Das Steinzeit-Video von Pollmer: Ein Kommentar

Neulich hatten wir auf unsere facebook-Seite ein Video des Lebensmittelchemikers Udo Pollmer gepostet, indem er über die Paläo-Ernährung spricht.

Pollmer, das muss man schon sagen, geht das ganze sehr, na ja, faktenbasiert an. Nüchtern, fast schon spöttisch und in typischer Pollmer-Manier, „Hör auf mit dem ganzen Schrott, es bringt eh nix!“

Logischerweise tritt Pollmer damit all denjenigen auf die Füße, die das Gegenteil ja live erfahren haben. Das ist eben oft der Unterschied: Über „Fakten“ zu reden, über irgendwelche Studien, aber am Ende zählt dann doch die praktische Erfahrung und wer einmal erlebt, der hat seine eigene Wahrheit eben gefunden.

Problematisch wird es dann (erneut), wenn wir uns festnageln und die Zeit- bzw. Kontextkomponente vergessen. Im Klartext: Ein Fettleibiger, der mit seiner Zero-Carb-Diät 30 kg abspeckt, der braucht das Kohlenhydrat nicht zeitlebens zu hassen, weil er sich durch seine Intervention ja einen Stoffwechsel geschaffen hat, der nun mit Glukose umgehen kann. Physiologisches Gesetz. Fett weg, Glukose-Toleranz hoch.

Das, was mich bei all dem Steinzeit-Gefasel so beeindruckt, ist, dass wir in manchen Punkten ziemlich irrational werden.

Ein Beispiel: Die Sportwissenschaft hat Jahrzehnte lange, sehr gute Arbeit geleistet und wir wissen heute, dass es eben biologische Gesetzmäßigkeiten gibt, die jeder kennt. Zusammengefasst als Trainingsprinzipien: Progressivität, wirksamer Belastungsreiz, Variation, Spezifität, Wiederholung, Periodisierung etc. Darüber braucht kein einziger mehr zu diskutieren. Wer sportliche Fortschritte machen will, der hält sich eben an diese Gesetzmäßigkeiten. Aber: Haben alle Steinzeitmenschen so regelmäßig mal trainiert, schön progressiv, oder warum ist das so verankert in uns? Oder gilt das etwa auch für Ratten?

Ich stelle mir dann vor, dass ein Paläo-Forscher nun bei Buschmännern war und beobachtet hat, dass die nichts anderes tun, als jeden Tag Bäume zu beklettern. Augenscheinlich sind die Menschen schlank, fit und muskulös.

Wir würden doch nie und nimmer auf die Idee kommen, jetzt nur noch auf Bäume zu klettern, weil „die Evolution“ oder „Jäger-und-Sammler-Kulturen“ das mit ihrem Verhalten implizieren, oder?

Genau so verhalten wir uns aber wenn es um Ernährung geht. Wenn also Pollmer vom verfaulten Fleisch, vom „Fisch im Dreck“ oder von den dicken, fetten Ameisenhintern erzählt, die da gegessen wurden, dann ist das doch nicht die „korrekte Kost für Homo sapiens“.

Ich verstehe nicht, warum wir immer diesen großen Bogen schlagen müssen, uns an Steinzeit-Logiken bedienen wollen, selbst dann, wenn wir nicht einmal klar sagen können, ob die Steinzeit tatsächlich noch „in den Knochen steckt“ oder ob die Epigenetik der letzteren Generationen auch ohne große Mutationen deutliche Unterschiede schafft – von Generation zu Generation. Paradox finde ich, dass wir der Epigenetik heute zwar Großes beimessen, aber dann doch immer wieder behaupten, wir hätten uns seit der Steinzeit nicht verändert, dürften deshalb keine Bohnen essen.

Der Mensch-Mensch-Unterschied ist z. T. so enorm, aber die tatsächlichen genetischen Unterschiede extrem minimal, so, dass auf der Hand liegt, dass die andere Komponenten eine große Rolle spielen müssen bei ebendiesen Effekten. Man denke nur einmal an alternatives Splicen, wo ein einziges Gen zig Tausende verschiedene Produkte, also Proteine, schaffen kann. Während wir Menschen also vielleicht 20.000 bis 25.000 Gene haben, die Proteine bauen, könnten sich zig Millionen verschiedener Möglichkeiten ergeben, die Informationspotenz kann sich vertausendfachen.

