Stoffwechsel-Tuning: So funktioniert es

Eisen-Werte und Triglyceride

Stoffwechsel-Tuning ist für mich ungefähr das: Ich verändere eine Variable in meinem System und das funktioniert dann besser. So, dass ich ohne größere Lifestyle-Veränderung plötzlich ein anderes Ergebnis genießen darf. Zum Beispiel weniger Körperfett. Auch wenn das häufig Wunschdenken ist, bei manchen wird das tatsächlich wahr. Zum Beispiel dann, wenn die Schilddrüsen-Unterfunktion eben keine Unterfunktion mehr ist, sondern eine Normalfunktion. In diesem Fall wird dann sogar etwas überkompensiert: Man darf sogar noch mehr essen, ohne dabei zuzunehmen, bekommt eventuell sogar Magermasse (Knochen, Organe, Muskeln, Gehirn [?]) geschenkt.

Gut, man könnte auch das Gegenteil von Stoffwechsel-Tuning besprechen. Das wäre zum Beispiel … na ja, man tut etwas, was die metabolische Situation verschlechtert.

Im Endeffekt kommt es dann darauf an, aus welcher Perspektive wir das „Problemchen“ begutachten. Denn: Zieht man den Stock aus der Speiche, wirkt es auf manche eben wie … Tuning.

Ich bin ein großer Fan von solchen Spielereien. Ich suche immer solche Hindernisse, über die ich zwangsläufig stolpern muss, weil sie mir ein Bein stellen, indem sie meinen Stoffwechsel (negativ) beeinflussen.

Eisen und die Stoffwechsel-Funktion

Wie du weißt, befassen wir uns derzeit intensiv mit Eisen. Der Grund ist simpel: Kein mir bekannter Mikronährstoff hat derart seine Finger im Spiel, wenn es um klassische metabolische Parameter geht, wie zum Beispiel Insulinresistenz (entsprechend: Insulinsensitivität) oder auch Hypertriglyceridämie (entsprechend: niedrige Blutfettwerte). Also: Zu hohe Blutfettwerte (Triglyceride). Es gibt sehr schöne Statistiken, die auch versuchen diese Phänomene am Menschen nachzuweisen – ganz real, nicht nur in Tieren oder im Reagenzglas. Die Ergebnisse kann jeder nachlesen: Ferritin, als Beispiel, korreliert schön mit der metabolischen Entgleisung, in Form von Insulinresistenz, aber auch in Form von … beispielsweise Bluthochdruck.

Natürlich darf man sich darüber streiten, wie aussagekräftig diese Ergebnisse sind und welche Confounder es gibt, also welche Einflüsse wirken, deren Einfluss verdeckt bleibt. Daher muss man das Problem beleuchten, von möglichst vielen Seiten aus. Es nützt nichts, nur Statistiken und Korrelationen zu analysieren, wie das die Epidemiologen oft tun und dann vor … na ja, einfach allem Erdenklichen zu warnen. Nein, nein, man muss schon auch die Molekularbiologie studieren, auf Zellebene zum Beispiel. Vielleicht mal angucken, wie Gene beeinflusst werden.

Das hat man nun wahrlich oft getan beim Eisen. Hierzu gibt es viele, viele Studien.

Eine möchte ich heute kurz besprechen.

Wenn Fett nicht mehr den Blutstrom verlässt

Triglycerid nennt man das Fett, das im Blut schwimmt. Zum Beispiel nach dem Verzehr von Nahrungsfetten. Diese Triglyceride werden gespalten von der Lipoprotein Lipase – ein Enzym. Erst dann können sie aus dem Blut in Zellen. Wenn es gut läuft in den Muskel, wenn es weniger gut läuft in die Fettzellen.

Bei metabolischen Entgleisungen beobachten wir häufig, dass Triglyceride chronisch erhöht bleiben. Das hat diverse Gründe. Zum Beispiel, dass eben zu viel Triglyceride aus der Leber kommen. Na ja, es gibt verschiedene Szenarien. Fakt ist: Triglyceride sollten nicht im Blut schwimmen, sondern als Energieträger oder als Speicherstoff dienen.

Ein Grund, warum Triglyceride hoch sind und die Triglycerid-Verarbeitung nicht so gut läuft, könnte sein, dass das Enzym Lipoprotein Lipase nicht gut funktioniert.

Forscher untersuchten nun, welchen Einfluss Eisen auf die Lipoprotein-Lipase-Funktion hat. Dazu wurden diverse Szenarien wie folgt getestet:

Forscher nutzen ein genetisches Tier-Modell

Forscher schnappten sich Tiere, die Eisen im Blut anreichern. Ergebnis: Bei einer Verdopplung der Eisen-Werte verdoppelten sich auch die Triglyceride im Blut. Das ist ein erster Hinweis darauf, dass Eisen Einfluss auf die Triglycerid-Werte nimmt.

Forscher füttern Eisen

Jetzt ein etwas spannenderes Szenario: Forscher testeten, inwieweit eine Eisen-Supplementation die Triglycerid-Werte beeinflussen kann. Auch hier zeigte sich: Wurde Eisen zugeführte, stieg der Eisen-Wert im Blut an und es zeigten sich Triglycerid-Veränderungen in ähnlichen Größenordnungen wie beim Versuch zuvor.

