Sind Fette nun wirklich gesünder als Kohlenhydrate?

Fett ist gesund

Wem kommt sie nicht bekannt vor, die Doppelmoral?

Leider haben die Wenigsten, die sich entweder journalistisch, privat oder wie auch immer mit Studien auseinandersetzen, selbst mal im Forschungsbetrieb gearbeitet.

Komm, ich erzähl dir eine Geschichte

Schon früh lernt man, dass es um Stories geht. Ein großer Teil der Ausbildung dreht sich genau darum: Aus experimentellen Daten soll eine nette Geschichte gemacht werden. Wer keine Geschichte erzählen kann, der sollte vielleicht darüber nachdenken, seine Daten lieber noch nicht zu publizieren.

Meine Beobachtung und meine Einschätzung ist, dass die meisten Wissenschaftler einen (sehr) hohen Anspruch an sich selbst haben und deshalb natürlich eher nicht lügen, sondern darum bemüht sind, maximal ehrlich zu sein. Nicht nur zu sich selbst, sondern auch zu den Leuten, die später die Publikation lesen. Trotz extrem hoher Erwartungshaltung.

Nichtsdestotrotz verpackt man Daten in eine Geschichte.

Je besser die Geschichte, umso größer der Erfolg. Und eine Geschichte ist meistens nicht perfekt. Sie färbt unsere Sicht und biegt sich ggf. einige Fakten zurecht. Cherry-Picking, wie wir es hier immer beschreiben, ist das Extrem.

Die Wahrheit ist, dass mildes Cherry-Picking zum Geschäft gehört. Denn zu jeder Geschichte gehört, dass man bereits bewanderte Wege nutzt. Allerdings muss man sich häufig auch trauen, mal etwas zu spekulieren, sich mal ein bisschen aus dem Fenster zu lehnen, ein bisschen provokativ zu sein.

Deshalb reagieren wir ab und zu mit Unverständnis, wenn Menschen so tun als sei Wissenschaft die höchste Güte, die große Reinheit, die Wahrheit.

Wissenschaft will aufklären. Es gibt aber keine perfekte Wissenschaft — vielleicht in der Physik. Nicht aber, wenn wir mit lebenden Organismen zu tun haben.

Ohne Sensation keine Aufmerksamkeit

Ich weiß: In der Ernährungswissenschaft ist es noch viel, viel schlimmer. Dort geht es sogar darum, genau das Gegenteil von dem zu publizieren, was gemeinhin als anerkannt gilt. Wenn die Story nicht das Denken der Menschen verändert oder zumindest zum Nachdenken anregt, wieso sollte man die Story dann überhaupt veröffentlichen? Erst waren Eier krankmachend, dann wieder gesund. Erst war Butter todbringend, jetzt macht sie gesund. Heute lesen wir, Frühstück macht gesund. Morgen lesen wir, dass Frühstücken ein früherer Tod bedeutet. Erst macht Fastfood dick, dann lesen wir, dass irgendein Kasper mit Fastfood 300 kg abgenommen hat. Dieses ewige Hin und Her ist Teil des Business. Und wir, die Dummen, spielen das Spiel mit.

Wir könnten uns ja einig darüber sein, dass Gemüse, Obst, Fisch, Geflügel, Wurzelgemüse, Nüsse, Hülsenfrüchte, Samen und so weiter definitiv zu dem gehören, was wir unter gesunder Ernährung verstehen. Das aber mantraartig zu wiederholen macht dem Autor keinen Spaß. Weil es seine Leser nicht juckt.

Lange Rede …

Sind Fette wirklich gesünder als Kohlenhydrate?

Schon mitbekommen? Neulich gab es wieder eine neue Studie. Die PURE Study. Schlagzeile um Schlagzeile konnten wir lesen, dass diese …

neue Studie aktuelle Ernährungsempfehlungen infrage stellt.

Da haben wir’s doch. Die Sensation. Endlich mal wieder richtig schöne Headlines.

Was hat die Studie herausgefunden?

  • Eine High-Carb-Ernährung war assoziiert mit einer erhöhten Gesamtsterblichkeit.
  • Aber der Gesamtfettgehalt und individuelle Fette waren mit dem Gegenteil assoziiert.
  • Und: Fette waren nicht mit Herzkreislauferkrankungen assoziiert.
  • Ganz besonders toll: Gesättigtes Fett schützt sogar vor Schlaganfall.