Ungeachtet dieser Effekte wissen wir aber doch alle, was für den Körper wertvoll ist. Aus Studien und aus persönlicher Erfahrung: Etwas mehr Eiweiß, moderat Kohlenhydrate, die Ölsäure, Pflanzen und pflanzliche Sekundärstoffe in Maßen, ab und zu mal eine Zeit lang unterkalorisch leben, Wasser, Bewegung, Licht – den Rest der Individualität überlassen. Nichts anderes hat Cordain (The Paleo Diet™), der ja eigentlich Physiologe ist, gemacht: Er hat die „bessere“ Ernährungsform für uns gesucht, uns Eckpfeiler vorgegeben, die im Grunde sehr wenig mit spezifischen Ernährungsformen von vielen, vielen Kulturen zu tun hat. (Anders ausgedrückt: Wir brauchen keine Ameisen-Hinterteile zu essen, um gesund zu bleiben.)

Das brauchen wir aber sicher nicht vergebens mit der Steinzeit zu rechtfertigen. Würden wir nämlich einen Ratten-Stamm nehmen, ihm ein bisschen mehr Eiweiß verfüttern etc., würde die Physiologie dieser Ratten-Gruppe auch positiv reagieren. Vielleicht sollten wir das Priming unserer Organismen nicht immer, ganz egoistisch, bei den letzten 50.000 Jahren suchen, sondern schon bei der Säuger-Evolution anfangen … oder noch früher! Es gibt eben zentrale „Zellschalter“ in eukaryontischen Zellen, die man sogar in Hefen wiederfindet.

Dann würden immerhin mal die kleinlichen Diskussionen aufhören. Grundsätzlich gilt aber:

Lieber eine „falsche“ Paläo-Ernährung als ein erhabenes Gerede, das keinen weiterbringt – genau deshalb ist Paläo die beste Ernährungsform, die man derzeit empfehlen kann. 

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  • GB

    Ich frage mich schon seit Jahren, wieso man Pollmer soviel Aufmerksamkeit schenkt. Für mich ist er ein Wichtigtuer. Im Grunde möchte er auch nur seine Bücher verkaufen. Er schreibt und erzählt, was die Leute gerne hören wollen. Sein Motto: Leute, macht weiter so, ist eh alles egal.

    • Sascha Fast

      Hast du Pollmer durch deinen Kommentar nicht indirekt Aufmerksamkeit geschenkt? 😉 (ich jetzt auch)

      Auch dieser Artikel ist Aufmerksamkeit. Das ist die Währung, in welcher im Internet gezahlt wird.

      • edubilyde

        Doch, habe ich, aber darüber habe ich nicht nachgedacht. Pollmer hat Inhalt geliefert (Buch-Zitate), die ich teilenswert fand.

        Und dieser Artikel ist ein Kommentar dazu, meine Meinung 🙂

        Aber klar, unterm Strich ist es natürlich Aufmerksamkeit.

        Edit: Okay, galt nicht mir. Aber ich denke, allgemein passt meine Antwort dazu schon ganz gut.

        • Sascha Fast

          Ich meinte gar nicht dich sondern GB. 🙂

          • edubilyde

            Habs dann auch gesehen 🙂

    • Alex

      Bücher verkaufen? Genau das gleiche macht ja edubily auch. Was ist daran verwerflich? Sein Motto ist sein Motto. Wenn die Leute danach leben, sind sie selbst dafür verantwortlich.

  • Romy Dollé

    Schaut euch mal den Herrn Pollmer an. Und? Sieht er gesund und fit aus? Wenn der alles wüsste und machen würde, was er empfiehlt, dann würde er bestimmt anders aussehen. Ich habe meine grosse Mühe mit solchen Personen.
    Super Artikel!

