Was ist eigentlich Broscience?

Broscience - Was ist das?

Broscience ist natürlich ein Wort in englischer Sprache. Bro steht hierbei für Brother, was wir in etwa als Kumpel oder Bekannter übersetzen könnten. Science heißt, klar, Wissenschaft.

Lustig ist, dass es in Bodybuilderkreisen diesen Begriff gibt, der so wunderbar beschreibt, was wir heute überall sehen können: Ein Bodybuilder mit Sixpack, „shredded“ , erzählt den anderen im Studio, wie sie zu essen und zu trainieren haben. Die Aussagen von unserem Bro werden selbst dann noch als „wahr“ akzeptiert, wenn die Studienlage eine ganz andere Sprache spricht.

Kommt uns dieses Phänomen nicht allen bekannt vor?

Natürlich: Das sehen wir auf quasi jeder Internet-Plattform. Und genau dieses Phänomen führt zu massiven Streitereien.

In etwa so:

Die eine Seite sagt, dass die Praxis XY zeigt, während die andere Seite argumentiert, dass das für die Person vielleicht gilt, während die Wissenschaft (die ja in Statistiken, also Normalverteilungen etc. denkt) das so nicht bestätigen kann.

Während also die einen sagen, „Ihr könnt mir gestohlen bleiben mit eurer Wissenschaft, die eh nichts taugt“, schauen die anderen von oben herab und denken sich, „Oh je, wie kann man nur so gläubig sein?“.

Ja, hier treffen zwei Welten der menschlichen Psyche aufeinander.

  1. Es ist einfach furchtbar glaubwürdig, wenn ein shredded dude sagt, dass die vegane Ernährung der Schlüssel sei.
  2. Es ist einfach furchtbar glaubwürdig, wenn die Wissenschaft eine ganz andere Sprache spricht.

Man könnte das auch übersetzen mit Emotion vs. Ratio.

via GIPHY

Die Sache ist letztlich unfassbar komplex. Denn nicht alles, was nach Broscience aussieht, ist tatsächlich auch Broscience. Manchmal hinkt die Wissenschaft hinterher oder hat nicht die passenden Daten bereit. Auf der anderen Seite ist der Glauben oft so stark, dass selbst die beste Wissenschaft nix dagegen machen kann.

Wissenschaftler sind auch oftmals Pfennigfuchser und sind geschult darauf, jedes Wort in die richtige Reihenfolge zu setzen, so, dass auch der Sinn genau der ist, den man untersucht hat. Hier gibt es dann häufig den Konflikt zwischen „Wir wissen doch was gemeint ist“ und „Die Studie zeigt aber ganz klar etwas anderes in diesem Setting“ — das wird dann oft als Wortklauberei ausgelegt o. Ä.

Wissenschaftler nehmen also alles peinlich genau, während bei der Allgemeinheit die Botschaft auch dann so ankommt, wenn sie so gar nicht ausgedrückt wurde — die Wahrheit verschwimmt.

Problematisch ist auch, dass viele Laien nie Wissenschaft gemacht, noch nie einen Statistik-Kurs besucht oder sich noch nie mit Naturwissenschaften und der eigentlichen Grundidee befasst haben. Das erzeugt ein gewisses Unvermögen (aufgrund von Unwissenheit). Das wird häufig durch eigene Evidenz kompensiert, also das, was wir persönlich erfahren. Das ist sehr mächtig.

Wieso dieser Artikel über Broscience?

Mir ist das vorhin spontan eingefallen. Viele Leser kennen den Begriff gar nicht, obwohl wir täglich über das Phänomen stolpern, es ja live miterleben. Drum die Erklärung. Aber der Auslöser dafür war, dass ein Fitness-Guru vorhin ein Bild gepostet hat, mit folgender Botschaft:

Geht raus und esst mehr Äpfel, denn die Äpfel sind voller Vitamine.

Wer hat das nicht schon gehört? Ich meine … Das war so ziemlich das Erste, was ich zum Thema Ernährung wusste. Obst ist gesund, enthält viele Vitamine.