Forderung:

Die allgemeinen Ernährung-Empfehlungen sollten überarbeitet werden.

Machen wir uns nichts vor: Die staatlichen Empfehlungen sind … nicht gut. Für die sitzende Bevölkerung. Zwar hält sich eh niemand daran und ich bezweifle, dass die meisten Deutschen in der Fußgängerzone überhaupt wissen, was die DGE ist, aber das ändert ja nichts an den Taugenix-Empfehlungen. Schließlich richten sich danach auch häufig die Schul- und Kantinenessen oder Ernährungsberatungen.

Aber die Studie ist wieder gefundenen Fressen für manche Kreise. Wieder einmal wird die über sämtliche Kanäle gejagt und als fehlender Beweis verstanden — zum Beispiel dafür, dass der Butter-Kaffee ganz toll ist.

Die Ergebnisse der PURE Study sprechen nicht unbedingt für Low-Carb

Was wieder einmal bitter aufstößt:

  • Das hier ist eine Arbeit, die auf Fragebögen basiert. Das ganze Jahr, vor allem wenn Gegenteiliges publiziert wird, heißt es, solche Studien seien nicht aussagekräftig. Solche Arbeiten werden dann in der Luft zerrissen. Hinzu kommt, dass man bei solchen Studien Gefahr läuft, Korrelation mit Kausalität zu vertauschen.
  • Es wird häufig nicht erwähnt, dass die Arbeit auch herausgefunden hat, dass Bohnen, Obst und Gemüse mit einer niedrigeren Sterblichkeit assoziiert war.
  • Ignoriert wird, dass sogar einer der Erstautoren darauf hinweist, dass die Daten nicht für eine Low- oder No-Carb-Ernährung sprechen und sie eher dafür sprechen, den Carb-Anteil auf „moderate Werte“, etwa ca. 55 % (sic!) abzusenken.

B-Vitamine und die Sterblichkeit

Quasi zeitgleich wird eine andere Arbeit durch die Medienlandschaft gejagt. Die Arbeit, die aufzeigt, dass B-Vitamine ganz dramatisch das Krebs-Erkrankungsrisiko erhöhen. Selbe Art von Studie. Die aber ist natürlich wieder pure Hetze.

Ich mach‘ mir die Welt …

… nicht wahr?

Fazit

Möchte ein Wissenschaftler bekannt und erfolgreich werden, muss er sensationelle Studienergebnisse liefern. Aus diesen Ergebnissen müssen Zeitungen Schlagzeilen basteln, damit sie Verkäufe oder, in der heutigen Online-Welt, Klicks generieren. Die Wahrheit bleibt dabei leider häufig auf der Strecke.

Wer heute schreibt Fette sind gesünder als Kohlenhydrate! (natürlich mit Ausrufezeichen) hat morgen bestimmt kein Problem damit die nächste fettreduzierte Super-Diät zu empfehlen.

Ein großes Problem dabei ist, dass diese Schlagzeilen oft in den Köpfen hängen bleiben. In den nächsten Wochen könnten dutzende Studien veröffentlicht werden die besagen, dass B-Vitamine eigentlich doch ganz ok sind oder die Ergebnisse der PURE Study zu hinterfragen sind. In der Öffentlichkeit wird das jedoch kaum jemanden interessieren.

Ratschlag: Die Gesundheitsabteilungen der Zeitungen und Magazine einfach meiden. Gesunder Menschenverstand plus Körpergefühl reicht in den meisten Fällen absolut aus, um die richtigen Entscheidungen zu treffen.

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9 Kommentare, sei der nächste!

  1. Die meisten Menschen haben heutzutage nicht nur eine Politikverdrossenheit, sondern auch eine Ernährungswissensverdrossenheit entwickelt. Da sieht man im TV einen Beitrag, in dem gesagt wird, dass Bio gar nicht besser sei als konventionell, und schon wird kein Bio mehr gekauft. Dass der TV-Beitrag gar nicht zwischen Discounter-Bio und hochwertigen Bio-Siegeln unterscheidet, fällt vielen gar nicht mehr auf.
    Man hat in der Regel leider keine Zeit sich über einen längeren Zeitraum differenziert mit all den Themen auseinanderzusetzen. In den meisten Fällen ist es so, dass ein Mensch ein mal in seinem Leben einen großen Schwenk in seinem Ernährungsverhalten macht, und sich danach einfach in dem jeweiligen Konzept niederlässt. Von da an geht man einfach in eine komfortable selektive Wahrnehmung über. Das kenne ich phasenweise von mir selbst auch.
    Und als Blogger muss man ja Infotainment betreiben. Davon könnt ihr sicherlich ein Lied singen. Ich bin mir sicher, dass euer Sperma-Artikel bei Google Analytics höher rankt als ein Artikel über differenziertes Denken 😉

