Ray Peat: Gesund mit Milch, Zucker und Orangensaft?

Biochemiker Ray Peat

Manchmal surfe ich ein wenig gedankenverloren durch die Internetwelt. Schaue mir an, was meine liebsten Autoren so schreiben, mal im deutschen, mal im amerikanischen Netz. Ich muss zugeben, dass ich nicht mehr up to date bin mit Blick auf die amerikanische Szene – ich bedaure das ein bisschen, weil ich lange Zeit sehr involviert war und ich es als Teil meiner eigenen Entwicklung ansehe.

Julia Tulipan hat meinen Beitrag von Anfang des Monats über eine neue Low-Carb Studie mit einem Artikel (und Video mit gleichem Text) beantwortet. Ich ziehe meinen Hut aus zwei Gründen:

  • Sie blieb trotz meiner scharfen Äußerungen nett und fair
  • Sie hat gerade eben einen neuen Artikel veröffentlicht, der mir sehr sympathisch ist und – meiner Ansicht nach – von Selbstreflexion zeugt

Das eigentliche Problem …

Das große Problem, das ich mit ein paar Tendenzen innerhalb der (deutschen) Szene habe, lässt sich wie folgt ausdrücken:

Glukose-Defizit um abzunehmen?

Also: Hier wurde ein Screenshot veröffentlicht, nämlich von Alan Aragon. Einer der wohl angesehensten Schreiberlinge, wenn es um die Wissenschaftlichkeit von Sport und Ernährung geht.

Er zeigt hier einen Screenshot von einem Tweet, wiederum veröffentlicht von Dr. Zoe Harcombe.

Du brauchst ein Kohlenhydrat/Glukose-Defizit, um Körperfett abzubauen – kein Kaloriendefizit.

Natürlich kann man kurz die Kommentare unter ihrem Tweet scannen. Sämtliche andere Wissenschaftler und bisweilen auch Doktoren schämen sich fremd – schämen sich fremd für ein solches Statement einer Person, die in der Forschung tätig ist und mit einem Doktor-Titel durch die Gegend läuft.

So ein kurzes Twitter-Statement kann einen schnellstens in Teufels Küche bringen – so, wie das von einigen Politikern (und anderen „Funktionären“) mittlerweile bekannt ist.

Anmerkung: Man kann sicher über bessere und schlechtere Diät-Varianten diskutieren, darüber, ob es gewisse „metabolische Vorteile“ gibt (die sich – maximal – auf wenige 100 Kilokalorien beschränken), aber man kann die Thermodynamik dann doch nicht ganz leugnen, ignorieren oder vergessen. Luft, Licht oder Liebe kann der Körper dann leider noch nicht in körpereigene Energieträger (ATP) umwandeln.

Das eigentliche Problem solcher Aussagen ist, dass sie Falsches suggerieren. Das äußert sich dann in folgenden Gedankengängen:

For example.

  • A carb is a carb. A liter of Coke is bad, so don’t eat potatoes.
  • Honey has too much fructose. A liter of HFCS Coke is bad, so don’t eat honey.
  • Saturated fat from animals doesn’t cause heart disease. Eat an 80% saturated fat diet.
  • Muscle meats are good for you. Eat more of them in an average month than an average H-G would have had in an average year.
  • I could go on.

(Referenz: Freetheanimal.com, hier)

Also:

  • „Zucker ist Zucker“ (das hatten wir schon!) – ein Liter Cola ist schlecht, folglich: Iss keine Kartoffeln.
  • Honig hat zu viel Fruktose. Ein Liter einer „High fructose cornsirup“-Coke ist schlecht, folglich: Iss keinen Honig.
  • Gesättigte Fette sind nicht die Ursache für Herzkreislauferkrankungen. Iss zu 80 % gesättigte Fette.
  • Muskelfleisch ist gut für dich. Iss mehr Muskelfleisch in einem Monat, als eine Jäger-und-Sammler-Gruppe in einem Jahr.

