Lebensstil: Gibt es ein Zuviel des Guten? (Essstörung)

Ab und zu, je nachdem, wie es die Zeit erlaubt, gebe ich Feedback zu Lifestyle- und Ernährungsfragen. Feedback kann sehr viel wert sein. Ich hätte vor zehn Jahren oder so auch mal Feedback bekommen sollen …

Angefangen hat es mit einer banalen Ernährungsumstellung. Erst mal weg mit Süßigkeiten. Dann dachte ich, Fleisch ist vielleicht auch nicht so gut — also Fleisch noch weg, vegetarisch leben. Nebenbei noch Leistungssport betrieben. Dann bewusst entschieden abzunehmen, weniger gegessen und tatsächlich, mit Kohlenhydraten, circa 15 Kilogramm abgenommen. Das waren dann 73 Kilogramm auf 1.85. Erstes Mal im Leben „Burnout“ — wen wundert’s? (Tipp: Kein Fleisch, keine Supps, keine Ahnung von Ernährung, nur noch Kohlenhydrate und Milchprodukte, somit wenig Eiweiß, rund 4 Stunden Training jeden Tag usw. — Scheitern vorprogrammiert.)

Sixpack war zwar da, aber — perfektionistisch wie man ist — musste der auch noch „richtig“ kommen. Also immer weiter gehungert. Ich las zu dieser Zeit viel und habe dann damals, also vor ca. 10 Jahren, angefangen die Kohlenhydrate zu streichen. Mittags gab’s dann ab und zu Schwindel, aber man beißt sich durch. Zu der Zeit war Fleisch wieder drin in der Ernährung.

In dieser Zeit immer wieder Proteinfasten gemacht, die letzten Speicher abgehungert, so weit, dass ich irgendwann gar nicht mehr in die Ketose gekommen bin — normalerweise setzt die ein, wenn man nur noch Protein isst. Wenn die Fettspeicher zu klein werden, passiert das offensichtlich nur noch nach längerer Fastenzeit.

Ich hatte meine ersten Praktika am Gymnasium und bin morgens „fröhlich“, natürlich immer Intervallsprints gemacht und Tempo angezogen, 15 km zum Gymnasium gejoggt, um dann wieder heim zu joggen, damit ich eine Stunde später mit dem Fahrrad wieder hinfahren kann. Nach dem Nüchternlauf habe ich mich auf einen Magerquark mit ein paar Beeren gefreut.

Die restlichen Monate und quasi Jahre verbrachte ich damit, auch „noch das letzte Fett zu verbrennen“ — das waren dann häufig Muskeln. Der Tiefstand war mit 69 kg erreicht, dabei sah ich aus wie … na ja … wie schwer essgestört. Mir war das egal. Ich entdeckte Ori Hofmekler und Martin Berkhan, begann nun, täglich zu fasten. Also war ich als Sportstudent quasi den ganzen Tag in der Sporthalle und … habe einfach gar nix gegessen oder — wenn ich großzügig war — mal ein Stück Fleisch mit Gemüse oder einen Shake. „Undereating“ war ja erlaubt.

Obwohl Martin Berkhan beim Fasten ein 8h-Fenster vorgibt, habe ich mich eher an Ori Hofmekler gehalten und den ganzen Tag einfach quasi gar nix gegessen. Die „große Mahlzeit“ gibt’s abends. Abends habe ich mich dann mit Fleisch/Fisch und Gemüse vollgestopft, manchmal noch 2 Kilo Quark hinterhergeschoben, konnte deshalb kaum schlafen. Aber ich habe an das geglaubt, was ich da gemacht habe. Soll heißen: Aus „mal IF“ wurde … „Ich esse einfach nur noch einmal am Tag“.

In den Folgemonaten gab es bei mir Fressanfälle, bei denen ich dann meistens literweise Sahne, 500 g Butter, Nusspackungen, Rapsöl-Majo oder sonst was gegessen habe. Natürlich gefolgt von noch strengeren Diäten. An „Refeeds“ habe ich mir, um die Kohlenhydratspeicher zu füllen, Trockenobst „gegönnt“.

