (im Internet)

  1. Stimmt zwar, finde ich aber überhaupt nicht schlimm. Instagram ist voll mit gut gelaunten Menschen die zeigen wollen wie toll sie sind. Facebook hingegen ist voll mit schlecht gelaunten Menschen die zeigen wollen wie scheiße andere sind. Ersteres ist mir da deutlich lieber…

  2. Guter Artikel aber…:-)

    Zu stark verallgemeinert. Jeder befindet sich mit seinem Account ja in einer selbst kreirten Datenblase. Mit einem edubily Account siehst du schätzungsweise sehr viele sich im Optimierungswahn befindliche, sportliche und ernährungsbewusste Menschen. Es gibt aber auch bei Instagram grosse nachhaltige Bewegungen. Menschen, die gute, lange und inhaltlich wertvolle Texte schreiben, die eher an Blogs erinnern. Ich betreue immer wieder diverse Accounts und bin teilweise schockiert wie drastisch sich die Explorpages unterscheiden.

    1. Hey Andre, im Kommentar ist es plakativ dargestellt, definitiv! Dass „Selbstvermarktung und -darstellung“ zum Menschsein dazugehören, bezweifelt natürlich keiner. Auch nicht, dass es bei Instagram viel wertvolle Inputs gibt! Es ist eben zweischneidig — meines Erachtens spielt das allerdings auch bei größeren Zusammenhängen unserer Gesellschaft eine Rolle: s. etwa die zunehmende Kommerzialisierung vom Fußball, wobei die Fans zunehmend wieder „Typen“ suchen, da im Zuge dessen auch Spieler immer mehr zu einer idealisierten Marke werden. Es geht nicht so sehr um Instagram an sich, sondern um die Tendenz, dass auch allgemein eher mit maximaler Effizenz gelebt werden will, während wir zeitgleich in manchen wichtigen Bereichen atrophieren.

    2. Ja, es wäre mal interessant die Welt mit edubily-Augen zu sehen. Ständig zugetextet zu werden und das ewige Ernährungs-Blabla.
      Habe mich ja schon ewigs bei FB und co. abgemeldet obwohl ich ja im besten Alter und bester Situation bin (39, Vater von kleinen Kinder 🙂
      Danke für den Text, gefällt mir immer besser hier. So richtig ganzheitlich.

  3. Super auf den Punkt gebracht… Wir leben zunehmend alle lieber in einer Scheinwelt als uns mit dem alltäglichen auseinander zusetzen… Ist doch einfacher… Muss man sich weniger direkte Konfrontation aussetzen… Kann man seinem Unmut freien Lauf lassen ohne sich direkt vereidigten zu müssen…. Wenn mir was nicht passt wird das Kommentar gelöscht, blockiert usw… Naja … Wo steuert unsre Welt da wohl hin… Bilder werden bearbeitete… Makel verschönert oder gar mit ein wenig Hilfe weck operiert, gespritzt usw… Wird immer komischer unsre Welt…
    🙄😉

  4. Mittelalter: Was können wir glauben?
    Aufklärung: Was können wir wissen?
    Heute: Wie seh ich aus?

    Mal irgendwo im Internet gefunden und bringt’s für mich auf den Punkt.

  5. Stimme Chris gänzlich zu bis auf den Absatz, dass die Evolution uns Werte mitgegeben hat. Soll hier die Evolution personifiziert werden oder ist das (hoffentlich nicht!) ein Hauch von Esoterik mit dem Prinzip Weltorganismus bzw. Gaya(Kult)? Die Evolution mag wohl ein Weg sein zu erklären wie etwas wurde, also eine Art Programm, aber es ist schwierig das ,,Programm” selbst zum Programmierer zu machen. All die Werte, die du aufgezählt hast, lieber Chris, sind für den jeweiligen Menschen allein gesehen mehr oder weniger von Vorteil. Diese Werte aber werden erst ,,wichtig”, wenn der Mensch ein Du, einen anderen Menschen vor sich hat. So kann man sagen, dass die Werte personal sind. Mir scheint es ein bisschen naiv zu sein zu sagen, dass ein Zufall solche Werte ,,erschafft”.

    1. Bitte nicht falsch verstehen, solche Fragen sind berechtigt aber sind nicht Kern der Naturwissenschaften sondern der Geisteswissenschaften. Außerdem können wir diese Frage so verstehen, dass wir die Evolution selbst als Schöpfer sehen. Wenn Chris schon schreibt, dass sie uns ,, Werte mitgegeben hat” dann muss selbst personal sein.

      PS: Ich bin mir auch einer Art Evolution bewusst und setzte sie auch voraus, aber ich halte es schwierig den Weg (hier: Evolution) als Start oder Ziel zu sehen.

      1. Hallo Peter,

        ich kann deinen Einwand auf der einen Seite verstehen. Auf der anderen Seite muss ich sagen, dass wir hier keine wissenschaftliche Arbeit verfasst haben – und es selbst unter Naturwissenschaftlern nicht selten vorkommt, dass “die Evolution” durch solch eine Phrase personifiziert wird – weil natürlich gingen unsere Eigenschaft aus “der Evolution” hervor. Das trifft allerdings keine Aussage über Schöpfer und Start/Ziel etc.

        Deshalb: diese Stelle nicht überinterpretieren und nicht als persönliche Glaubensauslegung sehen.

        1. Werte sind ein Mittel der Kultur um ein Zusammenleben in immer größeren Gruppen zu ermöglichen. Das hat nur zweitrangig mit der Evolution zu tun.
          Die Evolution beschert uns Triebe (z.B. überleben), die wiederum Kultur hervorgebracht haben. Kultur wiederum braucht Werte um eine Gemeinschaft zu ermöglichen.
          Wenn man daran glauben möchte, kann man auch Evolution durch Schöpfung ersetzen. Das ändert nichts daran, dass Werte der Kultur entspringen.

          1. Und was genau in uns sorgt dafür, dass es so etwas wie Kultur überhaupt gibt? Eigenschaften des menschlichen Gehirns. Und woher kommen die?

            Was in uns sorgt dafür, dass wir überhaupt mit anderen Menschen zusammenleben wollen? Das menschliche Gehirn. Und was hat dafür gesorgt, dass wir so ein menschliches Gehirn haben?

            Die Evolution beschert uns mitnichten nur “Triebe”, sondern ist *letztlich* verantwortlich für alles, was uns Menschen ausmacht.

            Ergänzung: An dieser Stelle soll kein Fass aufgemacht werden, die in einer endlosen Diskussion um “Henne vs. Ei” resultiert. Doch geht man von deiner Aussage aus, muss es im Umkehrschluss bedeuten, dass die primitivsten Menschen (Homo sapiens) weniger “Kultur” oder Werte haben als wir, die sich nicht zuletzt über Jahrtausende “kulturell emanzipiert” haben. Natürlich werden primitive Menschen “Kultur” anders auffassen als wir, aber die Fähigkeit, überhaupt so etwas zu empfinden bzw. überhaupt in der Lage zu sein, so etwas zu leben, entspringt der Fähigkeit des Gehirns und ist damit Resultat der Evolution.

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