Es ist egal, was wir essen, wenn …

Viele Wissenschaftler auf der Welt wollen es entschlüsseln, wollen uns die Frage beantworten, warum der menschliche Stoffwechsel in unserer modernen Umgebung entgleist. Sie wollen herausfinden, warum wir immer Diabetes bekommen, warum unser Herzkreislaufsystem mit Mitte 50 schlapp macht oder warum der Speckbauch bei uns besonders ausgeprägt ist.

Dafür finden sie immer wieder andere Gründe, schon aufgefallen?

Mal ist es Zucker, dann doch nur Fruktose, dann mal Kohlenhydrate im Allgemeinen, es könnte auch das Fett sein, das „schlechte Fett“ vor allem — vielleicht liegt es auch daran, dass wir zu viel Fleisch essen, zu viele Pommes oder, der neueste Trend, zu viel im Blaulicht baden.

Nicht falsch verstehen: Natürlich sind das alles Faktoren, die da relevant sind. Wieso zoomen wir nie raus? Wieso versuchen wir immer, den einen Feind für unser Leid zu finden? Das wird nie klappen.

Jahrelang galt Zucker in der Paläo-Szene als Krankmacher schlechthin, bis irgendwann Bilder und Daten irgendwelcher Buschleute aufgetaucht sind, die darlegen, wie hoch deren Zuckerkonsum eigentlich ist. Trotzdem: Die sind schlank und eben überhaupt nicht krank. Und schon kommt unser mühsam aufgebautes Konstrukt ins Wanken.

Das heißt, wir werden immer wieder bemerkenswerte Beispiele dafür finden, dass unser neuer „Feind“ im richtigen Kontext eben doch keiner ist. Wir hatten das sogar am Beispiel von Zucker einmal dargelegt.

Der Kontext dieser Buschmänner oder „wild lebenden Tieren“ ist immer genau das Gegenteil von dem, was bei uns passiert. Die Ursache dafür finden wir in unserem Gehirn.

Mal ein Beispiel: Stellen wir uns vor, wir wären Buschmänner und müssten unser Essen täglich selbst zusammensuchen. Das setzt, wie bei allen Tieren dieser Erde, Bewegung voraus. Und zum Teil eine so massive Anstrengung, dass das schnell auch den Tod als Konsequenz haben kann. Über die Jahre der Evolution passt sich die jeweilige Physiologie genau daran an. Der Körper und das Gehirn werden immer raffinierter, um den Tod durch diese (extremen) Belastungen zu vermeiden. Menschen damals wurden also in gewisse Situationen gezwungen, die Physiologie adaptierte sich.

Heute leben wir mit einer solchen Physiologie, aber die Umgebung „zwingt“ uns nicht mehr, zum Teil brachiale (körperliche) Anstrengungen zu bewältigen. Tatsächlich, so scheint es, sind alle unsere Systeme auf das Gegenteil gepolt. Wir sind bewegungsfaul, essen gerne fettig und kohlenhydratlastig, meiden hohe Protein-Mengen (es sei denn, der Gesundheitsratgeber empfiehlt es) und so weiter. Kurzum: Wir sind Ökonomen.

Leider geht diese Rechnung nicht auf.

Denn all das könnte dazu geführt haben, dass unser Körper die tägliche, und die anstrengende Bewegung braucht wie die Luft zum Atmen. Wir heute sprechen immer von halben Menschen, also solchen, die sich nicht bewegen und dann aufgrund irgendwelcher Faktoren krank werden. Gingen wir aber eine Sekunde davon aus, dass Bewegung nicht nur förderlich für die Figur oder die Bikini-Fotos im Sommer ist, sondern wir es absolut brauchen für eine normale Körperfunktion, müssten wir alle Studien, die es gibt, neu schreiben.

Unsere Physiologie ist also unbedingt abhängig von Bewegung, wir aber sind aufgrund unserer Evolution auf Bewegungsarmut gepolt. Würden wir auch nur annähernd so viel körperliche Anstrengung auf uns nehmen, wie es Jahrmillionen lang war und bei allen (!) Spezies immer noch so ist, wäre auch unser Verlangen nach Zucker oder unsere allgemeine, als „fettmachend“ verrufene Ernährung eher kein Problem mehr.

