Die Sehnsucht nach Leichtigkeit

Bank mit Blumen

Damals gab es dieses StudiVZ. Zu jeder Person gab es ein Profil, also auch ein eigenes. Damals schrieb ich über meine Person:

Sport und Biologie, sonst nichts. Radical simplicity.

Mir war damals nicht ganz klar, was das eigentlich bedeutet. Ich wusste nur instinktiv, dass dahinter eine essentielle Wahrheit steckt, etwas, wonach ich streben will.

Leider verwechselte ich, wie angedeutet, „Simplicity“ eine Zeit lang mit „Reduktionismus“. Das sture Wegschneiden von vermeintlichen Überhängseln ist nicht gleichzusetzen mit einer großen Ordnung, mit einem Besinnen aufs Wesentliche.

Damals waren mein bester Freund und ich gefangen, irgendwo zwischen Größenwahnsinn und vermeintlicher Erleuchtung. Wir wussten beide, dass wir, wenn wir nicht aufpassen, einem egobasierten Dasein verfallen. Zeitgleich sprachen wir abendelang über die Einfachheit des Lebens, über das Leben in der Holzhütte, irgendwo in Kanada. Natürlich war da auch viel Romantik dabei. Aber: Wer braucht schon das aufgeblasene Leben hier? Was soll das eigentlich alles? Wir dachten:

Intelligent ist der, der genau das erkennt und danach handelt.

Das Bemerkenswerte dabei ist: Wann immer ich solche Gespräche mit Menschen führe, wir kommen zu sehr ähnlichen Schlüssen. Und trotzdem gelingt es uns selten, tatsächlich etwas zu ändern.

Neulich gab es dieses Jenke-Experiment. Jenke, ein Fernsehjournalist, wollte herausfinden, wie sich Menschen, die sich bewusst abhungern, fühlen. Dazu aß er einfach 30 Tage lang nichts. Das Bemerkenswerte dabei war nicht das Experiment oder der Verlauf des Experimentes an sich, sondern die Tatsache, dass Jenke, der bereits eine tatsächlich zufriedenstellende Figur aufweist, berauscht war von seinem Körper, als dieser – auch objektiv betrachtet – irgendwann sehr mager war.

Er verspüre eine Leichtigkeit.

Das, was Jenke da beschreibt, erinnert mich auch an die vielen Menschen, die das intermittierende Fasten für sich entdeckt haben. Loslassen. Nicht mehr über das Essen nachdenken müssen.

In einer Welt des Überflusses scheint diese gespürte Leichtigkeit — für den Geist — tatsächlich wie eine Oase in der Wüste zu sein.

Wir leben im Zeitalter des maximalen Inputs an Information, im Zeitalter der Kalorien und Fettleibigkeit, im Zeitalter von IKEA (wo sich quasi jeder die Bude maximal vollstellen kann), im Zeitalter der unbegrenzten Verfügbarkeit an potenziellen Partnern, kurz: im Zeitalter der (unendlichen) Möglichkeiten.

Geeicht wurden wir, der Mensch, woanders.

Drum sehnen wir uns nach Einfachheit, nach einfachen Lösungen, nach klaren Anweisungen, nach Weniger.

Vielleicht ist das der Grund, warum Menschen den Überfluss zuerst bei sich selbst, am eigenen Körper loswerden möchten. Zuerst bei sich selbst die maximale Leichtigkeit generieren wollen, was freilich krankhaft werden kann, siehe oben. Vielleicht ist das der Grund, warum Populisten immer wieder so erfolgreich sind. Einfache Lösungen für komplexe Probleme. Vielleicht ist das der Grund, warum Diät-Bücher, die in einem Nahrungsmittel oder -Bestandteil das Böse suchen und gefunden haben wollen, so oft gekauft werden.

Ich glaube, hier sucht der Mensch die Leichtigkeit am falschen Fleck, lebt die Sehnsucht am falschen Ort aus.

Beginnen wir doch einfach mit Ordnung.

Schon die Zelle ist immer bemüht, Ordnung zu wahren. Das ist das große Bestreben einer jeden lebenden Einheit. Heute, ganz modern, spricht man über Autophagie. Das Verdauen (und Recyceln) von Zell-Schrott. Die DNA, ja quasi der ganze Zellinhalt ist eine Verkörperung von Ordnung, trotz großer, vermeintlicher Unordnung innerhalb einer Zelle.

Ordnung, glaube ich, heilt.

Vor einigen Wochen habe ich viele, viele Gegenstände aus meiner Wohnung geräumt. Es ist nun nicht nur kinderleicht Ordnung und Sauberkeit zu wahren, viel mehr ist dieses Entrümpeln und Auf-das-Wesentliche-besinnen eine enorme Erleichterung, wie eine riesige Last, die abfällt. Und umgekehrt spüre ich diese Leichtigkeit jedes Mal, wenn ich wieder die Wohnung betrete.

