Gehirn benutzen, statt besitzen

Gehirn benutzen

Ich glaube, wir sind uns alle einig, wenn ich sage: Ein Mensch kann nur dann ein Mensch sein, wenn er alles, was er von der Natur (egal ob Gott oder Evolution) mitbekommen hat, auch nutzt.

Da gab es mal diese Birkenbihl. Die hat so schön gesagt: Vom Hirnbesitzer zum Hirnbenutzer.

Damals haben die Leute bestimmt abgewunken. Kann ich mir gut vorstellen. Denn die Beweise haben ja gefehlt. Heute, im Zeitalter der Computer-Analysen, lässt sich die Aussage zumindest teilweise ganz gut erklären und, ja, auch bestätigen. Zum Beispiel durch Neurobiologen. So welchen könnte man zuhören.

Prof. Dr. Gerald Hüther gehört sicher zu den Neurobiologen, die nicht nur viel wissen, sondern auch ganz gut erklären können. Vermutlich weiß er, wie er — als Vortragender — das menschliche Gehirn beeindrucken kann, was beim Zuhörer letztlich nichts weiter generiert als Aufmerksamkeit. Den Seriösen ist das meist ein Dorn im Auge, wenn da oben einer so halbpopulistisch und populärwissenschaftlich auf der Bühne herumturnt. Dabei vergisst der eine oder andere („seriöse“) Wissenschaftler, dass er insgeheim anderen Menschen helfen will durch sein Tun. Entsprechend erlaubt sind Vereinfachungen, solange sie nicht falsch dargestellt werden oder falsche Botschaften transportieren. Manchmal darf man schon absteigen … vom hohen Ross.

Also: Gehirn benutzen, statt besitzen. Doch wie geht das?

Er zeigt anhand von Aktivitätsanalysen des Gehirns, dass das Gehirn nur dann voll da ist, also nur dann die volle Kapazität zur Verfügung steht, wenn wir entspannt und gelassen sind. Wenn wir also Beifahrer sind, statt Rennfahrer, der sich ganz stark auf das Fahren konzentrieren muss. 

Wie leben wir unser Leben? Eher nicht als Beifahrer, oder? Deshalb hören wir die Vögel nicht mehr zwitschern und das eigene Kind … hat man halt zuhause sitzen.

Man könnte auch sagen: Wir schalten den Großteil der Gehirnkapazität durch unser Alltagsbewusstsein einfach ab. Wenn wir von Termin zu Termin hasten, von Kunde zu Kunde. Wenn wir morgen wieder dahin müssen, wo es uns eh nicht gefällt. Tag ein, Tag aus. Ein Leben lang. Kurz: Wenn uns immer die Zeit fehlt.

Natürlich ist dieses Mir fehlt die Zeit eine höchst subjektive Angelegenheit und seltenst fehlt uns tatsächlich die Zeit. Aber so ist das eben. Jeder lebt in seiner eigenen Illusion.

Das entspannte Gehirn nimmt mehr wahr, nutzt mehr seiner Kapazitäten und könnte so auch mehr leisten.

Dann gibt es da noch den anderen Populärwissenschaftler. Harald Lesch. Ein Physiker, der sich wiederum über unser Schulsystem aufregt. Jeder sei unzufrieden, stellt er fest. Eltern, Kinder, Lehrer. Die Kinder müssen, so Lesch, in kürzester Zeit maximal viel Stoff in Hirn prügeln, der sich so natürlich niemals ins neuronale Netz integrieren kann. Das heutige Schulsystem erschaffe keine mündigen Bürger, es bilde nicht.

Wir erinnern uns kurz: Gebildet ist das Individuum, wenn es sich als solches, reflektierend, wahrnimmt. Freilich wird ein reflektierendes Individuum auch über andere Menschen bzw. die Welt nachdenken. Bildung, wie man das ganz modern verstehen sollte, heißt auch, sich selbst irgendwo und irgendwie zu „veredeln“. Vielleicht noch konkreter: Das, was die meisten heute mit ihrem Körper anstellen, könnte man auch mit dem eigenen Gehirn, mit dem eigenen Geist anstellen.

Also: Das Schulsystem von heute bildet nicht. Warum? Wegen der Zeitkompression. Immer schneller. Immer mehr. Und das Gehirn? Das schaltet ab. Hört einem gar nicht mehr zu. Will von der Welt gar nichts mehr wissen.

Genau das beobachte ich auch bei einigen meiner Lesern. Die ziehen sich meine Bücher rein wie … ihr restliches Leben. Und schnallen dann einfach nichts. Das ist keine Beleidigung. Aber ich merke, dass ein wesentlicher Teil des Inhaltes oft gar nicht ankommt. Fragen bleiben unbeantwortet, obwohl sie in den Büchern längst beantwortet werden. Der tiefere Sinn wird nicht verstanden, obwohl der ersichtlich würde … Aber wie gesagt: Wer das Gehirn abschaltet, der braucht sich nicht zu wundern.

