Calcium: Der Energie-Stoffwechsel-Turbo gegen Herzinfarkt

Calcium Vitamin D

Jahrelang habe ich täglich meine Eiweißshakes gelöffelt. Überall hatte ich das Zeug dabei, sogar im Urlaub oder bei irgendwelchen länger andauernden Trips. Die Shakes habe ich nicht nur gelöffelt, weil es mir damit (psychisch) sehr gut ging. Nein, dieser Eiweißshake auf Milchbasis (und Whey, Soja und Ei …) war mein einziger großer Regelverstoß bei meiner treu und stolz gelebten Paläo-Ernährung.

Ein bisschen wehmütig bin ich da schon. Denn damals war ich der Alien. Ich durfte in der Humanbiologie einen Vortrag über meine sonderbare Lebensform halten. Die betreuende Doktorin konnte kaum fassen, dass ich — ja, sonderbar, ich weiß — 200 g Butter am Tag löffle und trotzdem „nur“ einen Cholesterin-Wert von 200 mg/dL vorzuweisen habe. Das war für sie so unglaublich, dass ich den Wert in ihrem Beisein mehrfach messen durfte.

Was ich damit eigentlich sagen will: Die Zeiten sind vorbei. Heute ist das eine Mode-Erscheinung und in der Mensa dürfte zwischenzeitlich fast jeder Gesundheitsbewusste die Nudeln vom Teller schieben und stattdessen eine Extra-Portion Fleisch oder Gemüse verlangen …

Also: Mein einziger „Regelverstoß“ war Eiweißshake.

Mir kam es damals schon etwas spanisch vor: Meine fünf Salatblätter, mein bisschen Fleisch und das Fett … sollen mir ausreichend Calcium zur Verfügung stellen? Mir?

Der Shake lieferte. Denn klar: Caseinat bringt eine riesige Menge Calcium mit.

Dank Zemel und seinen tollen Forschungen wissen wir, dass Calcium und insbesondere Milch-Calcium ganz gravierend den Energiestoffwechsel reguliert. Doch nicht nur das: Dieses Calcium hemmt auch Entzündungen.

Wir haben es mittlerweile mehrfach versucht zu erklären: Sogar auf einigen Labor-Bögen steht mittlerweile der Vermerk, dass ein Zuviel an dem Hormon Calcitriol (aus Vitamin D gebildet) nicht gut ist. Calcitriol wird hauptsächlich von Calcium reguliert. Fällt die Calcium-Zufuhr, steigt Calcitriol. Calcitriol forciert dann die Calcium-Aufnahme im Darm. Nur: Wenn wir dem Körper nicht genug Calcium zuführen, kommt das Calcium halt aus dem Knochen, denn Calcium muss im Blut in ganz engen Konzentrationsbereichen gehalten werden. Außerdem sorgt ein hohes Calcitriol dafür, dass Calcium in die Zellen gedrückt wird. Die Extra-Zufuhr Calcium macht genau das unerwartete Gegenteil: Es hemmt den Calcium-Einstrom in die Zellen.

Adipocyte
Abbildung 1: Regulation des zellulären Energiestoffwechsel durch Calcium am Beispiel von Fettzellen. Zugeführtes Calcium hemmt den Calcitriol-forcierten Einstrom von Calcium in die Zellen. Dies wiederum hemmt die Cortisol-Bildung, die Lipogenese und die ROS-Produktion, gleichzeitig erhöht sich die Lipolyse.

Es geht also um Calcium in den Zellen. Denn dort wirkt es als Signalgeber. In unserem Stoffwechselbuch steht dazu: Calcium in den Zellen hemmt den Energiestoffwechsel. Umgekehrt sorgt die Extra-Calcium-Zufuhr dafür, dass Calcium aus den Zellen bleibt. Die Folge: Aktivierter Energiestoffwechsel.

