Immer wieder: Der NO-Stress

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Es ist wie verhext. Ein, ja, mystisches Phänomen. Die große Angst vieler Mensch hat wohl einen Namen:

NO-Stress.

Wirklich, es ist unglaublich. Kein Thema macht einigen Menschen anscheinend so Angst wie dieses NO. Die Hintergründe dazu verstehen, kann fast keiner. Aber diese Ur-Angst ist trotzdem immer da.

Das kriege ich jedes Mal zu spüren, wenn wir über NO schreiben. Wenn wir Blog-Artikel veröffentlichen oder — noch viel schlimmer — Mails zu NO schreiben. Wie fast jeden Sonntag.

Wieso heiligt ihr dieses NO so? Habt ihr noch nie vom NO-Stress gehört?

Mich verwundert das jedes Mal ein bisschen, weil es ja mittlerweile zig Artikel hier gibt, die sich damit befassen. Das ist allerdings nicht alles. Es gibt ja sogar explizit dazu einen NO-Guide.

Aber genau dann hört es oft auf. Es ist spürbar einfach sich vor einem Thema zu ängstigen. Auf der anderen Seite fällt es vielen, ja fast allen Lesern schwer, die Hintergründe zu verstehen. Also wenn wir beispielsweise seitenlang erklären, was eNOS überhaupt ist, wie das Enzym aufgebaut ist, welche Schwachstellen es hat, wieso es zu Enzym-Dysfunktionen und sogenannten „Entkopplungen“ kommt. Wie gesagt: Hier lässt sich leicht abwinken, aber vor einem Schreckgespenst Angst zu haben — das ist einfach.

Ich kann das ja nicht immer ungeklärt stehen lassen und antworte dann in Mails. Ja, manchmal auch pampig. Weil ich dieses Verhalten einfach nicht verstehen kann. Ich kann nicht verstehen, dass man nicht wirklich jeden Artikel und den ja offensichtlich dafür vorgesehen NO-Guide gelesen hat, dann aber so komische Mails schreibt und uns die Welt erklären will.

NO-Stress: Problematisch ist iNOS/NO

Noch einmal kurz: Es gibt grundsätzlich zwei Arten von NO. Einmal das NO, das aus dem Enzym eNOS hervorgeht. Und einmal das NO, das aus dem Enzym iNOS hervorgeht.

iNOS nutzt das Immunsystem um Pathogene etc. abzuwehren. Das „i“ von iNOS kann man ruhig für „Immunsystem“ stehen lassen, auch wenn es eigentlich „inducible“ heißt. Das kann man sich dann allerdings besser merken.

Also: iNOS/NO = Immunsystem. Dieses iNOS-Enzym bildet viel höhere NO-Werte. Wenn dieses Enzym fehlreguliert ist, z. B. bei chronischen, entzündlichen Erkrankungen (Erinnerung: Entzündungsreaktion hat etwas mit dem Immunsystem zu tun …), dann feuert es ggf. viel zu hohe NO-Mengen. NO in diesen Mengen zerstört nicht nur eigene Gewebe, sondern blockiert auch die mitochondriale Atmung und so weiter. Soll heißen: Damit passieren die schlechten Dinge.

Das steht nicht nur in irgendwelchen wissenschaftlichen Arbeiten, sondern auch bei Wikipedia:

Im Gegensatz dazu ist die Aktivität der iNOS kaum reguliert, sodass es nach Exprimierung zu einer schnellen, starken und langanhaltenden NO Synthese kommt. Die von der iNOS produzierte Menge an NO kann um das 1000-fache höher sein als durch die konstitutive eNOS. In dieser hohen Konzentration wirkt NO zytotoxisch und dient damit z. B. den Makrophagen zur Immunabwehr.

Da dieses iNOS aber Ressourcen, z. B. Arginin, verbraucht, die auch von eNOS gebraucht werden, kann es gut sein, dass wir an einem NO-Überschuss leiden, obwohl das eNOS-System viel zu schwach ist und an den „richtigen“ Stellen zu wenig NO freisetzt, etwa in Arterien.