    • Alex

      Leben und leben lassen. Anstatt so oberflächlich zu sein könnte ja man auf seine Inhalte eingehen, aber das ist anscheinend zu anstrengend 😉

  • Christoph

    Also ich kann mich da dem Kommentar von GB nur anschließen. Mir war Herr Pollmer gleich von Anfang an total unsympathisch in seiner Redensweise. Besonders seine Einstellung bezüglich gesunder Nahrungsmittel kotzt mich an. Einfach zu vergessen der Typ. LG Christoph

    • Alex

      Welche Nahrungsmittel wären denn das?

      • Christoph

        Ich meinte seine Meinung betreffend „gesunder“ Ernährung. Ich kann mich an ein Video erinnern, in dem er zusammenfassend meinte: Man solle doch essen was einem beliebt und schmeckt, ist doch egal was man isst. Habe eben nicht so ein gute Bild von ihm. Jeder interpretiert das aber schließlich anders. Meiner Meinung nach zieht er einfach oft über irgendwelche Themen her.

  • Hallo Chris,
    guter Beitrag mit vielen klugen Gedanken. In einer aktuellen Ausgabe der Deutschen Zeitschrift für Ernährungsmedizin werden 4 RCT Studien zitiert, in denen „Paläo“ dem klassischen Ansatz (DGE) überlegen war. Paläo ist in Theorie und Praxis ein gutes Konzept und bietet Orientierung in dem Ernährungs-Informationschaos, unter dem Viele leiden (und dann oft lieber nichts verändern).
    Großer Dank an Dich/Euch für die vielen guten Beiträge. Ich begegne immer mehr Menschen und Patienten, die sehr gut informiert sind zB durch edubily. Das vereinfacht Fortschritte in der Präventivmedizin! Macht weiter so!
    Beste Grüsse Niels

    • Peter Buchmann

      Hallo Niels,
      ich „kenne“ Dich von dem Blog vom „Mark Maslow“ :-). Sollte ich einen orthomolekular orientierten Arzt aufsuchen müssen (und könnte nicht zur Dr. Strunz, warum auch immer), wärest Du meine erste Adresse (wohne in Bad Oldesloe). Dein obiger Kommentar bestätigt meine Meinung 100%-ig; Vielen Dank dafür.
      Viele Grüße
      Peter

      • Hallo Peter,

        Danke und komm gerne mal vorbei, wenn es für Dich passt!
        Gruß Niels
        PS: Leider haben wir eine gewisse Wartezeit auf Termine, das nur zur Info.

  • Arnt Fäthke

    Danke fürs Teilen des Videos. Und für den Kommentar dazu. Nur das Glaubensbekenntnis im letzten Satz hätte man sich schenken können.

    • edubilyde

      Das ist und war kein Glaubensbekenntnis.

      Die Paläo-Diät erfüllt wie keine andere (bekannte, „vorgefertigte“) Ernährungsform die im Text (und sonst wo im Blog) geschilderten Merkmale (einer guten Ernährung) – und wer mit Menschen zusammenarbeitet, weiß, dass die eben eine Richtung brauchen, ein Schlagwort. Und, wie gesagt, da ist die „Paläo“-Empfehlung eben besser, als ein erhabenes Gerede 😉

      • Alex

        Sag das mal denen die ihre Ernährung nach Ray Peat auslegen :D.
        An und für sich haben verfolgen beide gute Ansätze.

        • edubilyde

          Ray Peat ist m. M. n. zu extrem und zu selektiv („cherry picking“) was seine Thesen angeht. Wenn man das, was er schreibt, um einen gewissen Faktor abschwächt und es in einen sinnvollen Zusammenhang setzt, landet man eh wieder bei dem, was wir hier besprochen haben.

