Was du bei der Wahl deiner Sportart zwingend beachten musst

Machst du den Sport, der zu dir passt

Oft können wir auf diversen Internetseiten lesen, dass es gut sei, alle möglichen Sportarten auszuüben.

„Diese“ Sportart ist die „richtige“ Sportart

Wenn wir bei dem jeweiligen Extrem bleiben, dann heißt es oft: Ausdauertraining musst du aus diesem und jenem Grund machen, Krafttraining darf man nicht vergessen, erst recht nicht Maximalkrafttraining. Natürlich verzerrt jeder das Bild. Je nachdem, welche „Hauptsportart“ der- oder diejenige ausübt. Daraus folgt dann, welche Sportarten „ergänzt“ werden sollen, damit wir runde (nicht wörtlich) Sportler werden.

Dieser Vorschlag ist gar nicht verkehrt, im Gegenteil. Das Problem ist eher die „Hauptsportart“ – also welche Sportart empfiehlt der jeweilige Autor. Denn logisch ist, dass jeder Autor seine Sportart ganz besonders liebt und somit auch ganz genau „weiß“, dass seine Sportart die besseren Resultate bringt. Immer mit Blick auf Figur und Gesundheit, natürlich.

Was mich daran immer fuchst, ist die Suggestion. Also ob es für jeden „die“ Sportart gäbe.

Welche Schalter diktieren den Faser-Stoffwechsel?

Genauso irreführend ist, meines Erachtens, die reine Fokussierung auf Sportarten und die sportartspezifische Modulation des Muskelfaserhaushaltes. In einfachen Worten: Welche Sportart muss ich ausüben, damit Fasertyp XY angesprochen wird? Natürlich – wie immer – mit Blick auf Figur und Gesundheit, meinetwegen auch mit Blick auf sportliche Leistungsfähigkeit. Ich weiß, ich weiß. Ich habe auch oft genug über Fasertypen, Fasermodulation gesprochen.

Wenn wir das Komplexe peu à peu herunterbrechen, bleiben wir natürlich an zentralen Schaltern wie mTOR oder AMPK hängen und natürlich den Faktoren, die diese Zellschalter an- und/oder ausknipsen. Was wir an dieser Stelle dann erklären, ist lächerlich unzureichend. Denn: Erstens wissen wir so vieles noch gar nicht und zweitens wissen wir wenig über das komplexe Zusammenspiel von Genetik, Zelle und Autoregulation. Denn das Problem ist, dass ein Individuum eben nicht ein Individuum ist, wir alle keine Klone sind, sondern bisweilen extrem verschieden. Also „extrem“ mit Blick auf die Bandbreite innerhalb menschlicher Populationen.

Aus eigener Erfahrung

Meine Magermasse beträgt mittlerweile ca. 90 Kilogramm. Weil mir das schon fast peinlich ist, trainiere ich nicht mehr im Hypertrophiebereich bzw. meide klassisches Krafttraining fast gänzlich. Mein Bruder und mein Vater haben eine ähnliche Gestalt. Das Ganze sieht dann schnell sehr massig aus und viele Menschen würden einem nicht glauben, dass das von Haus aus einfach so ist. Natürlich nicht, weil viele andere Personen von Haus aus „nur“ 70 kg wiegen, was dann übersetzt „55 kg Magermasse“ bedeutet, im guten Fall.

Ich meide also Hypertrophietraining, obwohl mir dieser „mittlere Kraftausdauerbereich“ eigentlich am besten gefällt, mir irgendwie liegt. Daher gibt es den in Form von hohen Watt-Intervallen auf dem Ergometer, auch wenn die Beine dann wieder dicker werden. Aber, wie gesagt: Das ist genau mein Bereich, hier fühl ich mich am wohlsten.

Ich frage mich täglich: Was, um Himmels willen, ist mit meinem Körper – genetisch betrachtet – los, dass ich mit einer so hohen Magermasse durch die Gegend laufen muss?

Was ich konkret sagen will: Die „Insulin-Geschichte“ (o. Ä.) kann das mitnichten erklären. Zwar reagieren meine Körperzellen durchaus sehr anabol, aber das ist sicher nicht der Grund, warum drei eng miteinander verwandte Menschen eine sehr ähnliche Gestalt aufweisen.

Es muss also genetisch bedingte, regulative Loops geben, die nicht nur dafür sorgen, dass Gewicht XY (alternativ: Magermasse) erreicht wird, sondern in gewisser Weise auch regulative Loops, die wiederum dafür sorgen, dass dieses Gewicht (alternativ: Magermasse) gehalten wird. Das könnte bei der Nahrungspräferenz anfangen und bei sportlichem Verhalten aufhören. Wie neulich gesagt: In gewisser Weise steuern unsere Gene auch unser Verhalten.

