TMAO: Warum Rindfleisch keinen Herzinfarkt verursacht

tmao

 

Manchmal leben wir schon in einer großen Fabelwelt. Okay, was heißt manchmal?

Was TMAO ist und wie es entsteht

Da hatten sich einige wieder bestätigt gefühlt. Endlich sei bewiesen, dass „rotes Fleisch“ Herzinfarkt verursacht. Denn: Aus L-Carnitin, Cholin und Betain entsteht im Darm ein Stoff namens Trimethylamin (TMA), der bei uns in der Leber zu TMAO (Trimethylaminoxid) oxidiert wird. Dieses TMAO wiederum ist der neue Superstar unter den Krankmachern, macht die Gefäße kaputt, hat irgendwie mit Krebs zu tun, kann dick und insulinresistent machen und, zu allem Übel, die Herzfunktion beeinträchtigen.

TMAO entsteht also bei uns in der Leber, wenn wir

  • L-Carnitin,
  • Cholin,
  • Betain

zuführen. Natürlich kann man TMAO auch direkt essen.

Der letzte Punkt ist interessant, denn TMAO findet sich natürlicherweise im Fisch — das heißt, wann immer wir Fisch essen, führen wir größere Mengen dieses Stoffes zu. Und ich dachte immer, wenigstens Fisch sei aus gesundheitlicher Sicht in Ordnung.

Tatsächlich wurde nun mehrfach gezeigt, dass die orale Zufuhr von L-Carnitin oder Cholin die TMAO-Werte im Blut erhöht.

Schon als die ersten Diskussionen dazu aufkamen, dachte ich mir:

Moment mal, wenn ich L-Carnitin oral via Ergänzungsmittel zu mir nehme, dann wird nur ein Bruchteil davon im Darm aufgenommen. L-Carnitin aus dem Fleisch aber soll eine viel höhere Bioverfügbarkeit aufweisen und quasi komplett aufgenommen werden.

Ergo: Das, was bei den Darmbakterien ankommt, sollte sich im Endeffekt deutlich unterscheiden. Jedenfalls dann, wenn wir „Ergänzungsmittel“ mit „Nahrungsmittel“ vergleichen.

Etwas Ähnliches dachte ich mir bei Cholin. Cholin gibt es normalerweise (also im Ei oder im Lecithin) gar nicht „frei“, sondern hauptsächlich gebunden, nämlich in Form von Phospholipiden. Es sollte also einen großen Unterschied machen, ob ich „freies“ Cholin supplementiere oder meinem Körper Phospholipide, also z. B. Lecithin anbiete.

Verstanden? Wir füttern Ratten mit irgendwelchen Stoffen (also nicht mit „Essen“), leiten davon „wichtige“ Erkenntnisse ab und nicht nur die Medien machen daraus:

Endlich bewiesen: Rindfleisch macht Herzinfarkt und krank!

Das Schlimme daran ist, dass — mit diesen Implikationen im Hinterkopf — weitergeforscht und im Diskussionsteil jeder Studie immer wieder das gleiche Märchen erzählt wird, nämlich, dass es da wohl einen Zusammenhang gibt zwischen dem Konsum von tierischen Produkten (klassisch: Ei, Fleisch und Co.), also unserer „Western Diet“, und Herzkreislauferkrankungen etc.

Dabei war das Thema schon 1999 gegessen. Zumindest für uns Menschen. Dort nämlich hat man tatsächlich mal nachgemessen. Okay, nur im Urin, aber man hat sich die Mühe gemacht und gemessen.

Warum Rindfleisch nicht schädlich ist

Herausgefunden hatten die: Geben wir unseren Probanden L-Carnitin, Cholin oder Betain, dann zeigen sich deutlich erhöhte TMAO-Werte im Urin. Jetzt kommt aber der Punkt, bei Nahrungsmitteln fand man etwas ganz Anderes:

TMAO wird nur bei Fisch-Konsum in großen Mengen ausgeschieden.

Alles andere, ja, auch fast 230 g Rind (viel L-Carnitin) … oder eine ordentliche Portion Lecithin (also viel Cholin!) … hatten statistisch betrachtet einfach überhaupt keine Wirkung. Null! Da war der Blumenkohl schlimmer! (Vgl., Zhang, 1999)

Die Autoren merken an:

Solche „Probleme“ unterstreichen, dass man immer beides, also „echte Nahrungsmittel“ mit den jeweiligen (chemischen) Substanzen vergleichen muss.