Es gibt nicht „das“ böse NO

Es gibt also direkt einen Unterschied. Man kann nicht einfach hingehen, „hohe NO-Mengen messen“ (wie auch immer) und dann vom „schlechten NO“ sprechen. Das ist Quatsch, weil es nicht das NO gibt, viel mehr gibt es eben verschiedene „Versionen“ vom NO und das leitet sich vor allem davon ab, welches Enzym dieses NO bildet.

Gäbe es das NO hätte sich der Körper nicht die Mühe machen brauchen, drei verschiedene Enzyme für die gleiche Reaktion zu entwickeln. Oder?

Kurzer Einschub: Wieso drei Enzyme? Es gibt nicht nur die endotheliale NO-Synthase (eNOS), sondern auch die induzierbare NO-Synthase (iNOS, s. o.) und die neuronale NO-Synthase (nNOS).

Das sollte man eben wissen.

Nitro-Stress = (zu) viel NO plus oxidativer Stress

Auch sollte man wissen, dass Nitro-Stress immer oxidativer Stress bedeutet. Denn das NO muss zu Peroxynitrit weg reagieren. Dann wird es richtig giftig und dann darf man von Nitro- oder NO-Stress sprechen. Zu hohe NO-Werte an sich, hervorgehend aus iNOS, sind ein Problem, aber kombiniert mit oxStress … ist es eben extrem giftig.

Drum gehört zum Nitro-Stress nicht nur NO, sondern auch oxidativer Stress — wofür es ja bekanntlich (körpereigene) Antioxidantien gibt. Auch darüber hatten wir gesprochen. Und auch das könnte man genau so bei Wikipedia nachlesen:

Weder Superoxid (Anmerkung von uns: oxidativer Stress) noch NO sind in vivo toxisch, solange beide nicht in unphysiologisch hohen Konzentrationen oder gemeinsam auftreten. Superoxidradikale werden mittels Superoxiddismutasen (SOD) bzw. Peroxidasen sehr rasch entschärft (O2•− → H2O2 → O2, H2O). NO hingegen reagiert überwiegend mit oxygeniertem Hämoglobin zu Nitraten.

Aufgrund dieser und noch anderer Schutzmechanismen (beispielsweise Glutathion, Ascorbinsäure, Tocopherol) soll die Entstehung noch toxischerer Substanzen verhindert werden. Sollte dies Ausbleiben, können Peroxinitrit-Ionen und Hydroxylradikale (OH) entstehen.

Oxidativer Stress raubt uns auch das förderliche eNOS/NO. Das will man möglichst vermeiden, denn genau deshalb entstehen die uns bekannten Herzkreislauferkrankungen. Die haben also nicht per se etwas mit „ich muss jetzt 10 g Arginin schlucken, damit ich geschützt davor bin“ zu tun. Viel mehr geht es darum, das produzierte NO am Leben zu halten, es vor oxidativem Stress, also freien Radikalen, zu schützen.

Auch eNOS/NO kann problematisch werden

Zu guter Letzt ist das Enzym eNOS nicht perfekt. Auch wenn es für uns arbeiten will. Es gibt ein sogenanntes „uncoupling“ (s. o., „Entkoppeln“ oder „Entkopplung“). Das Enzym ist in diesen Zuständen dysfunktional und produziert, gelinde gesagt, Müll, der krank macht.

Auch das hatten wir seitenlang im NO-Guide erörtert.

Worum es tatsächlich geht

Mir ist also völlig schleierhaft, wie man jedes Mal schreiben kann: Ihr feiert NO. Ihr wollt, dass man NO-Werte in den Himmel maximiert.

Es geht um eine gesunde, ausgewogene Regulation von Stickoxid. Das wiederum geht nicht, indem man sich hinstellt, Angst hat und vor dem bösen NO und Nitro-Stress warnt. Es gibt nicht das NO. Es gibt auch nicht den Nitro-Stress — der kann, wie oben gesehen, viele Ursachen haben.