Aus Spaß wurde Ernst. Irgendwann roch ich nichts mehr. Ich suchte keinen Kontakt mehr zu Freunden. Ich hatte quasi meine Seele abgehungert, ich wusste gar nicht mal mehr wieso ich eigentlich noch lebe. Irgendwann begann ich zu spüren, wo das Blut in meinem Gehirn grade hin fließt. Seit dem weiß ich, bei welchen Gedankengängen eher rechts, links oder vorne „angesprochen“ wird. Aber spätestens da wusste ich, dass ich schon mittendrin war.

Irgendwann lag ich spätnachts im Bett, Hunger ohne Ende, und ich wusste: Wenn ich jetzt nicht wieder irgendwie „normal“ esse, dann fall ich noch um und sterbe einfach.

Und dann die Krönung: Auf „normales“ Essen nicht mehr reagiert wie früher. Der Körper hat irgendwas gemacht, nur nicht das, was er soll. „Normal“ gab es ab da nicht mehr. Stattdessen einen Rebound-Effekt und in wenigen Wochen 20 Kilogramm mehr. Ich, naiv wie ich war, zum Arzt gefahren. Der nur dumm geguckt:

Was ist mit Ihnen passiert? Früher haben Sie doch immer Sport getrieben und auf Ihre Ernährung geachtet?

Batz, mitten in die Fresse rein. Wenn du Hilfe brauchst, kommt noch Onkel Doktor mit viel Empathie und zerstört noch das letzte Stückchen Lebensmut in dir. Als ob ich das alles nicht selbst gewusst hätte.

Die Geschichte geht natürlich noch weiter und war zunächst kaum zu bewältigen für mich, rückblickend aber eine Lehrbuch-Lehrstunde des Lebens.

Lange Rede.

  • Aus gesundem Ehrgeiz wurde eine psychische Störung
  • Aus Sport wurde Extremsport
  • Aus einfach („Ich streiche mal Süßigkeiten“) wurde extrem komplex (Heute das, morgen das, nicht das, aber das,…)
  • Aus „nebenbei“ wurde „es gibt nichts mehr anderes in meinem Leben“
  • Aus „Du siehst aber gut aus, hast du abgenommen?“ wurde „Was ist mit dir passiert? Kommst du grad aus einem KZ?“
  • Aus „ich mal mach einen auf vegetarisch“ wurde „ich bin der militanteste Keto-Jünger der Welt“
  • Aus banaler Kalorienrestriktion wurde „ich esse nur noch einmal Tag“
  • Aus Objektivität („Ich wiege etwas zu viel“) wurde Subjektivität („Hier ist aber immer noch Fett“, bei 6 % Körperfett)

Aber das Deprimierendste kommt zum Schluss:

  • Aus Schlank wurde Rebound — alles umsonst.
  • Menschen, bei denen du Hilfe suchst, setzen noch einen drauf.

Wieso schreibe ich darüber überhaupt? Der eigentliche Grund ist, dass mir immer wieder Menschen schreiben, die genau das so leben und die ich gerne warnen würde. Die befinden sich in einer riesigen Seifenblase, in der es keine Objektivität mehr gibt — tatsächlich geht das, woran wir uns hier immer so erfreuen, fließend in ernste (psychische und physische) Störungen über. Es betrifft also nicht nur das Extrem, sondern auch „die Normalen“, die hier lesen.

Meiner Erfahrung nach trifft es Perfektionisten und „Typ-A-Persönlichkeiten“ am Härtesten. Die haben überhaupt gar kein Gespür für Grenzen und Maßen. Während der Perfektionist also alles selbst in die Hand nehmen will und später tief fällt, sich also wieder aufrappeln muss, gibt es Menschen, die lehnen sich zurück und vertrauen Ihrem Körper. Der Witz ist, dass diese Menschen am Ende besser dastehen als wir.

