BEITRAG
Biochemie

Dumm gelaufen: L-Carnitin hemmt die Wirkung von Schilddrüsenhormonen

 

Wenn man sich jahrelang mit Gesundheit und Biologie befasst, kommt man irgendwann zum Schluss: es braucht vor allem eines, und das ist

Gefühl … Fingerspitzengefühl. 

Genau das Gleiche, wenn es um Vermitteln von biologischen Inhalten und Zusammenhängen geht. Hier trennt sich die Spreu vom Weizen. Vielen Leuten, auch “Experten”, fehlt es an einem Gefühl für biologische Zusammenhänge. Das kann man nicht lernen. Da kann man noch so viele Biochemie-Bücher lesen.

Letztlich zählt, und das ist die Kernbotschaft unserer Artikel, dass man – wenn es um die eigene Gesundheit geht – selbst springen muss. Und das liegt einfach daran, dass nur wir selber in unserem eigenen Körper stecken und nur wir selbst “fühlen” können, was in uns passiert.

Eine gute Analogie für das benötigte Feingefühl ist unsere Stereoanlage. Natürlich kann man am großen Rädchen, der Lautstärke, drehen … und deutliche Unterschiede hervorrufen. Auf unsere Gesundheit übertragen: Natürlich kann man spielend leicht große Eckpfeiler ausmachen, die uns einen Schritt weiterbringen und die einen großen Unterschied machen können.

Aber auf der Anlage finden sich noch einige oder viele weitere, kleinere Rädchen, die wir drehen können. Und genau dieser, durch das feine Justieren dieser Rädchen entstehende Klang, kann die größten Auswirkungen überhaupt haben.

60er Jahre: Mit Carnitin gegen Überfunktion

Vor Jahren haben ich bekanntermaßen meine Schilddrüsenwerte verdoppelt. Die waren irgendwann hart an der Grenze zur Überfunktion. Und so hohe Werte können einen irgendwann auch nerven, weil der Körper gefühlt immer Gas gibt. Bis ich auf eine elegante Möglichkeit gestoßen bin, das Ganze etwas zu drosseln.

L-Carnitin. 

Mein Fazit: L-Carnitin packt den Deckel drauf. Die Maschine beruhigt sich.

Vor über 50 Jahren tauchte im Journal of New Drugs eine Arbeit auf, die titelte:

Die antagonistische Wirkung von Carnitin bei Schilddrüsenüberfunktion.

Berichtet wurde:

Die Beobachtung, dass die Patienten klinisch euthyroid wurden, ohne dass sich die Schilddrüsenfunktion konsequent verändert hat, unterstützt die Vorstellung, dass die Antithyreoidwirkung von Carnitin ein peripherer Antagonismus des Schilddrüsenhormons ist, statt eine direkte Hemmung der Schilddrüsenfunktion.

Und weiter:

Carnitin hemmte die T3-induzierte Erhöhungen der Fettsäure-Konzentration und Senkung des Cholesterinspiegels signifikant. Carnitin hemmte auch bis zu einem gewissen Grad die erwarteten T3-Effekte auf Serumtyrosin, BMR und Pulsfrequenz. Die Vorstellung, dass die Anti-Schilddrüsen-Wirkung von Carnitin eine periphere ist, wird stark unterstützt.

Die kamen wohl drauf, weil es einige Jahre davor Publikationen gab, die das andeuteten:

  • Strack E, Wortz G, Rotzsch W. Wirkungen von Karnitin bei Uberfunction der Schildrusse. Endokrinologie 1959; 38: 218-225.
  • Strack E, Blosche H, Bemme H, Rotzsch W. Anwendung von L-carnitin bei Schildrussenuberfunktion. Dtsch Z Verdau Stoffwechselkr 1962; 21: 253-259.

(Originaltitel!)

Später: Carnitin hemmt den Eintritt der SD-Hormone in den Zellkern

Etwas mehr als 30 Jahre später, wollte ein Forscher-Team diese Idee noch einmal validieren. Sie publizierten daraufhin drei Arbeiten, die zum Schluss kamen:

Wir validierten das Konzept, dass L-Carnitin ein peripherer Antagonist der Schilddrüsenhormonwirkung ist. Insbesondere hemmt L-Carnitin den Eintritt von Triiodthyronin (T3) und Thyroxin (T4) in die Zellkerne. Dies ist relevant, da die Wirkung des Schilddrüsenhormons hauptsächlich durch spezifische Kernrezeptoren vermittelt wird.

In der randomisierten Studie zeigten wir, dass 2 und 4 Gramm L-Carnitin pro Tag in der Lage sind, Hyperthyreosesymptome (und biochemische Veränderungen in der Richtung der Hyperthyreose) umzukehren und das Auftreten von Hyperthyreosesymptomen (oder biochemischen Veränderungen in der Richtung der Hyperthyreose) zu verhindern (oder zu minimieren).

