Xenohormesis: Warum Pflanzen so gesund sind

Xenohormesis

Ich bin auch nicht perfekt, überhaupt nicht. Auch ich kann erst so langsam verstehen, wie stark Epigenetik letztlich unsere Gesundheit, Leistungsfähigkeit und Langlebigkeit beeinflusst. Auch ich lerne erst langsam, dass vermeintlich kleine Änderungen riesige Auswirkungen haben können — einfach nur dadurch, dass sie gewisse Gene an- oder abschalten. Wir können uns also entscheiden, unser besseres Ich zu werden oder das alte Ich zu bleiben.

Es zu wissen, ist das eine. Es vollumfänglich zu begreifen (und zu leben!), das andere.

Häufig kann man die einzelnen Eisberg-Spitzen zwar sehen, aber nur erahnen, was unter der Wasseroberfläche lauert. Wir können dann, mit etwas Glück, die richtigen Empfehlungen geben. So ist das etwa mit dem Pflanzenkonsum. Auch wenn wir uns manchmal etwas spöttisch über Veganer auslassen, im Endeffekt ist uns schon klar, dass eine pflanzenbasierte Ernährung wie Medizin wirkt. Jedenfalls erahnen wir das.

Das beginnt im Darm mit Ballaststoffen und den unglaublich vielfältigen Auswirkungen auf das Immunsystem und den Energie-Stoffwechsel in jedem einzelnen Gewebe. Es geht weiter mit unzähligen, extrem wichtigen Pflanzenstoffen — wie Carotinoide. Die sind zum einen essentiell (fürs Auge: Zeaxanthin und Lutein), zum anderen haben sie z. B. massiven Einfluss auf die Gesundheit des Fettgewebes (via ß-Carotin). Zu guter Letzt wissen wir, die edubily-Leser, seit mindestens drei Jahren, dass es Pflanzenstoffe gibt, die uns Leistungsfähigkeit, Gesundheit und Langlebigkeit geradezu schenken. Hier könnten wir Curcurmin, EGCG oder Resveratrol nennen.

Diese potente Matrix an Superstoffen nehmen wir täglich in hohen Mengen (pflanzenbasierte Ernährung) oder niedrigen Mengen (normale Kost) auf. Das könnten letztlich ein entscheidender Unterschied sein.

Doch wieso wirken Stoffe wie Resveratrol so? Welche Gründe hat das?

Xenohormesis: Warum Pflanzen uns gesund machen

Der Begriff Xenohormesis stammt — wie kann es auch anders sein — vom „Resveratrol-Vater“ Dr. Sinclair, der uns ja bewiesen hatte, dass Resveratrol aus Mäusen Super-Mäuse macht. Übersetzt bedeutet Xenohormesis etwa, dass gestresste Pflanzen vermehrt Schutzstoffe produzieren, die bei Konsum förderliche, schützende Effekte in Säugetieren produzieren. Hier wird also eine „Information“ zwischen Arten übertragen. Resveratrol wäre so ein Schutzstoff, der die Pflanze beispielsweise vor UV-Strahlung und Befall durch Mikroorganismen schützt.

Kollege Sascha Fast hatte das auch schon mal aufgegriffen:

Das Ganze funktioniert interessanterweise dadurch, dass Stoffe a) direkt schützend wirken (z. B. als Antioxidans), b) die Stress-Antwort via Nrf2 (Transkriptionsfaktor) direkt einleiten oder c) dem Organismus vorspielen, dass z. B. Nahrungsknappheit herrscht. Speziell Letzteres kennen wir schon als „caloric restriction mimetic“.

Im Grunde lässt sich kaum differenzieren zwischen Stoffen, die tatsächlich positiv wirken und solchen, die uns eigentlich Schaden wollen, aber genau dadurch eine Stress-Antwort in uns provozieren, die uns im Endeffekt stärker macht.

Vor einigen Tagen sprachen wir über die positiven Effekte, die sich bei „Warmduschern“ einstellen. Du erinnerst dich? Wärmebehandlung aktiviert eine starke Hitzestress-Antwort in Form von sogenannten Hitzestress-Proteinen (HSPs). Die wiederum helfen den Zellen, gesund zu bleiben. Züchtet man Organismen, die diese HSPs von Haus aus vermehrt bilden, leben sie deutlich länger.

Pflanzenstoffe, die xenohormetisch wirken, aktivieren unter anderem genau diese Hitzestress-Antwort. Wir könnten ganz ohne Wärmebehandlung mehr solcher Schutzsproteine bilden. Eine Arbeit1 zeigt uns, wie das funktioniert:

AMPK - Effekt von Pflanzenstoffen

NAD, AMPK, Sirt1 … kommen uns doch alle bekannt vor, nicht wahr? Genau dieser Signalweg aktiviert auch den Masterregulator der Hitzestress-Antwort, HSF-1.

Unschwer zu erkennen: Xenohormetisch wirksame Pflanzenstoffe können den angesprochenen Signalweg vielfach regulieren.

Vom Pflanzenkonsum können wir also erwarten:

  • Stoffwechsel-Gesundheit
  • Schutz vor Zelltod
  • Schutz vor Entzündung
  • Schutz vor Krebs
  • Verjüngung

Was das zusammengefasst ist? Nichts anderes als Epigenetik. Denn all diese Signalwege aktivieren letztlich Transkriptionsfaktoren, die unsere Gene steuern. Manche dürfen aktiver werden. Andere müssen Pause machen.