Jedenfalls steht im selben Stoffwechselbuch auch eine kleine Anekdote: Füttert man Ratten Extra-Calcium, dann entsteht kaum oder sehr viel weniger Arteriosklerose. Bei denen lagert sich also weniger Müll in den Arterien ab.

In einer Arbeit aus dem Jahr 2005 steht:

The largest randomised controlled trial of calcium effects on lipids was carried out in 223 healthy postmenopausal women, and found that low density lipoprotein-cholesterol (LDL-C) decreased 6.3% and high density lipoprotein-cholesterol (HDL-C) increased by 7.3% at 1-year. The resultant 16.4% increase in HDL-C/LDL-C ratio would be predicted to reduce cardiovascular event rates by 20-30%, which is consistent with the available observational data.

(Reid, Ian R (2004): „Effects of Calcium Supplementation on Circulating Lipids“. In: Drugs & Aging. 21 (1), S. 7-17, DOI: 10.2165/00002512-200421010-00002.)

Die größte, ob des Studiendesigns auch ernstzunehmende Arbeit an 223 etwas älteren, aber gesunden Damen, zeigte, dass „mehr Calcium“ das LDL-Cholesterin absenkt, während es das HDL zum Steigen bringt. Die dann verbesserte HDL/LDL-Ratio würde das Herzkreislauf-Erkrankungsrisiko theoretisch um 20 bis 30 % senken — das, so die Autoren, decke sich mit Observationsstudien.

Natürlich bleiben Fragen offen. Aber:

The balance of evidence suggests that calcium is a cost-effective adjunct to the dietary management of hyperlipidaemia.

Wenn man sich also das gesamte Bild anguckt, dann könnte man zum Schluss kommen, dass diese „kosteneffektive“ Zusatz-Therapie durchaus seine Daseinsberechtigung hat.

Nun gut. Ob und inwieweit die Kalkulationen oben stimmen … weiß keiner. Schon alleine deshalb nicht, weil die Rollen von HDL und LDL, auch mit Blick auf die Pathogenese, auch aktuell diskutiert werden. Dennoch finde ich die Idee, den Gedanken dahinter interessant: Denn durch solche, für uns natürlich total banalen Veränderungen, können sich über die Jahre hinweg riesige Konsequenzen ergeben.

Es gibt Autoren, die haben das „Compound-Effekt“ genannt. Winzige Änderungen können ganz dramatische Auswirkungen haben — über die Jahre natürlich. Wir hatten darüber schon berichtet. Genau vor einem Jahr.

Dort habe ich am Ende des Artikels ein bisschen ausgeteilt. Auch heute noch muss ich so oft an Will Smith denken, der das so ähnlich ausdrückte:

I’ve never viewed myself as particularly talented. I’ve viewed myself as … slightly above average in talent. Where I excel is with a ridiculous, sickening work ethic. While the other guy’s sleeping, I’m working. While the other guy’s eating, I’m working. While the other guy’s making love, I mean, I’m making love, too, but I’m working really hard at it!

OK. Es driftet jetzt ein bisschen ab.

Aber immer wenn andere Menschen über die „Erfolgreichen“ lästern, weiß ich: Während die abends auf der Couch lagen mit ihrer Chips-Tüte in der Hand, haben die Erfolgreichen wieder ein bisschen mehr gemacht. Ein bisschen. Vielleicht eine neue Studie gelesen. Vielleicht einen Vortrag vorbereitet. Oder über ein neues Buch-Konzept nachgedacht.

Das addiert sich halt. Compound-Effekt. True für Calcium? Und für andere Mikronährstoffe?

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3 Kommentare, sei der nächste!

  1. Ich mag keine Milch und Milchprodukte und finde man kann trotzdem mit Wasser(!) seinen Calciumbedarf, mehr als ausreichend decken!

    Beispiel: alwa Mineralwasser (soll jetzt keine Werbung sein, aber habe keins gesehen was mehr hat) 485 mg / Liter.

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