Das Allerschlimmste ist aber … Menschen um einen herum feiern dich, wenn du abgenommen hast, lästern über dich, wenn du zu schlank bist und verspotten dich, wenn du wieder zunimmst. Hier denke ich grade auch an die vielen Sophia Thiels und wie sie alle heißen, die im Rampenlicht stehen und dann mal nicht mit 12 % Körperfett auflaufen, sondern mit immer noch guten 20 % — die aber dann massivsten Hohn und Spott ertragen müssen.

Kein Vorwurf. So ist das Leben. Aber auch uns, den Außenstehenden, sollte klar sein, dass wir mit unseren Worten verantwortungsvoll umgehen sollten. Denn gerade so vermeintliche „Top Performer“ sind sehr anfällig für das, was andere Menschen über sie sagen.

Aber noch viel wichtiger: Ich weiß, dass viele Menschen, die das gerade lesen, ein großes Problem mit sich haben, sie es aber nicht sehen oder wahrhaben wollen. Mein Rat: Sorge selbst für Mäßigung und Normalität, bevor es dein Körper bzw. deine Seele für dich tut — dann aber ist es zu spät und du wirst extrem tief fallen. Und keiner wird mehr an deine „Errungenschaften“ denken.

Aus Fehlern lernt man. Deshalb stehen wir hier für Mäßigung. Im Instragram-Zeitalter die Oase in der Wüste, aber der einzig richtige Weg.

PS: Das oben war die vereinfachte Version meiner Geschichte. Die würde natürlich noch viele Details enthalten, z. B., dass ich mich quasi stundenlang im Winter in den Hallenbad-Außenbereich gestellt habe, in den Schnee — „Cold Thermogenesis“ bei Minusgraden und quasi ohne Körperfett. Sinn- und zwecklos, idiotisch. Das sieht man aber nicht, wenn man selbst betroffen ist. Daher dieser Artikel!

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24 Kommentare, sei der nächste!

  1. Fast das volle Programm, mein Beileid. Fehlte nur noch der obligatorische Keto-Guru und (ganz neu) @SBakerMD zum Beispiel. Aber wenn man das wirklich alles mit 100%igen Einsatz durchmacht, dann reicht das restliche Leben nicht mehr aus um sich davon zu erholen.

  2. Danke für den Einblick in diesen Teil deines Lebens. Ich finde es traurig, dass so viele Leute dein (euer) in diesem Blog kostenlos (!) geteiltes – extrem wertvolles – Wissen und den Erfahrungsschatz so wenig zu schätzen wissen. Stattdessen wird kritisiert und gemäkelt, wenn ihr nicht das schreibt, was mit der vorgefassten Meinung der Leute übereinstimmt. Ich frage mich manchmal, wer sich alles durch eure Arbeit einige unnötige Umwege und Irrwege ersaprt hat, ohne das wirklich zu realisieren. Und ich frage mich, was wäre gewesen, wenn ich dieses Wissen schon zu meiner aktiven Wettkampfzeit gehabt hätte …

  3. Hut ab. Das ist Seelenstreapdance pur. Danke für Deine Offenheit. Hoffentlich kommt das bei denen an, die schon auf der Schiene fahren. Gruß Gaby

  4. Ok, das ist es Wert das ich hier das erste mall kommentiere.

    Wow, danke für diese offenen und ehrlichen Worte!
    Man hört Chris -den Menschen- in diesen Zeilen. Und nicht Chris -den besser Wissenden-.
    Alles hier, die Website, die Bücher, euer ganzes Wissen sind voll mit Perlen. Man nimmt sie mit, oder man lässt sie liegen.
    Aber menschliches, berührendes finde ich selten.
    Das hier ist so gut das ich die „lange Version“ sofort als Buch kaufen würde.
    Bist zwar noch jung aber Deine Memoiren würde ich lesen.
    Danke für’s mit uns teilen und viel Erfolg auf Deinem Weg.