Anfang des Jahres (Cho, 2017) wurde eine weitere Studie publiziert und dieses Mal wurde tatsächlich auch im Blut gemessen. Die folgende Abbildung spricht für sich:

TMAO

 

Fisch, aber nicht die Frucht, das Ei oder das Stück Rind lässt TMAO entstehen.

Genau darum geht’s. Wir können nicht isolieren und uns dann wundern, dass es „im Ganzen“ doch nicht stimmt.

Genau deshalb sind Ergänzungsmittel eben Ergänzungsmittel und keine Zink-Tablette der Welt kann ein Stück Rindfleisch ersetzen. Umgekehrt sollte man, wie im Stoffwechsel-Buch ausführlichst beschrieben, immer daran denken, dass isoliert zu sich genommen Substanzen, z. B. Nahrungsergänzungsmittel, eine ganz eigene Wirkung haben können.

Das müssen Produktentwickler von Ergänzungspräparaten auf dem Schirm haben! 

Halten wir fest: Rindfleisch macht nicht krank. Jedenfalls nicht wegen TMAO. Und was ist mit Fisch? Tja … Es bleibt wohl ein ungelöstes Rätsel, warum Fisch bisher nicht oder sogar invers mit Herzkreislauferkrankungen etc. korreliert. Vielleicht weil es sich dabei um ein Lebensmittel und keinen isolierten Stoff handelt? Wer weiß …

PS: Ja, heute war sarkastisch.

Referenzen

Cho, C., Taesuwan, S., Malysheva, O., Bender, E., Tulchinsky, N., Yan, J., Sutter, J. and Caudill, M. (2017). Back cover: Trimethylamine-N-oxide (TMAO) response to animal source foods varies among healthy young men and is influenced by their gut microbiota composition: A randomized controlled trial. Molecular Nutrition & Food Research, 61(1), p.1770016.

Landfald, B., Valeur, J., Berstad, A. and Raa, J. (2017). Microbial trimethylamine-N-oxide as a disease marker: something fishy?. Microbial Ecology in Health and Disease, 28(1), p.1327309.

Oellgaard, J., Winther, S., Hansen, T., Rossing, P. and von Scholten, B. (2017). Trimethylamine N-oxide (TMAO) as a New Potential Therapeutic Target for Insulin Resistance and Cancer. Current Pharmaceutical Design, 23(25).

Schugar, R., Shih, D., Warrier, M., Helsley, R., Burrows, A., Ferguson, D., Brown, A., Gromovsky, A., Heine, M., Chatterjee, A., Li, L., Li, X., Wang, Z., Willard, B., Meng, Y., Kim, H., Che, N., Pan, C., Lee, R., Crooke, R., Graham, M., Morton, R., Langefeld, C., Das, S., Rudel, L., Zein, N., McCullough, A., Dasarathy, S., Tang, W., Erokwu, B., Flask, C., Laakso, M., Civelek, M., Naga Prasad, S., Heeren, J., Lusis, A., Hazen, S. and Brown, J. (2017). The TMAO-Producing Enzyme Flavin-Containing Monooxygenase 3 Regulates Obesity and the Beiging of White Adipose Tissue. Cell Reports, 20(1), p.279.

Ufnal, M., Zadlo, A. and Ostaszewski, R. (2015). TMAO: A small molecule of great expectations. Nutrition, 31(11-12), pp.1317-1323.

Velasquez, M., Ramezani, A., Manal, A. and Raj, D. (2016). Trimethylamine N-Oxide: The Good, the Bad and the Unknown. Toxins, 8(11), p.326.

Zhang, H., Meng, J. and Yu, H. (2017). Trimethylamine N-oxide Supplementation Abolishes the Cardioprotective Effects of Voluntary Exercise in Mice Fed a Western Diet. Frontiers in Physiology, 8.

Zhang, A., Mitchell, S. and Smith, R. (1999). Dietary Precursors of Trimethylamine in Man: A Pilot Study. Food and Chemical Toxicology, 37(5), pp.515-520.

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7 Kommentare, sei der nächste!

  1. Das sieht ein „Dr. Greger“ natürlich jetzt ganz anders.

    Tatsächlich scheint diese ganze Sache extrem vom vorhandenen Darmbesatz abhängen !

    Und wer mit seinem Darmmilieu Probleme hat, bekommt dann auch weitere durch
    Carnitin, Cholin und Betain.

    Was mir persönlich heutzutage fehlt, sind exakte Untersuchungen im Bezug auf die
    Verhältnisse der Mikroorganismen im Menschen (und Tieren !) zueinander, deren Wirkung und
    natürlich auch deren „Krankheiten“ !

