Immer wieder zurück in die Komfortzone?

Eiswasser gegen die Komfortzone

Gastartikel von Sascha Fast

Im Forum beteilige ich mich gerade an einem Thread, in welchem es um die Wim Hof Methode geht. Sie besteht aus drei Elementen:

  1. Atemübungen
  2. Progressiver Kälteanpassung
  3. Konzentrationsübungen

Die Kälteanpassung ist natürlich dasjenige, was den höchsten Sexappeal hat. Dafür ist Wim Hof bekannt und, vielleicht auch durch unsere warme und weiche Gesellschaft begründet, die spektakulärste Demonstration der Methode ist seine ganz und gar erstaunliche Fähigkeit, Kälte zu widerstehen.

Einige Menschen haben Feuer gefangen und machen sich daran, sich der Kälte in Regentonnen und kalten Duschen auszusetzen.

Es gibt zwei Reaktionen, welche sich aus der gleichen Quelle speisen:

  1. “Boah, ist das heftig.”, “Wie hältst du das aus?”, “Kann das gesund sein?”
  2. “Wärmst du dich vorher auf?”, “Was machst du, um wieder warm zu werden?”

Der erste Kategorie könnte man unter “Das fühlt sich doch scheiße an.” zusammenfassen, während die zweite Kategorie unter “Was machst du, damit sich das nicht so scheiße anfühlt.”

Beide Kategorien haben eines gemeinsam: Sie beziehen sich auf die Komfortzone. Formulieren wir die beiden Reaktionen noch einmal um:

  1. Warum verlässt du die Komfortzone?
  2. Was tust du, um wieder in die Komfortzone hineinzukommen?

Das ist es, was in 95% der Fälle dahintersteckt.

Diese Überlegungen können uns nun in eine unproduktive Richtung bringen. Wir könnten nun beginnen Vorwürfe zu formulieren:

Stell dich mal nicht so an!

Oder das Ganze in einer Moralisierung verstecken.

Man darf sich eben nicht so anstellen.

Das sind übliche Gedankengängen, welche man immer wieder als Reaktion liest. Das Problem dieser Richtung von Gedanken ist, dass man sich dadurch in eine defensive Position drängen lässt. Man verteidigt sich nur, ohne jedoch die Gelegenheit zu nutzen, um etwas zu lernen.

Doch diese Überlegungen können uns auch in einen produktivere Richtung führen. Wir können das Denken analysieren, was dahintersteckt und daraus lernen.

Zunächst ist es wichtig anzuerkennen, dass dies eine völlig normale und auch vernünftige Denkensweise ist. Wir können diese im Prinzip der Anpassung an die Umwelt wiederkennen.

Hormesis ist der Prozess, auf einen Stressor mit einer positiven Anpassung zu reagieren. Hormesis ist gut, das Ziel ist die Komfortzone.

Beispiel

Wenn wir unsere Ausdauer trainieren, können wir weitere Strecken mit weniger Ermüdung laufen. Das bedeutet, dass unsere Komfortzone erweitert ist. Frühere Herausforderungen sind das neue “Bequem”.

Eben dies steckt auch hinter diesen Überlegungen. Leider verhindert dieses Denken, das eigene Potential auszuschöpfen. Um dies zu erreichen, muss man permanent aus der Komfortzone heraus. Das geht nicht, wenn sich das Denken um die Komfortzone dreht.

Kälteanpassung ist anstrengend. Ein starker Kältereiz ist mit einer hohen akuten Stressreaktion verbunden. Das bedeutet, dass man sich selbst fordern muss. Kreist das Denken schon im Vorfeld darum, wie unangenehm das werden könnte, oder macht Pläne, wie man den Kältereiz durch eine geschickte Vor- und Nachbereitung möglichst angenehm machen kann, versetzt man sich in einen unvorteilhaften mentalen Zustand.