Woher kommen die Triglyceride?

Um ausschließen zu können, dass die Triglyceride aus der Leber kommen, wurden weitere Tests durchgeführt. Es stellte sich heraus, dass die Triglyceride nicht aus der Leber kamen, stattdessen verursacht wurden durch eine schlechtere Lipoprotein-Lipase-Funktion.

Eisen hemmt die LPL-Funktion

Um den letzten Schritt („Hemmt Eisen die LPL-Funktion?“) genauer zu untersuchen, reicherten die Forscher Eisen im Blut der Tierchen an – allerdings außerhalb des Körpers und in physiologischen (= normalen) Dosen. Außerdem wurde in-vitro getestet, wie Eisen die menschliche Lipoprotein Lipase in ihrer Funktion beeinflusst. In beiden Fällen zeigte sich eine inverse Korrelation. Heißt: Je mehr Eisen man dazugab, umso schlechter funktionierte das LPL-Enzym.

Ein „Eisen-Hemmer“ senkt Triglycerid-Werte

Und jetzt das, was wir hoffentlich alle mitnehmen, wenn wir diesen Artikel zu Ende gelesen haben: Senkt man nun die Eisen-Werte mit einem anderen Stoff, so sanken die Triglycerid-Werte ganz dramatisch, zumindest in meinen Augen.

Und jetzt?

Die Wissenschaftler schließen aus ihren Untersuchungen genau das, was ich auch daraus schließe. Dass eine Verringerung der Eisen-Werte dafür sorgt, dass ein günstigeres metabolisches Milieu entsteht. Interventionen, die den Eisen-Wert senken, könnten somit helfen, Dysbalancen auszugleichen. In anderen Worten: Den Triglycerid-Wert zu senken oder die Insulin-Resistenz zu verbessern.

Das ist, wie ich meine, Stoffwechsel-Tuning. Weil ein kleines Hindernis eine – für uns – große Wirkung entfalten kann, ohne, dass wir uns darüber im Klaren sind. Der Bauer in der Pfalz würde sagen: Isch halt so.

Mir ist wichtig, dass du verstehst, dass es uns eben nicht (wie manchmal unterstellt) darum geht, irgendwelche Nahrungsergänzungsmittel einzuschmeißen, sondern darum, die körpereigene Chemie zu verstehen und das, was wir selbst in der Hand haben könnten, auch in die Hand zu nehmen, wenn es darauf ankommt. Denn klar ist: Der Arzt wird sich um deine Triglycerid-Werte kümmern, eben auf seine Art und Weise. Das passiert, wenn man die Verantwortung abgibt.

Ich weiß genau, dass die viele Sportler-Kollegen nach den ersten komischen Wörtern (z. B. „Insulinresistenz“ oder „Hypertriglyceridämie“) leider wegklickten. Wie so oft, wenn es um das Thema Stoffwechsel geht. Sportler interessieren sich leider noch zu selten dafür. Diese Menschen denken zumeist in Extremen und verstehen nicht, dass wir uns entlang von Spektren bewegen. Auch wenn du mit deinen Werten nicht an einem Ende des Spektrums liegst, so könntest du jetzt schon – ganz schleichend – Probleme bekommen oder bereits haben. Ganz klassisch für mich, wenn ein hochtrainierter Sportler „keine Kohlenhydrate verträgt“. Das würde mir zu Denken geben. Keine zu mögen ist das eine. Keine zu „vertragen“, trotz hohem Energie-Turn-Over … das andere. Markus Rühl ist da ein wenig brachialer: „Wenn ich mir keine Pizzen einverleiben darf, wieso bin ich dann Bodybuilder?“ – Verstanden? Wenn du essen musst wie ein Asket, wieso treibst du dann Sport?

Hindernisse finden, die unseren Stoffwechsel negativ beeinflussen.

Hier geht’s zur Studie.

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  • Carina Schramm

    Hallo Chris,

    ihr schreibt in letzter Zeit sehr oft über die negative Seite zu hoher Eisenwerte.
    Ich bekomme seit langer Zeit auf Grund einer Erkrankung regelmäßig Eiseninfusionen. Seit einigen Monaten werde ich von einem Hermatologen betreut, der mir gerne auch schon mal Eisen gibt wenn meine Werte ohnehin schon sehr hoch sind. Z.B. habe ich bei einem Ferritinwert von 370ug/l erneut eine Infusion bekommen. Da es seither keine Kontrolle mehr gab, weiß ich nicht wie hoch der Wert jetzt ist. Bei der Erkrankung handelt es sich sich um Angiodisplasien im Dünndarm, die aber unter der Gabe von Tranexamsäure nur noch sehr schwach bluten, so dass mein Körper diese Eisenmengen eigentlich nicht benötigt.
    Zu mir ich bin 32 Jahre alt, sportlich, normalgewichtig, leide aber unter massiven Darm Beschwerden die nachgewiesener weise nicht durch einen entzündlichen Darm verursacht werden. Ich ich leide unter nicht richtig greifbaren Nahrungsmittel-Unverträglichkeiten, die immer mit massiven Schlafstörungen und Pulssynchronem pochen im Kopf einhergehen. Obwohl ich mich viel in die Thematik eingelesen und viel ausprobiert, habe gelingt es mir nicht heraus zu finden auf welche Lebensmittel ich derartig reagiere.
    Nun zu meiner Frage:
    Wenn ihr von der durch Eisen verursachten verschlechterten Verwertung von Kohlenhydraten sprecht, mein ihr dann ausschließlich die zu hohen Blutfettwerten usw. oder kann es auch sein dass meine Darmbeschwerden im Zusammenhang mit meinen deutlich zu hohen Eisenwerten stehen?

