Läufst du deinem Genetischem Maximum nach?

Akzeptiere deine Genetik

Damals als wir den Begriff des genetischen Maximums einführten, war uns direkt bewusst, mit was das später assoziiert werden würde: Mit Höchstleistung.

Genetisches Maximum ist aber kein absoluter Begriff (absolut: Maximum), sondern ein relativer (relativ: Genetik). Was hier so kompliziert klingt, ist eigentlich einfach zu verstehen. Es gibt ein ganz eigenes Maximum und ein allgemeines Maximum. Das Missverständnis ist hier, dass manche Leser glauben, genetisches Maximum ist gleich allgemeines Maximum.

Konkretes Beispiel: Peter nimmt sich vor, fünfmal die Woche (wie ein Profi) zu trainieren und auch so zu essen. Er guckt sich sämtliche Videos von seinen Idolen an, die Profi-Sportler einer bestimmten Sportart sind. Schnell merkt Peter, dass er dickere Muskeln bekommt, mehr respiratorische Fitness … und so weiter. Eine positive Spirale ergibt sich. Das Leben wird ein anderes. Leider muss Peter nach einigen Jahren Training und perfekter Ernährung feststellen, dass er niemals ein Profi-Sportler werden wird.

Peter hat also ohne Zweifel sein eigenes genetisches Maximum erreicht, mit dem er sich bestimmt super identifizieren kann. Immerhin ist er jetzt deutlich fitter und „looks good naked“ – schön, für ihn. Dieses eigene genetische Maximum ermöglicht es ihm allerdings nicht, ein Spitzensportler zu werden.

Genetisches Maximum kann durchaus als Summe der genetischen Maxima vieler Einzelbereiche (pro Individuum) verstanden werden. Das heißt, wir könnten das jetzt endlos aufdröseln, alle möglichen Lebensbereiche usw. besprechen – sinnlos. Der Begriff soll ja nur eine Vorstellung geben.

Genetisches Maximum hat aber überhaupt nichts mit dem zu tun, was wir als Maximum mit unserem Verstand errechnen. Wieso soll denn beispielsweise ein Sixpack dein persönliches genetisches Maximum sein? Genetisches Maximum impliziert, dass etwas, na ja, in einem bestimmten Rahmen von alleine gehen muss. Kein Tier der Welt braucht eine kognitive Komponente, um am genetischen Maximum zu leben.

So ergibt sich eben, dass Peter und sein Freund Paul, trotz ziemlich ähnlicher Verhaltensweisen, komplett anders aussehen, ein komplett anderes Leben auferlegt bekommen.

Also: Es gibt eine Diskrepanz zwischen eigenem Maximum und dem „allgemeingültigen“ Maximum.

Ein Ausflug: Stellen wir uns einmal folgendes Szenario vor, ohne Rücksicht auf Kalorien etc. … Wenn wir Fett essen, kann es entweder (zu kleinen Teilen) in den Muskel oder (zu großen Teilen) ins Fettgewebe wandern. Von letzterem merken wir in aller Regel nichts, denn wir werden ja, auch hier in aller Regel, nicht direkt fett vom Fettessen. Das liegt an einem Effekt, den man Spill-Over nennt. Fettzellen „stoßen“ neues Fett förmlich ab und geben es in den Blutkreislauf, so, dass die gegessenen Fettsäuren direkt als Energiequelle zur Verfügung stehen und uns, hoffentlich, sättigen. Ergäbe sonst keinen Sinn. Wer oder was bestimmt aber, wie viele Fettsäuren vom Fettgewebe nach der Fettzufuhr abgegeben werden? Genau: Die Fettzelle muss das irgendwie kontrollieren. Sie erkennt normalerweise, u. a. anhand ihres Füllstatus, wie viele Fettsäuren sie abgeben kann und muss. Nun: Man könnte sich vorstellen, dass das hier teilweise genetischen Ursprungs ist. Fettzellen würden die Fette dann nicht so einfach „abstoßen“, sondern eher speichern. Diese Tendenz, hochgerechnet, könnte einen signifikanten Unterschied ausmachen und teilweise erklären, warum der eine „von Haus aus“ eher 15 und der andere eher 20 % Körperfett mit sich herumschleppt. Wohlgemerkt: Wir reden hier nicht von 30 kg Fettmassenunterschied.

Allerdings wird anhand des Beispiels klar, warum Paul und Peter sich trotz ähnlicher Verhaltensweisen auch in ihrem Aussehen unterscheiden. (Achtung: Reine, einfache Hypothese zu einem multikausalen Problem.)

