„Praktiker vs. Theoretiker“ + Ernährung von Tim Budesheim

 

Viele Anfänger, die sich mit Gesundheit befassen, können zwei grundlegende Fehler machen.

1. In Extremen denken.

Kennen wir. Lass Ratten den ganzen Tag Zuckerwasser trinken, dann werden sie dick und krank. Das hat dazu geführt, dass Zucker lange Zeit als der Feind galt und sogar das Stück Obst oder das Glas Orangensaft zum Dickmacher degradiert wurde.

Es wird vor allem dann so gedacht, wenn vergessen wird, dass sich Konzepte überlagern. Denn selbst, wenn Kohlenhydrate oder Zucker bestimmte Dickmach-Schalter aktivieren würden – es gibt ja bekanntlich noch die Energiebilanz, die solche Effekte überlagert und gegensätzliche Zellschalter drückt. Es gibt etliche Faktoren, die solche Effekte überlagern.

Deshalb sollte man flexibel im Denken sein.

2. Nur die eine Seite sehen, obwohl alles mindestens zwei Seiten hat.

Sogar vermeintlich gute Seiten haben kontextabhängig schlechte Seiten. So funktioniert auch Evolution: Merkmale einer Art, die Vorteile in einer bestimmten ökologischen Nische herbeiführen können, können sich für eine andere Nische als katastrophal erweisen.

Wer das mal verstanden hat, wird weniger urteilen – denn dann wird klar, dass es nicht um Schwarz oder Weiß, Gute oder Böse geht.

„Praktiker“ belächeln „Theoretiker“

So ist das auch, wenn es um unsere Themen geht. Interessiert man sich für ein Thema bis ins kleinste Detail, wird man von sogenannten Praktikern schnell als Theoretiker abgestempelt. Dass man im Grunde auch „Praktiker“ sein kann, der zusätzlich detailverliebt mehr wissen möchte, wird vielleicht ab und zu mal vergessen.

Deshalb möchte ich noch einmal erinnern:

  1. Man kann, weil es einen interessiert, Details eines vermeintlich „einfachen“ Zusammenhangs analysieren.
  2. Man kann auch nach einzelnen Stellschrauben suchen, die nicht einfach zugänglich sind, vielleicht aber als große Hebel in uns wirken.

Trotz allem, und das wird hier immer wieder betont, muss es letztlich einen einfachen praktischen Zugang für uns geben, denn kein Löwe dieser Welt muss erst mal Biochemie-Bücher wälzen, damit er gesund bleibt.

Doch bitte, bitte: daraus folgt nicht, dass wir uns alles mit dem „gesunden Menschenverstand“ erarbeiten können. Das funktioniert deshalb nicht, weil der „gesunde Menschenverstand“ eben oft keine Ahnung von fundamentalen und übergreifenden Gesetzen hat. Wegen dieses „gesunden Menschenverstands“ gibt es viel zu viel Ideologie und Trugschluss.

Wettkampfernährung von Bodybuilder Tim Budesheim

Also: einfacher Zugang.

Wissenschaftler aus aller Welt analysieren die Wirkung des Sports auf den menschlichen Körper. Das sieht dann beispielsweise so aus:

 

Der Praktiker würde sagen: „Beweg dich halt täglich“ – das ist der Zugang.

Auch Ernährung lässt sich, wie wir das oft tun, bis ins kleinste Detail analysieren. Ja, ich gebe zu, es macht Spaß. Auf der anderen Seite gibt es die Praktiker – so einer ist der Bodybuilder Tim Budesheim. Der bezeichnet seine Ernährung als „gar nicht so spektakulär“.

Frühstück: Haferflockenkuchen mit Eiklar (Anfang der Diät: Kokosaufstrich) + Multivitamin, essentielle Fettsäuren, Vitamin D, Kreatin

1. Zwischenmahlzeit: Whey-Protein

Mittagessen: Reis, Tatar und Brokkoli

2. Zwischenmahlzeit: Whey-Protein, Hand voll Nüsse

 Training: EAA + Fischöl + L-Arginin + 50 g Whey-Isolat

Nach dem Training: Whey-Isolat mit Reiswaffeln

Abendessen: Reis und Tatar

Vorm Schlafengehen: Magerquark mit Beeren

Der Herr ist in einer Wettkampfdiät und achtet in erster Linie auf

die zugeführten Kalorien. 

Zunächst achtet er dabei auf die Fettkalorien. Später dann auf die Kohlenhydratkalorien. Was das am Ende ist? Ein Protein Sparing Modified Fast – ein Proteinfasten. Zwischendrin „cycelt“ er die Kohlenhydrate. Am Trainingstag gibt’s mehr als an trainingsfreien Tagen. Kontextabhängigkeit.