  5. Danke für Dein Vertrauen und Respekt dafür, dass Du das heute rauslassen kannst und den Weg siehst. Klare Worte. Das mag ich.

    Ich würde gerne viel mehr von dem verstehen, was Ihr so manchmal diskutiert. Und ja, ich weiß, dass ich das auch verstehen könnte, wenn ich mehr… Aber genau hier beißt sich die Katze in den Schwanz.

    Deshalb versuche ich, wieder mehr auf meinen Körper zu hören. Das konnte ich nämlich schon einmal, und sooo lange ist das auch nicht her.

    Danke für den Aufrüttler!

  6. Danke, dass du das teilst. Das kann vielen helfen. Es ist leider so leicht von ein bisserl vegan hier und etwas Keto dirt in eine massive Essstörung reinzukommen. Ich habe da auch meine Erfahrungen: vegan und Ultralauf neben Job und 2 Kindern. Perfektionismus dazu und fertig ist der Fahrplan. Besonders bedenklich finde ich daher auch dass in vielen anderen Foren oder Quellen immer mehr auf das was man nicht essen soll eingegangen wird als auf das was gut ist
    Befolgt man das und es findet sich für jedes Nahrungsmittel eine Studie die beweist, dass dieses quasi tödlich ist, dann bleibt am Ende nicht mehr übrig als Wasser. Und selbst das ist schadstoffbelastet oder voller Bpa. Danke dass ihr hier diesen Trend Durchbrecht aufklärt und einen entspannten Zugang reinbringt. Bitte weiter so.

  7. feinheit der artikel! mutig, authentisch, menschlich, sympathisch, weise und hilfreich.

    kann man auf alle lebensbereiche ausdehnen, z.b . aufs denken. mit ganz analogen auswirkungen in bezug auf sinnerfahrung und lebenslust.

    balance scheint wirklich ein universell gültiges lebensprinzip für überleben, performance und glücksempfinden zu sein.

    thanx!

  8. Leider habe ich da einiges selber durchgemacht.
    Als Teenager ass ich wie ein Scheunendrescher und wog trotzdem nur gut 70kg auf 183.
    Dann begann ich mit Laufsport und dachte, man könne ja mal auf die Ernährung achten. So kam ich ohne grössere Anstrengung auf 65 und damit auf perfekte Läuferkomposition.
    Weil man ja gerne auf der „sicheren“ Seite ist, wurde es dann eher noch weniger.
    Dann kam der Militärdienst und ich hatte kaum Zeit zum trainieren. Natürlich wollte ich nicht zunehmen. Also ass ich unter der Woche nicht mehr richtig, nur noch halbe Portionen, zwischendrin höchstens ein Apfel. Was ich nicht sah: die Grundausbildung war extrem kräftezerrend. Am Wochenende dann das gewohnte Lauftraining.

    Als wir Soldaten nach ein paar Wochen gewogen wurden – und es ist mir bis heute ein Rätsel weshalb die mich damals nicht aussortiert haben, was ich eigentlich gehofft habe – wog ich noch knapp 57kg (immer noch auf 183).

    Ich hatte keine Energie mehr, keine Lust auf nichts, kein sexuelles Empfinden mehr. Mein Humor ging verloren. Fürs Training musste ich mich aufrappeln. Die sportliche Leistung nahm ab (wie irrsinnig, war doch deren steigerung das ursprüngliche Ziel). Doch der Sinn dahinter sah ich eh nicht mehr, ich musste einfach so weitermachen.

    Dauernd war ich hungrig und ass trotzdem wie ein Vogel. Die einzigen schönen Minuten am Tag waren wenn ich gerade etwas essen „durfte“. Doch gleich danach begann der Kampf wieder, denn Satt war ich nie. Um diese Minuten etwas auszudehnen ass ich so langsam wie möglich.