Die Engagierten unter uns würden jetzt Mikronährstoffanalysen, Hormonanalysen und so weiter veranlassen, um den Unterschied zu finden. Der Unterschied wir sich aber so nie finden lassen, weil ein Organismus nur bei extremen Störfaktoren (z. B. extreme Mängel, lang anhaltende Hungersnot, schwere Erkrankung usw.) sein Gleichgewicht verliert und das Endergebnis entsprechend dramatisch verzerrt. Aber: Realistisch betrachtet leben wir selten ein solches Extrem.

So kommt es auch, dass nah verwandte Individuen trotz etwas unterschiedlicher Verhaltensweisen immer noch sehr ähnlich aussehen, einfach, weil ihre Genetik sie immer auf einen gewissen Punkt zieht.

Je nachdem, wo dieser Punkt liegt, kann das Ergebnis für jeden Einzelnen ganz gravierend anders aussehen. Hier kommen Normalverteilungen etc. ins Spiel und z. B. das klassische Beispiel: Zwei Eltern, die Profi-Sportler waren, haben Kinder, die ein anderes genetisches Maximum mitbringen, als … na ja, du und ich. Selbst wenn wir uns jetzt anstrengen würden, alles auf der Welt richtig machen würden, jeden einzelnen Stoff der Welt supplementieren würden … wir würden nur mit sehr geringer Wahrscheinlichkeit so aussehen und so leben, wie das Profi-Sportler-Kind.

Wieso gucken wir eigentlich nicht mal nach links oder nach rechts? Wir alle wissen, dass es sämtliche Hunderassen gibt, wobei wir immer von derselben Art sprechen, nämlich Canis lupus familiaris. So wie es diese Haushunde gibt, so gibt es auch Menschen, bekannt als Homo sapiens. Da uns aufgrund unserer Historie (und anderen Gründen) nicht erlaubt ist, über „Rassen“ bei Menschen zu sprechen, blockieren wir den Denkprozess hier anscheinend ein bisschen. Denn freilich muss man verschiedene Menschen nicht in Form von Rassen klassifizieren, aber klar sollte sein, dass es interindividuelle Unterschiede gibt, die sich eben nicht nur aus irgendwelchen Verhaltensweisen o. Ä. ergeben. Natürlich könnte ein Mops auch mal versuchen, auszusehen wie ein Windhund, aber … du verstehst hoffentlich den Witz. Wäre der Mops ein Mensch, würde er den Windhund genaustens studieren, die Schlafzeiten, das Ess- und Bewegungsverhalten, vermutlich würde der Mops sogar herausfinden wollen, wer das Herrchen ist. Merkst du wie irre wir Menschen sind? Nun ist das Hundebeispiel natürlich ein überspitztes Beispiel, allerdings muss kein Windhund darüber nachdenken, seinen Körperfettanteil zu reduzieren, damit er drahtig aussieht und kein Schlittenhund muss überlegen, wie er am besten trainiert, damit er mal Ausdauer bekommt. Quatsch. Die hat er einfach. By the way: Lance Armstrong und Konsorten haben einen Vo2max-Wert von 70-90. Schlittenhunde, einfach so, untrainiert, 170, mit Training 240. Hmm … da muss ich direkt mal nachgucken, wie der Hund das macht und ob wir da nicht vielleicht … Nein, Quatsch. Vergessen wir das. Wird eh nie klappen. Hund ist Hund, Mensch ist Mensch.

Leider muss man sich nämlich eingestehen, dass die Genetik auch den Rahmen setzt für den erhofften Erfolg, z. B. einer Mikronährstoff-Supplementation. Du kannst jeden Stoff der Welt ausprobieren (so wie ich) – du wirst merken: Ein Stoff, egal wie toll er zu sein scheint, hat nur eine bestimmte Kraft X, die durch deine Genetik begrenzt wird. Wir können keine Stoffe so heftig und hoch dosiert zuführen, wie wir wollen. Jeder Stoff kann nur optimal in bestimmten Konzentrationsbereichen wirken, nicht linear. Gehen wir über diese Konzentration, schaden wir uns und es wird neue Probleme geben, mit denen wir zu kämpfen haben. Heißt: Es gibt, auch hier, einen genetischen vorgegeben Rahmen. Wie gesagt: Deine Genetik zieht dich immer wieder zu einem gewissen Punkt zurück, da kannst du dich noch so sehr anstrengen.

