Mehr Stickoxid durch Gemüse

Stickoxid Nitrat Gemüse

 

Schlafmützen sind wir nun wahrlich keine. Schon 2014 haben wir nach Auswertung vieler Daten im Handbuch geschrieben:

Stickstoffmonoxid (NO) ist ein Stoffwechselmasterregulator.

Zur Erinnerung: NO entsteht in den Arterien, wenn ein Enzym namens eNOS (endotheliale Stickoxid-Synthase) die Aminosäure Arginin (und einigen Cofaktoren) umsetzt.

Weil uns das 2014 viele nicht glauben wollten, haben wir ein kleines Büchlein mit fast 200 Referenzen (zum Selberlesen) zu diesem Thema hinterher geschoben.

Schon 2007 (Vargas et al.) wurde von einer „Stickoxid-Defizienz“ gesprochen! Dort stellten die Autoren fest, dass NO in quasi allen regulatorischen Systemen im Körper seine Finger im Spiel hat. Eine „NO-Defizienz“ kann unter anderem …

  • den Blutdruck erhöhen
  • den Glukose- und Fettstoffwechsel beeinträchtigen
  • das metabolische Syndrom „mimen“ (= stoffwechselkrank ohne Fettleibigkeit)

All das lege nahe, dass „NO die Verbindung zwischen kardiovaskulären und metabolischen Erkrankungen ist“.

Wie gesagt, genau aus diesem Grund gibt es von uns ein kleines Buch zum Thema, indem wir auf all diese Punkte noch einmal genau eingehen und erläutern, warum (das endotheliale!) NO so wichtig ist und was wir tun können.

Wem das alles zu kompliziert ist (Soll ich Arginin einnehmen? Was ist mit Folsäure? Brauche ich Eisen? Wie schütze ich mir vor Radikalen usw.), für den gibt es eine viel elegantere Version.

Terry Wahls hat in einem ihrer Vorträge mal von einer „Gemüse-Defizienz“ gesprochen. Das ist bei mir hängen geblieben. Vielleicht hat sie recht? Vielleicht sollte man zuerst mal Gemüse essen und dann an eine Nahrungsergänzung denken? Und meiner Erfahrung nach hat sie recht. In Gemüse ist was, das wirkt. Mal abgesehen von den unzähligen Pflanzenstoffen, dem Futter für unsere Darmbakterien … gibt es noch einen anderen Stoff:

Nitrat.

Immer viel gescholten. Heute ein neuer Superstar, vielleicht der Grund, warum Gemüse überhaupt so gesund ist und u. a. das Herzkreislaufsystem schützt. Denn:

Nitrat wird im Körper zu NO.

Grade (November ’17) ist eine neue Arbeit dazu erschienen, eine ziemlich hübsche, wie ich finde. Weil sie im Grunde noch einmal gut zusammenfasst, was NO und Nitrat alles kann. Nitrat, als Beispiel:

  • Es erhöht die NO-Bildung (ohne eNOS)
  • Es verringert oxidativen Stress
  • Es macht das Fettgewebe braun (besser: beige), also stoffwechselgesünder
  • Es hilft bei der Insulin-Ausschüttung

Die Idee ist jetzt, die Wirkung von Medikamenten gegen Fettleibigkeit und Diabetes (wie Metformin) zu verbessern, indem man sie mit Nitrat und Nitrit „anreichert“.

Weil ich weiß, dass das Thema so selten verstanden wird … Hier noch mal:

  • Stickstoffmonoxid (NO) ist ein Gas, das u. a. in den Arterien gebildet wird. Dazu braucht es neben Arginin noch andere Cofaktoren, damit die Reaktion ordentlich funktioniert — z. B. Eisen, Folsäure, Vitamin C, Kupfer usw.
  • Früher dachte man, NO sei nur für die Gefäße wichtig („Endothelium-derived relaxing factor“, Nobelpreis Ignarro, 1998), denn NO macht das Gefäßlumen weit (= Viagra für den ganzen Körper) und hemmt die Entstehung von Arteriosklerose.
  • Heute versteht man, dass NO nicht nur wichtig für die Gefäßgesundheit ist, sondern eine Vielzahl anderer Prozesse im Körper reguliert.
  • So spielt NO eine herausragende Rolle bei der Stoffwechselgesundheit (Glukosetoleranz, Insulinsensitivität, Fettstoffwechsel, Insulin-Ausschüttung usw.)
  • NO kann im Körper mithilfe von Enzymen gebildet werden, es kann aber auch aus Nitrat gebildet werden, das wir mit der Nahrung (vor allem Salat und Gemüse) aufnehmen.
  • Nitrat hat eigene Wirkungen, aber viele Wirkungen entfalten sich via NO.

Ergo: Ja, es gibt sie, die Gemüse-Defizienz. Die Gründe hierfür sind vielfältig, aber Nitrat bzw. NO spielt dabei sicher eine Rolle.

Ergo II: Vielleicht das, was Terry Wahls da macht, nicht nur studieren, sondern auch nachmachen.

Weil es immer wieder ein Thema ist, für die „Kenner“: Wenn wir von „NO“ sprechen, dann meinen wir eNOS/NO, nicht iNOS/NO, das bei Entzündungen und Co. vielfach höher konzentriert gebildet wird und im Endeffekt böse Schäden anrichten kann.

Referenzen

Ghasemi, A. and Jeddi, S. (2017). Anti-obesity and anti-diabetic effects of nitrate and nitrite. Nitric Oxide, 70, pp.9-24.

Vargas, F., Moreno, J., Wangensteen, R., Rodriguez-Gomez, I. and Garcia-Estan, J. (2007). The endocrine system in chronic nitric oxide deficiency. European Journal of Endocrinology, 156(1), pp.1-12.

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15 Kommentare, sei der nächste!

  1. Stellt sich für mich die Frage, warum Nitrat aus Gemüse „gut“ ist und Nitrat aus Trinkwasser (angeblich?) so „schlecht“?
    Ich habe in dem Zusammenhang mal eine Studie gelesen, die den Unterschied mit den im Gemüse enthaltenen Antioxidantien erklärte.

    LG,
    Thorsten

    1. Es ist einfach:
      NO2 ist begrenzt und nicht NO.
      NO ist an sich ungefährlich, aber brandfördernd und in Verbindung mit Feuchtigkeit korrosiv.
      Interessant wird es aber bei NO2:
      Der Grenzwert für Außenluft wurde auf 40myg/m3 gesetzt.
      Der seit 30-40 Jahren geltende MAK (Maximale Arbeitsplatz Konzentration) Wert für NO2, der Wert also bei dem bei 10 stündigen Arbeitstag keine negative Auswirkungen festgestellt werden können, liegt bei 950myg/m3.

      Immer noch Angst vor dem Bösen NO2?

      1. Danke für deinen Input. Mein etwas sarkastischer Kommentar war vor allem darauf bezogen, dass wir immer von physiologischen Mengen im Körper sprechen und nicht von irgendwelchen Umweltkatastrophen.

      2. Danke für die Werte, Thomas. Mir ist dieser krasse Unterschied auch schon zu Ohren gekommen, bisher aber nicht so konkret.
        Die Frage war vllt. etwas lapidar gestellt. Mich würde interessieren, ob in physiologischen Mengen exogen zugeführtes Stickoxid überhaupt im Körper wirken kann. Oder verursacht es generell pathologische Wirkungen?

  2. Nitrat und Nitrit ist ja nicht das gleiche. Nitrit ist für den Körper alles andere als gesund, ist an der Entstehung der krebserregenden Nitrosamine beteiligt.

    Habe auch gelesen, Nitrat im Gemüse werde mit der Zeit von Bakterien in Nitrit reduziert. Insbesondere Salat sei darauf sehr anfällig. Demzufolge tut man gut daran, möglichst frisches bzw. frisch eingefrorenes Gemüse zu essen, bei welchem erst wenig Nitrat in Nitrit umgewandelt wurde.