Denn: All diese Verlangen und Sehnsüchte sind ebenfalls Ausdruck dessen, was Homo sapiens früher nicht dauerhaft hatte. Der bekam vielleicht eher mal das unbeliebte Stück mageres Eiweiß zu fressen — was den (menschlichen) Körper aber (kalorisch betrachtet) nicht nährt.

So gesehen befinden wir uns also in einer Zwickmühle. Wir müssen Zustände emulieren, in die wir früher gezwungen wurden (viel Bewegung, eher mal Protein, eher mal nichts essen und so weiter), während unser Gehirn auf das Gegenteil gepolt wurde, um uns zu schützen. Gleichzeitig aber, und das ist wichtig, sind es genau diese äußeren Stressoren, die gesund machen und gesund halten.

Wir schwimmen also immer ein bisschen gegen Strom, weil das Gehirn uns eigentlich schützen will. In einer anderen Welt, also zu einer anderen Zeit, war das nötig. Heute macht es uns krank.

Jeder, der mal ein bisschen gesportelt hat, weiß das ganz genau. Nichts, was man sich in den Mund schieben kann, verändert den eigenen Körper so derart wie Bewegung. Auch hier geben sich die Wissenschaftler Mühe und schreiben von den wundersamsten Effekten von Sport.

Und wir? Wir hören nicht zu. Warum? Vielleicht weil es einfacher ist, den Zucker gegen das Fett zu tauschen, statt den Berg hochzuradeln.

Was wir also selten oder nie sehen, ist der bewegungsreiche Kontext. Der verändert alles.

Wenn wir es also schaffen, solche Zustände auf täglicher Basis zu emulieren, tritt alles andere in den Hintergrund. Dann brauchen wir uns nicht mehr zu fragen, ob Palmitinsäure Krebs macht oder ob uns die 50 g Zucker töten.

Die große Kunst ist im Endeffekt nicht, das hier zu lesen, zu nicken und mal eine Woche fleißig zu sporteln. Die große Kunst ist, das konsequent über die Jahre durchzuziehen. Wir hören immer die leise Stimme im Kopf, die uns zuflüstert, dass wir uns auch gemütlich auf die Couch legen könnten …

Merke: Alles, nach dem wir gieren, muss man sich durch (positiven) Stress verdienen!

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9 Kommentare, sei der nächste!

  1. Ein sehr guter Artikel!

    Im Endeffekt läuft es also darauf hinaus, Hebel einzusetzen und Strukturen im eigenen Leben zu schaffen, die einem den positiven Stress förmlich aufzwingen; sich in Situationen zu begeben, aus denen das Gehirn keinen stressfreien Ausweg findet. Oder eine Aktivität schaffen, bei der positiver Stress fest mit etwas Angenehmem verknüpft ist?

    Weil Einsicht scheint ja kein funktionierender Weg zu sein, wenn das Gehirn grundsätzlich bestrebt ist, dem (positiven) Stress aus dem Weg zu gehen.

    Viele Grüße,
    Jan

    1. Würde mich auch interessieren.

      Zur Umsetzung in der Praxis: ist nach etwas Gewöhnung kein Problem. Ich fahre inzwischen recht oft mal am Wochenende nüchtern 2-3 h Rad. Mit hohem Tempo und nachmittags, also nach bereits 15+ Stunden Fasten. Nachteile oder Leistungsabfall spüre ich nicht. Ich habe im Gegenteil eher keine Lust mehr, vor einer geplanten Tour zu essen, weil ich befürchte, dass mich ein gefüllter Magen bremst…

      1. Das kann man machen, wenn man wirklich nur mal am Wochenende fährt und am Folgetag keine großen Einheiten plant. Ich hab mich mit der Strategie vor 3 Jahren ziemlich abgeschossen, da ich ein 15-20h Sportprogramm hatte. Am Wochenende dann immer nüchtern > 3h aufs Rad. Irgendwann ging nichts mehr und ich war völlig auf dem Abstellgleis. Heute mache ich maximal 90min nüchtern in einen gleichen Kontext von 20-25h/Woche. Meist ist es nur das Schwimmen. Da kann ich a) vorher nichts essen und b) find ich es blödsinnig mir vorher ein Gel o.ä. reinzudrücken. Also, der Kontext ist wichtig.