Diese beiden Zustände haben die allermeisten schon kennengelernt: Beim Kastenspringen in der Schule. Die Reaktion auf den besagten mentalen Zustand ist, neben dem Kasten herzulaufen. Das kann verschiedene Gründe haben. Unsicherheit, schlechte Erfahrungen und viele mehr.

So verhält es sich ebenfalls beim Kältereiz. Wenn man zulässt, dass man innerlich wankt, wird man sich nicht pushen können. Wenn wir uns erste Kältebäder ansehen, stellen wir fest, dass die wenigsten länger als eine Minute im Wasser bleiben. Ich habe bisher noch niemanden gesehen, der solange im Wasser geblieben ist, bis das Zittern eingesetzt hat.

Kaum jemand beginnt mit der geistigen Haltung, durch welche sich Wim Hof in erster Linie auszeichnet.

Was können wir daraus lernen?

Gedanken an Anstrengung und der Wunsch, in der Komfortzone zu bleiben, sind völlig normal. Es steckt in uns und ist notwendiger Teil des Prinzips der Hormesis. Wir brauchen mentale Werkzeuge, um mit diesem Wunsch umzugehen, sodass wir unser Potential ausschöpfen können. Das geht nämlich nicht in der Komfortzone.

Das ist ein Grund für die Konzentrationsübungen. Wim Hof sagte mal:

Man muss die Kälte zulassen.

Das geht aber nur, wenn sich der Geist einem ruhigen und fokussierten Zustand befinden, in welchem die Komfortzone keine Rolle spielt. Es geht dabei nicht darum, sich in einen besonderes heldenhaften Zustand zu versetzen. Es ist keine laute Sache. Einfach rein in den Kübel (oder die Dusche), Zeit nehmen und wieder raus. Es ist nicht zielführend eine große emotionale Angelegenheit daraus zu machen. Weder in Richtung einer großen Courage, noch in Richtung einer großen Furcht. Wir könnten diese Haltung als Teil der emotionalen Flexibilität bezeichnen.

Dieses Denkensmuster ist es, was vielen Leuten Steine in den Weg legt. Stell dir eine ruhige, nüchterne Haltung vor, wie ein mentales Werkzeug. So wie eine gute metabolische Flexibilität ein Werkzeug ist, das Fastenprotokolle ermöglicht, so ermöglicht diese geistige Haltung, dich ohne größere emotionale Belastung Trainingsreizen auszusetzen. Das hat Vorteile, für verschiedenste Situationen:

  1. Schweres Krafttraining. Das macht fertig. Da solltest du dich nicht auch noch selbst fertig machen, indem du dich vorher aufheizt oder Panik schiebst.
  2. Intervalltraining. Siehe Krafttraining. Intervalltraining tut weh. Wer leidet, ohne zu klagen, hat hier gewonnen.
  3. Fasten. Wer schon im Vorfeld Angst vor Hunger hat, stresst sich unnötig und die positiven Effekte, die das Fasten haben kann, sind in Gefahr.
  4. Die Abschlussarbeit. Ein Schritt nach dem anderen. Auch wenn die Bachelor- und Masterabeit so ziemlich jeden aus der Komfortzone bringt, hast du nichts von Aufschieben oder Panik. Dadurch wird die Arbeit sicherlich nicht leichter, sondern eher schwerer.
  5. Die Schwiegereltern. So schrecklich es auch wird, Angst, Ärger oder Verstimmung helfen ganz bestimmt nicht.

Wer sein Potential ausschöpfen will, muss sich unangenehmen Situationen aussetzen. Nur so wächst man körperlich und geistig. Das kann man scheiße finden oder sich zu amor fati entschließen. Amor Fati bedeutet “Liebe zum Schicksal”. Sei dankbar dafür, dass du dich dem aussetzen kannst, denn es macht dich besser.