L-Carnitin ist also ein peripherer Antagonist der Schilddrüsenhormonwirkung. Peripher bedeutet … zum Beispiel im Muskel. Es hemmt also nicht die Schilddrüse selbst (“zentral”). Da T3 in Zielzellen erst wirkt, wenn sein Kernrezeptor auch an die DNA gelangt, um Gene anzuschalten, bleiben die Effekte aus – wenn Carnitin gegeben wird und Carnitin den Eintritt in den Zellkern blockiert.

You can’t have the cake and eat it, too

Tja. Die Biologie ist eben voller Trade-offs. You can’t have the cake and eat it, too. Heißt: man kann leider nicht alles haben im Leben.

Das meinte ich mit biologischen Zusammenhängen. Auch wenn die Wirkung von Carnitin auf dem Papier noch so gut klingt. Man muss dann vielleicht inkauf nehmen, dass andere Substanzen oder Abläufe nicht mehr so gut wirken. Das hat im Falle des L-Carnitins freilich seine Gründe: Carnitin und T3 regulieren ähnliche Gene. “Doppelt genäht hält besser” funktioniert in diesem Falle nicht – Trade-off.

Es soll ja Ärzte und Heilpraktiker geben, die den Schilddrüsenhormon-Haushalt der Patienten verbessern wollen und gleichzeitig Hochdosisgaben von L-Carnitin empfehlen. Das wird gegebenenfalls dafür sorgen, dass die Patienten niemals erfahren, wie sich die Wirkung der SD-Hormone überhaupt anfühlt. Wohlgemerkt: Die genannten Studien weisen daraufhin, dass Carnitin nicht allen Geweben eine Anti-SDH-Wirkung zeigt – beim Knochen zum Beispiel nicht.

L-Carnitin ist ein gutes Beispiel für “Drehen am kleinen Rädchen” – für manche Leser kann Carnitin ein Aha-Erlebnis sein, für andere bietet es sich möglicherweise an, das Carnitin (aus dem Fleisch und den Ergänzungsmitteln) zu reduzieren. Fakt ist: Beide Richtungen, “Pro-Carnitin/Anti-T3” und “Pro-T3/Anti-Carnitin” können je nach Situation von Vorteil sein.

Und da wir uns entlang eines Spektrums bewegen und nicht von “An vs. Aus” sprechen, zählt auch hier wieder … Feinfühligkeit … feines Drehen am Rädchen. Man muss nur wissen, dass es solche Rädchen gibt.

Referenzen

Gilgore SG, DeFelice SL. Evaluation of carnitine – an antagonist of thyroid hormone action. J New Drugs 1966; 6: 349-350

DeFelice Sl, Gilgore SG. The antagonistic effect of carnitine in hyperthyroidism. Preliminary report. J New Drugs 1966; 6: 351-353.

Benvenga S, Lakshmanan M, Trimarchi F. Carnitine is a naturally occurring inhibitor of thyroid hormone nuclear uptake. Thyroid 2000; 12: 1043-1050.

Benvenga S, Ruggeri RM, Russo A, Lapa D, Campennì A, Trimarchi F. Usefulness of L-carnitine, a naturally occurring peripheral antagonist of thyroid hormone action, in iatrogenic hyperthyroidism: a randomized double-blind, placebo controlled clinical trial. J Clin Endocrinol Metab 2001; 86: 3579-3594.

Benvenga S, Lapa D, Cannavò S, Trimarchi F. Successive thyroid storms treated with L-carnitine and low doses of methimazole. Am J Med 2003; 115: 417-418.

 

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ÜBER DEN AUTOR

12 kommentare ab “Dumm gelaufen: L-Carnitin hemmt die Wirkung von Schilddrüsenhormonen

  1. Danke für den Artikel.
    Habe ich den Inhalt richtig verstanden habe:

    Bei einer SD-Unterfunktion und der Gabe von L-Thyroxin hebt die gleichzeitige Aufnahme von L-Carnitin die Wirkung von L-Thyroxin wieder auf.
    Nicht in der SD selbst, sondern im Körper. weil die Aufnahme von T3 undT4 in die Zellkerne verhindert wird.

    1. Nicht ganz, Christian !

      Die Gabe von L-Thyroxin an sich bremst die körpereigene Produktion von TSH
      und gleichzeitig die Umwandlung zu T3 an mehreren Organen !

      Heißt: L-Thyroxin ist als “Dauerlösung” eine recht beknackte Idee .

      Wir aber von diversen Ärzten völlig ungeniert verschrieben !

