Das Spiel mit dem Eisen

Eisen Sauerstoff

Neulich kommentierte ein Leser unter dem kürzlich veröffentlichten Kupfer-Artikel sinngemäß: Erst alle Kettenglieder zusammenfügen und dann die Kette stärken.

Viele machen das anders. Die stärken erst mal jedes Kettenglied, ohne zu wissen, ob die Kette überhaupt eine ist.

Ich bin nicht der einzige hier, der mittlerweile fast ein Jahrzehnt lang Erfahrung mit dieser Biochemie-Spielerei hat. Es gibt da noch viele andere, z. B. ein junger Arzt, der hier ab und zu munter kommentiert. Der auch schon Ewigkeiten Erfahrungen mit dieser Materie hat.

Die Quintessenz ist immer:

Ja, die Optimierung der eigenen Biochemie ist enorm wichtig. Wir müssen lernen, welche Stellschrauben wir drehen können und sollten auch mutig sein, an ihnen zu drehen. Aber eben mit Sinn und Verstand, mit Wissen über Systeme. 

Justus von Liebig sollte man kennen. Der hat genau das beschrieben. Dein System kann noch so toll optimiert sein, du wirst immer über den schwächsten Teil stolpern, wenn der völlig aus der Reihe fällt.

Freilich darf man an dieser Stelle nicht vergessen, dass gerade ein starkes System auch Engpässe kompensieren kann.

Dennoch, was mir immer wieder auffällt: der Drang, gewisse „Werte“ maximal anzuheben. Aus irgendwelchen, mir nicht bekannten Gründen. Als ob jeder Mensch gleich hohe Ziel-Werte braucht …

Wie gesagt, damit tut man dem System keinen Gefallen, im schlimmsten Falle verziehen wir es und es gibt dumme Begleiterscheinungen. Die dann, übrigens, auch immer wieder bekämpft werden mit neuen Ergänzungsmitteln 🙂 Die Ironie!

Die menschliche Physiologie ist äußerst dankbar und braucht nicht viel. Leider schaffen wir, wir Modernen, es immer wieder, Jahrmillionen lang optimierte Systeme kaputt zu machen. Keine Ahnung, was da schief läuft, aber wir schaffen das.

Was mir grundsätzlich auch nicht in den Schädel will: Wenn in verschiedenen Modellen gezeigt wird, dass eine deutliche Erhöhung des Körper-Eisens dazu führt, dass unser Anabolismus abdankt, dann braucht mir doch keiner zu kommen mit „evolutiver Wahrheit“ und dem „Mammut-Steak“.

Ich hab’s ja selbst erlebt, oft genug.

Wenn man es drauf anlegt und sein Eisen maximal hochfährt (etwa durch tägliche Zufuhr von Rindfleisch und Leber), dann dankt der Anabolismus, also die Reaktion auf das Hormon Insulin … einfach ab.

Das ist nicht nur blöd für Leute, die Muskeln aufbauen wollen. Das ist auch blöd für Leute, die gegessenes Eiweiß in den Muskel bekommen wollen, Kohlenhydrate oxidieren wollen, gesunde Gefäße haben wollen (Insulin setzt Stickoxid in den Arterien frei) oder für Leute, die nachts im Schlaf regenerieren wollen. Ja, auch das tolle Wachstumshormon vermittelt einen Teil seiner Effekte über ebendiesen anabolen Signalweg.

Sogenanntes „Eisen-Loading“ hat noch ganz andere Effekte. Zum Beispiel hemmt Eisen das Enzym Lipoprotein-Lipase, was dann zu hohen Triglyceriden führt.

Deshalb sagte ich schon mal — und das hören die Vertreter nicht gerne –, dass Keto-Anhänger sich oft eine selbsterfüllende Prophezeiung basteln. Sie arbeiten solange gegen ihr Insulin-Signaling, bis sie letztlich nicht mehr mit Kohlenhydrate auskommen und tatsächlich auch keine mehr vertragen …

Erklärt hatte ich das hier schon. Eisen steht im Körper für „Sauerstoff“. Es reguliert ein Protein namens HIF1alpha, den Hypoxie-Faktor.

Der Hypoxie-Faktor, um den sich Sportler u. a. übrigens beim Höhen-Training bemühen, reguliert den Energie-Stoffwechsel, schaltet, einfach ausgedrückt, die anabolen Signalwege an. Natürlich sorgt dieser Hypoxie-Faktor noch für viele andere Effekte. Neuerdings weiß man, dass HIF1alpha auch die Gewebe-Regeneration steuert, auch von Geweben, die normalerweise nicht so gerne heilen.

Für mich ist dieses HIF1alpha das Geheimnis des Veganismus. Der Grund, warum Veganer durchweg besser abschneiden was metabolische Gesundheit angeht.