    Dazu noch eine Forschung , die die Enzyme noch so würdigt, wie ihnen gebührt,
    DAS wäre doch mal was !

  2. Danke für den interessanten Beitrag.

    Was ich noch nicht verstanden habe: sollte man nun tunlichst die Einnahme von allen NEM verzichten. welche die Bildung von TMA und somit TMAO begünstigen?

    Der Artikel hat mich ziemlich aufgeschreckt, denn ich nehme infolge Gedächtnisprobleme seit Mitte Oktober täglich 500-1000mg Cholin Bitartrate (enthält ca. 200-400mg Cholin) und zwischendurch auch mal 1000mg Soja-Lethizin (enthält ebenfalls Cholin). Ich kann mir mittlerweile wieder mehre Zahlen „merken“ und glaube, eine praxisrelevante Verbesserung beim Gedächtnis erfahren zu haben (Gedächtnisprobleme begannen vor 5 Jahren und wurden immer stärker).

    Des weiteren plane ich Acetyl-L-Carnitin einzunehmen, da Carnitin scheinbar ebenfalls eine positive Wirkung auf das Gedächtnis und die Aufmerksamkeit haben soll: http://www.seegartenklinik.ch/de/acetyl-l-carnitin.html

    Last but not least wurde bei meiner letzten Blut-Kontrolle ein etwas erhöhter Homocystein-Spiegel festgestellt (2.1mg/L bzw. 15.6mmol/L). Um die Methylierung zu verbessern plane ich Betain in Form von Trimethylglycin zu mir zu nehmen (B6, B9 und B12-Werte schienen in Ordnung zu sein).

    In Deinem Beitrag „Homocystein-Wert senken? So geht’s“ empfiehlst du in dem Fall die Gabe von Cholin bzw. Betain.

    Die Anmerkung „PS: Ja, heute war sarkastisch.“ habe ich nun womöglich nicht verstanden.

    Gehe ich bei der längerfristigen Einnahme von Carnitin, Lezithin, Cholin und/oder Betain in Form von NEM ein unverhältnismässig hohes Risiko ein an den Folgen eines erhöhten TMAO-Spiegels Schäden davonzutragen?

    Dankeschön für eine kurze Rückmeldung.

    PS: dass man die obigen NEM’s bei Gedächtnisprobleme einnehmen kann bzw. soll, habe ich aus „Handbuch für Nährstoffe“ der Firma Burgerstein entnommen sowie in vielen diversen Internet-Artikel bestätigt gesehen.

    1. Der Thematik kann man ja ganz einfach aus dem Weg gehen: Einfach Herbivoren-Fleisch essen und Lecithin statt C.-Tartrat nehmen, wenn einem die Thematik am Herzen liegt. Ansonsten gilt, dass die TMAO-Geschichte noch nicht endgültig geklärt ist. Zusätzlich gilt zu beachten, dass nicht alle Stoffe immer „perfekt nur gut“ wirken, sondern für manche Therapien eben auch (aber vielleicht keine nennenswerten) Nebenwirkungen eintreten.

  3. Der amerikanische Laufcoach John Kellogg sagte mal sinngemäß, dass sein Training eine Mischung aus Wissenschaft und Erfahrung sei. Und im Zweifel müsse die Erfahrung die Oberhand behalten.

    Ich sehe das in vielen Dingen ähnlich. Auch in der Ernährung. Um gescheit zu essen kann dich die Wissenschaft UND dein eigenes Körpergefühl unterstützen. Im Zweifel vertraust du lieber dem (langfristigen) Körpergefühl.

  4. Was heißt das nun, kein Cholin, kein Carnitin, kein Lecithin, kein Betain als NEM mehr? Alle die vielen positiven Studien zur Wirkung allein dieser wenigen Aminiosäuren passé? Müssen jetzt alle edubily-Artikel zu diesenAS, die auch die hervorragende Wirkung beschrieben und erklärt haben, revidiert werden?

    1. Die positiven Studien dazu werden ja dadurch nicht falsch. Das aber haben wir in dem Artikel nicht thematisiert. Die TMAO-Sache an sich ist ja so gesehen nicht eindeutig geklärt, vor allem nicht mit Blick auf Carnitin und Co. Der Punkt ist aber, dass Carnitin- oder Cholin-reiche Nahrungsmittel erst gar nichts mit der TMAO-Thematik zu tun haben!

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