      1. Danke für die Erklärung.
        Heißt dann mehr Jod essen (Algen), Zink und Selen sind schon aufgefüllt (Wurde diese Woche per Blutanalyse verifiziert), und dann die L-Thyroxin Zufuhr reduzieren und nach 3-4 Wochen wieder die TSH, T4 und T3 Werte messen lassen.
        Habe kein Hashimoto sondern nur eine Unterfunktion.

  2. Dankeschön für den interessanten Artikel.

    Wäre zu schön gewesen, um wahr zu sein: ich nehme seit Februar täglich 500-1000mg Acetyl-Carnitin, und glaube, dass es mir gut tut (Ernährung LCHF). Zumindest bin ich sportlich gesehen wieder auf meine Leistungsfähigkeit von vor 3 Jahren angelangt und die liegt ein gutes Stück höher, als noch vor 1 oder 2 Jahren. Ende März 2018 lag mein T3 jedoch nur noch bei ca. 17% des Sollbereichs. Obiger Artikel könnte eine Erklärung dafür sein.

    Nun nehme ich aber seit Ende April erstmals bewusst Jod zu mir, in Form von diversen Algen. Ich konnte inzwischen auch eine Erhöhung meiner morgendlichen Basalttemperatur von 36.3 auf bis zu 36.8°C feststellen. Vielleicht hebt ja die Einnahme von Jod die negative Wirkung von Carnitin zumindest teilweise wieder auf 🙂

    1. Ich denke nicht, dass Carnitin die niedrigen T3-Werte erklärt. Wie gesagt, L-Carnitin wirkt peripher (in den Geweben) und nicht zentral (in der SD), weswegen L-Carnitin mit hoher Wahrscheinlichkeit (und wie in den Studien vermerkt) nicht den Abfall von T3 provoziert. Hier denke ich, muss woanders angesetzt werden. Zum Beispiel beim dauerhaften niedrigen Insulin usw. – aber, wie im Artikel angedeutet: sich gut zu fühlen, ist schon mal die halbe Miete.

  3. „… es solche Rädchen gibt…“
    Ja. Die große und schwierig zu beantwortende Frage ist nur: „Welches Rädchen/ welche Räder sind dies…?“

  4. Ich hab selbst sehr lange Carnitin und mich vor allem im letzten Winter gewundert, weshalb mir meist eher zu kalt war, trotz warmer Kleidung.

    Also von meiner Seite kann ich das Ganze nur bestätigen.

    Inzwischen nutze ich bereits seit ca 4 Monaten kein Carnitin mehr. Ich habe darüberhinaus die Vermutung, dass die hemmende Wirkung in der Zelle noch eine gewisse Zeit lang vorhanden ist.

    Ich muss allerdings sagen meine Dosis lag auch bei ca 2-3g täglich.

    In wie weit das ünertagbar ist oder nicht sei mal dahin gestellt.

    1. Blödsinn, wir sind ja nicht mehr im Kindergarten. Oder dissen wir uns jetzt auch selbst, weil wir auch “Pro-Carnitin-Artikel” im Sortiment haben?

  5. Seit ich weiß, dass die positiven Auswirkungen von Meldonium u.a. aufs Herzgesundheit fast ausschließlich darauf basieren, dass es das Enzym γ-Butyrobetainhydroxylase hemmt und dadurch körpereigene Produktion von Carnitin vermindert, halte ich es für eine ziemlich schlechte Idee, Carnitin als Supplement zu sich zu nehmen.
    Ja, bis einem Alter von ca. 35 Jahren ist Carnitin vermutlich noch ungefährlich, aber nur bis zu diesem Alter.

    1. Also steht L-Carnitin im Verdacht, Herzkrankheiten zu verursachen? Nähme mich wirklichWunder, da ich bis Dato mit Acetyl-L-Carnitin gute Erfahrungen gemacht habe (Ernährung LCHF).

      In nachfolgend verlinkten Artikel wird behauptet, dass L-Carnitin-Supplemente selbst bei schweren Herzerkrankungen extrem sicher seien:

      “L-Carnitin ist extrem sicher und kann praktisch bei jeder Art von Herzerkrankung und jedem Schweregrad gegeben werden.”

      sowie

      “L-Carnitin ist einer der sichersten Nährstoffe überhaupt und ca. doppelt so sicher wie normales Kochsalz. In der über 100 jährigen Geschichte des L-Carnitins und in über 40.000 publizierten Studien sind bisher keine schweren Nebenwirkungen und kein einziger Todesfall für L-Carnitin, auch nicht bei extremen Überdosierungen, bekannt geworden. L-Carnitin kann aufgrund seiner besonders guten Verträglichkeit und Sicherheit praktisch jedem Menschen gegeben werden.

      Copyright (C) Stiftung Orthoknowledge http://www.orthoknowledge.eu/l-carnitin/

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