Der Carnivor-Mensch: So wichtig ist Taurin

Warum Taurin wichtig ist

Der Carnivor-Mensch.

Nun, man kann vermutlich viel über Ernährung diskutieren. Über Lebensstile. Über Umweltbelastung. Über Ethik, Moral, Gewissen. Und so weiter.

Worüber man sich allerdings nicht streitet, zumindest nicht in der Wissenschaft: Der Mensch ist als einziger Primat deshalb Mensch, weil er gelernt hat, Fleisch zu essen. Daran führt argumentativ kein Weg vorbei.

Die Frage ist viel mehr: Wie stark oder wie wenig sind wir tatsächlich auf die Fleisch-Zufuhr angewiesen?

Ich glaube … Einige biochemische Schnittstellen verraten uns das eindringlich.

Der Mensch braucht die Taurin-Zufuhr

Der Pionier der Paleo-Diät, Loren Cordain, hat uns aufgezeigt, wie schlecht wir darin sind, Taurin selbst zu synthetisieren. Ich habe aufgezeigt, was das konkret bedeutet. Damals habe ich u. a. hingeschrieben: Mitochondriale Dysfunktion. Auch Dr. Strunz hat dies aufgefasst. Tatsächlich finden wir in Studien den Hinweis, dass Veganer viel niedrigere Taurin-Werte im Blut und im Urin aufweisen.1 2 Letzteres ist vermutlich eine Schutzfunktion des Körpers, um Taurin zu sparen. Wohlgemerkt: Hier wurden Veganer mit durchschnittlichen Omnivoren verglichen.

Gibt es Populations-spezifische Unterschiede?

Taurin ist einer der wenigen Stoffe, die ich, niedrig dosiert, fast täglich zu mir nehme. Einer der wenigen Stoffe, die mir aus persönlichen Gründen sehr ans Herz gewachsen sind.

Natürlich stelle ich mir viele Fragen. Wenn mein Freund aus Ruanda hier ist, der erzählt, dass sie fast ausschließlich von Pflanzen leben … na ja, ich denke mir meinen Teil. Gibt es da vielleicht Populations-spezifische Unterschiede? Eine Sache weiß ich: Er ist klein, zierlich, hat kaum Muskeln. Jedenfalls so, wie wir uns Kenianer vorstellen. Kenia liegt neben Ruanda.

Neuerdings haben wir gelernt, welch massiven Einfluss die Epigenetik tatsächlich hat. Wenn die Epigenetik also derart stark wirken kann, brauchen wir uns eigentlich nicht zu fragen, wie gravierend die Unterschiede zwischen genetisch getrennten Populationen sein können, vor allem, wenn über Jahrtausende hinweg kein oder kaum Genfluss stattgefunden hat. Zur Erinnerung: Jeder heute lebende Europäer hat Neanderthaler-Gene in sich. Bei Asiaten sind es halt Denisova-Gene. Und so weiter.

Mein kleiner, zierlicher, muskelarmer Freund also könnte gewisse Engpässe, die durch ausschließlichen Pflanzenkonsum zustande kommen, besser kompensieren als ich. Die Statur von ihm könnte gerade eine Anpassung an die pflanzliche Kost darstellen. Aber das ist reine Spekulation, ungeachtet jeglicher Statistiken. Was man allerdings weiß: Die Qualität der Ernährung steuert maßgeblich die körperliche Entwicklung des Menschen, auch über Generationen hinweg.

Veganer haben Probleme

Veganer, die nicht mit viel Aufwand Bohnen aus Timbuktu und Soja aus Asien importieren, werden bereits Schwierigkeiten mit der Eiweißzufuhr bekommen. Wohl gemerkt: Ich denke hier an mich und an die vielen schweren, womöglich trainierenden Europäer. Klar ist, dass ich hier schreibe, weil ich selbst schon vegan gelebt habe und weiß, wie wenig kompatibel das mit dem tatsächlichen Leben hier ist. Oder leben die Veganer, die du kennst, im Winter nur von Kohlgemüse und Kartoffeln? Eher nicht. Eher: Mango-Kokos-Smoothie zum Frühstück.

Taurin-Mangel schmälert Ausdauerleistung (= mitochondriale Funktion) dramatisch

Mitochondriale Dysfunktion wegen Taurin-Mangel also.

Hier gibt es ganz elegante Studien, die das schön darlegen.

Sorgt man dafür, dass Muskelzellen kein oder sehr viel weniger Taurin einlagern, fällt die AMPK-Expression deutlich. AMPK reguliert allerdings die Gene des Fettstoffwechsels. Ein regulierter Hauptschalter ist PPARalpha. PPARalpha reguliert weitere Gene, zum Beispiel CPT1alpha, das Fettsäuren über die mitochondriale Membran transportiert 3.