    Vielen Danke für die Beantwortung.
    Natürlich habe ich die Problematik nur grob umrissen und dass immer alles irgendwie im Zusammenhang steht ist mir auch klar ?.Meine Frage ist eher ob dir da ein konkreter Zusammenhang zu einfällt.

    LG, Carina

  • Carina Schramm

    Ach so und seit ich diese zu hohen Eisenwerte habe, sind außerdem folgende Werte erhöht:
    GOT, GPT, LDH, Lipase… Kann ich davon ausgehen dass dieses durch das Eisen verursacht ist? Mein Arzt ignoriert diese Werte nämlich komplett…

  • Lukas Hamberger

    Hey Chris, mal eine Frage zur Höhe des ferritin-wertes. Meiner liegt aktuell bei 44. Bedeutet für mich, dass ich carbs komplett verbrenne(getestet auf high carb nehm ich ab), aber auch öfter mal unter Müdigkeit leide. Mein plan wäre jetzt, diese leicht anzuheben um der Müdigkeit entgegen zu wirken aber trotzdem meine Insulinsensitivität nicht ganz zu zerstören. Würdest du mir das empfehlen? Wenn ja, bei welchem wert vermutest du ein erreichen meines Wunsches?
    Lg Lukas

    • edubilyde

      Hi Lukas,

      die Frage ist: Bist du müde wegen des Eisens? Die Frage kannst du natürlich beantworten durch eine erhöhte Eisen-Zufuhr und dann entsprechend, wie von dir vorgeschlagen, tapern oder behalten.

      LG, Chris

  • Boris Annecke

    Hmm,
    Jetzt ist natürlich die Frage wo der „Sweet Spot“ liegt.
    Eine zu geringe Eisenkonzentration und mein Sauerstofftransport läuft nicht mehr richtig.
    Ich würde daher im Zweifel lieber den zu hohen Eisenwert, mit einer möglichen langfristigen Schädigung, als den zu niedrigen Eisenwert, mit einem akuten Leistungsdefiziten, wählen…
    Gruß
    Bo

    • edubilyde

      Hi Bo,

      das ist in meinen Augen stumpfes Leistungsdenken.

      Frei heraus zu glauben, ein niedriger Eisen-Wert geht einher mit einem Leistungsabfall, ist nicht zielführend und auch nicht passend.

      Die Frage nach dem Sweetspot ergibt mehr Sinn. Und der liegt vermutlich viel niedriger, als viele denken. Ich würde mich hier am Hämoglobin orientieren. Hämoglobin trägt das meiste Eisen und ist sehr anfällig für relative Eisen-Defizienzen.

      LG, Chris

  • Frank van de Poel

    Das mit den (zu) hohen Werten ist ja einleuchtend. Aber was ist mit (zu) niedrigen Werten? Wo siehst du hier eine Grenze?
    Mein Ferritinwert lag bei der letzten Messung bei 30 µg/l und der Hb-Wert bei 14,9 g/dl und das Ganze bei einem Triglyzeridwert von 84 mg/dl. Ich würde aber gerne die Eisenwerte erhöhen, da ich häufig unter Müdigkeit leide (trotz genug Schlaf von 7 Stunden).
    Welche Werte wären anzustreben?
    Gruß Frank

    • edubilyde

      Hi Frank,

      vielen Dank für deine Frage.

      Ich glaube, dass die Grenze ganz, ganz individuell ist. Wichtig sind vor allem zwei Aspekte: Wie hoch ist der Hämoglobin-Wert aktuell? Dann die Frage: Kann ich mit einer mäßigen (!) Eisen-Erhöhung meine Müdigkeit spürbar reduzieren. Wenn in diesen Bereichen leichte Veränderungen nicht zum Ziel führend, dann ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass die Müdigkeit eben nicht vom Eisen kommt. Hohe Eisen-Werte können auch über das noradrenerge System wirken, was leicht verwechselt werden kann mit „Energie“. Das würde ich persönlich allerdings nicht in Kauf nehmen – es gibt da sicher feinere Methoden. Konkret: Mit dem Eisen-Wert spielen und schauen, was passiert. (Nur so ist es möglich, herauszufinden, ob die Müdigkeit überhaupt etwas mit dem Eisen zu tun hat. Hat sie oft nicht – aus eigener Erfahrung.)

      Beste Grüße,
      Chris