Was das Internet mit Beziehungen gemeinsam hat

Dopamin Sucht im Internet

Neulich habe ich über Beziehungen nachgedacht.

Was ist los, mit der Generation Beziehungsunfähig? Es geht mir nicht um das Buch, das ich selbst gar nicht gelesen habe. Der Titel gefällt mir, da er etwas Wahres transportiert.

Heute leben wir im Zeitalter der „Dopamin-Abhängigkeit“ — damit meine ich nicht per se eine Dopamin-Sucht. Viel mehr das konstante Suchen neuer Reize, die eine Dopamin-Ausschüttung provozieren. Wie ein Affe in Baumkronen, hangeln wir uns von einer Dopamin-Ausschüttung zur nächsten. Oft ist uns das gar nicht bewusst und logischerweise ist das bei dem einen stärker ausgeprägt als bei dem anderen.

Der Zugang zu solchen „Dopamin-Releasern“ ist heute sehr einfach. Die Stimulationsmöglichkeiten sind vielfältig gegeben. Nicht nur das, wir können die Stärke des Dopamin-Ausstoßes sogar kontrollieren.

Zurück zu Beziehungen.

Ich glaube, wir verlernen durch das oben angeführte Verhalten zunehmend die Fähigkeit die Dopamin-Ausschüttung selbst zu regulieren, z. B. durch die passenden Bilder, die richtigen Gedanken oder durch selbstmotivierendes gedankliches Verhalten.

Dies aber wird z. B. im Laufe einer Beziehung immer wichtiger. Die gedankliche Eigenleistung nimmt zu. Man bekommt das Dopamin nicht mehr so einfach geschenkt, sondern muss sich mit der Zeit ab und zu mal daran erinnern, was man am Partner bzw. an der Beziehung schön findet.

Im Grunde kann man sich fragen: Breche ich aus dem System aus und suche mir meine Dopamin-Quellen? Oder erbringe ich Eigenleistung und mach mir mein Dopamin immer wieder zum Teil selbst?

So etwas Ähnliches wurde in der Verhaltens- bzw. Fortpflanzungsbiologie längst beschrieben. Das nennt sich Coolidge-Effekt. Dieser bezieht sich zwar vorrangig auf männliche Tiere, wurde aber auch für Weibchen beschrieben. Vereinfacht: Woanders ist das Gras immer grüner.

Je länger ich hier im Internet schreibe, umso deutlicher wird mir, dass das auch für unsere Konzentration gilt. Ich meine, dass viele Leser Inhalte schlecht bewerten, wenn man Konzentration ihrerseits voraussetzt, um Inhalte zu verstehen. Sie selbst würden sich das natürlich nicht eingestehen, jedenfalls nicht nach außen. Es ist einfacher, die Schuld beim Anderen zu finden.

Klar, ich kenne das ja selbst: Ich habe ein schwieriges Skript vor mir liegen. Im ersten Moment kann ich davon gar nichts verstehen und mitnehmen, das Skript ist wertlos. Es dauert eine Zeit und viel Anstrengung, bis ich verstehe und erst dann wird das Geschriebene wertvoll und erst dann verstehe ich die Ausmaße, das Ganze.

Wir sind darauf trainiert, alles maximal schnell ins Hirn zu prügeln. Gleichzeitig werden Inhalte, vor allem auch im Internet, immer stärker vorverdaut. Ich kann mich also im Grunde den ganzen Tag berieseln lassen.

Wenn Texte dann schwerer werden und inhaltlich komplexer, dann liegt die Schuld natürlich nicht bei uns selbst. Wir saugen ja sonst auch alles schnell auf. Wir vergessen dabei leider, dass der Körper sich immer an die Bedingungen anpasst, die wir ihm geben.

Das haben wir im Narzissmus-Zeitalter längst begriffen — den Körper können wir quälen. Zumindest, wenn dann das Aussehen stimmt. Das Ding zwischen den Ohren aber verkümmert zunehmend.

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2 Kommentare, sei der nächste!

  1. Man gehe nur in die nahe gelegene Bibliothek: Jeder hockt mit seinem Smartphone / Laptop bei Instagram, Facebook und co ab!
    Dem einen oder anderen würde eine Smartphone/Internet- Auszeit sehr gut tun, aber kaum spricht man das Thema im Freundeskreis an, wird man belächelt und als Paranoid abgetan :-)….

    Apropo Coolidge- Effekt: vor allem Männer sollten aufhören sich diesen Porno-Mist im Internet anzuschauen und dabei zu masturbieren, genau die oben beschriebene Deprivation von Dopamin tritt dann ein. Wie sich das auf den zwischenmenschlichen Kontakt auswirkt kann sich jeder vorstellen…..

    Vielen Dank für diesen Artikel!

  2. Klasse Artikel. Denn Coolidge Effekt kann man auch hervorragend in der Business Welt beobachten. In jeder anderen Firma ist es schöner, wird mehr verdient, weniger gearbeitet – wenn man es dort überhaupt noch Arbeit nennt – so toll ist es…

    Aber natürlich wird das auch durch den täglichen Medieninput wunderbar vorgelebt. „Goodbye Deutschland“, Topmodel, Superstar, Supertalent.. Immer höher, schneller und weiter. Immer mehr Dopamin, kurzfristig und am besten Intravenös.

    Man könnte sich fast nach einem „einfachen“ Leben verzehren, in dem es manche kurzfristige Befriedigung nicht mehr gibt. Man könnte… Oh wartet, ich habe 25 Whatsapp Gruppennachrichten…

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