Merken wir eigentlich noch was? Immer vom einen ins andere Extrem. Wir denken im Kopf nicht in exponentiellen oder parabolischen Funktionen, sondern in linearen Funktionen, wir extrapolieren linear. Genau das sehe ich auch, wenn es um Mikronährstoffe geht:

  • Ein Vitamin-D-Mangel ist schlecht, Vitamin D ist gut, folglich ist der höchste Vitamin-D-Wert der beste.

Schlagen wir den Bogen.

Ernährung im Ray-Peat-Style

Neulich habe ich mir eine Doku angeguckt. Thema: Kämpfer in Syrien. Die armen Schlucker dort haben natürlich keinen Supermarkt, müssen folglich mit dem Minimum auskommen. Da denke ich mir: Wie halten die das durch? Körperlich und psychisch?

Zucker und Zigaretten halten uns am Leben.

Ein bemerkenswertes Statement. Klar: Zucker macht fröhlich, hat Suchtpotential, wirkt unter Umständen wie Drogen im Gehirn. Über Zigaretten und deren Nutzen brauchen wir nicht zu sprechen – es hat einen Grund, warum ein doch schlauer Primat an einem Stängel nuckelt, den ganzen Tag lang, jede Stunde.

Wir sehen das nur nie so. Wenn wir das lesen, denken wir: Bääh, alles krankmachend.

Nein, nein. In diesem Kontext ist das absolut gewinnbringend, hält, wörtlich, am Leben.

Also, knüpfen wir oben an: Zucker in Massen macht krank, folglich müssen wir jedes Gramm Zucker meiden.

Der promovierte Biologe (wer kann das von sich behaupten?) Ray Peat forschte lange Jahre zu Hormonen und dem Stoffwechsel. Er ist ein Querdenker, hat andere Ideen als die Mehrheit. Nun, er kommt – mit Blick auf die Ernährung – zum Schluss:

  • Iss viel Gelatine
  • Achte darauf, nicht zu viele mehrfach ungesättigte Fettsäuren zu essen
  • Nutze Milchprodukte (insb. Käse)
  • Iss Früchte und trinke Fruchtsäfte
  • Iss Stärke, aber nicht allzu viel davon
  • Achte auf die Zufuhr fettlöslicher Vitamine (vor allem: A)
  • Übertreibe es nicht mit Eisen (Eisen wirkt toxisch)
  • Nimm eventuell Progesteron (sein Forschungsgebiet), Vitamin E, nutze viel Salz, denke über Schilddrüsenhormon-Substitution nach (wenn sie nicht mehr funktioniert) usw.

Ernährung nach Ray Peat

All das hat präzise Hintergründe, die er auf seiner Seite in ellenlangen und für den Laien schwer zu verstehenden Aufsätzen erläutert.

Er geht die Sache Ernährung also komplett anders an. Nicht gucken, was in der Steinzeit mal war, sondern gucken, wie der Körper auf gewisse Stimuli reagiert.

Zucker ist ein mächtiger (Stoffwechsel-)Signalgeber

Thema Zucker: Aus Peats Sicht ist Zucker kein böser Bub. Im Gegenteil. Zucker kann helfen, die Stoffwechselleistung dramatisch zu verbessern, kann helfen, die Stimmung zu heben und stimuliert eine andere Insulin-Reaktion als Glukose in Reinform – wir erinnern uns: Zucker besteht aus Fruktose und Glukose, wobei Fruktose weitestgehend ohne Insulin metabolisiert wird.

Ich hatte von der positiven Zucker-Wirkung schon mehrfach berichtet. So bleibt die Stoffwechselleistung während einer Diät erhalten. Allgemein: Das deckt sich sehr mit meinen eigenen Erfahrungen, dass Zucker eine sehr positive Wirkung auf die Energie-Stoffwechsel-Achse hat, vor allem mit Blick auf T3 oder Leptin.