    Am Schlimmsten war das Schlafen. Vor lauter Hunger schlief ich teilweise drei Nächte hintereinander nicht mehr als eine Stunde.
    Meine Eltern waren verzweifelt. Leute fragten ob ich krank sei.

    Keine Ahnung wie, aber irgendwie, kam ich irgendwann langsam aus diesem Teufelskreis heraus. Heute ist mein Gewicht im Normalbreich, ich kann Essen wieder geniessen, habe Energie, im Sport läuft es rund. Doch diese Phase wird mich ewig prägen.

    Wenn ich mir heute Bilder von damals ansehe, läuft es mir kalt den Rücken runter. Es schmerzt nur vom anschauen. Ein kleines bisschen bin ich aber stolz, dass ich es da selber wieder rausgeschaft habe. Ich wünsche das keinem.

  9. Hallo Chris,
    ich bin seit ca einem Jahr eine stille Mitleserin und habe durch deine Artikel und Bücher vieles für mich mitnehmen können, das sehr hilfreich ist.
    Beim Lesen Deiner Geschichte hatte ich Tränen in den Augen, weil mich vieles so an mich selbst erinnert hat. Leider habe ich es auch Jahre später nicht rausgeschafft und kämpfe immer noch mit den Langzeitfolgen wie Heißhunger und Essanfällen, meist nach Verzehr von Kohlehydraten. Es ist so, wie du geschrieben hast, der Körper reagiert nicht mehr auf normales Essen, es fühlt sich so an, als hätte sich da irgendwas im System total verzogen.
    Daher würde mich sehr interessieren, wie es bei dir im Einzelnen danach weiterging. Wie hast du es geschafft, dass dein Körper und deine Psyche wieder ins Gleichgewicht kommen?
    Liebe Grüße und nochmals vielen Dank für diesen Blog,
    Ramona

  10. Hallo,
    auch ich erkenne mich in Deinem Artikel zu 100% wieder und mich würde ebenso interessieren, wie Du aus der Misere, in der auch ich mich gerade befinde, wieder herausgekommen bist.
    Mein Körper kann ebenso mit normalem Essen nicht mehr umgehen. Bei viel Zucker schwemmt es mich auf wie einen Ballon. Mit einigen Tagen fasten geht es dann wieder weg, aber das kann nicht Sinn der Sache bzw. des Lebens sein.
    Natürlich möchte ich schlank bleiben, alles andere wäre gelogen, aber mit einem normalen Essverhalten.
    Auch ich esse derzeit nur einmal am Tag, sprich die bekannte Warrior Diet. Manchmal sehr gesund und an manchen Tagen endet meine einzige Mahlzeit am Tag in einem Fressanfall, so dass ich mich vor Bauchschmerzen nicht mehr bewegen kann.
    Wie hast Du geschafft da raus zu kommen?

      1. Hallo Chris,

        mir geht es ähnlich wie Stephanie, wie bist Du da wieder rausgekommen. Das dies ein langer Prozess war(ist) kann ich mir vorstellen.

        Danke für die ehrliche Worte

        Lg Thomas

  11. Sehr berührender Artikel und mutig dazu.Warum gibt es in unserer Welt soviel Menschen mit Esstörungen?Die vielen gutgemeinte Ratschläge zur „gesunden“Ernährung sind wohl eher kontraproduktiv.?
    Welchen Anteil haben die Medien mit ihren hochglanzgesylten Promis und Models oder Vorzeigesportlern.Wer sagt uns denn,dass die gesund sind und glücklich?
    Unsere moderne Welt ist eine Welt der Einzelkinder ,Narzissten und Helikoptereltern geworden.Als Gegengewicht zur kalten neokapitaliatischen Wirklichkeit, Beschäftigung mit sich und seinem Körper eine Art Ersatzreligion.
    Danke für die offenen Worte, die wirklich bahnbrechenden Erkenntnisse, die Ihr mir und anderen interessierten Lesern vermittelt habt.