  • Son Goku

    Ich fand das Video von Pollmer ganz gut, weil er nachvollziehbar belegt dass die Menschen früher nicht das gegessen haben, was man denkt bzw in der Paleo Diät propagiert wird. Das ist wie wenn Mami ihrem Kind sagt „lüg nicht, sonst wird deine Nase so lang wie von Pinocchio“ und das kind lügt nicht – macht also das Richtige – die Begründung der Mutter ist jedoch falsch. So ähnlich ist es bei der Paleo Diät. Nach den Vorgaben ernähren ist schon mal gar nicht so schlecht (geht auch weniger eingeschränkt) aber die Begründung dafür ist falsch.
    Sollte man nun Menschen mit denen man arbeitet wie ein Kind behandeln? Ihnen also etwas sagen/beibringen aber auch gleichzeitig anlügen bzw. die Wahrheit verschweigen? Finde ich nicht. Entweder man nimmt das Wort Paläo nicht in den Mund wenn man Menschen erklärt wie sie sich ernähren sollen, oder man sagt ihnen Paläo, aber erklärt ihnen, dass die Begründung hinter der Ernährung zwar falsch ist, sie jedoch wunderbar funktioniert und man sich doch daran halten soll. Jeder der sich selbst ein wenig auskennt hält sich aber nicht an Paläo sondern entwickelt seine eigene angepasste Ernährung. Natürliche Lebensmittel die keine Allergien auslösen, gut schmecken, gut von einem Verdaut werden und der Stuhl gut ist und man sich gut fühlt. Makros auch entsprechend ob man Sportler ist, und welche Sportart. Weiß ja jeder, dass Eiweiß und KH als Sportler entsprechend höher sein müssen. Das Fett nicht unter eine bestimmte Grenze fallen sollte auch. Ganz einfach. Und komplett ohne Bezeichnung oder Namen. Zudem wäre das für einen bestimmten Patienten besser angepasst bzw ließe sich besser anpassen als ihm einfach „Paleo“ zu sagen. Und wer jetzt kommt mit, man will es nicht zu verkomplizieren. Dann reicht auch im Prinzip nur ein Wort: Unverarbeitete Produkte. Da wäre auch die Begründung korrekt für und die Nahrungsauswahl nicht unbegründet stärker eingeschränkt als nötig (wie es bei Paleo ist).

    • edubilyde

      Hi,

      bin ich absolut bei dir – nur leider scheitern diese Gedanken an der Realität. So tickt der Mensch (bzw. die Mehrzahl der Menschen) eben nicht – das sieht man konstant und überall. Rationalität macht nur dann Spaß, wenn Emotionalität (oder nenne es: eine gute, sinnergebende Geschichte) daran gekoppelt ist. Die emotionale Komponente stört zwar das korrekte Einschätzen von Sachverhalten, ist aber eben Bestandteil der menschlichen Psyche und steigt umgekehrt proportional zur Bildung (rationale Komponente) im jeweiligen Fach, hier: Ernährung. Da aber, gefühlt, 98 % der Menschen wenig Interesse für ein tiefes Verständnis für Abläufe hat, führt es eben zu bekannten Phänomenen. Wohlgemerkt: Bildung ist keine Garantie dafür, dass der Mensch kein Verlangen mehr nach der emotionalen Komponente hat. Das „Essen“ schmeckt dann eben besser, wenn man weiß, dass es nicht nur „natürlich“ ist, sondern „steinzeitlich korrekt“, als passende Ernährung für den Menschen. So kommt es, dass auch vermeintlich gebildete Menschen eine allumfassende, oft irrationale Kohärenz erzeugen wollen.

      LG

  • cleopatra

    Ich kann dieser Meinung, der Mensch braucht Vorgaben, Anleitung, ein Motto, ihm muss halt gesagt werden, wo es lang geht, nicht so ganz nachvollziehen und für mich auch nicht bestätigen.

    Ich fand Diäten, Esspläne und sogar Rezepte schon immer ätzend, weil einschränkend und freiheitsraubend! 😉

    Ich backe meist sogar ‚freihändig‘, also grob nach Vorgaben manchmal, oft haue ich aber auch nach Gefühl Zutaten zusammen und bisher sind nur wenige Kuchen dabei total in die Hose gegangen. Eigentlich nur einer, da hatte ich mich ordentlich in der Menge und den Backeigenschaften vertan und alles quoll übers Backblech hinüber, war aber auch ganz am Anfang.