Das ist für mich das Spiel mit der Biochemie. Zu wissen, welche Schalter ich betätigen kann.

Freilich kommen wir jetzt wieder zum Eingangsstatement zurück. Das Eisen-Glied der Kette darf natürlich nicht zu schwach werden. Das heißt, es sollte kein Eisen-Mangel provoziert werden. Aber ein intelligenter Umgang mit diesem Stoff ist sicher Gold wert. Mehr als stupides „Eisen-Pushen“.

Also:

  • Nicht immer Werte maximieren wollen
  • Lieber gucken, dass das System ausgeglichen ist
  • Dann läuft es am besten
  • Mit individuellen Werten kann man spielen
  • Aber nur in physiologischen Bereichen, konkret: Es sollte weder Überschuss noch Mangel provoziert werden

PS: Das Gesagte — zum Thema Eisen — gilt einmal mehr nur bedingt für Sportler. Diese beneidenswerte Personen-Gruppe kann fast immer alles kompensieren.

print

6 Kommentare, sei der nächste!

  1. Guten Abend,

    seit bereits mehr als 17 Jahre verfolge ich die Ideologie von Ulrich Strunz und dort wird immer davon gesprochen, das viele Ausdauersportler keinen Wettkampf bestreiten, mit einen Ferritin-Wert unter 300.

    Was sagt ihr dazu?

    Ganz lieben Grüße,

    Dirk Schumacher

    1. Der letze Satz sagt vieles: Zitat: „PS: Das Gesagte — zum Thema Eisen — gilt einmal mehr nur bedingt für
      Sportler. Diese beneidenswerte Personen-Gruppe kann fast immer alles
      kompensieren.“ Ausdauersportler, die Wettkämpfe bestreiten haben einen ganz anderen Energieumsatz und Sauerstoffbedarf. Da geht es um Leistung. Die haben ihr System schon (fast) ausgereizt und wollen jetzt noch die letzten Prozente optimieren

    2. Ob er auch seinen Ferritinwert beachtet hat? :
      04.01.2017 – Radsport

      Neuer Stundenweltrekord: 22,547 km – mit 105 Jahren

      „Ich habe mein ganzes Leben lang Sport getrieben“,
      betonte Marchand heute vor dem Start, „außerdem viel Obst und Gemüse, nicht zu
      viel Kaffee, keine Zigaretten, und sehr wenig Alkohol“. Und Marchand
      trainiert täglich auf dem Heimtrainer.

    3. Strunz kam mir auch sofort in den Sinn. Aber der verzichtet ja auch komplett auf Kohlenhydrate, er muss diese ja garnicht verstoffwechseln und wenn ich mich recht erinnere, habt ihr (Edubily) mal gesagt, das hohe Eisenwerte sich positiv auf den Fettstoffwechsel auswirken? Was dann den Ausdauersportlern wieder entgegen kommt.

  2. Hallo Chris,

    welchen Ferritin-Wert würdest du heute, also 2 Jahre nach Erscheinen des Handbuchs, empfehlen, anzustreben? 200 µg/l sind deiner Meinung nach zu viel, wenn ich dich richtig verstanden habe.

    Viele Grüße
    Sandro

    1. Ich denke diese vorliegende Arbeit ist für alle mit etwas Zeit und Muße sowie grundlegendem Verständnis für die Materie sehr ergiebig:

      http://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S2211968X13000053

      Hier geht es ausgedehnt und rational ohne wirtschaftliche Interessen und die optimale Eisenversorgung.

      Kurze Quintessenz: selbst im Bereich der unteren! Referenzwerte sind laut des Exzerpts alle Systeme mit Eisen gesättigt.
      Ob darüber hinausgehend mit höheren Ferritinwerten auch bei normalem Hb und normalen Erythrozytenindices etwaige Vorteile über Placeboeffekte hinausgehend erwachsen, darf man daher eher bezweifeln.
      In jedem Fall gilt es eben auch die ja bereits hier auf edubily auch ausgiebig beschriebenen NACHTEILE einer Eisensupplementierung zu beachten.

      Im Zweifel gilt: Messen – dann ggf Eisen ergänzen, je nach Verträglichkeit und dann kontrollieren – ob jemand dann zwischen bspw. Ferritin 50 µg/l und 150 oder gar 200 µ/gl eine Verbesserung seines Befindens feststellt, wäre dann im Einzelfall zu beurteilen.

      Von Eiseninfusionen ohne klare medizinische Indikationstellung und ohne Vorliegen einer Eisenmangel-Anämie rate ich auf Grund der nicht geringen Nebenwirkungsrate und dem völlig unnatürlichen Overload mit Eisen ab.

      Frohes Neues und viele Grüsse!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.