Das ist für mich der Beginn einer mitochondrialen Dysfunktion. Was muss darunter zuerst leiden? Genau, zum Beispiel die Ausdauerleistung.

Resultat ist dann: Die Tierchen mit normalen zellulären Taurin-Werten rennen drei Mal (!) so weit und deutlich schneller.

Mit mehr Fleisch/Fisch zu mehr Energie

Wer sich also vier Wochen vegane Ernährung gönnt und sich dann wundert, warum er – nach „Fleisch- oder Fisch-Refeed“ – plötzlich wieder energetisch und wach daher kommt … nun ja, der hat hier wenigstens einen Erklärungsversuch. Natürlich kann das viele weitere Ursachen haben. Zum Beispiel Kreatin oder Carnitin.

Zusätzlich: Es gibt Veganer, die behaupten, Methionin und Cystein seien das größte Übel überhaupt – unbewusst nehmen sie ihrem Körper so die Möglichkeit, das fehlende Taurin zu synthetisieren. Natürlich neben der Tatsache, dass sie kein Taurin über die Nahrung zu sich nehmen.

PS: Wer wirklich ansprechende Taurin-Werte haben möchte, der sollte zu Meeresfrüchten greifen.

Quellen 

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  1. Laidlaw SA, et al. (1988): „Plasma and urine taurine levels in vegans. – PubMed – NCBI“.Ncbi.nlm.nih.gov. Abgerufen am 29. 03. 2016 von http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/3354491.
  2. Rana, Surinder K.; Sanders, T. A. B. (1986): „Taurine concentrations in the diet, plasma, urine and breast milk of vegans compared with omnivores“. In: BJN. 56 (01), S. 17, DOI: 10.1079/bjn19860082.
  3. Ito, Takashi; Yoshikawa, Natsumi; Schaffer, Stephen W. u. a. (2014): „Tissue Taurine Depletion Alters Metabolic Response to Exercise and Reduces Running Capacity in Mice“. In: Journal of Amino Acids. 2014 , S. 1-10, DOI: 10.1155/2014/964680.
  • Philipp

    Eine Supplementierung durch Taurin hatte ich mir vor längerer Zeit schoneinmal im Hinterkopf behalten, da ich Langstreckenläufer bin und ein sehr hohes Trainingspensum in der Woche leiste. Durch deinen Artikel ist mein Interesse nocheinmal gewachsen. Welches Taurin nimmst du genau? (Marke und Artikelbezeichnung)

  • Marvin Gallo

    Wahrlich interessant, aber von Fisch und Meeresfrüchten halte ich leider fast gar nichts mehr aufgrund der wahnsinnigen Verschmutzung der Meere. Das war schon vor 30, 40 Jahren ein bekanntes und großes Problem. Da supplementier ich das gute Zeug eher noch (gerne mit Infos von Chris).

    • edubilyde

      Hey Marvin,

      bin da voll bei dir.

      Ob man Fleisch isst oder nicht, das muss jeder für sich selbst entscheiden. Man sollte allerdings nicht die evolutive Komponente ignorieren, was du ja schön dargelegt hast. Daher: Taurin-Ergänzung ergibt m. E. durchaus Sinn. Mit 500 mg am Tag ist man sicher bestens bedient.

      LG, Chris

      • Peppii90

        Moin Chris hattest du nichtmal die Tagesdosis von 5-10 g Taurin empfohlen? in deinem Buch? oder Irre ich mich da?

        • edubilyde

          Im Buch nicht.

          5-10 g habe ich sicher nicht als Dauerlösung empfohlen.

  • HappyNettleBoy

    Danke für diesen Artikel. Ich kann deine Erfahrungen mit der veganen Ernährung durchaus bestätigen. Ich habe selbst jahrelang Vegan gelebt und hatte an einem gewissen Punkt gemerkt, dass der innere Antrieb irgendwie fehlt. Den Zusammenhang mit dem Taurin hatte ich bisher noch nicht in Betracht gezogen ergibt aber durchaus Sinn. Ich habe Taurin nun schon länger bei mir im Schrank stehen hatte es aber eher weniger genutzt. Mich würde interessieren zu welcher Uhrzeit es am optimalsten wäre zu sich zu nehmen und ob es Komplikationen mit anderen Supplementen haben kann? Ich habe immer das Gefühl gehbat, dass es mit Cholin nicht so gut harmoniert, wisst ihr hier mehr? LG