    Das erste, was ich also bei meiner Begegnung mit Paleo (die mich sofort ansprach) tat, war es nach meiner Fasson abzuwandeln. Also an meine Bedürfnisse anzupassen. Mir wäre es nie in den Sinn gekommen, etwa Milchprodukte zu streichen oder gar Tomaten (ich glaube, es waren Tomaten als relativ neue Gemüsesorte, an die wir ja noch gar nicht adaptiert sein können^^).

    ich hab von Anfang an auch einfach herumexperimentiert und letztlich das rausgepickt, was für mich passt.
    Auch der (zugegebenermaßen anfangs sehr faszinierenden) Idee der totalen Einschränkung von KH folgte ich nicht, was allerdings auch eher daran lag, dass ich viel zu kohlenhydrataffin bin und das einen sehr großen Verzicht und womöglich Rückfälle in meine Essstörung (Überfressen mit genau diesen KH) bedeutet hätte.
    Hab aber immer mal Phasen, Tage bis hiin auch mal zu einer bis zwei Wochen, in denen ich KH stark reduziere, wenn ich zB mal bisschen abspecken möchte oder sie auch nicht groß vermisse.
    Ein Dauerzustand wird das aber nie, das ist für mich schon psychisch gar nicht durchhaltbar.
    Da heißt es dann auch immer wieder Kompromisse zu finden, denn die KH sind schon definitiv meine Achillesferse. Ich reagiere darauf sehr stark, fast schon, nein eigentlich absolut auch suchtartig.
    Ohne diese Empfänglichkeit dafür wäre ich vermutlich auch überhaupt nie in eine Essstörung gerutscht, bei der überwiegend Massen genau dieser KH verschlungen werden, was übrigens fast allen anderen Betroffenen ähnlich geht. Keine der Mädels verschlingt etwa Hähnchenschenkel oder Steaks in Unmengen oder Eier oder Speck oder Butter. Es ist immer die Kombi hochraffinierte KH mit Fett, die so eingängig ist und fast rauschartige Zustände kreiert.
    Also heißt es einfach aufpassen mit dem Zeugs! Wobei Obst und beispielsweise auch Honig nie so gefährlich sind oder waren wie industrielle KH. Aber Obst kann bei mir durchaus auch unter gewissen Bedingungen zu Heißhungeranfällen führen.

    Das ist auch meine Hauptkritik an den ungeliebten, beinah geächteten KH.
    Sie lösen Fressattacken, Überfressen, eine gewisse Abhängigkeit und sogar Entzugssymptome aus – wer darauf anspricht.

    Wer damit umgehen kann und locker bei seinen zwei Stückchen Schoki täglich bleiben kann oder gesittet ein kleines Stück Torte einmal wöchentlich mit Omi oder Schwiegermonster verputzt, warum sollte der das nicht tun?
    Ich kann das halt nicht. Ganz oder gar nicht und Verzicht ist für mich meist die bessere Wahl. Und dann mal gelgentlich (aber wirklich nur gelegentlich) mal richtig reinhauen, bis es zu den Ohren rausquillt.

    Ich wollte damit jetzt nur mal verdeutlichen, dass man nicht alle Menschen über einen (Ernährungs)kamm scheren kann, sondern ihre speziellen Lebensumstände und auch ihre genetische Ausstattung berücksichtigen sollte.

    Low carb war definitiv meine Rettung aus dem ewigen Teufelskreis – Unzufriedenheit–Überfressen–Glücksgefühl–Unzufriedenheit–Gewichtszunahme–Depression und so weiter.

    Nicht perfekt, aber es funktioniert halbwegs gut und wird eigentlich immer besser, wenn auch langsam.