Iss mal mehr Pflanzen.

PS: Mitgedacht? Pflanzen produzieren die Substanzen in erster Linie, wenn sie gestresst werden — zum Beispiel durch Kälte, Hitze, pH, Salz, Schwermetalle, UV und so weiter. Die Autoren der Arbeiten schreiben sogar, dass Pflanzenprodukte nicht selten besser werden, wenn sie aus gestressten Pflanzen hergestellt werden. Könnte man auch auf das eigene Leben übertragen, nicht wahr? Wie im letzten Artikel angedeutet: Vielleicht denkst du mal darüber nach, ob es eine gute Idee ist, sich jeglichem Stressor zu entziehen — wie wir das heute so gerne tun. Wir haben vor allem Angst. Verstanden? Wir werden besser, wenn wir uns Stress aussetzen. Deshalb lese ich „freetheanimal“, kann man wörtlich nehmen.

Unser größtes, eigentliches Problem ist, dass wir kein Tier mehr sind. 

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  1. Hooper, Philip L.; Hooper, Paul L.; Tytell, Michael u. a. (2010): „Xenohormesis: health benefits from an eon of plant stress response evolution“. In: Cell Stress and Chaperones. 15 (6), S. 761-770, DOI: 10.1007/s12192-010-0206-x.

9 Kommentare, sei der nächste!

  1. Curcurmin, EGCG oder Resveratrol. Das sind gute Stoffe, keine Frage. Aber wenn wir über Langlebigkeit sprechen, dann doch lieber Sulforaphan. Er verstärkt Nrf2 (->NQO1->NAD) 13.5 mal stärker als Curcumin, mehr als 100 Mal stärker als Resveratrol und mehr als 250 mal stärker als EGCG.

    Dazu ist Bio-Sulforaphan leicht zu kaufen und sehr günstig.

    1. Hallo,

      Curcumin nur isoliert zu betrachten ist vielleicht keine gute Idee.
      Isolierte Extrakte haben u.U. genotoxische Effekte und wirken sich fraglich pro-kanzerogen aus. (Senkung des Tumorsuppressors p53)
      Zumal eine Vielzahl anderer positiver Substanzen aus der Curcumawurzel damit ignoriert wird.
      Ferner haben Kurkumapulver auch OHNE Curcumin teils sehr potententen Nutzen gezeigt, was für weitere positiv-wirkende Inhaltsstoffe dieser Wurzel spricht.

      Es ist wie immer: die Suche nach dem „einen“ hl. Gral muss einfach scheitern.
      Leider wird dieses Konzept der „Wundersubstanz“ aber noch ws. Jahrhunderte durch die Menschheit geistern.

      Die Natur gewinnt dann meistens doch. Womit ich nicht meine, dass nicht bei verschiedenen Pathologien / zellulären Misständen verschiedener Genese Einzelsubstanzen absolut ihre therapeutische Daseinberechtigung und hohen Nutzwert haben.
      Ob das jetzt als „Medikament“ eingestufte Substanzen sind (die bei aller Kritik an der bösen Pharmaindustrie, immerhin trotz aller „geschönten Studien“ die weltweit höchsten Standards hinsichtlich Qualität, Reinheit und erwiesenem Wirkungsgrad aufweisen) oder Naturstoffe bzw. Nahrungsergänzungsmittel oder gar Lebensmittel.

      Grüsse

  2. Ja, stimmt, der richtige Artikel. Was noch interessant zu erwähnen wäre: die Bioverfügbarkeit von Sulforaphan liegt bei ca. 80%. Curcumin mit Piperin und die anderen liegen weit darunter.

    Ich habe Maschbau studiert, arbeite in der Vorentwicklung bei Bosch. Also nicht aus Biologie-Bereich 😉

  3. Bei Sinclair würde ich extrem vorsichtig sein. Seine Resveratrol-Patente und -Firma hat er GSK für $700 Millionen verkauft, recherchiert mal, was daraus geworden ist.

    1. Ach ihr immer … Das ändert genau zero an dem, was er in Nature (!) und Co. publiziert hat. Dazu hat er selbst mehrfach Stellung genommen, kann man übrigens auch finden, wenn man recherchiert. Es ist nun mal kein Kinderspiel Wirkstoffe zu finden, die spezifisch gewisse Signalwege aktivieren ohne dabei beispielsweise Nebenwirkungen zu erzeugen. Was in Ratten-Modellen funktioniert, funktioniert lange nicht im Menschen. Das hat aber oft nichts mit den Signalwegen etc. an sich zu tun, sondern mit der Pharmakokinetik der jeweiligen Substanzen. Der Vorwurf, dass Resveratrol Sirt1 gar nicht aktiviert, hat sich später als haltlos heraus gestellt. Tatsächlich wird immer noch an Resveratrol-Sirt1-Interaktion geforscht. Meines Erachtens sollte man weniger Wikipedia lesen und vielleicht mal Sinclairs Publikationsliste durchgehen. Daraus wird man um ein Vielfaches schlauer.

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