  12. Boah Chris!

    Ich kenne ja durch das Lesen deiner Bücher und des Blogs deine grobe Geschichte und wir haben uns ja auch telefonisch ausgetauscht, aber diese Details kannte ich bisher noch nicht.

    Da ziehe ich echt meinen Hut vor dir für diese Ehrlichkeit.

    Und ja, auch ich kann mich direkt einreihen zu den Leuten, die etwas ähnliches hinter sich haben. Deine Geschichte weist sehr große Parallelen zu meiner auf. Vor allen Dingen die Emotionen die du erlebt hast, habe ich genau so auch durchgemacht.

    Bei mir hat es schon früh mit einem geringen Selbstwertgefühl angefangen, weil ich in der Schule häufig ausgeschlossen wurde. Dazu kam, dass ich ein sehr schwaches Immunsystem hatte und immer krank war. Und meine Haut glich einem Akne-Kraterhaufen, dem nicht beizukommen war.

    Und so begann meine Reise.

    Meine körperlich-ästhetischen Probleme hatte ich relativ schnell mit einer veganen Rohkost-Ernährung in den Griff bekommen. Doch leider hatte ich dadurch so stark abgenommen, dass ich aussah wie ein Drogenjunkie. Da ich nicht die Blicke und das Getuschel meiner alten Freunde ertragen konnte, habe ich mich sozial immer mehr isoliert. Einer hat mich mal auf der Straße getroffen, ist entgeistert vor mir stehen geblieben, hat mich einmal von oben bis unten abgemustert und gesagt: „ACH! DU! SCHEISSE!!!!“

    Sehr taktvoll.

    Damals war ich noch der Meinung, dass all das Prozedere Teil des großen Entgiftungsprozesses sei und dass ich irgendwann einmal wie der Phönix aus der Asche emporsteigen und einen athletischen Körper aus gesunden Zellen bilden würde. Den religiösen Charakter diverser Ernährungsformen mitsamt solcher Erlösungsversprechen kann man wirklich nur als Außenstehender erkennen. Aus meiner jetzigen Perspektive ist das kein Problem mehr, doch damals – damals war ich noch mitten drin im „Gesundheitsoptimierungssumpf“.

    Ich war gehookt. Die anfänglichen Gewinne inform eines schönen Hautbildes und eines Infekt-freien Immunsystems hatten mich voll und ganz überzeugt, und so spielte ich weiter an diesem einarmigen Banditen des Ernährungswahnsinns. Die Verluste blendete ich routiniert aus. Mit meiner mittlerweile voll ausgereiften selektiven Wahrnehmung manövrierte ich mich langsam Schritt für Schritt immer tiefer ins Schlamassel.

    Meine damalige Freundin hab ich in dem Prozess natürlich auch gleich mit gedetoxt. Die hatte irgendwann einfach genug und hat Schluss gemacht. Kann ich aber auch nachvollziehen.

    Später kam durch diverse Nährstoffmängel noch eine erektile Dysfunktion hinzu und ich habe vor einer neuen potentiellen Partnerin im Bett komplett versagt. Tja, die war dann auch sofort weg bevor sie überhaupt in mein Leben hätte kommen können.

    Von männlichem Selbstbewusstsein war dann natürlich auch keine Rede mehr. In den Jahren darauf habe ich gleich mehrere Chancen mit diversen interessierten Frauen vermasselt.

    Es folgte eine jahrelange einsame Oddyssee durch mehrere verschiedene extreme Ernährungsformen. Mein gesamtes Leben drehte sich einige Jahre lang ausschließlich um Ernährungswissen und -optimierung. Die Frage nach der optimalen Ernährung mutierte immer mehr zu dem roten Kleid in das Sara Goldfarb in dem Film Requiem for a Dream unbedingt reinpassen wollte – für ihren großen Moment im Fernsehn.