Das können wir auf viele Lebensbereiche übertragen.

Wie wäre es zum Beispiel mit belastenden, zwischenmenschlichen Beziehungen?

Wie wäre es mit deinen Süchten? Kaffee-Sucht? Zigaretten-Sucht? Facebook-Sucht?

Du siehst, es gäbe vermutlich ziemlich viel, das du aufräumen könntest.

Leider wollen viele Menschen, dass der Körper heilt, obwohl sie ihn immer noch in derselben, krankmachenden Umgebung platzieren. Sie sehen nicht, dass „Umwelt“ mehr ist, als das, was man in den Mund schiebt.

Es ist an der Zeit, neue Erfahrungen zu sammeln. Nicht per se und krampfhaft das Bäuchleich „erschlanken“ lassen wollen, sondern das ganze Leben.

Das nämlich wird helfen zu erkennen, dass es vermutlich auch eine „falsche Leichtigkeit“ gibt. Das nennt sich dann beispielsweise Generation Beziehungs- oder sagen wir: Liebesunfähig.

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  • Werner

    Hi Chris,
    danke für diesen Artikel, weise Worte.

    Da kann auch fast Jeder „theoretisch“ mitmachen bzw dir zustimmen.
    Wenn es dann ans umsetzen geht, wird es schon schwieriger.
    Du hast die Angst vergessen.
    Wir sind alle auch irgendwie von Ängsten getrieben, die wir zum Teil selbst erzeugen oder von unserem sozialen Umfeld übernehmen:
    Wenn ich das oder das nicht (mehr) habe, dann wird es mir ganz schlecht gehen, dann steige ich die soziale Leiter ab, wenn ich nicht tue was alle tun (oder genau das Gegenteil), dann werden sich meine Freunde von mir abwenden, dann bin ich allein… etc. etc.

    Nur wer diese Ängste überwindet, wird auch frei. Das kann man lernen und üben. Wie fast alles im Leben.

  • Thorsten Schütte

    Die gleichen Gedanken liegen ja dem Zen Biddhismus zugrunde. Und in der Zen Meditation wird „trainiert“ sich auf genau 1 Sache (Atem) zu konzentrieren. Um sich dann im Leben der Komplexität zu entledigen …

    • edubilyde

      Hi Thorsten,

      ja, wenn man genau guckt, wird man feststellen, dass viele Philosophen das in allen Zeiten so beschrieben haben. Der kleine Unterschied ist, dass wir heute – wie vermutlich nie zuvor – im Schlaraffenland leben.

      Soll aber auch heißen: Meine im Artikel geschilderten Gedanken sind so gesehen nichts Besonderes, aber schade, dass wir so selten danach leben.

  • Dennis

    #Lieblingspost

  • Susanne A.

    Diese Sehnsucht nach Leichtigkeit nannte man im Volksmund früher „Midlife Crisis“ 😉

    Die kommt – insbesondere bei weniger reflektierten Menschen – normalerweise einige Jahre später. Bei reflektierteren Menschen passiert dieses Phänomen mehrfach im Leben und markiert jeweils einen Meilenstein in der persönlichen Entwicklung. Und was daraus entsteht ist ultra-spannend!

    Ich habe den Eindruck, dass viele Menschen – insbesondere viele jüngere und davon vor allem die cleverere Hälfte – eine Sehnsucht nach Minimalismus und Leichtigkeit als Gegenpol zur aktuellen gesellschaftlichen Entwicklung/ Werteverschiebung und Entmenschlichung verspüren. Sogar die Gruppe „Silbermond“ ist aktuell auf diesem Trip 😉

    Und ja, man kann damit „Freunde“ verlieren. Aber dafür auch deutlich gewinnen. Für sich selbst und auch im Bezug auf Beziehungen.

    Ich rate dazu, die Chancen aus solchen Bedürfnissen zu nutzen und sich den daraus resultierenden Veränderungen zu stellen. Das ist nicht immer vergnügungssteuerpflichtig – bringt einen selbst aber deutlich weiter. Und man geht gestärkter und „weiser“ daraus hervor.

    Momentan bin ich – zum wiederholten Male – an so einem Meilenstein in meinem Leben angekommen. Weil ich um den Benefit aus diesen Zeiten weiß, kann ich das inzwischen deutlich entspannter angehen.