Ein Blick auf die Zusammensetzung (nutritiondata.org) aber reicht, um zu erkennen, dass ein mittelgroßer Apfel mitnichten ein toller Vitamin-Lieferant ist, es sei denn wir wollen am Tag 5 Kilogramm davon essen:

broscience mit äpflen

8 mg Vitamin C. 10 Äpfel schützen uns dann immerhin vor Skorbut. 🙂

Freilich: Ein Apfel ist nicht gesund weil er homöopathische Vitamin-Dosen enthält, sondern weil es einige Sorten gibt, die wirklich eine nette Portion pflanzliche Sekundärstoffe liefern, über die man sich sicher unterhalten könnte.

Aber Vitamine?

Für mich wäre das Broscience. „Iss mehr Äpfel, sind voll mit Vitaminen. Ich bin das beste Beispiel, weil ich nie krank werde.“

Apfelfreunde würden jetzt sagen: „Mensch, ist doch wurschd egal, ob der Apfel viele Vitamine enthält oder nicht, solange er uns vor Krankheit schützt.“ Wissenschaftlern aber dreht sich hier der Magen um, auch dann, wenn es nach Erbsenzählerei aussieht. Denn: Äpfel enthalten eben nicht viele Vitamine, könnten aber dennoch vor Krankheit schützen (aber eben über andere Wege).

Es gibt so unglaublich viele „Störfaktoren“, die das Bild massiv verzerren können.

Gerade am Laufen haben wir im edubily-Form einen Thread, der die Frage stellt:

Gibt es jemanden, der von sich behaupten kann, dass Gewichtsverlust nur aufgrund von Weizen-Exklusion zustande gekommen ist?

Warum? Wir erinnern uns kurz an das Buch Die Weizenwampe, aber auch an 1-2 Ratten-Studien, die das nahegelegt haben.

Das Problem dabei ist: Wenn jemand auf Weizenprodukte verzichtet (wer noch nicht gemacht hat, der soll das mal machen), der wird Versorgungsengpässe bekommen. Zumindest in den ersten Wochen. Das kann zum Gewichtsverlust führen. Nicht, weil Weizen nicht mehr gegessen wurde, sondern … na ja, wegen der Kalorien halt. Alternativ: Jemand leidet an Prädiabetes und isst dann weniger Kohlenhydrate. Was passiert? Blutzucker staut sich nicht mehr, vielleicht sinkt dann auch noch der Blutzucker-Spiegel.

Gemerkt? Wenn jemand weniger Carbs isst und dann einen niedrigeren Blutzucker-Spiegel als Prädiabetiker bekommt … dann wäre das die erste persönliche Evidenz, dass Low-Carb das beste ist, was einem passieren kann. Obwohl (!) das im Umkehrschluss a) nicht bedeutet, dass Kohlenhydrate der Verursacher des Prädiabetes sind und es b) nicht bedeutet, dass zu einer anderen Zeit, in einem anderen Setting, mehr Kohlenhydrate nicht sogar besser sein könnten (Stichwort phys. IR).

Genau das macht Broscience so attraktiv: Man muss nicht denken. Man kann eine Sache akzeptieren und sie knallhart leben, während die wissenschaftliche Herangehensweise viel anstrengender und viel komplizierter wäre.

Also: Broscience ist ein nettes Phänomen, von dem man unbedingt mal gehört haben sollte.

PS: Schon mal aufgefallen, dass die Mutter und die Großmutter ganz oft Broscience betrieben haben? Ja, ja, ich weiß. Die hatten aber immer recht. Ergo: Doch nicht Broscience 🙂 Oder doch?

PPS: Auflösung: Vermutlich ist es das Quäntchen Wahrheit, das in der Broscience-Aussage liegt, die letztlich ausreicht, um eine große Veränderung herbeizuführen. Und, so die Gegenfrage, wieso brauchen wir dann überhaupt noch Wissenschaft, wenn diese Broscience-Überlieferungen ausreichen? Machen wir mit Wissenschaft dann alles zu kompliziert? Oder sind Broscience-Aussagen dafür verantwortlich, dass es überhaupt als kompliziert angesehen wird? Du siehst … komplex.