Also: Wo ich argumentativ eigentlich hin will … Zur Beobachtung, dass wir Muskelfasertypen, das Ausüben von Sportarten etc. von einer ganz anderen Perspektive sehen sollten und nicht pauschal und zu engmaschig argumentieren.

„Genetisch bedingtes Milieu“?

Was würde passieren, würde ich eine Muskelfaser (irgendeine) aus einem x-beliebigen Individuum in mir verpflanzen? Wie würde sich diese Muskelfaser, ohne gezieltes Training, in mir verhalten? Sie würde freilich komplett andere Signale erhalten und würde sich demnach meinem ganz eigenen Milieu anpassen.

Das Extrem dieses eigenen, „genetisch bedingtes Milieus“ sehen wir immer (!) bei Profisportlern. Egal ob beim Bodybuilding, beim Schwimmen oder beim Marathon. Leute, die dort Spitzenleistungen bringen, haben ihr genetisches bedingtes Milieu perfekt mit der jeweiligen Umweltbelastung synchronisiert.

Ich kann gut verstehen, dass es viele, viele Läufer gibt, die sich auf ihrer Piste und während der Belastung pudelwohl fühlen. Ich weiß: Das hat in meiner Jugendzeit mal zu mir gepasst, mittlerweile nicht mehr. Ich kann gut verstehen, dass es Powerlifter gibt, die liebend gerne ihre schweren Gewichte stemmen. Ich werde damit, langfristig betrachtet, nicht warm.

Wir könnten an dieser Stelle sicher mit der Faser-Verteilung argumentieren und dann erneut über autoregulative Mechanismen sprechen. Zum Beispiel: Hoher Typ-1-Faser-Anteil geht oft einher mit „schmaleren“ Muskeln und Protein-Synthese-Reaktionen, die mitochondriale Adaptationen nach sich ziehen. Alleine diese Voraussetzungen werden – unter normalen Umständen – ein positives Feedback generieren und diese Voraussetzung ausbauen, nicht ändern. Das gleiche gilt wohl für Typ-2a-Fasern. Wobei an dieser Stelle die Argumentation schwammig wird, da Maximalkrafttraining normalerweise nicht zu einer Anreicherung von Typ-2b/x-Fasern führt. Aber: Dort spielen vielleicht andere Faktoren des „genetisch bedingten Milieus“ eine Rolle. Klar: An dieser Stelle muss die Argumentation schwammig werden, da einfach viel zu wenig über die komplexe Wechselwirkung zwischen Faser, Training und Genetik (um es einmal ganz einfach zu formulieren) bekannt ist. Klar ist auch, dass „faserspezifisches Training“ schon oft empfohlen und angesprochen wurde. Zwar finde ich das Konzept an sich ebenfalls zu vereinfachend, aber immerhin wird versucht, besser mit den eigenen Voraussetzungen in Einklang zu kommen.

Schlussworte: Können wir von Profis lernen?

Im Grunde genommen kann jeder in gewisser Hinsicht alles Mögliche trainieren und in vielen Dingen sicher auch gute Adaptationen entwickeln. Die Frage ist nur, ob man das für sich langfristig gerne macht. Denn klar ist, dass wir schnell merken werden, in was wir gut sind, worin wir talentiert sind.

Profisportler, egal in welchen Bereichen, wissen das genau. Neulich sagte der ehemalige Profi-Bodybuilder Markus Rühl sinngemäß: Trainieren kann jeder. Aber jeder Profi ist ein genetischer Freak. Leute, die so weit kommen, bringen die passende Genetik mit. 

Die wenigsten von uns werden Profisportler. Aber: Wir können die Extreme nutzen, um zu lernen. Zum Beispiel, dass wir wohl schon im Kleinen dort gut werden, wo uns unsere Genetik „hinträgt“ – ich sage das bewusst so philosophisch, weil ich finde, dass wir dieses „tragende Gefühl“ nicht oft genug leben und nur das tun, was uns andere vorsagen oder wir uns im rationalen Verstand als gut zusammenreimen.

Wie dem auch sei: Damit wären wir am Anfang dieses Textes angekommen. Sicher: Viele Sportarten sind gut für uns. Doch was ist unser Weg? Damit kann uns niemand helfen, wir sollten uns aber auch nicht blenden lassen von „genetischen Freaks“, die uns ihre Sportart als den heiligen Gral vorstellen. Dein heiliger Gral kann was ganz anderes sein.