    1. Bio ist ja auch nicht besser als Konventionell.
      Teils sogar im Gegenteil.
      Bio bringt auf der gleichen Fläche weniger Ertrag.
      Auf den Flächen wachsen Teils giftige Pflanzen und Kräuter, dir immer wieder mit in den Produktionsprozess kommen.
      Bio nutzt ebenfalls Pflanzenschutzmittel, die Teils wirklich schädliche Wirkung auf Boden und Mensch haben (ja, auch Demeter und Bioland).
      Demeter glaubt dann noch an Hokuspokus. Also stehen da hinter wahrscheinlich Ideologen.

    2. „Ich bin mir sicher, dass euer Sperma-Artikel bei Google Analytics höher rankt als ein Artikel über differenziertes Denken“
      Das liegt aber nur an der Beliebtheit und Relevanz der beiden Suchbegriffe „Sperma“ vs. „differenziertes Denken“! 😉

    3. Naja, was die Ernährung angeht, bin ich voll bei Dir.

      Was die sog. „Politikverdrossenheit“ betrifft :

      JEDER der der Meinung ist, unsere „Volksvertreter“ würden das Volk „vertreten“,
      der glaubt nicht nur, daß Zitronenfalter Zitronen falten…..

      …. der füttert sogar den Vogel in der Uhr !

      In diesem Land ist Demokratie = die Diktatur der Blöden .

      Und wenn sogar unsere obersten Gerichte existenzielle Urteile fällen, und diese dann völlig ignoriert werden, muß eigentlich jeder Mensch hier ganz genau wissen, was der ganze Kasperleverein in Wirklichkeit ist !

      Wer sich dann fragt: „Aber wir müssen doch was tun?!?“ … Stimmt !

      Nur das „Wählen“ von Politikdarstellern wird nichts ändern!
      Die dürfen nämlich straffrei LÜGEN ! Denn so steht es in „unseren“ Gesetzen.

  2. Hallo Chris,

    ich finde, Ihr seid ein sehr gutes Beispiel dafür, dass sich ein gewisser Zwang „Infotainment“ liefern zu müssen, um die nötige Aufmerksamkeit für die eigene Arbeit zu bekommen und Qualität plus enormes Fachwissen keinesfalls gegenseitig ausschließen müssen. Weiter so!
    Du schreibst: „Gesunder Menschenverstand plus Körpergefühl reicht in den meisten Fällen absolut aus, um die richtigen Entscheidungen zu treffen.“ Damit hast Du wohl recht. Leider sind beide heute immer seltener anzutreffen. Deshalb möchte ich sie um eine dritte Möglichkeit erweitern – messen …

  3. Mittlerweile haben wir es immer häufiger mit wahren Propagandaschlachten zwecks Einwerben von Forschungsgeldern zu tun. Da müssen die Schlagzeilen möglichst fetzig und reißerisch aufgemacht werden, um in der Aufmerksamkeitsindustrie( den Medien) überhaupt noch wahrgenommen zu werden. Mich wundert es nicht mehr, wenn selbst in der 1.Welt immer mehr Politiker der etablierten Wissenschaft den Geldhahn abdrehen wollen.

  4. Hallo Chris,

    noch eine Frage zum Thema Kohlenhydrate und Fette. Du schreibst, dass man nicht gleichzeitig große Mengen Kohlenhydrate und große Mengen Fett essen sollte. Nach verschiedenen Artikeln und deinen Büchern ist mir das auch vollkommen klar.

    Aber: Was sind denn große Mengen, mal ganz praktisch gefragt? Bei z.B. 150 g Linsen (etwa 75 g Kohlenhydrate), wieviel Fett wäre da „zuviel“? Einfach um mal ein Gefühl dafür zu bekommen.

    Liebe Grüße Chris

    1. Ich denke, du sollst die Linsen mit anderer fettarmer Ernährung kombinieren, z. B. Kartoffeln und Spinat und eben nicht auf die Idee kommen, da noch zusätzlich Öl oder Butter dranzumachen.

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