  2. Da wir ursprünglich Jäger und Sammler waren, so vielleicht nicht nur Ernährung und Bewegung spielt eine Rolle, sondern das Sammeln.
    In der modernen Welt wird nicht Nahrung gesammelt für den Winter sondern Geld.
    Diese moderne Sammlerangenwohnheit kann die Gesundheit ähnlich schädigen wie Zucker- oder Fettmast.
    In den Industriestaaten nimmt man meistens das aufgehäufte Körperfett genauso ins Grab mit wie das aufgehäufte Vermögen.
    Ziemlich ineffektiv weil im Grab braucht man weder Fett noch Geld.
    Aber wäre immer noch kein Problem wenn die in Lebenszeit nicht krank machen würden. Körperlich und seelisch.
    Vielleicht Biologen haben mehr Informationen darüber ob andere Lebewesen instiktiv natürlich in welchem Zeitraum voraus Reserven anschaffen. Zb. Bienen sammeln Honig für 3-4 Jahre im Voraus oder „denken“ sie nur bis an die nächste Saison? Oder Bären fressen sich eine Fettschicht nur für den bevorstehenden Winter oder gleich für übernächsten Winter?

    1. Naja, „Geldsammeln“ auf dem Konto, damit also reine imaginäre Zahlenspielerei, ist nun mal einfacher, als das Sammeln und Herumtragen von kiloweise Honig! 😉 Wie man auf solche absurden Vergleiche überhaupt kommt würde mich schon mal interessieren!

  3. Wiedermal ein Artikel der es auf den Punkt bringt… Danke!
    Mich würde mal interessieren welchen Einfluss der Faktor „Frische Luft“ hat. Wir sind ja auch für ein Leben (überwiegend) draussen gemacht, denke ich. Naturvölker befinden sich ja hauptsächlich im Freien, der „moderne Mensch“ ja überwiegend in geschlossenen Räumen. Bewegung/Aufenthalt drinnen oder draussen, wie wirkt sich das auf den Körper aus, was verändert sich?

    1. Guter Punkt. Beim Aufenthalt innen, insb. in Büros, kommt ja noch die unsägliche Vollklimatisierung oder Umluft aus nie gereinigten Anlagen hinzu. Das dann noch oft mit (Flimmer-) Energiespaar- oder Neonlicht + gepaart mit Monitoren und ihrem hohem Blaulichtanteil. Apps wie f.lux sind dann auch nicht möglich, weil der normale Anwender das nicht installieren darf oder kann. Dazu ausdünstungen aus Möbel, Teppich, neuen IT-Geräten die alle 3 Jahre ersetzt werden – und das Chaos ist perfekt.

      Ich habe den Unterschied sehr dramatisch gemerkt, als ich den Mittwoch zum „Gartentag“ Erklärt hatte und weg gegangen bin von der 5-Tage Büro-Woche. Eine massivste! Veränderung des Wohlbefindens und der Energie – nicht zu beschreiben, nur zu erfahren. Es ist ja noch so viel mehr… Luft, Licht… Fokussierung auf Distanzen im Freien, Bewegung, Kälte, Wärme, Wind, die Geräuschkulisse! Stehen und gehen anstatt sitzen…..

  4. Sehr interessanter Artikel. Mir gefällt die Art, wie ihr schreibt und hier euer Wissen vermittelt 😉
    Besonders folgender Satz hat mich zum schmunzeln gebracht :D:D „..weil es einfacher ist, den Zucker gegen das Fett zu tauschen, statt den Berg hochzuradeln.“

    Beste Grüße, Sebastian

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