 PS: Das bringt mich auch zu anderen Themen. Wenn also „genetischer Freak“ XY dir was von Ernährung, dem Abnehmen o. Ä. erzählen will … Dir „Geheimnisse“ erzählt oder „aus dem Nähkästchen“ plaudert. Wenn du in diesem Gebiet kein genetischer Freak bist, dann kannst du dir so lange „Geheimnisse“ und „Nähkästchen-Plauderei“ anhören, wie du willst, das wird dir nicht die gleichen Resultate bescheren. Das Einzige, was es dir beschert: Das Gefühl, dass du auch alles im Leben erreichen kannst, wenn du nur lange genug nach passenden Lösungen und „Geheimnissen“ suchst.

Mir fällt beim Schreiben gerade auf, dass der letzte Absatz hier wohl das allergrößte „Geheimnis“ unserer Dopamin-verseuchten Multimedial-Welt ist. Damit werden, nebenbei bemerkt, Millionen von Euros verdient … Aber na ja …

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12 Kommentare, sei der nächste!

  1. „Meine Magermasse beträgt mittlerweile ca. 90 Kilogramm. Weil mir das schon fast peinlich ist, trainiere ich nicht mehr im Hypertrophiebereich bzw. meide klassisches Krafttraining fast gänzlich.“

    90kg Magermasse? seriously? Gibt es irgendwo ein 90kg Magermasse Foto von dir? wie viel wiegst du? auf welche körpergröße? wie definierst du magermasse?

    …“peinlich“? Traurig wenn man sein Aussehen und Leben von anderen diktieren lässt.

    1. Hi,

      na klar. Nein gibt dafür kein offizielles Foto. Magermasse ist das, was übrig bleibt, wenn man die Fettmasse abzieht – also ausdrücklich nicht nur Muskelmasse. Nun, je nachdem, wie hoch der jeweilige Körperfettanteil ist, fällt auch das Gewicht entsprechend hoch aus. (Wobei man auch immer ein bisschen aufpassen muss, die Messschwankungen muss man einkalkulieren, genau wie eine gewisse Fehlertoleranz.)

      Das „peinlich“ war nicht ganz so dramatisch gemeint, wie du es vielleicht aufgefasst hast. Ich persönlich mag nur das unnötige Auffallen nicht, egal in welcher Hinsicht und schon gar nicht mit Attributen, die mir persönlich nicht gefallen. Heißt konkret: Ich will nicht noch eine Extra-Portion Masse oben drauf, das gefällt mir einfach nicht.

      Viele Grüße,
      Chris

      1. Für 90kg Magermasse müsstest du jetzt zum Beispiel 100kg bei 10% KFA (also richtig schöne definierte Strandfigur mit vollständig freigelegtem Six Pack) wiegen. Ich weiß nicht ob du dich da nicht ein wenig überschätzt. Das sind Spitzenwerte an denen selbst stark enhanced athleten jahrelang beim hypertrophie training knabbern.
        Bei einer Körpergröße von zB 1,85m wärst du damit bei einem FFMI von 26. Ein FFMI von über 25 besagt, dass diese Magermasse natural (auch wohl nach Jahrzehnten! Training) nicht machbar ist. Wenn du kleiner bist, dann schiesst der FFMI noch weiter in die Höhe.

        1. Nun, du kannst das glauben oder nicht. Ich überschätze nichts, weil es – aus medizinischen Gründen vor drei Jahren – mehrfach von unterschiedlichen Menschen und bisweilen auch sehr bekannten Persönlichkeiten gemessen wurde.

          Wie gesagt: Lass es Schwankungen geben, ich sagte ja bewusst „ca.“. (Heißt: Es können auch 3 kg weniger sein – aber mir ging es nicht um die Zahl an sich, sondern eher darum, einen Vergleich zu generieren, um meine Argumentation schlüssig aufzubauen.)

          Aber die Skepsis kenne ich, darum habe ich sie auch im Artikel erwähnt. Ich bin aber auch größer als 1.85 m.