    Irgendwann war aber der Punkt gekommen wo ich wieder Fleisch essen musste. Ich fühlte mich einfach nicht so „raw-some“ wie die grinsenden Rawfood-Youtuber aus Kalifornien und Florida.

    Doch ein Ego, das sich über Selbstoptimierung definiert, akzeptiert keine Rückschritte. Mo der Drill-Instruktor peitschte seinen Körper weiter voran. „Vorwärts, vorwärts, schau nicht nach hinten! Hinter dir gibt es nichts zu sehen!“
    Anstatt also wieder „zurück“ zum Fleischverzehr zu kehren – was einem Rückschritt gleichkäme, wollte ich den Fleischverzehr als Fortschritt in meinem Lebenslauf verzeichnen. Daher begann ich mit dem Verzehl von rohem Fleisch und rohen Organen – Aajonus Vonderplanitz lässt grüßen.

    Ketose stand dann selbstverständlich auch auf dem Programm und war 2 Jahre lang schwer angesagt. Und Jack Kruse natürlich auch. Jeden einzelnen Blogartikel habe ich mir ausgedruckt und mit Textmarkern durchgearbeitet. Anders kannste dessen Wirrwarr-Schreibstil auch nicht verdauen. Mein Fachenglisch hat sich dadurch jedoch extrem verbessert *lach*.

    ——

    Ach das wird ja jetzt ein immer längerer Kommentar des Elends und ich bin noch nicht mal zur Hälfte durch, obwohl ich schon einiges ausgelassen habe. So wollte ich das doch gar nicht ausarten lassen.

    Also fasse ich mich jetzt kurz.

    Ich bin wieder normal, meine Ernährung ist wieder normal, und das habe ich unter anderem auch diesem Blog zu verdanken. Das wichtigste ist natürlich die eigene Einstellung. edubily habe ich vor 2 Jahren begonnen zu lesen. Damals hatte ich jedoch selbst bereits ein ähnliches Mindset entwickelt.

    Also an alle neuen Leser von edubily. Seid offen für die Infos. Ihr werdet so viel mehr als nur ein besseres Körpergefühl erlangen.

    Ich bin wieder positiv gestimmt und blicke voller Tatendrang in die Zukunft. Es ist wieder alles fit im Schritt, mein vorübergehend entwickelter Tinnitus ist auch so gut wie weg, und ich habe enorm viel gelernt.

    Ach ja, und das mit der Gehirnwahrnehmung kenne ich auch so ähnlich. Ich kann ganz klar im Kopf eine Art Bewegung wahrnehmen wenn ich entweder an die Vergangenheit oder die Zukuft denke.

    Danke Chris und Phil für eure Arbeit. Ihr leistet echt Entwicklungshilfe an vorderster Front!

  13. Danke für Deine Ehrlichkeit und Offenheit und Deinen Mut, uns das zu erzählen. So wirkt das alles hier plötzlich authentisch. Vielen vielen Dank.
    Ich finde mich darin auch wieder. Bis heute habe ich Heißhunger, große Schwankungen in allem, schwemme total auf, wenn ich dem Hunger nachgebe und 100000 Unverträglichkeiten.
    Ich wäre sehr dankbar, wenn Du erzählen könntest, wie Du da wieder herausgekommen bist.

  14. Hey Chris 🙂

    mein Ende vom Lied:
    69kg auf 184cm
    IronMan unter 10h, hurra!
    Keine Freundin mehr. Keine Freunde mehr. Kaum soziale Kontakte.
    Schlechte Studien- und Arbeitsergebnisse.
    Mangel an: Testosteron, T3, Vitamin A und D, Magnesium Zink, Folsäure, B12 und wahrscheinlich mehr.
    Kaum Sport, viel getrunken.
    Wieder neu sortiert, draus gelernt.

    Und du hast mich im Forum mit gerettet 😉 Danke und auf weitere Zusammenarbeit!

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