    1. Warte mal, jetzt nicht sämtliche Konzepte durcheinander werfen. Natürlich ist Nitrat nicht das Gleiche wie Nitrit. Nitrosamine entstehen aber hauptsächlich unter Hitzeeinwirkung und brauchen irgendwoher Amine (z. B. aus Proteinen). Darüber hinaus muss im Körper aus Nitrat erst mal Nitrit entstehen, damit das weiter zu NO reduziert werden kann — daher sprechen wir hier auch vom Nitrat/Nitrit/NO-Weg. Das Ganze kann aber auch umgekehrt erfolgen, wobei NO über Nitrit einfach zu Nitrat oxidiert. Das kann dann z. B. über den Speichel in den Mund und dort wird es von Bakterien wieder zu Nitrit reduziert, was wieder in den Körper gelangt. Heißt auch: Stickoxid-Abkömmlinge sind natürlicher Bestandteil unserer Biochemie. Deinem Beitrag zufolge sollte man „abgestandes“ Gemüse tunlichst meiden – was kommt als nächstes? Nicht-frisches oder -tiefgefrorenes Gemüse ist krebserregend?
      (https://www.nature.com/articles/nrd2466)

      1. Wie oben geschrieben, ich hatte es gelesen. z.B. unter http://www.heilpraxisnet.de/naturheilpraxis/wenn-nitrat-zu-schaedlichem-nitrit-wird-wie-schadet-es-wann-der-gesundheit-20161130211434

        Zitat:
        „Weniger Nitrat heißt weniger Nitrit!
        Ohne Nitrat bilden sich weder Nitrit noch Nitrosamine. Besonders viel Nitrat enthalten Rucola, Salat oder Spinat. Spinat stärkt die Muskeln, und es wäre verfehlt, auf dieses gesunde Gemüse zu verzichten.

        „Bakterien aufhalten!
        Wenn sie Salat nicht stehen lassen und Spinat nicht wieder aufwärmen, dann verhindern sie, dass sich Bakterien ansiedeln, die Nitrat in Nitrit umformen. Vermeiden sie luftdicht abgepackten Salat und Lebensmittel: Hier können sich die nitritbildenden Bakterien ausbreiten.“

        inwieweot diese Informationen stimmen, weiss ich nicht. Die wenigsten die sich gesund ernähren wollen (so wie ich) haben Biologie und/oder Chemie studiert. Müssen und wollen sich auf das verlassen, was „Experten“ pubilizieren.

        Und das einzige das ich daraus entnehme: Frischwaren möglichst frisch essen, um die Umwandlung von Nitrate in Nitrite zu verhindern.

        Wenn ich dich richtig verstehe, kann man die Aussage „Nitrit ist gesundheitsschädliche“ nicht verallgemeinern. So entstehen dann wohl Missverständnisse, die aus einer Mücke einen Elefanten machen und umgekehrt. Das ist der Preis des Internets: jeder kann sich als Experte ausgeben und mit halben Wahrheiten oder gar ganzen Unwahrheiten auf sich aufmerksam machen.

  3. Sehr geehrter Chris,
    ich bin Fan aller eurer Bücher und es hat mir ziemlich gut weiter geholfen. Danke nochmals!
    Lt. der Empfehlungen aus dem Buch von Bodo Kuklinski habe ich meine starken Zahnfleischentzündungen und Sinisitus mit täglich 3000ug B12 (+5mg Biotin + 500ug 5-MTHF) ganz gut in den Griff bekommen.

    Wirkt das dann nicht kontraproduktiv auf die Entzündungen wenn ich das NO zusätzlich mit Rote Beete, Citrullin, Arginin, OPC… erhöhe?

    Anders herum gefragt:
    Macht B12 die positiven Wirkungen des NO wieder zunichte?

    1. Hallo Matthias. Soweit ich weiß bindet Vitamin B12 überschüssiges NO (Scavenger-Funkton). Es ist für mich also eher ein Regulator, das es überschüssige Radikalbildung hemmt.

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