          1. Deswegen habe ich ja gefragt wie groß bist du. Wenn du 1,65 bist, hast bei Mr O in der 212er den ersten Platz so gut wie sicher. Wenn du 2,10 bist, ist das recht lauchig. Aber wenn dir das zu viel ist, ist deine Sache 😉
            Also ich habe nie das Gefühl dass es mir zu viel werden würde und ich reiße mir teils 6mal die Woche den Arsch auf damit mal n cm Umfang drauf kommt auf längere Sicht. Manch andere müssen das Eisen bzw. kl Hypertrophietraining wie Weihwasser meiden, damit da bloß kein cm mehr drauf kommt scheinbar. Also habe ich bis jetzt nur von Frauen gehört. Aber du bist nun der erste Mann von dem ich das auch höre 😉

          2. Scheint ja immer das erste Mal zu geben 🙂

            Zum einen mag ich ausgeglichenere Varianten. Körperextreme gefallen mir, für mich, nicht. Das hat auch was mit der Funktionalität zu tun. Wer zu massig wird, der wird genauso eingeschränkt sein wie jemand, der den Wasserkasten gerade so heben kann. Es kommt auch immer darauf an, woher man kommt. Ich kenne viele, die immer dürr waren und diesen Zustand hassen. Die wollen halt am liebsten massiger (am besten Muskeln) werden. Der extremste Fall wäre dann Markus Rühl: Hauptsache so „dick“ wie möglich. Andere, dazu zähle ich mich, sind von Haus aus schwerer und streben einfach die andere Richtung an.

            Zum anderen sieht 1 cm Zuwachs an mir (oder anderen) anders aus als an jemandem, der fast vom Fleisch fällt.

            Ich bin dann wohl der erste Mann, dem das nicht gefällt – viele Männer definieren sich auch über Motorräder oder Autos, das ist auch nicht meins. So hat halt jeder seine Eigenheiten 🙂

            Viele Grüße!

          3. Also, mir erscheint das zwar bemerkenswert, aber völlig innerhalb der genetischen Bandbreite. Irgendwo müssen die 2-4% Neandertalgene der Europäer ja stecken. Der kenianische Lauftyp mit 70 kg Körpergewicht fällt eben eher in die Kategorie Gazellenjäger, Chris Vorfahren haben vermutlich eher die Mamuts umgehauen (und wichtiger, in die Höhle zurück geschleppt). Auch in meiner Familie sind alle männlichen Exemplare groß und schwer. Ich komme zwar nicht auf 90 kg Magermasse, aber 84 Kg bei 1,86 schon und das bei sehr moderatem Krafttraining von 1-2 pro Woche a 40 min..
            Der Knackpunkt ist denn auch eher die Nicht-Magermasse.
            Was die Eigenheiten angeht, gilt wohl wie so oft „was ich hab, das will ich nicht und was ich will, das bekomm ich nicht“ 😉
            Viele Grüße
            Jörg

          4. Hi Jörg,

            vielen Dank für den Kommentar 🙂 Besonders der letzte Satz, den ich seit Jahren – auch aus Beobachtungen an anderen oder an mir – zu schätzen weiß!

            Ich habe auch schon oft über solche Zusammenhänge nachgedacht. Ich bin auch bei dir, dass es in der natürlichen Bandbreite liegt. Ich habe mich allerdings tatsächlich schon oft gefragt, warum afrikanische Individuen, speziell Kenia/Äthiopien/Ruanda/etc. sich körperlich doch stark von Europäern unterscheiden, natürlich gibt es auch hier Überschneidungen, allerdings sind die prozentualen Anteile doch verschieden. Allgemein finde ich die Wissenschaft hinter Körpertypen sehr interessant und ich frage mich öfters, ob das zufällige Ereignisse bzw. Erscheinungen sind oder ob es da eine, wie von dir geschildert, „driving force“ gibt, die solche Phänotypen pusht.

            Beste Grüße!

  2. „Wenn du in diesem Gebiet kein genetischer Freak bist, dann kannst du dir
    so lange „Geheimnisse“ und „Nähkästchen-Plauderei“ anhören, wie du
    willst, das wird dir nicht die gleichen Resultate bescheren. Das
    Einzige, was es dir beschert:“
    Das Gefühl der Unzulänglichkeit. Immer noch irgend etwas falsch zu machen (Na klar. Jemand / Etwas sein wollen, was man nicht ist und wofür man auch nicht geschaffen ist). Die wahre Lehre immer noch nicht begriffen zu haben.

    Wenn man es dann bis zum „Gefühl, dass du auch alles im Leben erreichen kannst, wenn du nur lange genug nach passenden Lösungen und „Geheimnissen“ suchst.“ geschafft hat, dann ist der Knoten geplatzt, dann kann man LEBEN; so wie es der eigne (epi)genetische Kontext idealerweise hergibt.

    Chris, danke für diese Ausführungen.

    LG,
    Thorsten

  3. @chris wie sieht denn deine woche sportlich aus im moment. Mir wird es allmählich auch „zuviel“ an Masse, wäre anderen wahrscheinlich viel zu wenig aber naja jeder hat andere ziele. Suche noch alternativen zum Krafttraining

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