Das ist vermutlich auch ein Grund, warum wir so ein Verlangen nach Zucker haben: Zucker scheint das stärkste Signal zu sein, dass genug Nahrung vorhanden ist. Das wiederum kann natürlich eine schlechte, aber auch eine gute Seite haben. Die Schlechte: Wir überfressen und übersteuern. Die Gute: Wir können mit recht minimalem Aufwand große hormonelle Schnittstellen im Positiven modulieren. Aber: Alles kann giftig werden, wenn man es falsch nutzt.

Richard Nikoley jedenfalls lebt derzeit, lt. eigener Aussage, ein bisschen nach Peat, gönnt sich Orangensaft und Milch, und fühlt sich „fucking awesome“.

Andere, mit denen schreiben wir bei edubily häufig Emails, lassen sich ihr Körperprotein wegknabbern, meiden Gemüse (weil zu viele Kohlenhydrate) und wundern sich über ihr Lebensgefühl und die hormonelle Lage. Aber klar: Stoffwechselkranken Menschen hilft eine Very-Low-Carb-Ernährung, folglich müssen wir alle Kohlenhydrate meiden, damit es uns gut gehen wird. (Achtung, Ironie.)

Disclaimer und Schlusswort

Doch Vorsicht, Vorsicht! Das heißt natürlich mitnichten, dass wir den Sack Zucker in Reinform kaufen und genüsslich löffeln sollen.* Es heißt lediglich, dass wir auch beim Thema Zucker immer den Kontext beachten sollten. Was unter den einen Umständen blöd sein kann, kann unter anderen Umständen wunderbar sein, passt in ein „integratives Ernährungsmodell“. Dieses Hin und Her ist vielen Menschen natürlich zu anstrengend, kann ich verstehen. Daher lieber gleich: Zucker weg und alles wird gut.

Der springende Punkt ist aber, dass selbst Leute wie Lustig oft nur gewisse Signalwege des Energiestoffwechsels studieren, quasi statische Modelle für ihre Thesen nutzen und vergessen, dass der menschliche Organismus ein dynamisches System ist – es Dinge wie Energieumsätze, Uncoupling oder Feedback-Loops gibt, die das Gleichgewicht wahren wollen. Daher hat Peat nichts gegen adäquate Zucker-Mengen, denn das kann den Energiestoffwechsel via T3 (etc.) befeuern, was wiederum andere Kaskaden in Gang setzt, wie z. B. gesteigerter Bewegungsdrang, der wiederum weitreichende Folgen hat … Tiere sind da schon ein bisschen bemitleidenswert. Sie werden vollgestopft bis oben hin mit Fruktose in Reinform und … müssen sich ihrem Schicksal ergeben, können nicht planen oder strukturieren wie wir (präfrontaler Kortex!) oder sich austoben, können nirgends gegensteuern oder Feedback-Loops leben.

* Das hat Dr. Kempner vor ca. 70 Jahren gemacht und bewiesen, dass man Schwerstkranke auch mit Zucker-Bergen wieder gesund macht. Womöglich in einem Kontext, der nicht lebenswert ist. Okay. Aber: Es geht.

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  • phobologe

    Ray Peat hat mir nach einer Ernährungsodyssee die Augen geöffnet. Seine Erkenntnisse führen nicht zu einem dogmatischen Ernährungssystem, wie es irgendwelche Gurus normalerweise praktizieren. Es wird immer wieder betont, dass alles vom Kontext abhängt (wie viel Stärke, welche Supplemente, usw…). Man geht dann ganz anders an die Ernährung heran und lernt selbst im Kontext zu denken.
    Auch wenn ich nicht zu 100% „peaty“ lebe, habe ich einiges von ihm gelernt und ich denke, dass jeder, der sich ernsthaft mir Ernährung beschäftigt, seine Artikel durchlesen sollte.

    • edubilyde

      Auf jeden Fall!

      Wer so weit ist, dass er die Peat-Artikel auch fachlich verstehen kann, der wird auf jeden Fall von den Artikeln profitieren.