Ernährung aus der Vogelperspektive

Gesunde Ernährung ist also „gar nicht so spektakulär“. Es dreht sich immer um …

  • Guter Proteinanteil
  • Obst + Gemüse
  • Mikronährstoffe

Und für die Kalorienbilanz, kontextabhängig: „Gute Fette“ (Macadamia, Fischöl und Co.) oder „gute Kohlenhydrate“ (Reis, Reiswaffeln, Kartoffeln und Co., also Stärke).

Ganz simpel. Auch wenn ein Herr Budesheim ob seines Trainings etc. einen ganz anderen Energie- und Proteinbedarf hat als unsereins. Das Paket oben müsste also angepasst werden.

Schon mal aufgefallen, dass wir hier im Internet so oft solche banalen Ernährungspläne gesehen haben, dass wir irgendwann abstumpfen? Dass das, was da oben steht, gar nicht mehr in den Köpfen ankommt, weil es zu einfach ist und zu oft gelesen wurde? Häufig wird das gar nicht mal mehr gemerkt. Fakten und Argumente werden bei eigenen Denkprozessen einfach übergangen – weil sie uns zu langweilig, zu abgedroschen und als zu oft wiederholt erscheinen.

Das funktioniert auch anders rum: Nur, weil man etwas 100 x wiederholt, wird es nicht wahr. Stärke und Kohlenhydrate im Allgemeinen machen weder dick, noch krank, noch sonst was – und sättigen nachweislich ganze Völker, sogar die gesündesten Populationen, die wir kennen („Blue Zones“). Ausgezeichnete Arbeit diesbezüglich leistet Stephan Guyenet („Why the carbohydrate-insulin model of obesity is probably wrong: A supplementary reply to Ebbeling and Ludwig’s JAMA article„). Damit darf man sich ruhig mal auseinandersetzen.

Zum Video von Tim Budesheim:

print

2 Kommentare, sei der nächste!

  1. Wenn alles so einfach wäre, dann wären die „Kompiliziert-und Angstmacher“ nicht mehr und würden an dieser völlig absurden Verkomplizierung und Angstmacherei der Menschen heutzutage nicht mehr verdienen. 😉

    Ergo, wenn also den Menschen in der westlichen Überflußgesellschaft (auch an Informationen) wieder klar werden würde, daß tatsächlich Essen so einfach und das natürlichste Ding der Welt ist, wie es in der Realität auch ist und wonach Millionen Menschen auf der Welt Tag für Tag gesund leben und Milliarden vor uns gelebt haben, dann würden ganze höchstlukrative Industriezweige, nicht nur der Supplementbranche, und die Zahl der selbsernannten Ernährungsspezialisten -und Gurus in sich weitgehend zusammenbrechen. Man will die Menschen zu diesem Thema vernebeln, verdummen und abhängig machen, weil daran bestens verdient wird. Nichts ist nicht nur für Politiker sondern auch für die gigantische Gesundheits,-Ernährungs-und Fitnessindustrie schlimmer, als wenn die Menschen selbständig denken und handeln und einfach ihren Menschenverstand gebrauchen würden.
    „Viele Menschen würden eher sterben als denken. Und in der Tat: Sie tun es“, meinte der britische Mathematiker, Logiker und Philosoph Bertrand Russell

  2. Interessanter Artikel und spannende Person.

    Ich halte es allerdings grundsätzlich wie folgt : so eine Muskelmasse ist nicht natürlich und bioenergetisch nicht sinnvoll. Sie zu unterhalten, ist evolutionär aus mehreren Gründen ineffizient.
    Man braucht große Mengen an Nahrungsmitteln, diese müssen beschafft (Aufwand) und bezahlt (monetäre Belastung) werden.
    Ferner kostet die Verdauung/Prozessierung dieser enormen Mengen den Körper auch wieder eine enorme Menge an Energieressourcen.

    Für einen gesunden, fitten, auch sexuell aktiven Lebensstil mit hoher Lebenserwartung ist dergleichen nicht notwendig sondern meines Erachtens nach eher kontraproduktiv.
    Der Habitus derjenigen langlebigen Völker auf diesem Planeten unterstützen diese These.

    Damit meine ich nicht, dass alle die Figuren afrikanischer Marathonläufer haben sollen. Das alleine ist auf Grund der genetischen Diversität nicht möglich. Es gibt nun mal auch sehr muskulöse Menschen und diejenigen suchen sich tendenziell auch eher Sportarten, die eine Massezunahme fördern (Schnellkraft). Das ist aber ein Unterschied zu einem reinen gezielten Aufbau von Masse in derartigen Dimensionen.

    Grüße

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.