Seien wir fair: Logisch. Wer biochemisch angehauchte Abhandlungen liest, der wird sich zu Beginn fühlen wie ein Rennfahrer, der zügig eine Strecke befährt, die er gar nicht kennt. Das Schöne ist aber: Wenn er die Strecke ein paar Mal gefahren ist, kann er plötzlich das volle Spektrum der Fahrt genießen, sieht vielleicht Details, die ihm beim ersten Mal nie aufgefallen wären. Hier setzt meine Kritik an. Wer sich keine Zeit lässt, der braucht sich nicht zu wundern. Weder was unsere Werke angeht, noch was das eigene Leben angeht.

Selbstreflexion scheint eine Kunst für sich.

PS: Wer jetzt kurz weiter denkt … Der Mensch ist keine Maschine. Das war er nicht vor 2000 Jahren und er ist es heute nicht. Wir können uns noch so sehr anstrengen, anders zu sein oder anders zu werden. Die eigene Biologie zieht einen immer wieder zurück — Jojo-Effekt! Wir können den Körper, die eigene Biologie, nicht frei kompatibel machen. Wir müssen (wieder) lernen, uns kompatibel gegenüber der eigenen Biologie zu machen. Genau das stellen die schlauen Menschen ja gerade überall fest. DAS ist der Weg in die Moderne. Back to the future, sozusagen 🙂

PPS: Hör auf, maximal komprimierte All-in-one-Ratschläge zu verlangen. Setz‘ dich hin, lies und lerne. Wer viel will, der muss investieren. Ansonsten kriegt er immer nur das zurück, was er investiert hat: Schrott.

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  • Cagri Meltem

    Sollte ich das magnesium in der früh oder am abend nehmen :)))))

  • Michael

    Kann ich nur zustimmen. Aber wer sein Leben lang im Wesentlichen mit dem Kopf tätig war, weiß schon, wie er Information bewältigt. Aber eine Sache ist wohl immer entscheidend: die Motivation. Wenn ich mit dem Auto liegen bleibe, habe ich eine hohe Motivation, in der Betriebsnleitung zu lesen, für die ich mich sonst überhaupt nicht interessiere. Wenn mich Biochemie interessiert, weil ich offensichtliche Dysbalancen feststelle, so bin ich hochmotiviert, das „Handbuch für meinen Körper“ zu lesen :). Stelle ich Alterungserscheinungen fest, lese ich jede Menge über Anti-Aging. Mein Englisch wird plötzlich super gut, kann ganze Bücher lesen (z.B. de Grey …).
    Gruß Michael

  • transport_er

    Es ist die „will haben Mentalität“… Alles schnell – Amazon, One Hour Lieferung.. Es ist eine unglaubliche Gabe erlebt zu haben das man sich die Dinge noch selbst erarbeiten musste und sie nicht googeln konnte. Es wird noch ein weiter Weg sein den Ausgleich zwischen den Dingen zu finden.

  • Mike G. Doormaster

    „Manchmal darf man schon absteigen … vom hohen Ross.“
    Tu das bitte für uns minder begabte, minder gebildete, doch auch wieder etwas öfter…
    Manchen wie mir fehlt zB vielleicht einfach der Intellekt um wirklich alles zu verstehen…
    Also vereinfache wo immer es möglich ist, danke!

  • 4D-DOC

    Die zeitliche Auflösung ist tatsächlich ein elementarer Faktor für unsere Bewertung der Lebensqualität.

    Die Auflösung von Reizen (welcher Form auch immer – Informations-Einheiten etc) pro Zeiteinheit nimmt exponentiell zu.

    Und das auch und vor allem „nebenbei“ , ohne das es uns bewusst ist.
    Neben der uns bewussten „Flut“ gibt’s noch jene wie ein ständiges Rinnsal sickernden „Nebenbei-Infos“ – zB beim Aufruf des Email Providers werden mindestens 3-6 Schlagzeilen MIT Fotos angezeigt.

    Nicht zu vergessen all jene auf tatsächlich „unterbewusster“ Ebene ablaufenden Prozesse vor allem im Kontakt mit Menschen (Optik Geruch Ausstrahlung Stimmlage Gestik etc etc )

    Belieb fortzuführen.

    Die Bits / Zeiteinheit können ja von keinem neuronalen Netzwerk mehr anständig integriert werden.

    Eine Reduktion in vielen Bereichen des Lebens und das Wieder-Erlernen von einer als angenehm erlebten Wirklichkeit (durch Achtsamkeit, Meditation, Yoga, Natur, Tiere)
    hilft, wenn man zu oft! die Zeitauflösung als unangenehmes Rauschen empfindet.

    Empfehlen kann ich zum Thema Zeit ein sehr kleines aber feines Buch „Gefühlte Zeit: Kleine Psychologie des Zeitempfindens“ von Marc Wittmann, Psychologe an der Uni Freiburg.

    Grüße !