Eine konkrete Trainingsmethode dazu gibt es nicht wirklich. Um diese Haltung anzunehmen, sollte man sich in den verschiedenen Situationen, welche Schmerz oder Stress bedeuten, konzentrieren und bewusst seinen Atem beruhigen. Ruhiger Atem ist ruhiger Geist. Erinnere dich daran, warum du etwas machst, und frage dich, welcher mentale Zustand dir am helfen würde.

Das übst du zunächst in kleinen Dingen. Zum Beispiel beim Kältebad. Anstatt vorher ein großes Theater zu machen, gehst du einfach rein, wartest entspannt deine Zeit ab, trocknest dich ab und gehst zum Tagesgeschäft über.

Beim Intervalltraining lässt du die Grimassen sein, wenn die Beine brennen und sich wie Blei anfühlen. Reduzier die Mimik und bleib (im Gesicht) entspannt. Geht nicht, denkst du? Sieh dir Rich Froning in den meisten seiner Wettkämpfe an.

Wenn du intermittierendes Fasten betreibst und der Hunger dich überrascht. Entspann dich und erinnere dich daran, dass wirklicher Hunger erst nach ein paar Tagen stattfindet. Danke deinem Körper, dass er sich bei dir meldet, und fahre fort mit deinem Tagewerk.

Schlusswort

Die Komfortzone ist natürlicher Teil des Denkens und damit der Psyche. Das Prinzip der Hormesis beinhaltet notwendig dieses Konzept. Wenn wir unser Potential voll ausschöpfen wollen, brauchen wir mentale Werkzeuge, um mit diesem Phänomen umzugehen. Ruhe bewahren ist gut. Sich selbst fertig zu machen, nicht.

Über den Autor

KomfortzoneSascha Fast betreibt den Blog ME-Improved über Ernährung, Bewegung und kognitive Leistungsfähigkeit. Ursprünglich entstand sein Projekt vor einigen Jahren als Buch über die Paleo-Ernährung. Mittlerweile hat Sascha das Themenfeld jedoch stark erweitert und versucht die Themen ganzheitlich, aus verschiedenen Blickwinkeln zu durchleuchten.

Neben seinen Artikeln stellt Sascha regelmäßig neue Videos über seinen youtube-Channel zur Verfügung.

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  • Sebastian Felkel

    Würde mich gerne mehr mit dem Thema Atemübungen befassen. Tipps?
    Danke!

  • Dennis

    Starker Artikel!

    Für meinen Geschmack etwas zu enpathisch denen gegenüber, die das Verlassen der Zone (von anderen) regelrecht verachten.

    Literaturempfehlung für’s mindset-(Training)?

  • Dennis

    Andere Frage: wie ist Deine Meinung zu speziellen Dehnübungen, die vor allem tiefes Einatmen erleichtern ?

    Habe ziemlich gute Erfahrungen gemacht mit dem Aufdehnen von der Front des Oberkörpers.

  • Chris

    Alles d´accord – aber warum, außer aus einer philosophishen Haltung heraus, sollte man sich dauernd starken Kältereizen aussetzen?
    Die aktuelle Evidenz zB gegenüber PWO Kältereiz ist eher negativ; genauso wie die ersten beiden Buchstaben des RICE-Konzeptes eigentlich schon eingestürzt sind.
    Mich würde also eher eine konkrete Evidenz für diese Kältereize, am besten anhand eines realitätsnahen RCT an Menschen, interessieren.
    Danke!

    • edubilyde

      Ich persönlich (!) bin der Meinung, dass Kälte an sich via AMPK/PGC-1alpha helfen kann, ein metabolisches Gleichgewicht zu fördern und so insgesamt die Gesundheit zu beeinflussen.

      Das hat, zumindest meiner Auffassung nach, nichts mit „dauernd starken Kältereizen“ zu tun – so jedenfalls verstehe ich es nicht. Vielleicht Sascha, dann kann er noch ergänzend dazu was sagen.

      Ansonsten: Kälte ist ein „Tool“ wie jedes andere auch. Auch mit Nachteilen.

      LG, Chris