Die gesunde, ausgewogene Regulation von Stickoxid erreichen wir halt, wie oft geschrieben, nicht durch Arginin-Schlucken, auch wenn das für viele Menschen eine Lösung sein kann. Viel mehr geht es um das geschickte Anpassen wesentlicher Parameter, über die wir seitenlang im NO-Guide, aber auch im Stoffwechsel-Buch geschrieben haben.

Der NO-Guide hat 200 Referenzen. Wie viele hat dein Gedankengang? 

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  • Michael

    Hallo, danke für den Artikel. Nehme ja selber Arginin + Citrullin + BCAA +… Finde, es wirkt blutdrucksenkend
    und Kraftsport betreibe ich ja auch relativ intensiv.

    Da mich aus verschiedenen Gründen mitochondrale Medizin sehr interessiert, lese ich seit einiger
    Zeit das Buch „Mitochondrien“ von Kuklinski, der ja sehr auf nitrosativen Stress fixiert ist. Ich kann
    nachvollziehen, dass viele pathologische Zustände auf mangelnde ATP-Synthese zurückzuführen sind.
    Das habe ich schon sehr lange im Kopf, zumal ich Träger der MELAS-Mutation bin.

    Eure Aussage, dass es nicht das NO gibt, kann ich nicht nachvollziehen. Natürlich sind mir die Unterschiede zwischen
    iNOS und eNOS klar. Aber die Verbindung NO ist immer NO, oder gibt es chemische Unterschiede? Wie verteilt sich das
    iNOS-induzierte NO? Es müsste doch einen Blutdruckabfall verursachen?

    Mich würde vor allem Eure Meinung zum Kuklinski-Buch interessieren, zumal es ja in gewisser Weise in
    Konkurrenz zu Eurer Veröffentlichung steht.

    • edubilyde

      Hi Michael,

      es ging bei „verschiedenen NOs“ ja nicht wörtlich um verschiedene NOs. Aber man muss klar differenzieren. iNOS/NO ist wesentlich „pathologischer“, weil eben kaum kontrolliert und vielfach mehr gebildet (s. Text). iNOS ist Teil der Immunreaktion, deshalb wird es halt vor allem bei chronischen Entzündungen etc. gemessen und dann als „zu viel NO“ klassifiziert, was ja durchaus richtig ist, aber eben nicht ganz. Wie gesagt: Könnte iNOS „global“ eNOS ersetzen, gäbe es keine Isoformen. Dazu gab es mal ne interessante Arbeit, wo Sepsis untersucht wurde. Dort stand sinngemäß: Hemmt man iNOS zugunsten von mehr eNOS/NO verbessert sich der Gesundheitszustand deutlich. Und das, obwohl in beiden Fällen ja NO produziert wird. Aber genau darum geht es: iNOS/NO dient dem Immunsystem und kann entsprechend auch die Zytokin-Produktion (auch Mediatoren aus Arachidonsäure etc.) forcieren. Die wiederum sorgen beispielsweise für Vasokonstriktion. eNOS/NO hingegen weitet Blutgefäße, was bei Sepsis natürlich von bedeutender Rolle ist, weil das Organversagen oft aus einer übertrieben Vasokontrostriktion resultiert.

      Gleiches gilt für Mitochondrien: Ich empfehle dir dringend mal die knapp 200 Referenzen im NO-Guide (also Primär-Literatur) zu lesen. Dann siehst du nämlich, dass NO maßgeblich und extrem wichtig ist für die Mito-Gesundheit (NICHT Krankheit). Erst wenn es unphysiologisch hochkonzentriert vorliegt, dann wird es gefährlich. Wie halt bei allem im Leben.

      Drum kann man NO nicht einfach verteufeln oder abschaffen, wenn man Gesundheit will. Man muss es halt, wie immer, differnziert betrachten.

      Übrigens: Zu uns steht gar nix in Konkurrenz. Wenn dann steht Kuklnskis Werk in Konkurrenz zu Tausenden wissenschaftlichen Veröffentlichungen zum Thema rund um eNOS/NO. Wie gesagt: Die kann jeder selber nachlesen.

      LG