    Was grausam ist: ich habe im Zusammenhang mit diesem Meilenstein mit dem kalten Duschen angefangen. Für den gesundheitlichen Nutzen und auch für den mentalen. Euch dafür grundsätzlich herzlichen Dank für den Tipp – das bringt mir wirklich so einiges!! Aber hey, seit ein paar Tagen mutiert das aufgrund der deutlich gesunkenen Wassertemperatur zu einem Vergnügen der etwas anderen Art. Trotzdem „Danke“! Auch für das Handbuch und das Stoffwechselbuch – die beiden Bücher bereichern meine Weiterentwicklung in einem nicht zu verachtenden Teilbereich. Weiter so!

  • Toddy Kra

    „… dass „Umwelt“ mehr ist, als das, was man in den Mund schiebt.“
    Und nicht nur das sind _die_ Lebensmittel.
    Offenbar bietet mir diese deine/eure Seite das als Aufbereitung, was ich mangels fachlicher eigener Expertise nicht so formulieren und begrenzt verstehen kann, jedoch als Ingenieur mit Hang und Drang zu Systemsichten, Vierpoltheorien, Regelkreisen und Gradienten beim Lesen von Primärquellen bei Pubmed gerne verstehen möchte.

    Das bisher Gelesene bei euch spricht mir aus der Seele. Darum stelle ich mich hier als Leser vor: 2013 diagnostizierte Autoimmunerkrankung, kaum erforscht und unverstanden, Schlagworte „Stigmatisierung“, „Depression“, „Komorbidität“, „assoziierte Erkrankung“ und eben jene „Schilddrüse“, um die es hier bei Chris geht als Einstiegspunkt in eine multisystemische Ordnung mit Wirkungseinflüssen. Glücklicherweise gab mir meine bisherige Lebenserfahrung, dass Bewältigung (ungleich Lösung) von Problemen über das Verstehen funktioniert und nicht durch maladaptive Strategien nachhaltig erreicht werden kann.

    Vor mir liegt also eine Ergebnismenge an Informationen aus der eigenen Recherche und aus eigenen Versuchen. Die Eingangsworte von Chris und die Überblicksbeschreibung von edubily legen sich wie ein Schleier auf diese eigene Ergebnismenge. „Gesetze erkennen und selbst in die Hand nehmen“ – Teil meiner Ergebnismenge ist auch, dass ich das Gesamtsystem „Ich“ im letzten Jahr derart verändern konnte, dass meine Autoimmunerkrankung in ihrer Symptomatik extrem rückschreitend war. Mir ist also sehr bewusst geworden, wie sicher eine Wirkung aus einer Summe an Maßnahmen entstehen kann, aber leider auch wie sicher aus einem Überdrehen einer Einzelmaßnahme dieser Prozess wieder stagnieren kann.

    Mir als Ingenieur hilft hier das Wissen über den Gradienten. Ein simples Beispiel von meinem Mathematikdozenten an der Universität: „Der Gradient zeigt dem Käfer die Richtung, in die er fliegen muss, wenn er am schnellsten zur warmen Quelle möchte.“ Der Käfer entscheidet sich also in jedem Moment aufgrund von Informationsverarbeitung über seine Sensoren, wieviel er nach links oder rechts (x), nach vorn oder nach hinten (y) und nach oben oder unten (z) Gas geben muss. Dreht er eine Richtung zu sehr auf, fliegt er vorbei oder länger als gedacht und womöglich ohne Helm gegen einen Baum. Unsere Richtungen x, y und z sind die Einzelteile der Ernährung, der Lebensgewohnheiten in Sport und Co als auch die vielen sozialen Faktoren. Zum optimalen Betrieb des Organismus verfügt dieser jedoch nicht über die Möglichkeit, auf Sensoren in Echtzeit zu reagieren. Das System ist träge, puffert massiv und kann (oder soll) nicht unmittelbar oder direkt spontan singuläre Bedürfnisse bedienen – fehlt irgendwo Vitamin C, wird nicht sofort eine Orange gepflückt und gegessen. So genial dieses Evolutionsergebnis ist, so schwer macht es der Forschung das Erkennen von Korrelationen bei Einzelmaßnahmen – hilft Selen oder hilft es nicht.

    So suche ich also mein individuelles Koordinatensystem, meine Verortung darin und den richtigen Gradienten – meinen Weg. Danke für eure Informationsdarbietung, Danke für deine Initiative, Chris!

    • Michael

      Sehr guter Beitrag, spricht mich als Algorithmenentwickler sehr an! Wie gehen wir auf einer Oberfläche vor, die wir nicht kennen, um einen Extrempunkt (beste Lösung) zu finden. Mit der Gradientenmethode werden wir irgendwann erfolgreich sein, aber es kann sein, wir landen auf einem lokalen Maximum/Minimum 🙁 . Dann muss man dieses wieder verlassen, z.B. durch eine extreme Änderung. Stichwort: evolutionäre Otimierung. Interessanter Gedanke.