Jetzt weiß ich, dass einige sagen werden, dass wir erst einmal die artgerechte oder genetisch korrekte Kost definieren müssten, so, wie es eben für jedes Tier eine Kostform gibt. Uns allen ist aber wohl mittlerweile klar, dass es die eine Kost nicht gibt. Uns ist aber wohl klar, dass wir das Ganze in die falsche Richtung verzerren könnten, wenn wir uns mit Fake-Food mästen und hormonelle Gleichgewichte gefährden. Gehen wir einfach einmal davon aus, dass wir uns alle etwa im hormonellen Gleichgewicht befinden (was voraussetzt: Normale Ernährung, keine starken Defizienzen und ein bisschen Bewegung).

Auch hier würden wir schnell feststellen: Selbst wenn wir alle nicht mehr mit 30 % Körperfett durch die Gegend laufen … Der eine hätte unter diesen Umständen vielleicht 10, der andere 15 % Körperfett.

Lange Rede, kurzer Sinn: Genetisches Maximum ist …

  • nicht immer konform mit dem, was wir als Maximum betrachten (Schönheit, Sportlichkeit, Intelligenz …)
  • kann für den einen Vor- und für den anderen Nachteile bringen (wenn man es mit objektiven Maßstäben vergleicht, wie Körperfettanteile etc.)
  • im Wesentlichen ein Maß für individuelles Gleichgewicht
  • sollte nicht zu stark von einer kognitiven Komponente abhängen 

Art de Vany hatte vor einigen Jahren ähnliche, geniale Gedankengänge. Er sagte, sinngemäß: Du kannst nicht den Ausgang kontrollieren. Du kannst nur einige Variablen kontrollieren. Deine Aufgabe ist Loslassen und das Ergebnis zu akzeptieren.

Das, was wir heute allerdings sehen, ist genau das Gegenteil davon. Wir kümmern uns immer noch einen S*cheiß um unser eigenes genetisches Maximum (in einfacher Sprache: Den Körper, Körper sein lassen mit all seinen Facetten). Stattdessen laufen wir wie Besessenen unseren Idealen und gedanklichen Konstrukten nach, arbeiten immer härter an uns, statt einfach mal zu sein und das Spiel von innen heraus geschehen zu lassen. Das, was wir nicht ertragen können: Dass andere etwas haben, was wir niemals bekommen können. Dieser Gedanke lässt uns nicht in Ruhe und deshalb kämpfen wir um das, was wir haben wollen, bis zum letzten Atemzug.

„Genetisches Maximum“? Maximum? Klingt gut, muss ich haben.

Zusatz

Kann ich mit dem Erreichen meines genetischen Maximums meine … [Problem XY] heilen bzw. loswerden?

Dazu habe ich mir gedanklich seit Jahren ein Modell gebaut, das in etwa beschreibt, was durch das Erreichen hormoneller Gleichgewichte (durch: „normale“ Ernährung [keine Radikale, keine Extreme, mit viel Bedacht aber ohne Vorbehalte], mäßiger Bewegung und passender Mikronährstoffsupplementation) möglich ist … oder was nicht.

Es ist im Grunde einfach erklärt:

Unterschieden wird generell zwischen „adäquater Zustand“, „Dysfunktionen“ und „schwerwiegenden Erkrankungen“. Der Einfachheit halber (Modelle sollen einfach sein) beziehen wir uns auf einfache Beispiele: Körperfett.

Ein adäquater Zustand ist nicht 10 % Körperfett year round, sondern, na ja, einfach normal. Und normal ist das, was keine Symptome macht bzw. deutliche Abweichungen zeigt. Beim Beispiel Körperfett: Normal ist, wenn wir Fasten können (= das Fettgewebe gibt bereitwillig her), wenn wir viel essen können (= das Fettgewebe nimmt bereitwillig auf) und das Fettgewebe ein ideales Gleichgewicht zwischen beiden wahrt (= keine Insulinresistenz, kein metabolisches Syndrom mit Fettleber etc.).

Ein dysfunktionaler Zustand ist, wenn wir das Rad verzogen haben bzw. das Gleichgewicht (meistens selbst induziert) gefährdet haben oder gefährden. Das ist der klassische Patient, der sich mit Prädiabetes vorstellt oder andere Symptome ebendieses dysfunktionalen Zustandes zeigt. Übrigens: Wer genau hinguckt, der kann das sehr schnell sehen, auch, wenn die Symptome noch nicht so stark ausgeprägt sind. Diese Zustände lassen sich sehr schnell in adäquate Zustände überführen. Meistens in wenigen Wochen.