  • cleopatra

    Ach so, noch kurzer Nachtrag:

    Ich find das Blog hier super, sehr interessant, ich komme ja auch aus dem Bereich Biologie und lerne gerne immer noch was dazu 😉

  • Chris

    Ein ganz fundamentaler Punkt, für den viele Paläo-Anhänger offensichtlich blind sind: Darüberhinausgehend, was Chris meinte (Epigenetik, kurzfristige Veränderungen) ist der ganz zentrale Punkt, dass eine historische Ernährung eben NICHT eine OPTIMALE Ernährung darstellt. Sondern nur – IN DEN DAMALS HERRSCHENDEN VERHÄLTNISSEN – das ÜBERLEBEN SICHERTE.

    So, jetzt haben wir zwei Punkte, die nicht mit uns übereinstimmen:
    1. Die jetzigen Verhältnisse sind nicht die damaligen.
    2. Wir wollen nicht überleben. Gut, wollen wir schon, aber wir wollen mehr. Zur Erinnerung, was wird evolutionär selektiert? Verhalten, was das Überleben, um eine Fortpflanzung zu ermöglichen, maximiert. Auf deutsch: Das Verhalten, mit dem du solange überlebst, dass du mit 16-30 viele Kinder in die Welt setzt.
    Das ist aber NICHT das Gleiche, wie „maximal leistungsfähig sein“. Oder „gesund“. Oder „lange gesund sein“. Oder „lange gesund und leistungsfähig sein“.
    Bsp.: Wenn für unsere Vorfahren große Mengen mehr oder weniger verkohltes bis nicht gegartes Fleisch die beste Überlebensstrategie darstellten – dann war das eben so. Sie konnten nicht wählerisch sein und sagen: „Ne, ich mach hier ne abwechslungsreiche Ernährung, auch mit mehr Obst, Gemüse, Fisch, Hülsenfrüchten, Milchprodukten und werde mein Fleisch weder verkohlen noch halb roh essen, sondern nur kurz anbraten und dann bei exakt 70° NTT fertiggaren – lecker!“ Wenn es das ein oder andere Lebensmittel nicht gab. Wie perfekt zu sehen an der krass unterschiedlichen historischen Ernährungsweise einzelner Völker – von extrem KH-betont bis zu extrem Eiweiß/Fett-betont. Nein, sie mussten vorlieb nehmen mit dem, was da war: Sind wenig große Wildtiere da, gibts wenig Fleisch. Lebst du > 100km von der Küste entfernt, wirst du in deinem Leben nie einen Fisch essen.
    Also:
    a) Die Ernährungsweise war gegenüber unseren Möglichkeiten sicherlich suboptimal.
    b) Und noch fundamentaler: Der Evolution interessiert wie gesagt das Überleben zur Fortpflanzung, nicht unsere heutigen Kriterien. Beispielsweise kann eine Ernährung perfekt evolutionär sinnvoll sein mit vielen krebserregenden Stoffen oder Herz-Kreislauf-Risikofaktoren. Das interessiert nicht, weil man mit 30 noch keinen Krebs oder Schlaganfall bekommt, wird also nicht evolutionär aussortiert – oder wie die Paläo-Anhänger das umdeuten „sind wir angepasst dran“ Nein, sind wir nicht. Wir sind nur mit 30 noch nicht gestorben daran (und sterben auch heute noch nicht mit 30, egal wie scheiße wir uns ernähren, wenn wir uns nur annähernd so bewegen wie unsere Vorfahren). Das interessiert aber uns, weil wir 85 werden.

    Damit fällt das gesamte Kartenhaus einer historischen, evolutionären Argumentation zusammen. Das haben vor mir Wissenschaftler erkannt und angesprochen – aber es ist in der populären Diskussion verständlicherweise kein Thema. 🙂

    • edubilyde

      Jep, sehr gute Punkte. Hatte ich bereits als Kommentar unterm Video-Post in Facebook so hingeschrieben. Die von dir genannten Punkte werden oft nicht berücksichtigt bzw. gänzlich ignoriert.

      Das, was irgendeine Population über einen gewissen Zeitraum macht, mag vielleicht „natürlich“ sein, aber nicht automatisch auch gut. Deshalb das Beispiel mit dem Baum-Beklettern und der Sportwissenschaft.

      • Chris

        Ja, das war ein sehr originelles Beispiel für die gleiche Logik beim Thema Training!.