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  • Dennis

    Meiner Erfahrung nach ist die Macht der Broscience nicht nur darin begründet, dass sie schön gemütlich praktiziert werden kann, sondern, dass man kaum noch eine Wahl hat. Nicht jeder (kaum einer?) hat die Zeit und Kompetenz, um sich zu einem adäquaten (Hobby-)Wissenschaftler zu machen, was ich allerdings als notwendige Bedingung sehe, um auch nur den Hauch eines Pfads im Informations-Dschungel erkennen zu können. Wie man damit umgeht? Keine Ahnung. Edubily lesen ist allemal ein Anfang 🙂

  • Danny

    Ein Link zu dem angesprochenen Forums-Thread hast du zufällig parat? wäre interessant!

  • Thorsten Hake

    Ja, man fragt sich dass schon häufiger mal, wie derlei Foren-Streitereien denn so entstehen. Und warum der eine den anderen partout nicht verstehen will. Guter Artikel zu einem interessanten Thema finde ich. Sollte man öfter mal drüber nachdenken.

    Der Gegensatz „Emotion vs Ratio“ ist mMn aber ein falsches Denkmodell und führt daher möglicherweise zu falschen Schlüssen. Emotion und Ratio sind nämlich gar keine Gegensätze. Das Gegenteil von rational ist nicht emotional, sondern irrational. Und wer nicht emotional ist, der ist nicht rational, sondern emotionslos.
    Ein Verhalten kann rational und emotionslos sein, aber auch rational und emotional. Oder irrational und emotionslos. Oder irrational und emotional. In allen möglichen Nuancen dazwischen…

    Ich glaube, es ist sinnvoller, nicht Ratio und Emotion gegenüber zu stellen, sondern Ratio und Intuition. Das sind eigentlich die beiden Wege, zu Erkenntnissen zu gelangen. Daniel Kahneman nennt das „Schnelles Denken, langsames Denken“. Zwei Ebenen, auf denen wir uns ständig bewegen und die auch einander bedingen. Die allermeisten Probleme/Fragen werden intuitiv gelöst und nicht rational. Das ist einfach eine Zeitfrage. Wie Dennis sagt, nicht jeder hat die Zeit oder Lust, sich mit jeder Frage streng wissenschaftlich auseinander zu setzen. Das sollte man immer berücksichtigen und auch irgendwie akzeptieren.

    Wozu streitet man sich in den Foren eigentlich? Menschen wollen etwas bewegen. Idealerweise zunächst sich und dann auch andere. Und um sich und andere zu bewegen, braucht man wahrscheinlich nicht nur Wissen, sondern auch Gewissheit und Begeisterung, man muss auch irgendwie gut rüberkommen („authentisch“). Also kommt es auf die Mischung an. Nur Science-Denken ist genauso extrem wie reines Bro-Sci-Denken und beide Extreme sind sicher nicht die erfolgreichsten.

    • edubilyde

      Danke für deinen Kommentar.

      Ja, das mit Emotion vs. Ratio war nicht ganz passend. Ich meinte damit, vereinfacht, dass auf der einen Seite eher der motivationale/emotionale Aspekt eine Rolle spielt (Ein Sixpack, der beeindruckt), während auf der anderen Seite eher das rationale Begründen via Wissenschaft eine Rolle spielt, was aber letztlich auch emotionale Prozesse wie Motivation speist.

      Ich bin mir nicht ganz sicher, ob Intuition das beschreibt, was ich ausdrücken wollte damit, wobei die Erklärung von Kahneman hier gut passt.

      Und ich gebe dir auch in gewisser Weise recht: Man muss keine wissenschaftlichen Aufsätze schreiben, um andere zu begeistern. Hier dürfen auch Ausnahmen gemacht werden. Der Punkt ist nur: Man muss aufpassen, dass man die beiden Aspekte nicht zu stark vermischt. Sonst entstehen Fehlschlüsse, die sicher auch niemand will.