Ein krankhafter Zustand wäre hier erreicht, wenn das nicht mehr gilt. Wenn Zustände so schwerwiegend sind, dass einfache Lösungen nicht mehr helfen, den adäquaten Zustand herbeizuführen, sondern höchstens nutzen, um den Zustand zu kompensieren. Kompensation kann sein: Den Körper so aufbauen, dass die Erkrankung nicht so stark ins Gewicht fällt oder den krankhaften Zustand so zu verändern, dass es erträglicher wird. Ein Beispiel hierfür wäre Lipödem – glücklicherweise ist Körperfett etwas, was normalerweise nicht krankhaft (nach dieser Definition) wird.

Ein deutlicheres Beispiel ist der Herzinfarkt. Lange vor dem Herzinfarkt zeigen sich dysfunktionale Zustände, die sicher deutlich besser umzukehren wären als die Folge eines Herzinfarktes. Ich glaube, du hast die Gedanken verstanden.

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6 Kommentare, sei der nächste!

  1. Das Beispiel mit den Hunden ist super. Zeigt es doch auf offensichtliche Art und Weise, dass es doch innerhalb einer Spezies klare Unterschiede in Eigenschaften und Wesenszügen gibt, die genetisch determiniert sind. In Grenzen kann da vielleicht noch fein justiert werden, Aber aus einem Mops wird nun mal kein Labrador; auch wenn man versucht, alle Blutwerte zu kopieren.
    Bezogen auf Menschen ist es leider in der Tat nicht möglich auf derartige Unterschiede hinzuweisen, ohne sich nicht (oftmals ungerechtfertigt) dem Vorwurf einer „Rassenideologie“ ausgesetzt zu sehen.

    Spannend, dass du als Beispiel auch das Lipödem gewählt hast. Dazu gab es ja kürzlich eine interessante Diskussion im Strunz-Forum 😉

    LG,
    Thorsten

  2. Mir fallen spontan noch viel einfachere Veranschaulichungen ein für die genetischen Unterschiede: Ich werde beim Gewichtheben niemals auch nur in die Nähe der wirklich guten Athleten kommen können, weil ich eher groß und schmal gebaut bin. Für meine Gewichtsklasse sind meine Hebel zu lang, um vorne mitspielen zu können. Ein gleichschwerer Heber, der einen Kopf kleiner und dafür breiter ist als ich, muss die Hantel einen entsprechend kürzeren Weg bewegen. Mittels effizienterer Hebelverhältnisse. Sollte er aber mal gegen mich laufen oder Radfahren müssen… 😉

  3. Schöner Artikel.

    In dem Bereich sollte viel mehr aufgeklärt werden. Es kommt ja oftmals auch nicht nur die genetische Komponente ins Spiel, sondern bei Profisportlern in ganz vielen Fällen auch noch Doping. Ich hoffe auch das hier endlich mal ein Wandel statt findet. Das wäre gesünder für die Profisportler und Hans und Franz, müssen garnicht mehr so verwundert sein warum sie den Leistungen ihrer Vorbilder nicht sehr nahe kommen. Nunja, zumindest gäbe es dann „nurnoch“ die genetische Komponente. Aber das ist ein anderes Thema…

    Finde gut, dass es hier thematisiert wird. Als Selbstoptimierer oder „Jäger der Heilung“ helfen solche Informationen etwas geschmeidiger auf Verläufe zu reagieren oder etwa bei Zielsetzungen.

    Den letzten Teil finde ich auch besonders interessant. Ich beobachte immer wieder, auch bei mir selber, das ganz, ganz viele erst einen krankhaften Zustand erreichen müssen, bevor Änderungen im Lebenswandel als Notwendigkeit oder mögliche Lösung angesehen werden. Wobei selbst dann auch viele ganz auf die Methoden der Allgemeinmedizin vertrauen und mit Behandlung von Symptomen zufrieden sind.

    Mich würde interessieren wie es bei dem Punkt Körperfettanteil genetisch aussieht. Wie groß ist die Spannweite der „Setpoints“ auf die man zurück gezogen wird? Wurde sowas schon untersucht? Wahrscheinlich schwierig in der heutigen Zeit. Ich hätte vermutet das 12-15% für Männer allgemein „gut haltbar“ wären.

  4. Peter Thiel: Competition is for Losers.

    Ich muss ja nicht mit Usain Bolt konkurrieren. Lieber eine Nische suchen in der mein genetisches Maximum das absolute Maximum darstellt. Wie klingt das?

    In vielerlei (sportlicher) Hinsicht geht natürlich der Witz verloren. Aber vielleicht eine Möglichkeit doch auf einem Treppchen zu landen? 🙂

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